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Eingefrorene Geschichte

aus DER SPIEGEL 28/1948

In dem roten Eckbau am Heidelberger Universitätsplatz, wo das Institut, für Publizistik zu Hause ist, hängt auf dem Flur am Schwarzen Brett eine hektographierte Druckschrift. Eine Resolution der Studentenschaft: »Wir erwarten«, steht darauf zu lesen, »vom Landtag eine Stellungnahme zu folgender Frage: Was kann getan werden, damit die Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung für Westdeutschland gemäß den Londoner Empfehlungen nur zu einer Vorstufe zu einer gesamtdeutschen Regierung wird?«

Das ist Weber-Schule. Denn Herr im roten Eckbau ist Professor Alfred Weber, der 80jährige Soziologe, der lange, ehe die jüngste Frankfurter Proklamation erlassen wurde, vor dem Weststaat warnte: Er sei »sachlich nicht notwendig für die Vereinigung der Westzonen und deren Einfügung in den Marshall-Plan«.

Der große, gebückte Professor mit eisgrauem Haar auf dem hochgewölbten Schädel und weiten, noch ganz wachen Augen unter den buschigen Brauen legte das wissenschaftliche Gewicht des Soziologen und Geschichts-Philosophen von europäischem Rang in die Forderung: »Lieber jetzt noch eine Weile politische Einschränkungen auf uns nehmen, als unsere Zukunft faktisch preisgeben und schrecklichste kriegerische Möglichkeiten näherrücken lassen.«

Als, auch noch vor der Frankfurter Proklamation, dem »Schlagwort von der Einheit Europas« (Ministerpräsident Ehard) die »europäische Teil-Föderation« und die deutsche »Einheit vom Westen her« in die Gegenwagschale geworfen, als der Ostgrenze eines Weststaates die Funktion eines »Schutzwalls der abendländischen Kultur« (Ehard) angemessen wurde, da warnte der Nestor aus Heidelberg zum anderen Male: Vor der Illusion, Deutschland könne als aktives drittes Element zwischen Ost und West stehen. Es werde vielmehr, wenn es eine staatliche Teilung akzeptiere, in einer passiven Rolle strategisches Kampffeld zwischen beiden werden, und seine gesamtdeutsche Geschichte werde vorläufig abgeschlossen sein.

Eine Antwort auf die Frage nach einer Fortsetzung der eingefrorenen gesamtdeutschen Geschichte bleibt der Professor ebenso schuldig, wie Ehard die klare Definition, durch welche Mittel die im Westen gegründete Einheit in der politischen Praxis über die Zonengrenze hinausgreifen soll.

»Und jetzt, wo wir den Weststaat haben?« Der scharfe Publizist Alfred Weber, beim privaten Gespräch im letzten Haus der Bachstraße am Rande von Heidelberg ein gemütlicher alter Herr, fragt zurück: »Haben wir ihn denn? Wir wollen und dürfen ihn nicht bekommen. Was jetzt in Frankfurt aufgebaut wird, muß ein Provisorium bleiben, ein provisorisches Statut, eine provisorische Regierung.«

Professor Weber gehört zur Aktionsgruppe Heidelberg, jenem politischen Gremium, das im vorigen November mit der »Nationalen Repräsentation der Persönlichkeiten« den letzten Versuch eines deutschen Gesprächs über die Zonengrenze hinweg unternahm. Diese Aktionsgruppe Heidelberg hat den deutschen Regierungschefs vor ihrem Koblenzer Start ans Herz gelegt, den kommenden Frankfurter Kompromiß mit der Basis eines alliierten Reglements auf fünf Jahre zu befristen. »Bis dahin wird sich alles entschieden haben.« Und: »Ich bin überzeugt, daß die Russen eines Tages in eine politische Situation geraten werden, in der die Westmächte mit ihnen zu einer gemeinsamen Regelung der deutschen Frage auf einer höheren politischen Basis gelangen können.«

»Heute würde die Schaffung einer definitiven Verfassung nur westfundierte Frankfurter Kompetenzen überschreiten, heute würde höchstens den Sowjets ein Vorwand für die Errichtung eines Ostsatellitenstaates geliefert.«

Von einer verfassunggebenden Versammlung will Alfred Weber nichts hören. Vorbereitendes Gremium, meint er, klänge schon besser, und bei der vorgesehenen Kopfstärke (etwa 60) könne man ja höchstens von einem Ausschuß sprechen.

In all diesen Dingen stimmt der Professor mit dem großen Chor der deutschen Politiker: statt Verfassung Verwaltungsstatut; statt deutscher Regierung mit Sitz in Frankfurt eine politisch-provisorische Frankfurter Westverwaltung; erst volle Souveränität, dann Staatsgründung; Provisorien, solange Deutschland geteilt ist.

Diesen deutschen Politikern schlägt Erik Reger seine 600000 Tagesspiegel um die Ohren (eine ostdeutsche Provinzzeitung nannte ihn kürzlich einen Landesverräter, sein Blatt den »Berliner Kolonial-Anzeiger"):

»Daran, daß in Frankfurt eine echte Regierung geschaffen werden muß, die de facto und, wenn einmal die Grenze zwischen den beiden Welten an der richtigen Stelle gezogen ist, sofort auch de jure eine gesamtdeutsche ist, kann ebensowenig mehr gedeutelt werden, wie daran, daß sie kraft einer echten Verfassung regieren muß. Wer, jetzt die Erörterung mit dem Verlangen beginnt, daß keine Verfassung, nur ein Verwaltungsstatut geschaffen werden sollte, damit die 'Organe des staatsähnlichen Gebildes Westdeutschland' funktionieren könnten, der sollte soviel Selbsterkenntnis aufbringen, daß er sich mit einem 'Ich verstehe die Welt nicht mehr' zurückzieht. Er versteht die Welt nicht mehr, und wahrscheinlich hat er sie niemals verstanden.«

Reger ist der erste gewesen, der, vor Monaten schon, eine in Westdeutschland gebildete Gesamtregierung forderte, die als »Exil-Regierung« für die Ostzone mit fungieren soll. »Daß man damals schwieg«, schrieb er unlängst, »und heute von den 'New York Times' bis zur CDU die Forderung als eigene Erkenntnis präsentiert, soll uns nicht hindern, die Bedeutung dieser Entwicklung anzuerkennen.«

Allerdings haben nur wenige diese »eigene Erkenntnis« über die Verkündung der Frankfurter Statuten hinweg aufrechterhalten. Was jedenfalls für ein Land oder eine Partei offiziell spricht, verwahrt sich von allen Seiten gegen eine Frankfurter Separat-Regierung mit gesamtdeutschem Kompetenz-Ehrgeiz.

Es blieb aber einem Amerikaner, dem Columnisten Walter Lipman, vorbehalten, den gedanklichen Wurm aus der Reger-Erkenntnis zu picken. Oder dem Präzeptor Reger samt seinen Nacherkennern zu beweisen, daß ihnen die Möglichkeit eines Weltkrieges um die staatliche Einheit Deutschlands diskutabel erscheint.

Lipman schreibt in der »Washington Post": »Kein Deutscher könnte von der Einheit Deutschlands sprechen, ohne damit nicht auch die Rückkehr des größten Teils oder aller Gebiete hinter der Front der Roten Armee zu verstehen. Sollte die Frankfurter Regierung sich mit den Westmächten verbinden, um Ostdeutschland wiederzuerlangen, dann könnte sie dieses Ziel nur als Ergebnis eines Krieges erreichen.«

»Wir haben Deutschland etwas versprochen, was wir ihm ohne einen Weltkrieg nicht geben können.« Auch Molotow verspreche den Deutschen die Einheit, aber er könne ihnen, wenn er wolle, die Ostgebiete wiedergeben.

»Die Frankfurter Regierung, an die Idee der deutschen Einheit gebunden, aber unfähig, sie herbeizuführen, wird einen Weg finden müssen, die Deutschen auf ihre Seite zu bringen.« Lipman nennt diesen Weg nicht Marshall-Plan, sondern »direkter Wohlstand«.

Die Alternative des Westens hieße nach solchen Prognosen: Westregierung mit Anspruch auf den Osten - und den »schrecklichen kriegerischen Möglichkeiten« des Heidelberger Professors.

Oder: Wohlständischer Weststaat ohne Anspruch auf den Osten als realpolitische Lösung mit friedlichen Mitteln - aber ohne die rhetorische Floskel des Provisoriums.

Dritte Wahl: Die Selbstbeschränkung des Heidelberger Professors auf die notwendigste Selbstverwaltung und geschichtsloses Fortleben bis zu einem Ereignis X in der geteilten Welt.

Aber dieser Verewigung der deutschen Geschichtslosigkeit fehlt die Voraussetzung der Realpolitik. Denn Erik Reger, der die Amerikaner von jeher gut verstand, nennt als Alternative zum staatlich gefestigten Westdeutschland »gar kein Deutschland«.

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