Zur Ausgabe
Artikel 42 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Einer wird gewinnen - aber wer?

aus DER SPIEGEL 22/1976

Elfter Wahltag im amerikanischen Vorwahlkampf -- und schon wieder eine Tendenzwende, ein Patt nun auf einmal an beiden Fronten?

Nicht mehr Ronald Reagan gewinnt eine Vorwahl nach der anderen, nun trumpft vor allem zu Hause in Michigan -- der angeschlagene Gerald Ford wieder auf und landet seinen bisher überzeugendsten Erfolg.

Nicht mehr Jimmy Carter ist der strahlende Sieger bei den Demokraten -auch wenn er in Michigan gerade noch einmal davonkommt --, der neue Held heißt Jerry Brown. 38, Gouverneur aus Kalifornien, weil er den Spitzenreiter Carter in Maryland vernichtend schlägt.

Schon frohlockt es plötzlich wieder aus dem Ford-Lager. dein Präsidenten »ci die Nominierung kaum noch zu nehmen: Fords Michigan-Wahlkampfmanager lädt bereits »erfreut zur Amtseinführung von Präsident Ford im Januar 1977« ein.

Und bei den Demokraten regt sich plötzlich wieder Hoffnung bei all denen, die sich mit dem »neuen Gesicht« Jimmy Carter um keinen Preis abfinden, sondern es lieber noch einmal mit Hubert Humphrey, ihrem ältesten Gesicht, versuchen wollen.

»Dies ist«, mokierte sich nach den Vorwahlen am vorigen Dienstag der »Washington Star«, »der 508. Wendepunkt in dieser Präsidentenwahl.«

Doch die Verlierer von gestern sind unverändert die Spitzenreiter von heute, in ihrem Selbstbewußtsein zwar ein wenig angeschlagen. aber dort, wo's drauf ankommt, einstweilen noch unangefochten in Front: In der Anzahl der für die Nominierung entscheidenden Delegierten zu den Parteitagen im Juli (Demokraten) und August (Republikaner).

1130 Delegierte braucht, wer bei den Republikanern, 1505, wer bei den Demokraten die Kandidaten-Krone erringen will -- und diesem Ziel sind Ronald Reagan und vor allem Jimmy Carter unverändert entschieden näher als ihre Rivalen. Carter: »Delegates is the name of the game.«

Daß aber niemand so ganz genau zu sagen vermag, wer zu einem bestimmten Zeitpunkt über wie viele Delegierte verfügt, liegt an einem Vor- und Auswahlsystem, das mit all seinen Regeln, Ausnahmen und Auswüchsen oft genug den amerikanischen Wähler, zuweilen aber sogar die Experten überfordert und mit Sicherheit das komplizierteste Wahlsystem der Welt ist.

Bei der »Washington Post« etwa ist eine Mitarbeiterin in der Redaktion Tag für Tag ausschließlich damit beschäftigt, die Delegierten-Tabelle auf dem neuesten Stand zu halten. Und selbst sie gibt zu: »In manchen Fällen bin ich mir auch nicht sicher.«

Das System der Vorwahlen, 1912 erstmals in größerem Umfang praktiziert, um die Macht der Parteiapparate zu brechen und dem Wähler größeren Einfluß auf die Kandidatenfindung zu geben, kennt grundsätzlich nur zwei Varianten:

* die an einen Präsidentschaftskandidaten gebundene Stimmabgabe, bei der die Wähler unmittelbar für den Kandidaten ihrer Wahl stimmen (dem dann prozentual die entsprechenden Delegierten zuerkannt werden), und

* die direkte Wahl von Delegierten für die Nominierungsparteitage. Diese beiden Varianten jedoch wurden im Laufe der Jahre mit immer neuen Spielregeln angereichert, und heute gleicht kaum eine der 30 Primaries des Jahres 1976 der anderen. Die wichtigsten Formen:

* Der Wähler gibt in einem »Schönheitswettbewerb« ("Beauty Contest") lediglich zu Protokoll, wen er gern als Präsidentschaftskandidaten sehen möchte -- ohne damit unmittelbar Einfluß auf die Verteilung der Delegierten zu nehmen, die anschließend parteiintern festgelegt wird. Nach diesem Muster verfährt etwa der Staat Vermont.

* Der Wähler hat zwei Stimmen -- eine im Beauty Contest für den Kandidaten seiner Wahl, eine zweite für eine zumeist auf einen Kandidaten festgelegte Delegiertenliste. So etwa wurde in der ersten Primary in New Hampshire gewählt, so wurde auch am vorigen Dienstag in Maryland abgestimmt, wo Jerry Brown den Termin für die Einreichung seiner Delegiertenliste verpaßt hatte und deshalb nur den Schönheitswettbewerb gewinnen konnte (in der Delegiertenwahl triumphierte Carter).

* Der Wähler entscheidet mit einer einzigen Stimme über Schönheitswettbewerb und Delegiertenzahl. Die Delegierten werden nach dem Ergebnis des Beauty Contest auf die Kandidaten aufgeteilt. So etwa wurde vorige Woche in Michigan verfahren.

* Der Wähler entscheidet sich ausschließlich für Delegierte, die entweder für einen bestimmten Präsidentschaftskandidaten antreten oder aber -- Hintertür für die Parteibosse -- als »uncommitted«. als nicht verpflichtet, kandidieren. Nach diesem Prinzip wurde etwa in New York und Texas gewählt. Noch komplizierter wird das ganze dadurch, daß weder über die Aufteilung der Delegierten noch über die Popularität der einzelnen Präsidentschaftskandidaten stets allein die Wähler der jeweiligen Partei entscheiden. Allein in 13 der 30 Primaries des Jahres 1976 ist die Teilnahme an der Abstimmung nicht daran gebunden, daß sich der Wähler vorher für eine Partei hat registrieren lassen.

Das führte zum Beispiel dazu, daß wohlmeinende Demokraten. die früher gewiß einmal George Wallace gewählt hatten, diesmal dem ebenso konservativen Ronald Reagan in Indiana zum Sieg, in Texas sogar zu einem Triumph über Gerald Ford verhalfen.

Mit all diesen Besonderheiten dürfen sich die Amerikaner noch in einem Dutzend weiterer Primaries auseinandersetzen -- an diesem, am nächsten und am übernächsten Dienstag, wenn die Vorwahl-Saison -- endlich -- in New Jersey, Ohio und mit dem großen Preis von Kalifornien zu Ende geht.

Dort nämlich werden -- allerdings nur im Rennen zwischen den Republikanern Ford und Reagan -- die Delegierten nicht prozentual verteilt, der Gewinner erhält vielmehr, auch wenn er nur eine Stimme mehr als sein Konkurrent bekommt, alle 167 republikanischen Delegiertenstimmen.

Aber selbst dann ist möglicherweise sowohl bei Republikanern wie auch bei Demokraten das Rennen noch lange nicht gelaufen. Denn obwohl in den noch ausstehenden Primaries insgesamt 775 demokratische und 566 republikanische Delegierte zu gewinnen sind, ist keineswegs sicher, daß es einem der Kandidaten gelingt, damit die Nominierungshürde zu nehmen.

Dann werden -- und auch das wieder nur möglicherweise -- jene Staaten über die Nominierung entscheiden, die ihre Delegierten nicht aufgrund von Vorwahlen. sondern in parteiinternen Versammlungen bestimmen. Dort allein werden 720 demokratische und 655 republikanische Delegiertenstimmen vergeben, zum Teil erst wenige Wochen vor den Parteitagen.

Ronald Reagan. Gerald Ford und vor allem Jimmy Carter sind zwar optimistisch, daß sie bis dahin -- vor allem mit Hilfe der nicht festgelegten Delegierten -- längst die magische Marke von 1130 beziehungsweise 1505 erreicht haben. Aber Ford begibt sich in dieser Woche in Arkansas, Idaho und Tennessee erst einmal auf Reagan-Terrain. Reagan auf der anderen Seite muß am letzten Wahltag noch einmal im ungeliebten Osten antreten, in New Jersey und Ohio -- und der Südstaatler Jimmy Carter, den sie alle jagen, könnte allein schon in dieser Woche gleich dreimal auf Glatteis geraten -- in Idaho, Nevada und Oregon.

Die Gewinner werden vermutlich jede Woche eine neue Tendenzwende diagnostizieren, die Verlierer auf die folgende Woche hoffen.

»Sicher ist im Grunde nur«, so resignierte der »Washington Star« angesichts des Vorwahl-Karussells, »daß irgend jemand die demokratische und die republikanische Nominierung erhält. Aber wer das sein wird, darauf möchten wir jetzt lieber noch keine Wette eingehen.

Zur Ausgabe
Artikel 42 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.