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PRESSE Einfach kapiert

Der Markt der Regenbogen- und Rundfunkzeitschriften ist in Bewegung geraten. Bauer und Springer wollen der »Gong«-Gruppe die weiblichen Leser wegnehmen. *
aus DER SPIEGEL 39/1983

Jahrelang schien der Markt für Frauenzeitschriften wie für ewig »festgefügt«, und auch die etablierten Fernseh-Programmzeitschriften standen schier unverrückbar »fest im Markt«. So jedenfalls sah es Hans Jürgen Mesterharm, der Chefredakteur für Öffentlichkeitsarbeit im Verlagshaus Axel Springer. Doch jetzt erwartet oder befürchtet der Springer-Mann in beiden Bereichen »eine richtige Marktexplosion«.

Am Donnerstag letzter Woche gab es den ersten Doppelschlag. Springer brachte eine »Bildwoche« auf den Markt, und der Heinrich Bauer Verlag erschien mit dem Wochenblatt »Auf einen Blick«. Zum Lockvogelpreis von vorerst drei Groschen werben sie um neue Leser - gegen einen dritten Konkurrenten, das erst Anfang September gestartete Billigblatt »die zwei« aus der Münchner »Gong«-Gruppe.

Die ersten beiden Ausgaben der seichten Mischung aus Bilderbogen-Presse und TV-Programmvorschau kamen zum Probierpreis von fünfzig Pfennig an die Kioske. Begleitet von Werbesprüchen der Schauspielerin Uschi Glas und des ZDF-Sportmoderators Dieter Kürten ("Das doppelte Vergnügen"), konnten die Münchner auf Anhieb fast eine Million Exemplare pro Woche absetzen.

Mit diesem »Wahnsinnspreiskampf«, sagt Peter Heidenreich von der Bauer-Geschäftsleitung, ist zugleich »die alte Fuhrmannsregel, daß Yellow mit Programm nicht geht, außer Kraft gesetzt«.

»Die zwei«, inzwischen zum regulären Preis von 90 Pfennig angeboten, ist einen Tag vor den anderen Programmzeitschriften (Marktführer: Springers »Hörzu") zu haben. Und schon zwei Tage später, am darauffolgenden Wochenende, setzt das in der Vorschau abgedruckte TV-Programm ein.

Anders als die hergebrachten Programmzeitschriften, die ihre TV-Wegweiser acht Tage im voraus veröffentlichen, kann »die zwei« daher viele kurzfristige Programmänderungen der Fernsehanstalten noch berücksichtigen. Den

kessen Werbesprüchen aus München über die »wirklich brandaktuelle« neue Zeitschrift »mit den vielen aktuellen Änderungen« versuchten Axel Springer ("Hörzu«, »Funk Uhr") und Heinrich Bauer ("Fernsehwoche«, »TV Hören und Sehen") zunächst mit gerichtlichen Verbotsverfügungen beizukommen - ohne rechten Erfolg.

Die juristische Attacke gegen die Offensive aus dem Süden war auch »nur das Vorgeplänkel« (Mesterharm). Bauer und Springer planten unter den Tarnnamen »Amalie« und »Super drei« ihre letzte Woche gestarteten Konkurrenzblätter. Bob Borrink, stellvertretender Chefredakteur von »die zwei": »Jetzt geht der Krieg erst richtig los.«

Eile schien den Gegnern geboten, denn die Münchner Mannschaft hatte bereits im letzten Jahr vorgemacht, wie man auf einem dichtbesetzten Markt noch eine Millionen-Illustrierte plaziert: »die aktuelle«, ein mit massiver Werbung (vier Millionen Mark) gestartetes Blatt, hatte außer dem für dieses Genre unkonventionellen Erstverkaufstag am Wochenanfang eigentlich auch nur Gängiges zu bieten: Storys über aufgetakelten Adel und abgetakelte Sängerinnen, Bilder vom ersten Schrei der Prominenten-Babys bis zum letzten Schrei der Mode, Schmuck und Schmus, Ratschläge und Rätsel.

Doch ein paar aktuelle Notizen über Film- und Fernsehgrößen oder Kriminelle reichten als durchschlagendes Verkaufsargument gegen die längeren Druckfristen der Konkurrenz, vom »Neuen Blatt« bis zur »Neuen Post«.

Vor allem weibliche Leser griffen zu. Mit fünfzig Titeln und monatlich 65 Millionen Exemplaren ohnehin schon reichlich bedient, erwiesen sich die Frauen am Kiosk als schier unersättlich. Sie konsumieren nicht nur wöchentlich eine Million »aktuelle«, sondern auch Bauers Gegenblatt »Das Neue« (inzwischen 700 000 Exemplare), dazu das seit März erscheinende »Bild der Frau« (Auflage: 1,3 Millionen) aus dem Hause Springer. »Die Damen greifen durchweg zu mehreren Blättern«, freut sich Springers Mesterharm, »denn sie haben ja Geld und Zeit.«

»Die zwei«-Chefredakteur Helmut Markwort, der zwischendurch auch noch erfolgreich das Miau- und Wauwau-Magazin »Ein Herz für Tiere« (Auflage: 300 000) herausbrachte, profitierte beim Blitzerfolg mit der »aktuellen« vor allem von der Saumseligkeit der Konkurrenz. Markwort: »Gott sei Dank haben die mit Gegenmaßnahmen sehr lange gewartet.«

Diesmal reagierten die anderen fixer. Nun empfindet es Markwort, inzwischen Dreifach-Chefredakteur, prompt als »Sauerei, daß die Großkonzerne mir einfach alles nachmachen«.

Viele Leserinnen allerdings werden schwerlich begreifen, warum sie zu Springers »Bildwoche« überwechseln sollten. Das Blatt stellt noch einmal die Gebrüder Ulrich und Markus Dornblut vor, die in Frank Elstners ZDF-Show »Wetten, daß ...« erfolglos versuchten, sich aus 80 Meter Entfernung Trauben in den Mund zu werfen - »die zwei« präsentierte das Thema schon eine Nummer früher. »Mein Mann hat auch ein Liebespaar umgebracht« hieß es in der »aktuellen« über einen Doppelmörder. Die »Bildwoche« rührte die gleiche Geschichte auf, nur mit anderer Schlagzeile: »Mein Mann, der Liebespaarmörder.« Beatrix, die »Tragödie einer Königin« ("Bildwoche"), gehörte sowieso von Anfang an beiden.

Chefredakteur Markwort kann sein schlichtes Erfolgsrezept auch einfach erklären: »Meine Leser haben's einfach kapiert.« Mesterharm vermutet, daß »die Leute heute den Groschen etwas langsamer umdrehen«, kann aber ernsthaft nicht glauben, »daß ein eingefleischter 'Hörzu'-Leser auf so was umsteigt«. Dazu könne doch wirklich »nur die nackte Not« zwingen.

Insgeheim sind sich die Rivalen wohl darin einig, daß der bislang geradezu unerschöpfliche Markt der Frauenzeitschriften auch die neuen Offerten noch verkraften wird. Bauers Heidenreich hofft sogar auf »richtige Gründerjahre in dieser Ecke der Presse«. Käme aber doch zum Überfluß der Überdruß, sorgt sich Springer-Sprecher Mesterharm, »wird das mit Sicherheit eng«.

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