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Nicaragua Einheit der Herzen

Die Sippe der Somozas, die das mittelamerikanische Nicaragua seit den dreißiger Jahren wie familieneigenen Feudalbesitz beherrscht, will ihre Macht für alle Zukunft sichern.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Die Bürger des Städtchens San Ramón in Nicaragua richteten eine Petition an ihren Präsidenten, den General Anastasio Somoza Debayle, 46: Er möge doch, baten sie, ihr König werden.

Das Ansinnen ist so abwegig nicht. Denn seit über dreieinhalb Jahrzehnten schon regiert die Dynastie der Somozas, Monarchen gleich, die mittelamerikanische Republik. Und mit einem durchsichtigen Manöver Will Staatschef Somoza nun die Herrschaft seines Clans auf unabsehbare Zeit zementieren.

Zwar läuft am 1. Mai des Präsidenten Amtszeit ab; seine sofortige Wiederwahl verbietet die Verfassung. Doch ein Handel mit seinen bisherigen Erzfeinden von der oppositionellen Konservativen Partei, sichert Somoza auch weiterhin die Macht:

Er sorgte dafür, daß die anstehenden Präsidentschaftswahlen bis zum September 1974 verschoben wurden. Bis dahin wird ein dem Herrscher ergebenes Regierungs-Triumvirat -- bestehend aus zwei Somoza-Treuen und einem Konservativen -- amtieren. Der in der nächsten Woche neu zusammentretende Kongreß soll unterdessen die Verfassung so frisieren, daß Somoza sich schon 1974 wieder wählen lassen kann.

Pate bei diesem Pakt, so berichtet die kubanische Nachrichtenagentur Prensa Latina, war der US-Botschafter in Nicaragua, Turner B. Shelton -- der Vertreter jener Macht, die den Somozas zu ihrem Aufstieg verhalf.

Zwei Jahrzehnte lang hatten die Vereinigten Staaten mit Hilfe ihrer »Ledernacken«, wie der US-Autor Harold Norman Denny 1929 in seinem Buch »Dollars für Kugeln« schrieb, »Nicaragua gründlicher beherrscht, als die amerikanische Bundesregierung einen Staat der Union kontrolliert«.

Als die Besatzer schließlich 1933 abzogen, hinterließen sie eine von ihnen ausgebildete und ausgerüstete »Nationalgarde«, zu deren Kommandeur sie ihren Vertrauensmann Anastasio »Tacho« Somoza ernannten, einen angeheirateten Neffen des damaligen Nicaragua-Präsidenten.

Drei Jahre später stürzte Tacho seinen Onkel und übernahm selbst die Macht. Fortan einer der berüchtigsten unter den karibischen Diktatoren, unterwarf Somoza in den 20 Jahren seiner Herrschaft das Land (von der doppelten Größe Bayerns) zur familieneigenen Domäne.

Nicht einmal die Schüsse eines Attentäters, die Tacho 1956 bei einem Ball in der Stadt León niederstreckten, konnten das Somoza-Regime beenden: Sohn Luis trat alsbald die Nachfolge an.

Vergebens hatte US-Präsident Eisenhower ein Flugzeug mit Spezialärzten an das Sterbelager des angeschossenen Diktators Tacho entsandt. Ebenso vergeblich blieb eine gleichartige Rettungs-Expedition, die US-Präsident Johnson startete, als 1967 seinerseits Sohn Luis Somoza einem Herzanfall erlag.

Doch der Verlust wurde gemildert -- ein weiterer Somoza-Sproß stand bereit, das Regiment zu übernehmen: Anastasio junior, genannt »Tachito«, der seit dem Tode seines Vaters bereits die 6000-Mann-Nationalgarde (Nicaraguas Armee-Ersatz) kommandierte, ließ sich zum neuen Staatschef wählen.

Der Absolvent der US-Militäreliteschule West Point empfahl sich mehr noch denn seine Vorgänger als Musterverbündeter Washingtons: Er bot dem großen Nachbarn an, nicaraguanische Freiwillige nach Vietnam zu schicken. Somoza-Ehefrau Hope und seine fünf Kinder tragen sogar US-Pässe.

Schließlich garantiert Tachito amerikanischen Investoren zuvorkommende Behandlung -- selbst wenn er seine Freunde mit dem Ausspruch verblüffte, Nicaragua sei »schon seit langem ein sozialistisches Land«. Die Begründung: Sein Vater habe »die Eisenbahnen, die Banken und die Elektrizitätsgesellschaften nationalisiert«.

Freilich: Die verstaatlichten Betriebe, die längst an Somoza-kontrollierte private Träger übergeben wurden, gelten gerade als der Grundstock des auf weit über zwei Milliarden Mark geschätzten Vermögens, das die Sippe während ihrer Amtszeit zusammengerafft hat.

Zu diesem größten Besitz in der Zwei-Millionen-Einwohner-Republik Nicaragua gehören vor allem Viehfarmen, Baumwoll-, Kaffee- und Zucker-Plantagen: mindestens ein Drittel des Agrarlandes: das Department Chontales ist fast ganz Somoza-eigen.

Der Clan kontrolliert Goldminen und Hafenanlagen, Zuckermühlen und Brauereien, Textil- und Zementfabriken, Bauunternehmen und Versicherungen. Ihm gehört die Generalvertretung für Mercedes, Nicaraguas Schiffahrtslinie Mamenic und die nationale Fluggesellschaft Lanica.

Immerhin ist Tachito vorsichtig genug, zumindest seine bürgerlichen Gegner durch Teilhabe am Wohlstand zu besänftigen »Die Konservativen wissen«, so brüstete er sich, »daß ich ihren Reichtum schützen werde.«

Mit einem solchen Arrangement -- in der Sprache der nicaraguanischen Misquito-Indianer »Kupia Kumi« (Einheit der Herzen) genannt -- gewann er nun auch jene Oppositionellen, die noch 1967 einen blutigen Aufstand gegen seine Amtsübernahme gewagt hatten: Ihre Unterstützung seiner Macht-Manöver erkaufte er mit Parlamentssitzen. Schmiergeldern und Pfründen in Diplomatie, Justiz und Verwaltung.

Hat der Kongreß die Verfassung erst einmal geändert, braucht sich Tachito -- gestützt auf wirtschaftlichen Einfluß und Militärmacht -- um seinen Wahlsieg 1974 kaum zu sorgen. Sogar die Zukunft jenseits seines nächsten Mandats scheint für die Dynastie gesichert: Sowohl ein Somoza-Sohn wie ein Somoza-Neffe werden dann das für eine Präsidentschaft erforderliche Alter von 30 Jahren erreicht haben.

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