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Rudolf Augstein EINHEIT, EINHEIT ÜBER ALLES

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 13/1966

Wie man mit einer innerparteilichen Intrige fertig zu werden hat, kann man überall sonst, nicht aber bei der SPD lernen. Kein böser Feind hätte fertigbringen können, was die Partei -Oberen sich selber angetan haben, als sie es unternahmen, nach den Zulieferern für einen Artikel zu fahnden, der noch gar nicht gedruckt war.

Die große Volkspartei verblüfft allzu oft durch den Nachweis, wie wenig sie mit Situationen fertig werden kann, die einer mittleren Firma kaum Kopfzerbrechen aufnötigen würden. Entweder - und so scheint es ja - hatte Wehner nichts zu fürchten, dann konnte man den so ominös vorangezeigten Artikel ohne Aufregung erwarten. Oder aber, Grund oder nicht, der Parteivorstand fürchtete den Artikel, und eben dieser Eindruck ist entstanden. Hat sich denn immer noch nicht bis zur Baracke herumgesprochen, daß der eigene Schatten am wenigsten ins Auge sticht, wenn man keinen Versuch macht, ihm zu entlaufen?

Brandt befiehlt eine Inquisition, deren Nutzen von Wehner öffentlich bezweifelt wird Wehner sieht in dem anonymen Querschläger ein Indiz für »politische Gegensätze«. Brandt (Berlin) hält Gruppenbildung für nützlich, Hemsath (Hessen) für schädlich. Brundert (Frankfurt) beklagt das Fehlen einer offenen Diskussion. Helmut Schmidt (Hamburg) bedauert, daß Wehner »den sogenannten Apparat, das heißt also die hauptamtlichen Mitarbeiter im Bonner Hauptquartier, in der sogenannten Baracke« gar nicht beherrsche. Dort herrsche vielmehr »eine ziemlich unordentliche Ordnung«.

Schmidt meint sogar, schon vor fünfzehn Jahren hätten die, die in der Sache nicht gegen Wehner angekommen seien, die Waffen des Rufmordes gegen ihn gekehrt. Ja, offenbar kann der Parteivorstand seine Arbeit nicht mehr tun. Den offenen Brief der SED hat er, so meldet die FAZ, wegen des Heckenschützen-Wirbels nicht prompt beraten und beantworten können - und das alles wegen zwei oder drei Nähkästchen-Umstülpern, denen man wohl einen Artikel, nicht aber eine »Kampagne« zutrauen mag.

Daß Wehner in seiner Methodik, Kursänderungen um 180 Grad kurzerhand von der Kommandobrücke aus verordnen zu lassen, Leninist geblieben sei, diese pointierte Klage hat man all die Jahre von den ernsthaftesten SPD-Leuten hören können, oft von Männern, die Wehner schätzen und achten. Wenn sie nicht nach außen getragen wurde, so doch nur, um den Mißverständnis-Ausbeutern in der Rumpelkammer der deutschen Volksseele kein Futter zu liefern.

Von diesem zwar nicht scherzhaft, aber doch zugespitzten Lamento bis zu dem giftigen Vorwurf des Memorandums, Wehner sei eine Art stalinistischer Generalsekretär, ist ein weiter Weg. Man mag Wehner den eher verfehlten Bundestagswahlkampf technisch anlasten, aber der flüchtigste Augenschein lehrt, daß Willy Brandts gesamte sogenannte Regierungsmannschaft das, was man den Wehner-Kurs nennt, freiwillig zu verantworten hat. Jeder wußte, wohin die Reise gehen sollte, und niemand ist zum Einsteigen gezwungen worden.

Was die anonymen Köche zusammengebraut haben, scheint nicht gravierend, nicht beschwerend. Einzelheiten mögen aufgehellt werden, im ganzen aber hat man das, übrigens wohl von Journalisten geschriebene Pamphlet überfürchtet. Die Ängste vor dem Pamphlet haben der SPD geschadet, nicht das Schriftstück selbst.

Wohl aber muß Herbert Wehner sich ein wenig die Augen reiben, wenn er sieht, welche Leute sich aus welchen Gründen mit Emphase vor ihn stellen. Ihn halten viele Immobilisten für den Pfropfen, der jegliche gesamtdeutsche Gärung in der Flasche hält, ihn, von dem sie glauben, er werde als gebranntes Kind nie mehr ein Risiko eingehen.

Die Frage, die offen diskutiert werden könnte, ist ja nicht, was Kurt Schumacher von Wehner gehalten hat und welche Kunststücke Wehner unter Stalin vollbringen mußte, um am Leben zu bleiben. Auch seine Beziehungen zu westdeutschen Geheimdiensten können ihn nicht verächtlich machen, mag man auch seiner Menschenkenntnis mißtrauen.

Wohl aber stellt sich für eine demokratische Partei nach einer Wahlniederlage das Thema, ob die führenden Männer ihren Job gut versehen haben. Die Attacke einiger weniger »Heckenschützen« hätte die SPD nicht erschüttern können, wenn es in der Partei das gegeben hätte, was es in westlichen Parteien nach einer Niederlage gemeinhin gibt: eine Diskussion über Männer und Methoden.

Ich meine, es ist nicht Wehners Schuld, sowenig sein Wesen zur innerparteilichen Diskussion einlädt, wenn ihm kein SPD-Mann widerspricht (sofern ihm kein SPD-Mann widerspricht). Daß er von sechs Hauptabteilungen vier selber beaufsichtigt, macht einen unguten Eindruck, muß aber angesichts der immer wieder beschworenen und ja auch erprobten Desolatheit des Parteiapparats nicht viel bedeuten. Wehner könnte sich nicht durchsetzen, weder mit Lockungen noch mit Gewalt, wenn ihm nennenswerte Leute Widerstand leisten wollten.

Warum gibt es diese Leute nicht, oder warum leisten sie keinen Widerstand? Eine Möglichkeit wäre, daß die seit 1960 von Wehner (und nicht nur von ihm) gezogene Linie so unanfechtbar überzeugend einleuchtete, daß sie von keinem ernstzunehmenden SPD-Mann in Frage gestellt werden könnte. Ich gestehe, daß mir diese Lesart unwahrscheinlich vorkommt.

Eine zweite Möglichkeit wäre, daß in der SPD nur Ja-Sager, Speichellecker und Karrieristen zu finden wären - wiederum keine sehr glaubhafte Version.

Die, in meinen Augen, dritte Möglichkeit hingegen hat einiges für sich: Der instinktive und der manipulierte Antikommunismus, sie haben die demokratische Substanz bei uns schon halbwegs aufgefressen. Die Diskussion, das Lebenselement der Demokratie, ist schon wieder zurückgedrängt worden zugunsten der Integration, zugunsten jenes Zauberwortes, das den Deutschen des 20. Jahrhunderts als wahrer »Sesam schließe dich« den Weg in die Zukunft zusperrt. Seit 1914, seit das Kriegsdeutsch den »Heckenschützen« kennt, betrachtet sich dies Land als im Krieg befindlich, und jede Abweichung von der Durchhalteparole gilt als Verrat.

Weil die SPD als Partei nicht glaubt sagen zu dürfen, was sie weiß, hält es auch innerhalb der SPD niemand für kommentmäßig zu sagen, was er weiß. In bürgerlichen Zeitungen, deren Federn beim Gedanken an einen SPD-Sieg auch nur im kleinsten Bundesland das große Sträuben überkommt, las ich von der »Treulosigkeit«, die an Herbert Wehner verübt worden sei. Welche Treue, so frag' ich mich, soll hier wohl verletzt worden sein, wenn sich die Politiker das offene Wort durchweg nicht mehr erlauben? Wird nicht sogar der Heckenschuß, wenn nicht verzeihlich, so doch zwangsläufig, wo das freie Feld vom Marschtritt der blind integrierten Kolonnen dröhnt?

Das Godesberger Programm, man halte davon was man will, liefert keine Marschroute, der CDU verwechslungsgleich ähnlich zu werden, keine Kompaßzahl, mit ihr unbedingt in einer Regierung zu sitzen, keinen Hinweis auf atomare Gleichberechtigung und auf das Selbstbestimmungsrecht der sudetendeutschen Völkerschaften, zum Beispiel. Wenn der Parteivorstand in all diesen Fragen mit Wehner eins war, so ist das schwerlich Wehners Verbrechen. Aber die Frage bleibt: Warum gab und gibt es nicht eine prominente SPD-Stimme dagegen?

Hier möge man bei Wehner anklopfen. Er hat die Disziplin, die Partei -Disziplin, nicht erfunden, und auch nicht den permanenten Kriegszustand seit 1914. Aber ob in Deutschland noch weniger diskutiert wird, weil er die SPD führt, und ob das Land ohne Diskussion gut fährt, und ob die SPD auf die Dauer gut fahren kann, wenn das Land schlecht fährt - diese Fragen sollte wohl jemand in der SPD aufwerfen, nicht in einem giftigen Pamphlet, sondern auf dem öffentlichen Parteitag im Juni.

Sonntagsblatt

»Es gibt doch einfach nichts, was uns die SPD nicht nachmacht!«

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