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WERBUNG / BETTWÄSCHE Einmal im Monat

aus DER SPIEGEL 43/1968

»Oswalt Kolle«, sagt Juniorchef Dieter vom Wiesbadener Fachgeschäft Betten-Werner, »hat das Tabu durchbrochen. Über das Bett kann man heute ganz offen sprechen.«

Um das Gespräch in Gang zu bringen, veranstalten der Verband Deutscher Bettenfachgeschäfte und die Fachabteilung Bettwaren im Bundesverband des Textilien-Einzelhandels jetzt die erste deutsche »Woche des Bettes«. Acht Tage lang wollen die rund 6000 westdeutschen Bettenfachhändler die Bundesbürger in Sonderschauen darüber aufklären, »wie wichtig heute das Bett ist und wie es beschaffen sein sollte, damit man sich darin wohl fühlt« (Werner).

Die Volksaufklärung beginnt am 11. November mit einem Festakt im Wiesbadener Kurhaus. Dort sollen Bundesgesundheitsministerin Strobel die volkshygienische Seite, Bundeswirtschaftsminister Schiller die volkswirtschaftliche Bedeutung des Bettes beleuchten. Außerdem wird sich die Frankfurter Diplom-Psychologin und Marktforscherin Carmen Lakaschus über die tiefenpsychologischen Probleme des deutschen Bettes verbreiten.

Für die Bettenbranche wurde es höchste Zeit, daß die deutsche Schlafstatt durch Kolle ins Gerede kam. Die Bettwäsche-Industrie setzt jährlich nur für eine halbe Milliarde Mark Ware um und will ihr kuscheliges Geschäft nun mit undelikaten Enthüllungen ankurbeln. Im Lande der Weißmacher, so behaupten die von der Bettenindustrie bezahlten Marktschnüffler, stehen die ungepflegtesten Ruhestätten.

»Man kann es nicht anders sagen«, ekelt sich Dr. Friedrich Schmitz vom Fachverband Wäsche-Industrie, »das deutsche Bett ist einfach dreckig und unhygienisch.« Jeder dritte Deutsche lagert Nacht für Nacht unter einer Zudecke, die über ein Vierteljahrhundert alt ist und mithin den Nachtschweiß einer ganzen Generation (2280 Liter) Verkraften mußte.

Diese »Bakterien-Friedhöfe« (Dr. Schmitz) steckt er in die Überzüge, die er so selten wechselt wie kein anderer westlicher Nachbar. Während etwa Schweizer, Engländer, Italiener, Franzosen und Holländer ihre Betten mindestens alle acht Tage frisch beziehen -- die desinfektionssüchtigen Amerikaner sogar nach dreitägigem Gebrauch -, wartet die deutsche Durchschnittshausfrau mit dem Wäschewechsel vier bis sechs Wochen lang.

Obwohl in fast zwei Drittel aller westdeutschen Haushalte eine Waschmaschine steht, hält Frau Jedermann an der Tradition ihrer Ahnen fest: Nur einmal im Monat ist großer Waschtag. Darin sieht die Bettwäsche-Industrie das größte Hindernis, endlich mehr Umsatz zu machen.

In den beiden letzten Jahren sank der private Verbrauch an Bettware um 19 Prozent, weil Deutschlands Schläfer während der Wirtschafts-Depression noch sparsamer die Wäsche wechselten. Außerdem schrumpfte das Aussteuergeschäft. 1965 traten noch 492 000 Paare in den Stand der Ehe, 1967 nur 483 000 -- eine Spätfolge des Geburtenrückgangs während der letzten Kriegsjahre.

Freilich versuchte die Schlummer-Industrie schon vor der Bettenwoche, durch kreative Werbung den Verbrauch zu steigern. Sie folgte dabei dem Beispiel der Hemden-Fabrikanten, die mit Reklame-Parolen ("Eines mehr ist besser") und modischen Einfällen den deutschen Mann an sein täglich frisches Hemd gewöhnten.

Auch die Bettwäsche-Weber brachten neue Muster heraus. Sie propagierten mit hohem Werbeaufwand -- 1967 rund acht Millionen Mark -- pastellfarbene Damaste für Ehebetten und grellbunte Dessins für »junge Betten« (Zell-Schönau AG). Romantische Markennamen wie Fleuresse, Irisette und Silbermond sollten unterschwellig Kauflust wecken. Doch der Reiz blieb schwach: In den letzten 14 Jahren wuchs der Pro-Kopf-Bestand an Bettbezügen in den privaten Wäscheschränken nur von drei auf vier.

Nun soll die »Woche des Bettes« eine neue Ära einläuten und im Gefolge von Oswalt Kolle mehr Frische in die Betten bringen. Nahziel der Branche ist »ein periodischer Wäschewechsel nach längstens zweiwöchentlichem Gebrauch« (Dr. Schmitz). Dadurch könnte sich der Umsatz verdoppeln.

Kurz vor Beginn der Aufklärungsaktion hat die Pyjama-Industrie noch einen speziellen deutschen Notstand aufgedeckt: Der Durchschnittsmann erwirbt nur etwa alle zwei Jahre einen neuen Pyjama. Er geht, so erkundete die Brackweder Firma Seidensticker Ursula Nachtwäsche GmbH, in traurigen Schlafanzügen, in Unterhosen oder -- nackt zu Bett.

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