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GRIECHENLAND Einmalige Orgie

Tausende Häuser, Villen, Läden, Tavernen: alle illegal - die Griechen schwelgen im Schwarzbauen, gerade jetzt.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Der Minister charterte einen Hubschrauber, um das Werk illegaler Täter rund um die Hauptstadt selbst zu orten. Was Georgios Plytas, in der griechischen Regierung zuständig für Raumordnung, Wohnungsbau und Umwelt, dann aus der Höhe wahrnahm, übertraf seine schlimmsten Befürchtungen:

Überall in Attika, an Küsten, Berghängen und sogar in Schluchten waren Baustellen zu sehen. Ein- und mehrstöckige Häuser, Villen und Läden, Tavernen und Kaffeehäuser, die meisten Projekte ohne Lizenz.

Schwarzbauen ist in Griechenland gang und gäbe - aber diesen Herbst steht es besonders in Blüte. Denn am 18. Oktober sind Parlamentswahlen. Da hüten sich die meisten Politiker, auch nur mit Worten einzugreifen: Sie wollen potentielle Wähler nicht vergrämen. Und auch die Polizei drückt angesichts der Wahlen gern beide Augen zu.

Seit dem Sommer kam es, so die Zeitung »To Vima«, zu einem »richtigen Bauorgasmus«, zu »einer einmaligen Wahlkampf-Orgie des Bauens«. Viele finanzkräftige Griechen nutzten die Chance, nicht nur den eigenen Wohnungsbedarf zu decken, sondern auch Mietwohnungen hochzuziehen. Geschäftstüchtige Bauunternehmer boten an, gegen einen entsprechenden Aufpreis die illegalen Wünsche über Nacht oder übers Wochenende zu erfüllen.

»Die Leute bauen so schnell«, klagte ein Athener Polizeioffizier, »daß wir nicht nachkommen können. Wo am Abend nur ein ödes, steiles Gelände ist, steht am nächsten Morgen schon ein fertiges Haus - oft sogar mit einer Fernsehantenne darauf.«

Wie bei anderen Gelegenheiten in Hellas, zögerte der Staat auch diesmal, rechtzeitig einzugreifen, um den Wildwuchs der Hauptstadt zu verhindern.

Dabei weiß Minister Plytas, einst Bürgermeister von Athen, aus eigener Erfahrung, wohin chaotisches Bauen führt. Ständige Zuwanderung, durch Landflucht und Industrialisierung ausgelöst, hat die Stadt zu einem landschaftverschandelnden Moloch werden lassen: Zwischen 1961 und 1981 verdoppelte sich die Bevölkerung von Groß-Athen. Im Ballungsraum Athen-Piräus wohnen bereits über drei Millionen Menschen. 20 Prozent der Hauptstädter hausen in sogenannten willkürlich gebauten Wohnungen.

Die Infrastruktur konnte mit dieser Entwicklung natürlich nicht Schritt halten. So fehlen heute 1400 Kilometer Wasserleitungen. 100 000 Athener Haushalte benutzen noch immer Brunnen oder werden durch Wassertankwagen versorgt. Das Kanalisationsnetz müßte dringend um 4500 Kilometer erweitert werden.

Zwar sind die Polizeibehörden laut Gesetz verpflichtet, die Bautätigkeit zu kontrollieren. Doch, rechtzeitig gewarnt, lassen sich Bauunternehmer und -arbeiter kaum je auf frischer Tat erwischen. S.210 Werden sie einmal ertappt, so kommen sie mit einer Haftstrafe bis zu 15 Tagen davon, die sie nicht mal abzusitzen brauchen.

Einen Prozeß blocken Bauunternehmer und Hauseigentümer rechtzeitig ab. Sie versuchen, pflichtbewußte Polizisten schon vor Erstattung der Anzeige zu bestechen. Oder sie schüchtern die Ordnungshüter mit Drohungen ein.

Wenn die Polizei oder die Nachbarn dennoch Anzeige erstatten, haben die illegalen Bauherren immer noch die Möglichkeit, durch politischen Druck oder Einspruch das Abreißen ihrer Wohnungen zu verhindern. Oft schleppt sich das ganze Verfahren über Jahre hin. Schließlich bleibt dem Staat meist nichts anderes übrig, als die unerlaubten Bauten zu legalisieren.

Minister Plytas wollte mit diesen Bräuchen brechen und hart durchgreifen. Er setzte zehn Spezialtrupps aus seinen Beamten und Polizisten in Marsch, illegale Bauprojekte ausfindig zu machen.

Überdies ließ er einen Gesetzentwurf ausarbeiten, der schärfere Strafen für Bausünder vorsieht: Die Polizei sollte demnach illegal errichtete Bauten abreißen lassen, den Eigentümern drohen Gefängnisstrafen bis zu zwei Jahren.

Aber schon bald mußte der Minister zurückstecken. Seine Spähtrupps konnte er nicht motorisieren, weil sich für ganz Attika nur ein Dienstwagen auftreiben ließ. Die Ermittler stießen auf aktiven Widerstand: Als zwei Gendarmen sechs Arbeiter beim illegalen Bauen erwischten, wurden sie (nach einem abgelehnten Bestechungsversuch) tätlich angegriffen. Die Täter konnten entkommen.

Und Plytas' Vorschlag, die Strafen zu verschärfen, scheiterte im Kabinett. Die Minister für Justiz und Öffentliche Arbeiten fanden die geplanten Vorschriften »äußerst streng« und weigerten sich, den Gesetzesentwurf zu unterzeichnen.

Inzwischen änderte auch Plytas seine Meinung übers Bauen - vor allem wohl, weil er seine Athener Wählerschaft nicht verlieren will. »Unter den heutigen Umständen«, meint er nun, »ist es unmöglich, 170 000 Willkür-Bauten in ganz Griechenland abzureißen. Das würde ein soziales Problem schaffen.«

Den Streit mit den illegalen Bauherren will der Minister lieber seinem Nachfolger überlassen: »Ich hoffe«, sagt er vage, »daß die Regierung, die aus den Wahlen vom 18. Oktober hervorgeht, da die richtige Lösung findet.«

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