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KALININGRAD Einmal nach Hamburg

Im früheren Ostpreußen, im Kaliningrader Gebiet, wird gewählt. Mit Putins Hilfe will ein Admiral Gouverneur werden und das Fenster zum Westen öffnen.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Einer, der die Deutschen kennt, lächelt zuversichtlich von Wahlplakaten an Fassaden und Bushaltestellen in Kaliningrad, dem einstigen Königsberg: Wladimir Putin, Russlands Präsident. Die deftige Wahlparole: »Neuer Präsident! Neuer Gouverneur! Neues Leben!«

An der Seite des Kremlchefs zeigen die Polit-Poster den Admiral Wladimir Jegorow, 61, Chef der Baltischen Flotte und Putins Favorit für das Amt des Gouverneurs. Am 5. November entscheiden 700 000 Wahlberechtigte, wer Russlands Exklave an der Ostsee die nächsten vier Jahre regiert. Von den zwölf Kandidaten bekommt laut Umfrage Jegorow jede vierte Stimme, Amtsinhaber Leonid Gorbenko nur jede achte.

Regionalwahlen stehen bis Jahresende in vielen Gegenden Russlands an. Überall versucht der Kreml, seine Günstlinge auf die Gouverneurssessel zu hieven, möglichst uniformierte: In Tscheljabinsk, Woronesch und Mari El treten Geheimdienstoffiziere an, in Uljanowsk ein General der Tschetschenien-Armee. Doch nirgendwo hat sich Putin, der die Provinzen wieder straff von der Zentrale aus steuern möchte, so direkt in den Wahlkampf eingemischt wie in der ostpreußischen Beuteprovinz.

Der Präsident weiß Bescheid über die verzweifelte Lage im abgeschnittenen Terrain, eingeschnürt von den EU-Anwärtern Litauen und Polen: Seine Ehefrau Ljudmila ist da geboren, Schwägerin und Schwiegermutter leben dort. Sein Besuch in Kaliningrad und im Militärhafen Baltijsk (Pillau) am 30. Juli, dem Tag der Flotte, hatte Putins Sympathien für den Admiral demonstriert. Der gilt als Favorit der jungen Generation, die so leben möchte wie im Westen und sich in Kulturzentren wie dem »Deutsch-Russischen Haus« trifft.

Noch regiert im roten Backsteingebäude der früheren ostpreußischen Oberfinanzdirektion Gouverneur Leonid Gorbenko, selbstherrlich wie Präsident Alexander Lukaschenko im benachbarten Weißrussland: Wie jener stützt sich Gorbenko lieber auf die ältere Generation und die Landbevölkerung. In Dörfern und Kleinstädten der versteppten einstigen Kornkammer wirbt er mit Parolen gegen den »räuberischen Kapitalismus« und Quotenregelungen für einheimische Lebensmittel. Als ihn Abgeordnete wegen geschönter Wirtschaftsdaten kritisierten, strich er ihre Diäten. Von Marktwirtschaft hält der ehemalige Direktor des Fischereihafens wenig, Kritiker beschimpft er als »Müll« oder »kranke Leute«. Pressefreiheit ist ihm zuwider: Vor 300 Versammelten in Swetlij (Zimmerbude) am Frischen Haff wettert Gorbenko gegen »Massenmedien, die schon die Sowjetunion zerstört haben und nun Russland demontieren«.

Selbst die Kommunisten, die ihm 1996 zum Sieg verhalfen, sind von dem bulligen Politiker abgerückt, seit der die soziale Frage vor allem für sich und seine engere Umgebung zu lösen suchte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Mitarbeiter seiner Administration, nachdem Gorbenko-Vize und Bankier Michail Karetnij verschwand und mit ihm der Großteil eines 30-Millionen-Dollar-Kredits der Dresdner Bank.

Rivale Jegorow weiß, dass das Kaliningrader Gebiet »bereits an der Existenzgrenze« dahinsiecht. Vor müden Schauerleuten wirbt der Militär für eine bessere »Kooperation mit den Ostseeanrainern«, um »den Hafen wieder auszulasten«.

Ob mit dem Admiral freilich Anstand und Aufschwung in der geplünderten Provinz Einzug halten, bleibt offen. Sein Wahlkampfleiter Garri Tschmychow ist als Inhaber einer zwielichtigen Offshore-Firma auf der Pazifikinsel Norfolk hervorgetreten.

Auf Kundgebungen warnt Jegorow im Putin-Jargon vor »regionalem Separatismus« und mahnt, es gelte »die Einheit Russlands zu bewahren«. Stärker als der Einfluss des 1200 Kilometer entfernten Kreml wirkt auf den Admiral allerdings die Lobby eines früheren Gouverneurs, des Reformers Jurij Matotschkin. Der hat im Jegorow-Wahlstab als findigen Strategen Solomon Ginsburg hinter sich, einen Wirtschaftsliberalen mit internationalen Kontakten.

»Jegorow ist anständig und ehrlich«, sagt er, »auf wen, wenn nicht auf ihn sollte sich der Präsident verlassen?« Der Autor des Wirtschaftsprogramms von Jegorow ist zuversichtlich, dass der Admiral das Zeug hat, eine wachsende Eigenständigkeit der Exklave gegenüber Moskau durchzusetzen. Ginsburg sucht die Öffnung zur EU.

Dem SPIEGEL verriet der Admiral auch einen Traum: einmal mit seinen schönsten Schiffen zur Flottenparade auf die Elbe, einmal nach Hamburg. UWE KLUSSMANN

Uwe Klussmann
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