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SPD Eingeständnis in Raten

Die Sozialdemokraten suchen nach einer neuen Parteisprecherin. Dörte Caspary mußte zugeben, daß sie ein Spitzel der Stasi war.
aus DER SPIEGEL 5/1999

Um ein vertrauliches Gespräch bat Dörte Caspary ihren künftigen Chef. Was sie am vergangenen Donnerstag zu erzählen hatte, überraschte Otmar Schreiner, den Bundesgeschäftsführer der SPD, schon nicht mehr.

Ja, gestand Caspary, die am 15. Februar ihren neuen Job als Parteisprecherin antreten sollte, sie habe für die Stasi gearbeitet, Präsente und Geld angenommen. Nein, sie habe niemandem Schaden zugefügt.

Caspary und Schreiner einigten sich auf die Sprachregelung, sie werde ihren Job als Parteisprecherin nicht antreten, um nun Schaden von sich und der SPD abzuwenden.

Das Eingeständnis war überfällig. Seit einer Woche hatten sich die Indizien auf eine frühere Stasi-Mitarbeit verdichtet, die Caspary, 32, zunächst immer wieder selbstbewußt abgestritten hatte. Dann tauchten in der Berliner Gauck-Behörde zwei Bände mit ihren Berichten an die Stasi und einer handschriftlichen Verpflichtungserklärung auf.

Caspary (IM »Eiche") wurde als Schülerin von der Hauptabteilung I, Abteilung Grenzkommando Nord/Aufklärung, in Halberstadt geworben, kurz vor ihrem 18. Geburtstag. Sie bespitzelte Klassenkameradinnen, die sich in der evangelischen Jungen Gemeinde engagierten; sie wurde auf Familien angesetzt, die auffallend häufig Besuch aus dem Westen empfingen. Etwas mehr als drei Jahre ging das so. 1987 hatte IM »Eiche« ein Journalistikstudium am »Roten Kloster« in Leipzig begonnen. Dort konnte die Stasi aus dem Bereich DDR-Grenze nichts mehr mit ihr anfangen und brach die Verbindung ab. Grund: keine operative Perspektive.

So wie Caspary erging es in der DDR vielen tausend Kindern und Jugendlichen - der Nachwuchs für den Spitzelstaat konnte nicht jung genug sein. Sie berichteten über Freunde, Mitschüler und Vereinskameraden. Die perfide Idee, Gleichaltrige auf die vermeintlich heranwachsenden Staatsfeinde anzusetzen, stammte von Erich Mielke selbst.

Die Stasi sichtete Schülerakten, meist solche aus der siebten Klasse, um mögliche Kandidaten ausfindig zu machen. Offiziere wurden speziell geschult, um »Begeisterung und Einsatzfreunde« der Jugendlichen für Dienste im Auftrag der Stasi zu wecken, sie zur »Verstellungskunst« zu erziehen und die »Eltern zu ersetzen«.

Die leichteste Beute waren Kinder aus linientreuen SED-Familien. Aber auch unter den Gestrauchelten, den Außenseitern und Verstoßenen - Jugendlichen ohne Elternhaus - fand die Stasi ihre Agenten.

Caspary gehörte zu den behüteten Kindern. Der Vater war Technischer Direktor in einem Keramikwerk, die Mutter Ausbilderin bei der Post. Beide gehörten der SED an. Tochter Dörte trat der Partei 1985 bei.

Als sie ein Stasi-Offizier im Frühjahr 1984 erstmals anspricht, ist Dörte Caspary eine der herausragenden Schülerinnen der elften Klasse in der Erweiterten Oberschule Wernigerode, mit Spezialausbildung in Musik; auf dieser Schule wird der Nachwuchs für den Rundfunkchor der DDR ausgebildet. Der Stasi-Mann holt sie mit dem Dienstwagen ab und fährt mit ihr zu einem nahen Parkplatz. Der Oberleutnant nennt sich »Genosse Wunder«.

Er zieht die junge Caspary ins Vertrauen: Westliche Geheimdienste mühten sich auch an ihrer Schule, die DDR zu unterwandern, vorzugsweise unter dem Deckmantel der Kirche. Eine Mitschülerin sei besonders verdächtig, er müsse alle Informationen haben - und die 17 Jahre alte Caspary soll sie zusammentragen.

* Am 15. Januar vor der SPD-Zentrale in Bonn.

So banal und trostlos beginnt die Stasi-Karriere von Dörte Caspary - und sie muß nicht lange überredet werden. Sie liefert jede Menge Details aus dem Leben der verdächtigten Mitschülerin. In höherem Auftrag schleicht sie sich in ihr Vertrauen, berichtet von den Gewohnheiten, ihren Freunden in der Neuapostolischen Kirche. Sogar den Kalender der vermeintlichen Staatsfeindin schreibt sie ab.

Der Oberleutnant von der Stasi kann sie gar nicht oft genug loben, so umsichtig und einfallsreich gehe sie zu Werke. Schon nach drei Monaten wird aus ihr die Inoffizielle Mitarbeiterin »Eiche«. In ordentlicher Mädchenhandschrift verpflichtet sich Caspary, ihrem Staat fortan bei der Bekämpfung seiner Feinde zur Hand zu gehen - wen immer die Stasi dazu erklärt. Ihrem Führungsoffizier schickt sie Ansichtskarten aus dem Urlaub.

Daß Caspary Journalistin werden will, weiß sie lange schon. Die Stasi webt den Berufswunsch in eine Legende ein: IM »Eiche« soll sich an eine Familie heranmachen, die regelmäßig Besuch von Freunden und Verwandten aus dem Westen erhält. Vielleicht, hofft die Stasi, könne einer von denen ja angeworben werden. Caspary nimmt Kontakt auf, erzählt, sie sei angehende Journalistin und wolle eine Art Übungstext schreiben. Thema: das Leben einer typischen DDR-Familie im Harz. Im Auftrag ihres Führungsoffiziers macht sie Fotos.

Vier Jahre lang ist Dörte Caspary eine eifrige Zuträgerin der Stasi. Nach dem Abitur verläßt sie Wernigerode, und die Stasi entläßt »IM Eiche« bald darauf aus ihren Diensten.

Als die Wende kommt, studiert Caspary noch Journalistik in Leipzig, sie tritt aus der SED aus, macht bei den Montagsdemonstrationen mit. Im nachhinein meint sie selbstkritisch: »Ich würde heute gern sagen, daß ich stärker gewesen sei und wirklich auch Widerstand geleistet habe. Vieles vorher war zu still, zu angepaßt, zu feige. Ich bereue die Feigheiten.«

Sie wird Redakteurin beim Berliner Rundfunk, Moderatorin beim populären Jugendsender DT 64. Als sie 1993 beim Bonner Büro des ORB anfängt, läßt sie der Sender bei der Gauck-Behörde routinemäßig überprüfen, Ergebnis: negativ. So werden in den kommenden Jahren auch alle weiteren Anfragen des ORB in Berlin beschieden. »Unsere Recherche war fehlerhaft«, räumt Behördensprecher Johannes Legner jetzt ein.

Die Stasi führte ihre Karteien nach einem eigenen System, einer Mischung aus alphabetischer und phonetischer Ablage. Ein Name wie Caspary kann sich dann schon mal unter K finden. Die SPD verließ sich auf die alten Überprüfungen - und Dörte Caspary offensichtlich auch.

Als der SPIEGEL sie in der vorvergangenen Woche erstmals zu ihrer Stasi-Vergangenheit befragte, versicherte sie, auch weitere Gauck-Recherchen könnten nichts »Ehrenrühriges zu Tage fördern«. Mit Einzelheiten konfrontiert, dementierte sie damals noch entschieden: Sie habe nicht mit der Stasi zusammengearbeitet - sie sei sich sicher, nicht unter Decknamen geführt worden zu sein. Eine Verpflichtungserklärung habe sie nicht unterschrieben.

Dörte Caspary hat den richtigen Zeitpunkt für ein Eingeständnis verpaßt. Weil sie Karriere machen wollte, erst in der DDR und dann im wiedervereinigten Deutschland, ging sie das Risiko ein, doch noch aufzufliegen. Was sie als Jugendliche für die Stasi erspitzelt hatte, kam in Raten heraus, jeden Tag ein bißchen mehr.

Am vorvergangenen Sonntag redete sie sich gegenüber Bundesgeschäftsführer Schreiner noch erfolgreich heraus. Der war verunsichert, ratlos. Wolfgang Thierse gab den Rat, Caspary möge aufschreiben, was da gewesen sei.

Sie gab zu, irgend etwas für die Stasi aufgeschrieben und mit »Eiche« gezeichnet zu haben. Eine Verpflichtungserklärung zur Mitarbeit beim MfS, da war sie ganz sicher, habe sie jedoch nicht mit ihrem Klarnamen unterschrieben. Tags darauf ließ sich Schreiner im Präsidium der SPD seine Haltung bestätigen: keine Vorverurteilung, keine Entscheidung ohne eindeutige Beweise.

Am Dienstag wollte Caspary eigentlich aufgeben, ihre Bewerbung zurückziehen. Schreiner hielt sie davon ab. Im nachhinein rechtfertigt er sich, er habe mit der Behandlung des Falles »ein Zeichen in Richtung Berlin« setzen wollen, zumal »die Baracke frei von Ossis ist«.

Am Donnerstag sickerten Informationen aus der Gauck-Behörde zur SPD durch, daß bei erneuter Suche eindeutige Beweise gefunden worden waren. Caspary gibt nun, da nichts mehr zu leugnen ist, alles zu.

Die Sozialdemokraten betreiben jetzt Schadensbegrenzung. Bundesgeschäftsführer Schreiner meint betroffen: »Es war uns eigentlich ein Anliegen, mit Jugendsünden in Deutschland anders umzugehen.«

Bei der Einstellung Casparys galt als läßliche Sünde, daß sie in der SED gewesen war. Aber wäre sie auch Sprecherin der Partei geworden, wenn sie die alte Stasi-Connection gebeichtet hätte? Wohl kaum, deshalb sagt Schreiner, er habe »viel Verständnis« für ihre Angst vor der Wahrheit. »Wer von uns ist ohne schuldhafte Verstrickung? Ich habe auch schon gelogen.«

Am Ende heißt es, das Arbeitsverhältnis zwischen der SPD und Caspary, das erst Mitte Februar beginnen sollte, sei ohnehin noch nicht wirksam gewesen. Zwar habe Schreiner den Kontrakt unterschrieben, nicht aber Caspary.

Und wer wird statt dessen Parteisprecherin? »Wir werden jetzt nach einer 120prozentigen Lösung suchen«, nimmt sich Schreiner vor - schließlich sei er ein »gebranntes Kind«.

HORAND KNAUP, WOLFGANG TIETZE

* Am 15. Januar vor der SPD-Zentrale in Bonn.

Wolfgang Tietze
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