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VERSANDGESCHÄFTE Einkauf am Küchentisch

aus DER SPIEGEL 1/1954

Über den Ladenstraßen des bundesdeutschen Einzelhandels gingen noch vor Jahresschluß 1953 zwei warnende Raketen hoch: Am Nikolaustag trat der Versandhändler Hanns Porst, der Nürnberger »Photo-Porst« - Chef des größten Photohauses der Welt - , unter Protest aus dem Deutschen Bund der Photohändler aus.

Die zweite Rakete sauste mitten in die westdeutsche Kundschaft. Wegen dieser Kundschaft liegen Versandhandel und Einzelhandel in einem zähen Streit.

Josef Neckermann aus Frankfurt am Main, neben Porst einer der großen Fünf unter den Versandgeschäften der Bundesrepublik, bescherte dem Radiohandel als besondere Überraschung seinen Neckermann - Klaviertasten - Super. Mit UKW, Mittel- und Langwelle (15 Kreise, 7 Röhren), mit Ratio-Detektor samt Störbegrenzung, mit eingebauter UKW- und Netzantenne, mit Konzertlautsprecher und


Plattenspieleranschluß kostete er in hochglanzpoliertem Edelholzgehäuse 187 Mark.

Auf dieses Angebot hin zog sich das magische Auge des westdeutschen Radiohandels schmerzhaft zusammen. Denn es bedeutete den tiefsten Einbruch in das bisher starre Preisgefüge. Eine der Handelsfirmen, die Jacklowsky GmbH., Frankfurt, Eschersheimer Anlage 26, trommelte aufgeregt den hessischen Radiohandel zur Abwehr zusammen, indem sie »Streng vertraulich! Nur zur persönlichen Information!« rundschrieb:

»Wir haben gleich nach Bekanntwerden des Neckermann-Angebotes ein Gerät gekauft und Herrn Max Grundig persönlich überbracht. Es wurde auf Herz und Nieren geprüft und die Lieferanten der Einzelteile festgestellt. Wie wir hören, sind nun die maßgebenden Firmen der Rundfunkindustrie gemeinsam damit beschäftigt, nach Möglichkeiten zu suchen, die dem Fachhandel wirksame Hilfe im Kampf um seine Existenz bieten sollen.

»Wir sind uns daruber im klaren, daß wir mit unseren Maßnahmen - die wir gemeinsam mit Ihnen durchführen wollen - die Firma Neckermann nicht k. o. schlagen werden. Aber eine Gewißheit haben wir, daß der Fachhandel damit energische Schläge austeilen wird, die es der Gegenseite schwer machen, Sie um Ihren Umsatz und Verdienst zu schmälern.«

Mit diesem lebhaften Schlagabtausch, der in der Photo-, Radio- und Elektrobranche bereits mit harten Bandagen vorgenommen wird, ist der deutsche Versandhandel nach fast fünfzehnjähriger Pause wieder ebenbürtig in die Arena der Wirtschaftspolitik gestiegen. Wurde der Umsatz des Versandhandels vor dem Kriege auf zweieinhalb Prozent des Einzelhandels geschätzt, so pendelte er Ende 1953 sogar um fünf Prozent. Das sind zwei Milliarden Mark und somit fast soviel wie der Umsatz der westdeutschen Warenhäuser.

Das sind aber auch schon ungefähr die einzigen Zahlen, die sich global vom Versandhandel melden lassen, denn diese Branche läßt sich über keinen Kamm scheren. »Der Photo-Porst hat''s gut«, sagt

Josef Neckermann, »der handelt nur mit einem Artikel.« Darauf Porst, Vater und Sohn: »Der Neckermann hat''s besser, wer einmal bei dem Kunde ist, bestellt immer wieder.« Einen Photoapparat hingegen brauche niemand alle Jahre wieder.

Wenn Josef Neckermann meint, ein Versandgeschäft lasse sich nur mit immensem Kapitalaufwand starten, dann stimmt das zweifellos für ein Konfektionsversandhaus, aber Hanns Porst (Vater) ist für diese Regel schon wieder die Ausnahme.

Hanns Porst verdiente 1914 als junger Mann in der Nürnberger Stadtkanzlei 120 Mark im Monat. Als er 1919 aus dem Felde kam, machte er mit 600 Mark Kapital am Nürnberger Laufer Platz einen Photoladen auf. Das Firmenschild malte er selbst.

Der erste, der zu ihm kam, war der Stadtbaurat, den Porst für den ersten Kunden hielt. Der Rat fragte: »Haben Sie das Plakat gemalt?« Als Porst bejahte, gebot der Herr Rat: »Dann entfernen Sie schleunigst diese Verschandelung unseres Stadtbildes!«

Zehn Jahre später hatte Porst bereits einen Jahresumsatz von 2,6 Millionen Mark, und 1939 verkaufte er für 7,9 Millionen. Der Initiative Hanns Porsts kam Nürnberg mit seinem nie abreißenden Fremdenstrom als Startplatz zugute und außerdem die natürliche fränkische Freundlichkeit. Beim Photo-Porst werden die Sachbearbeiter in einer besonderen Korrespondenzschulung erzogen, beim Diktieren von Werbebriefen zu lächeln. Der Sachbearbeiter kann vorher drei Stunden lang schimpfen, aber beim Diktat wird gelächelt. Der Kunde merkt das.

Ein weiteres Geheimnis des Porstschen Versandhandels offenbart die regelmäßige Bestellspitze am Montag: Der Kunde hat am Sonntag zu Hause gekauft. Denn gerade am Sonntag kommen die Vorzüge des Zuhausekaufens voll zum Zuge. Ohne Übereilung, ohne Überredung durch Verkäufer, deren Verkaufs- und Warenkunde in Westdeutschland manchmal noch nicht wieder Friedensniveau erreicht hat, kann im Familienkreise die Ware nach dem Katalog ausgesucht und verglichen werden.


Der 240 Seiten starke Porst-»Photo-Helfer«, der diese Auswahl ermöglicht, hat eine Auflage von fünf Millionen Stück*) (Oetker-Kochbuch neun Millionen, Margret Mitchells »Vom Winde verweht« zehn Millionen).

Ein weiterer Vorteil ist bei Porst die Anonymität der Teilzahlung. Niemand geht gern in ein Geschäft und verlangt Kredit: Beim Photo-Porst kann das stumm geschehen, auf einem grünen Blatt. Kein Mensch erfährt je davon. Photo-Porst verpflichtet sich ausdrücklich, keinerlei Rückfrage zu halten, auch nicht beim Arbeitgeber.

Alle Bestellungen - und 90 Prozent sind Teilzahlungsgeschäfte - gehen lediglich durch den Filter der sechs Gruppenleiter in Nürnberg, von denen jeder nur wenige Buchstaben bearbeitet und in zwanzigjähriger Praxis so etwas wie hellseherische Fähigkeiten entwickelt hat. Auf einen bestimmten Prozentsatz von Geschäften muß verzichtet werden. Dafür hat von der Kundengruppe der »Lokführer«, die durch den Filter liefen, noch keiner seine Rate auch nur um fünf Minuten zu spät bezahlt.

Auf diese Weise konnte Photo-Porst im vergangenen Jahre seinen Umsatz auf 35 Millionen Mark steigern, das sind knapp zehn Prozent des bundesdeutschen Photo-Umsatzes (ohne Exporte). Um diese riesige Versandmaschine mit ihren 918 Angestellten in Gang zu halten, wird laufend in 300 Zeitschriften inseriert, in denen zu nichts weiter als zum Bezug des Katalogs animiert wird.

In stillen Wochen werden täglich 2000 solcher Kataloge angefordert, in Konjunkturzeiten täglich 4000. (Allein acht Angestellte kontrollieren den Erfolg der Insertion.) Bleibt eine Bestellung aus, setzt eine von erstklassigen Werbepsychologen entworfene »nachfassende« Werbung ein.

Diese Werbung geht allerdings nicht so weit wie die der Versandhäuser in den

*) Außerdem: »Film-Helfer«, »Dunkelkammer-Helfer«. Vereinigten Staaten. Dort konnte es beispielsweise passieren, daß das größte Versandgeschäft der Welt, Sears Roebuck, einer Kundin, als sie die für ihren kranken und inzwischen verstorbenen Mann gekaufte Medizin zurückschickte, den neuesten Katalog für Grabsteine sandte.

Aber auch Porsts nachfassende Werbesendungen sind genau gesteuert. Sie gehen

* nicht nach dem 25. eines Monats an Angestellte, denn am Monatsende haben die Angestellten kein Geld mehr,

* nicht in der Woche nach dem Ersten an Arbeiter, denn am Ersten zahlen alle Arbeiter Miete,

* nicht hinaus bei Nebel- und Regenperioden, weil bei schlechtem Wetter eine Photo-Werbung verpufft. (Jeder Mann vom engeren Porst-Stab hat auf seinem Tageskalender den täglichen Wetterbericht von »wechselnd bewölkt« bis »wolkenlos heiter«.)

Versagen drei nachfassende Werbeschreiben, dann wird der Katalogbesteller »kategorisiert«, das heißt, er wird von der Qual der Wahl befreit. So werden dem bisherigen Nichtbesteller bei Porst ein oder zwei Sonderangebote gemacht. Diesem Angebot liegt dann eine Visitenkarte des Leiters des Lagers für Gelegenheitskäufe bei, auf der Rückseite steht handschriftlich: »Wenn diesmal nichts für Sie dabei ist, fresse ich glatt einen Besen. Ihr Günther Stengl.«

Katalog-Besteller, die sich ganz und gar nicht entschließen, können dann noch einen Brief von »Hanns Porst persönlich« bekommen. Da liest der potentielle Kunde dann, daß Hanns Porst neulich bei einer Rücksprache mit einem der Abteilungsleiter gehört habe, daß der Kunde sich noch immer nicht entschließen könne. Er, Porst, habe sich gedacht, am Gelde könne es doch bei den günstigen Teilzahlungsbedingungen nicht liegen, und so habe er schließlich mit seinem Sohn gesprochen, und der habe gemeint, daß die und die Kamera hier doch wohl in Frage komme.

Ein Photoversandhaus hat nun den großen Nachteil, daß es auf absehbare Zeit nicht mit Neubestellungen der Kunden rechnen kann. Dennoch muß ständig erinnert werden. Da der Geburtstag jedes Kunden aus dem Fragebogen bekannt ist, wird jedem gratuliert. Und den Zusammenhalt der Porst-Gemeinde (lies: Kundschaft) ermöglicht der »Nürnberger Photo-Trichter« in zweimonatlicher Auflage von 375 000 Stück in mehrfarbigem Kupfertiefdruck. Photo-Porst betreibt eine eigene Druckerei (305 Mann Belegschaft), wo die Rotationsmaschinen auf Parkett stehen. Die Porst-Leute sagen: »Parkett ist teuer, aber jeder Schritt darauf wird zur Freude.« Immer lächeln ist die Losung bei Porst: Um 14 Uhr kochen vier Frauen 918 Tassen Kaffee: »Zur Überwindung des toten Punktes.«

Seit einiger Zeit fährt nun der »Dutti-Wagen« durch die Bundesrepublik, das ist


ein zwanzig Meter langer Ausstellungswagen, der »Dutti« heißt, zur Erinnerung an Duttweilers fahrende Verkaufsläden in der Schweiz. Er hat ein eigenes E-Werk für Tonfilmkino (kostete über eine Viertelmillion), und für die eigene Fernschreibstelle legt die Bundespost innerhalb zweier Stunden die Kabel, wo der »Dutti« auch auftaucht, damit alle Bestellungen im gleichen Augenblick per Fernschreiber nach Nürnberg zur Auslieferung laufen können.

Es ist klar, daß ein Versandhaus, das jährlich bis zu fünf Millionen Mark für die Werbung einsetzt, zum Schrecken der Photoeinzelhändler werden muß. Aus dem Tagungsbericht des 50. Bundestages der Photo- und Kino-Händler, Ende Oktober 1953 in Hamburg:

»Es wurde eindeutig zum Ausdruck gebracht, daß die Geduld des Photohandels endgültig erschöpft sei. Man könne nicht weiter dulden, daß die Leistungen des Photohandels durch die Porst-Werbung in den Augen von Hunderttausenden von Photoamateuren laufend herabgesetzt werden.« Gegen eine Stimme wurde beschlossen, dem Landesverband Bayern den Ausschluß Porsts aus dem Bund nahezulegen.

Soweit kam es zunächst aber doch noch nicht, weil unter dem Vorsitz von Dr. Uhl, Leverkusen, am 16. November 1953 in Wiesbaden nochmals eine Aussprache und Bereinigung des Wettbewerbs versucht werden sollte. Denn die Photo-Hersteller sind des jahrelangen Zanks zwischen Porst Vater und Sohn und den übrigen siebentausend Photohändlern Westdeutschlands überdrüssig, weshalb sie in Wiesbaden die Rolle des ehrlichen Maklers übernahmen.

Den Ausschluß aus dem Verband vor Augen, übergaben die Porsts den Teilnehmern der Wiesbadener Konferenz ein Memorandum, das schließt: »Der Vorstand des Deutschen Photo- und Kinohändlerbundes hat durch seine ''Streitschrift'' eindeutig bewiesen, daß er zugunsten anderer Händler verlangt, mich einzuschränken. Er trat dabei in mehr oder minder drohender und beleidigender Weise gegen mich auf. Deshalb sehe ich mich gezwungen, meinen Austritt aus dem Verband zu beantragen. Gleichzeitig trete ich aus der Werbegemeinschaft des deutschen Photohandels aus.«

Nach der zehnstündigen, teilweise stürmisch verlaufenen Sitzung von Wiesbaden kamen die Beteiligten aber überein, »daß Photo-Porst unter allen Umständen beim Bund verbleiben soll und muß, da nur dadurch die enge Fühlung gewährleistet werden kann, die letzten Endes den Frieden in der Branche sichert.«

Drei Wochen später waren die Umstände schon wieder stärker: Die Firma Porst trat endgültig aus.

Hauptsächlicher Streitpunkt ist die vergleichende Werbung; beide Seiten haben ganze Aktenbündel darüber zusammengetragen. Wenn Porsts sagen, daß sie weder mit Vorführ- noch mit Photoapparaten handeln, die schon im Schaufenster gestanden haben, dann revanchieren sich Konkurrenten mit einer Nachahmung der Porst-Werbung, wobei sie aus »Porst« »Prost« machen. Worauf wiederum Photo-Porst, stark wie er ist, mit Einstweiligen Verfügungen antwortet, deren Streitwert

unter Brüdern eine Million beträgt. Da würde nicht einmal eine Kollekte unter den Betroffenen ausreichen, um nur die Anwaltskosten für den Widerspruch zusammenzubekommen.

Im Grunde sind das Konkurrenzkämpfe, wie sie die amerikanischen Postversandgeschäfte schon vor mehr als fünfzig Jahren ausgestanden haben. Nur ging es damals noch reichlich rauher zu. Um Sears & Roebuck beizeiten aus den Kinderschuhen zu stoßen, ließen die Ladenhändler damals alle von Richard W. Sears und Alvah C. Roebuck verschickten Kataloge aufkaufen, um sie zum Wochenende unter Freudengeheul öffentlich zu verbrennen.

Aber das hat alles nichts genutzt: Als Lieferant der verkehrsentlegenen Farmen ist Sears, Roebuck & Co. dem Umsatz nach zum sechsgrößten Unternehmen*) der USA aufgestiegen mit heute 200 000 Angestellten, 691 Verkaufshäusern in Nord-, Mittel- und Südamerika und 95 Fabriken, die zu niedrigsten Preisen seine Großbestellungen ausführen.

*) Die fünf noch größeren sind: General Motors, American Telephone & Telegraph Co., Atlantic Tea Co., Standard Oil of New Jersey und US Steel. Die internationalen Groß-Kopfeten im Versandgeschäft waren alle einmal kleine Leute. Richard W. Sears begann als Eisenbahntelegraphist, Alvah C. Roebuck war Uhrmachergehilfe, ehe er 1891 der Partner von Sears wurde. Und der Baumwollkönig von Weiden (Oberpfalz), der alte Witt, der das größte Weißwaren-Versandhaus Europas betreibt, begann als Zimmermann.

Die Mutter Bölk aus Bad Oldesloe, die später mehrere Güter besaß und als Schloßherrin residierte, fuhr anfangs mit einem Fahrrad Margarine über Land. Als ihr das Radeln zu beschwerlich wurde, ließ sie Postkarten bei den Bauern zurück, die abgeschickt werden sollten, wenn wieder Kunstbutter benötigt werde. So entstand eins der größten Versandhäuser Deutschlands.

In Bremen haben sich 500 Leute im Kaffeeversand versucht, 30 können leben und fünf wurden groß. Aber 13½ Prozent des deutschen Kaffeeverbrauchs gehen über den Versandhandel. In den Jahren 1893 bis 1902 sind von Meyers Großem Konversations-Lexikon, Meyers Kleinem Konversations-Lexikon und Brehms Tierleben 60 Prozent der Auflagen durch den Versand- und Reisebuchhandel abgesetzt worden.


Von der fünften Auflage des Meyerschen Konversations-Lexikons, von der im ganzen 233 000 Stück verkauft wurden, nahmen 185 000 ihren Weg über den Versandund Reisebuchhandel. Dagegen ist der einst blühende Butterversand aus schleswig-Holstein, der mit rund 10 000 t Butter die Hälfte der schleswig-holsteinischen Produktion absetzte, ein Opfer der Fettrationierung geworden.

Auch der durch seinen Radio-Apparat beim Fachhandel mißliebige Josef Neckermann in Frankfurt mußte mit seinem Start warten, bis die letzte Kleiderkarte in den Ofen gewandert war. Außerdem mußte die Erinnerung an die Jedermann-Kleidung verblaßt sien, die sich, psychologisch falsch, an die Armut gewandt hatte. Josef Neckermann wandte sich vielmehr an die Schönheit.

Er begann 1950 mit fünf Kleidermodellen für eine genau ausgewogene Käuferschicht: Das waren die Flüchtlingsfrauen, die wieder so schön sein wollten wie 1939, als sie vom Königsberger Nord-Bahnhof Samstag nachmittags mit dem 2-Uhr-Zug nach Cranz oder Rauschen fuhren. Die Adressen dieser Frauen von Tilsit bis Stettin verschaffte Neckermann sich und kam damit genau an.

Indem er die auf den Dörfern verlassenen und vergrämten Flüchtlingsfrauen von ihren geflickten und gestopften Röcken und Blusen befreite, eroberte er sich nicht nur seine Stammkundschaft, sondern er übersetzte Henry Fords These zum zweiten Male in die Wirklichkeit: daß besondere Preiswürdigkeit von selbst Massenabsatz bringt, der Massenabsatz von derselben Dauer ist wie die Preiswürdigkeit der Ware und daß der ständige Massenabsatz wiederum besondere Preiswürdigkeit ermöglicht.

Dazu kommt die fortschreitende Demokratisierung der Mode: Eine Gräfin trägt heute die gleichen Strümpfe wie eine Angestellte. Die konfektionierte Großserie begünstigt diesen Trend bzw. schafft ihn in Wechselwirkung, nicht zu vergessen der Einfluß des Kinos, das unablässig als Motor der Mode wirkt. Darauf lassen sich ganze Planungen der Textilwirtschaft aufbauen.

Heute geht der Neckermann-Katalog (letzte Positions-Nr.: 9118) viermal im Jahr in je einer Million Exemplaren bis ins letzte Dorf. In Neckermanns inzwischen erstelltem Hochhaus am Frankfurter Ostbahnhof bearbeiten allein 70 Fakturistinnen die täglich einlaufenden 6000-7000 Bestellungen. Von jeder zeitlichen Verkaufseinschränkung des Einzelhandels profitiert der Versandhandel: Als am Kupfernen Sonntag die Ladengeschäfte meist geschlossen waren, brachte der Montag darauf eine Hochflut von Orders.

Der Neckermannschen Einkaufsabteilung zu sagen, was im Verkauf reißend geht, und entsprechend zu disponieren, ist nur noch mit Hilfe von Hollerithmaschinen möglich. Ein Regiment von Sachbearbeitern könnte nicht ausrechnen, was heute stumme und blinde Lochkarten tun. Wie umgekehrt der gesamte Zahlungseingang aus einem Buchungsvorgang besteht: Da ausnahmslos unter Nachnahme geliefert wird, faßt die Post die addierten Eingänge in dem Endbetrag einer Tagesaufstellung zusammen. Und da unmöglich abends 6000 Kartons auf der Frankfurter Hauptpost aufgeliefert werden können, hat Neckermann ein eigenes Postamt.

Das Versandhaus hat betriebswirtschaftlich den enormen Vorteil, daß es nicht auf den Kunden wartet. Es kennt nicht die scharfen Schwankungen zwischen Geschäftsstille und Überbeanspruchung innerhalb weniger Stunden und Tage, die dem »offenen Verkauf« soviel zu schaffen machen.

Ein Versandhaus kann im Innenbetrieb kontinuierlich und daher rationell arbeiten. Der Kunde, besonders der Landkunde, geniert sich nicht selten mit seinen Fragen und Wünschen vor dem Verkäufer. Beim Kauf an Hand des auf dem Küchentisch ausgebreiteten Katalogs kann die ganze Familie mitreden, und der Entschluß von heute kann morgen, ehe die Bestellkarte in den Postkasten fällt, überprüft werden.

Das Versandhaus hat andererseits den fatalen Nachteil, daß zum »Kauf zu Hause« immer noch besonderes Vertrauen, vor allem für die Erstbestellung bei einem unbekannten Unternehmen, gehört. Dieser Nachteil ist nur zu beheben, indem die Ware völlig dem Katalogangebot entspricht. Das gelieferte Fertigkleid muß tunlichst noch eine Nuance schöner sein als das Farbphoto im Katalog. Denn wird statt angekündigtem Woll-Jersey nur zerknitterte

Zellwolle geliefert, dann heißt es im ganzen Heide- oder Eifeldorf So ist der Versandhandel. Deshalb wird unter den Versandhäusern eine Selbstauslese getrieben, die keine Rücksichtnahme kennt.

Jeder bestellt bei jedem unter Deckadresse Stichproben. Dann gehen die Proben ins Labor. Das Mikroskop entdeckt jeden Deckfaden aus Zellwolle. und die Retorte entlarvt jede Anilinfarbe. die keine ist. Wer erwischt wird, stampft am besten freiwillig seinen Katalog ein, er spart damit die Kosten für die Einstweilige Verfügung, die von den Versand-Konkurrenten sofort losgelassen wird

Die Textilindustrie hat anfangs Josef Neckermann für einen Hasardeur gehalten. Als er einmal 200 000 Meter Stoff in Auftrag gab, kamen mitten in der Produktion Vorstand und Aufsichtsrat der Weberei Bedenken. Beide verboten die Weiterlieferung.


Damals gingen die Banken Josef Neckermann noch aus dem Wege.

Heute hat das Haus Neckermann allein zwanzig Rohstoff-Sachbearbeiter, von denen der Baumwolldisponent genau in New Orleans Bescheid weiß und der Wolleinkäufer das Schuraufkommen von Neuseeland kennt. Wer drei Millionen Meter Baumwollgewebe auf einen Schlag disponiert, muß riechen, wie in sechs Monaten der Preis ist.

Denn inzwischen ist der Katalog verschickt, und so groß die Stärke der Versandhäuser kraft ihrer enormen Dispositionen ist - ganze Fabriken stehen für sie auf Jahre in Lohn und Brot, auch in den stillsten Zeiten - , so abhängig und verwundbar sind die größten Versandhäuser, weil das Katalogangebot gilt, gleichgültig, wie im Sommer 1954 der Baumwollpreis steht. In dieser Hinsicht sind Warenhäuser viel manövrierfähiger als Versandhäuser.

Andererseits schlug bei Josef Neckermann ein Kleid derart ein, daß davon 50 000 Stück verkauft wurden. Noch während sich der Verkaufserfolg abzeichnete, mußte der Einkaufsleiter bei einer großen Stoffdruckerei neue Druckwalzen anfertigen lassen, die disponierte Rohware in die Druckerei schaffen und das so erfolgreiche Muster in Tag- und Nachtschichten drucken lassen. Denn einen Trostbrief an die Bestellerin, daß die Ware demnächst wieder hereinkommt, gibt es nicht. Katalog ist Katalog.

Zu der durch Großaufträge erzielten außerordentlichen Senkung der Herstellungskosten kommt bei den Versandhäusern noch die Umgehung aller Zwischenhandelsstufen. Dadurch wird der Versandhandel, besonders in Zeiten, wo sich der Markt zum Käufermarkt wandelt, zum Preisregulator. Wenn in den USA der neue Katalog von Sears, Roebuck & Co. ausgegeben wird, berichtet »Wallstreet Journal« in Schlagzeilen über die neuen Preise.

[Grafiktext]

AN DER BUNDES-THEKE

Pro Kopf der westdeutschen Bevölkerung
wurden verbraucht:

19381952-3
BRANNTWEIN+1,2 L1,02 L
Sekt0,16 L0,21 L
BIER68,7 L58,1 L
WEIN8,7 L7,6 L


+ WEINGEIST

[GrafiktextEnde]

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