Zur Ausgabe
Artikel 57 / 98

Japan Einfach verpflanzen

Der neue Premier und Bestseller-Autor Kakuei Tanaka will das Leben in Japan lebenswerter machen.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Auf in die Mandschurei, so lautete in den dreißiger Jahren die Devise für Hunderttausende japanischer Handwerker, Bauern und Techniker. Nach Formosa und Korea wollten sie die 1932 von China losgelösten Gebiete kolonialisieren, um den Traum einer panasiatischen Wohlstandszone unter japanischem Zepter zu verwirklichen.

Seit die Söhne Nippons mit dem Ende des Krieges wieder auf ihr gebirgiges Inselreich zurückgeschlagen worden sind, scheinen sie sich dort immer noch nicht wohl zu fühlen. Mehr als die Hälfte des 105-Millionen-Volkes drängt sich auf nur 1,5 Prozent der gesamten Landesfläche, allein im Großraum Tokio leben fast ein Drittel aller Japaner.

Sie leiden unter den Randerscheinungen moderner Massengesellschaften: unter Wohnraumnot und Umweltschmutz, Lärm und Aggression. Nun will Japans neuer Premier Kakuei Tanaka, 54, seinem Volk das Leben auf den Inseln lebenswerter gestalten -- indem er sie kolonialisiert.

Tanakas Plan, von seinem Sekretär noch vor der Wahl zu einem 219-Seiten-Buch mit dem Titel »Nihon retto kaizo ron« ("Die Neugestaltung der japanischen Inseln") zusammengeschrieben, ist als das große innenpolitische Gegenstück zu seiner chinesischen Außenpolitik konzipiert. Als das Buch mit einer Auflage von mehreren Hunderttausend auf den Markt kam, rückte es sofort an die Spitze der Sellerliste.

Die Vision des Jungpremiers. seinem Volk mehr Lebensqualität zu bescheren, erscheint bestechend. Um die Verstädterung solcher Großräume wie Tokio, Osaka oder Kioto zu blockieren, will er Volk nebst Industrie in abgelegenere Teile des Landes abschieben. 60 bis 80 neue Industriestädte sollen aus dem Boden gestampft werden, jede bis zu 300 000 Einwohner stark, mit »Industrieparks« und Grüngürteln, modernen Häusern, sozialen, kulturellen und Bildungseinrichtungen.

In Großstädten ansässige Industrie-Unternehmen will Tanaka mit Sondersteuern belegen, damit sie in die neuen Städte abwandern. Hikari-Superzüge, die in drei Stunden und zehn Minuten die 554-Kilometer-Strecke der japanischen Megalopolis zwischen Osaka und Tokio durchrasen, sollen die Kunstansiedlungen miteinander verbinden. Dazu werden die 700 Autobahnkilometer vervielfacht.

Die Zukunftsmusik des Reformators Tanaka erregte sogar in China Interesse. Als der bullige Japaner in der letzten Septemberwoche eine Vier-Türme-Etappe der 2450 Kilometer langen Chinesischen Mauer abschritt. fragte Gastgeber Tschou En-lai: »Ich höre, Sie wollen eine Autobahnstrecke bauen, die ebenso lang ist.« Tanaka berichtigte, bis 1985 seien 9000 zusätzliche Kilometer geplant.

Bei Tschou auf der Mauer schöpfte der Japaner weiteren Mut. »Der Besuch der Großen Mauer«, so sprach der Bestseller-Premier, »hat mich davon überzeugt, daß es möglich ist, Japan umzugestalten.«

Die gestalterischen Pläne Tanakas entspringen freilich nicht reinem Altruismus. Sie sollen helfen, die Bevölkerung der umweltverseuchten. mit Sozialproblemen überladenen Ballungszentren für Tanakas Liberaldemokratische Partei (LDP) zurückzugewinnen. Denn in den Rathäusern der Großstädte sind die Sozialisten auf dem Vormarsch.

Schon drei Wochen nach seiner Amtsübernahme im Juli gründete der schnelle Tanaka den »Rat für Probleme der Neuordnung des japanischen Archipels« (mit bislang 84 Mitgliedern aus Regierung, Präfekturregierungen, Presse, Wissenschaft und Wirtschaft). der seinen Plan verwirklichen soll. 20 bis 30 neue Städte entstehen bereits auf dem Reißbrett.

Seit der Meiji-Restauration -- quasi Japans Start in die Moderne im Jahr 1868 -- gab es keine Reformvisionen Tanakascher Größenordnung. Als erstes soll, so stellt es sich der Premier vor, der Anteil der Industrieproduktion an der Pazifikküste zwischen Tokio und Osaka herabgesetzt werden: von derzeit 73 Prozent der japanischen Gesamtproduktion auf 50 Prozent. Die industriell genutzte Fläche in der Megalopolis soll um die Hälfte schrumpfen. Gleichzeitig soll im Binnenland eine Entwicklung gefördert werden, die Landwirtschaft und neue Industrie harmonisch miteinander verzahnt und die Landflucht mit Arbeitsplätzen und der Aussicht auf höhere Einkommen stoppt.

Wo die Industrie die Städte räumt, so träumt Tanaka, werden Parks, Wohnblocks und Spielplätze errichtet, Einrichtungen also, mit denen Japans Wirtschaftswunderkinder nicht gerade verwöhnt worden sind.

Zu Tokios 11,4 Millionen Einwohnern kommen jährlich 80000 dazu. Fast die Hälfte aller Tokioter sind mit ihren Wohnverhältnissen unzufrieden, ihre Wohnungen sind kleiner als die des Landesdurchschnitts. Der Wohnraummangel für die nächsten fünf Jahre: 1,6 Millionen Wohneinheiten.

Hauptleidtragende sind die Kinder. 60 Prozent aller Wohnungen in Tokio haben keine Kinderzimmer, nur 18,5 Prozent des Tokioter Nachwuchses kann in Parks oder auf Spielplätzen toben. Folge: 11 000 Kinder kamen 1971 bei Verkehrsunfällen ums Leben.

In Tokios Industriewüste, das errechneten Statistiker, gibt es pro Kopf nur wenig mehr als einen Quadratmeter Parkanlage (Hamburg bietet 12,5 Quadratmeter. Spielplätze nicht mitgerechnet).

Täglich senken sich 700 Tonnen Schwefeldioxid aus Fabrikschloten auf Bäume und Menschen herab. Seit April wurden 8000 Menschen als Smog-Opfer in Hospitäler eingeliefert, Ende Juli herrschte mehr als eine Woche lang erhöhter Smog-Alarm, und mit Wehmut registrieren die Tokioter, daß der Berg Fudschi nur noch an 39 Tagen im Jahr sichtbar wird. 1877 glänzte seine schneebedeckte Kuppe noch an 89 Tagen zu den Hauptstädtern hinab.

Mit Flächensteuern bis zu 20 Mark pro Quadratmeter will Tanaka nun die Umweltverschmutzer zu neuen Standorten drängen. 44 Milliarden Mark verspricht sich das Außenhandels- und Industrieministerium (Miti) im ersten Jahr, die dann dem Aufbau der neuen Gemeinwesen zufließen sollen.

Ob aber die Industrie trotz höherer Steuerbelastung umsiedelt, ist fraglich. Die japanische Stahlindustrie rechnet mit vier Milliarden zusätzlicher Steuern. Dennoch »Viele Firmen werden es vorziehen, die neuen Steuern zu zahlen, und an ihrem alten Standort bleiben«, mutmaßt Hideo Shinojima, Präsident der Mitsubishi Chemical Industries, »da sie zu viele verwandte Unternehmen und Groß- wie Kleinstzulieferer um sich herumgeschart haben, deren Umsiedlung weit mehr kosten würde als die Steuern.«

Vernichtung von kadmiumverseuchter Milch.

Was Tanaka einfach verpflanzen möchte, sind in der Tat meist komplexe Unternehmen mit vielfältigen vertikalen Verbindungen. Stahlwerke und Petrochemie unterhalten zumeist eigene Kraftwerke, Ölraffinerien und Lagertanks; sie beschäftigen verarbeitende Fabriken und eine Unzahl kleiner Zulieferer. Tanker und Frachter löschen und laden zwischen Tokio und Osaka innerhalb der Firmengelände und verbilligen damit die Transportkosten.

Zur Kritik an Tanakas Reformplänen kommt hinzu, daß der Premier das »Bruttosozialprodukt-Denken« der Sato-Ära nicht abbaut« ("Yomiuri Shimbun"). Die Oppositionsparteien lehnen Tanakas Bestseller-Studie geschlossen ab. Masashi Ishibashi, Generalsekretär der Sozialistischen Partei: »Der Plan wird die Umweltverseuchung über das ganze Land verteilen und die Verbraucherpreise hochschrauben.«

Anders sieht es Komeito-Vorsitzender Yoshikatsu Takeiri. »Der Plan«, argwöhnt er, »beschleunigt allein die Profitgier der Grundstücksspekulanten.« Für Takeiris Argwohn spricht, daß die Bodenpreise in den vorgesehenen Entwicklungsgebieten bereits gestiegen sind. Dafür spricht auch, daß in den Problemrat der Reformer führende Angestellte bedeutender Immobilienfirmen, Banken und Eisenbahngesellschaften aufgenommen wurden.

Der böseste Verdacht aber ist der, daß Kakuei Tanaka sich selbst nicht vergißt, wenn er Japan Heil verspricht.

Als Präsident von neun Unternehmen und Aufsichtsratsvorsitzender eines weiteren ist er sich selbst ein guter Lobbyist. Die Firma Tanaka Doken Kogy führt im Baugewerbe, drei weitere bauen Eisen- und Autobahnen. »Kabusikigaisha Jiminkaikan« heißt das Unternehmen, das -- im Ballungszentrum Tokio -- die Parteizentrale der regierenden Liberaldemokraten gebaut hat und sie unterhält. Sein Präsident: Kakuei Tanaka.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 57 / 98
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.