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NS-VERBRECHEN Einer kam durch

aus DER SPIEGEL 34/1961

Adolf Eichmann produzierte sich als Buchstabendeuter: »Diese säbelbeinige Herunterziehung kann nie ein 'F' sein.«

Der Angeklagte bemängelte nicht nur diesen Buchstaben, sondern das ganze handgeschriebene Dokument, das der Ankläger Gideon Hausner dem Jerusalemer Tribunal am 17. Juli, in der 98. Sitzung, präsentiert hatte.

Autor des Schriftstücks, das zwar der Ankläger, nicht aber der Angeklagte zu entziffern vermochte, ist ein Dr. Wetzel, der in der NS-Zeit als Amtsgerichtsrat tätig gewesen war, nebenberuflich im »Rassenpolitischen Amt« der NSDAP als Hauptstellenleiter gearbeitet und später seine Richterlaufbahn beendet hatte, um als Judenreferent in Alfred Rosenbergs »Ministerium für die besetzten Ostgebiete« überzuwechseln, wo er zum Ministerialrat avancierte.

Auf Erläuterungen des Verfassers konnte Eichmann-Ankläger Hausner freilich nicht hoffen: Rassen-Politiker Wetzel, der am 6. März und 27. Oktober 1942 mit Eichmann und anderen SS-Führern im Reichssicherheitshauptamt über die »Endlösung der Judenfrage« beraten hatte, galt als verschollen.

Beamte des niedersächsischen Innenministeriums erinnerten sich jedoch bei der Lektüre der Jerusalemer Prozeßberichte an einen Mann namens Wetzel. Sie durchstöberten ihre Akten und entdeckten einen Ministerialrat a.D. Dr. jur. Erhard Wetzel, der in Hannover -Kirchrode wohnt und seit 1956 Pension bezieht.

Daß der pensionierte Ministerialrat mit dem Ex-Hauptstellenleiter des Rassenpolitischen Amts identisch ist, war bis dahin verborgen geblieben. Wetzels Werke hingegen genießen bereits seit den Nürnberger Prozessen bei Strafverfolgern und Historikern weitläufige Publizität, vor allem seine

- Polen-Denkschrift vom 25. November

1939,

- der sogenannte »Gaskammerbrief«

vom 25. Oktober 1941 und

- ein Schriftstück »Stellungnahme und

Gedanken zum Generalplan Ost« vom 27. April 1942.

Wetzel hatte in seinem Polen-Memorandum vorgeschlagen, die Polen zur Geburtenbeschränkung zu zwingen und ihnen nur Volksschulen zu konzedieren. Schrieb Wetzel: »Die höheren und mittleren Schulen (sind) grundsätzlich zu schließen.«

Seinen Gaskammerbrief schrieb Erhard Wetzel, als die SS im Jahre 1941 nach radikalen Mitteln für die »Endlösung der Judenfrage« suchte. Bei den Euthanasie-Tötungen hatte ein Victor Brack, Oberdienstleiter in der Kanzlei des Führers, die Verwendung von Auspuffgasen eingeführt, und am 25. Oktober 1941 empfahl Wetzel dieses Verfahren dem »Reichskommissar für die besetzten Ostgebiete«, Hinrich Lohse:

»Nach Sachlage bestehen keine Bedenken, wenn diejenigen Juden, die nicht arbeitsfähig sind, mit den Brackschen Hilfsmitteln beseitigt werden.« Und: »Ich darf darauf hinweisen, daß Sturmbannführer Eichmann, der Sachbearbeiter für Judenfragen im RSHA (Reichssicherheitshauptamt) ... einverstanden ist.«

Sechs Monate später berechnete Wetzel in seinen »Gedanken zum Generalplan Ost«, daß man »etwa fünf bis sechs Millionen« polnische Juden beseitigen werde.

Kommentierte der Autor des Buches »Die Endlösung«, der Engländer Gerald Reitlinger, 1953 den Gaskammerbrief: »Es ist bemerkenswert, daß, obwohl Brack gehenkt wurde, der Verfasser des Briefes, Dr. Ernst Wetzel, niemals vor Gericht gestellt werden konnte, weil er nach dem Kriege spurlos verschwunden war.«

In dieser Wetzel-Passage unterlief dem Zeithistoriker Reitlinger, auf dessen Standardwerk als authentische Quelle sich im Jerusalemer Prozeß sowohl der Ankläger Hausner als auch der Angeklagte Eichmann ständig beriefen, freilich ein Fehler, der von oberflächlichem Umgang mit Dokumenten zeugt: Reitlinger gab Wetzel einen falschen Vornamen; aus Erhard wurde Ernst, die Identität war verwischt.

Aber nicht nur auf den Reitlinger -Lapsus führen die Beamten des hannoverschen Innenministeriums zurück, daß sie erst kürzlich dem Gaskammer -Wetzel auf die Spur kamen, nachdem ihm fünfeinhalb Jahre lang rund 1600 Mark monatlich als Ruhegehalt gezahlt worden waren. Erinnert sich ein Sachbearbeiter des Ministeriums: »Die führenden Experten von der Justiz haben immer gesagt, Wetzel ist tot.«

Wetzel war jedoch durchgekommen, obwohl er im Mai 1945 vom sowjetischen NKWD in seiner Potsdamer Wohnung verhaftet wurde. Den russischen Geheimpolizisten blieb verborgen, daß sie jenen Wetzel gefaßt hatten, der die Polen zu einer Nation von Volksschülern degradieren und die Juden in Gaskammern vernichten wollte. Wetzel gab lediglich zu Protokoll, daß er nebenberuflich im Rassenpolitischen Amt tätig gewesen sei.

In einem der sogenannten Waldheim -Prozesse wurde er daraufhin am 8. Juni 1950 zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Am Jahresende 1955 durfte der Rassen-Politiker das Zuchthaus Torgau vorzeitig verlassen.

Wetzel zog zunächst zu seinem Bruder nach Westberlin, später übersiedelte er nach Hannover, wo er der Landesverwaltung seine Dienste anbot, freilich vergebens: Der 53jährige Ministerialrat a.D. und Ex-Zuchthäusler wurde vorzeitig pensioniert. Da eine Personalakte nicht vorlag, bewilligte man ihm ohne Bedenken ein Ruhegeld.

Die Pensionszahlungen wurden jedoch Ende vergangenen Monats abrupt eingestellt, als man im Innenministerium das Gaskammer-Geheimnis gelüftet hatte. Dem Wetzel wurde lapidar mitgeteilt, daß man ihm gemäß Paragraph 3 des 131er-Gesetzes* das Ruhegehalt »mit sofortiger Wirkung« gestrichen habe.

Ob dem Ex-Pensionär überdies noch der Prozeß gemacht werden soll, wird gegenwärtig vom Celler Generalstaatsanwalt Biermann erwogen.

Der Celler Biermann ist noch im Zweifel, ob der Gaskammerbrief ausreicht, Wetzel wegen Beihilfe zum Mord anzuklagen.

Für eine solche Anklage - etwaige andere Delikte sind verjährt - fehlt nämlich zur Zeit ein wichtiges Glied in der Beweiskette:

Die Sammlung der Dokumente zu den Nürnberger Prozessen enthält unter der Nummer NO-365 lediglich den Entwurf Wetzels für den Gaskammerbrief, der außer dem handschriftlichen Signum »Wet« die Buchstaben »N.d.H.M.« - »nur durch Herrn Minister« (zu unterschreiben) - trägt. Daß aber Wetzels Vorgesetzter, der am 16. Oktober 1946 in Nürnberg hingerichtete Alfred Rosenberg, eine Reinschrift des Briefes unterzeichnet und abgesandt hat, läßt sich derzeit nicht nachweisen.

Wetzel wird aber noch durch ein anderes Dokument belastet, das erst in der vergangenen Woche von zwei niedersächsischen Staatsanwälten entdeckt wurde, die im Münchner Institut für Zeitgeschichte nach Wetzel-Schriftstükken forschten.

Ein unter dem Aktenzeichen P/1137a/ 44g am 1. Dezember 1944 verfaßter Bericht beweist, daß Wetzel auch an der Euthanasie-Aktion teilhatte. Nach einem Besuch lettischer Kinderheime in Swinemünde und Ahlbeck regte Wetzel an, »verschiedene Kinder«, darunter einen »Schiefhals« und zwei Kinder »mit abnormer Kleinheit der Augen« der »Sonderbehandlung« nach den »Bestimmungen über Eugenik und Rassenpflege« zu unterziehen.

Der einstige Rassenpfleger ist noch auf freiem Fuß, weil der Celler Generalstaatsanwalt gegenwärtig überprüft, ob

- zwischen Wetzels Gaskammerbrief und der Judenvernichtung ein kausaler Zusammenhang besteht, und ob

- sein Vorschlag, lettische Kinder den Euthanasie-Tötern zuzuführen, realisiert wurde.

Wetzel befürchtet offenbar keine Aktion der Justiz. Der frühere Gaskammer-Spezialist ist vielmehr der Ansicht, daß ihm allein schon durch den Entzug des Ruhegelds ein Unrecht zugefügt wurde.

Wetzel ging vor Gericht: Er will den Pensions-Stopp wiederaufheben lassen.

* Paragraph 3 Ziffer 3a des 131er-Gesetzes entzieht das Pensionsrecht solchen Personen, »die durch ihr Verhalten während der Herrschaft des Nationalsozialismus gegen die Grundsätze der Menschlichkeit oder Rechtsstaatlichkeit verstoßen haben«.

Rassen-Politiker Wetzel

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