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GOLFKRIEG Einmaliges Genie

Die neue Offensive gegen Basra hat den Iranern wieder nicht den operativen Durchbruch gebracht. Fraglich allerdings, ob die Iraker dem nächsten Ansturm standhalten werden. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Im Morgengrauen setzten Pioniere über den Grenzfluß. Um die Mittagszeit meldete Radio Teheran: »Unsere Truppen haben nach schweren Kämpfen einen Brückenkopf auf dem irakischen Ufer des Arwandrud _(Der persische Name des Schatt el-Arab )

errichtet.«

Nachmittags stieß eine Panzerkolonne in die irakischen Linien bei Tschalamtscha. Innerhalb weniger Stunden rückten Chomeinis Sturmabteilungen acht Kilometer nach Westen vor. »Basra ist in Gefahr«, schrieb tags darauf die in Kuweit erscheinende Tageszeitung »El-Sijassa« (Die Politik). Und das war nicht übertrieben.

Mit der Besetzung von drei Flußinseln und der Eroberung des Südufers eines künstlichen Sees schien es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Armee des Ajatollah Chomeini die zweitgrößte Stadt des Irak überrollen würde. Und der Fall von Basra, darin sind die Experten sich einig, wäre der Anfang vom Ende für den irakischen Staatschef Saddam Hussein.

Doch rund zwölf Kilometer vor dem Stadtzentrum kam der Angriff vorerst zum Stehen. Auch diese »Entscheidungsschlacht« (Radio Teheran) führte nicht zur Entscheidung.

Immerhin hat die iranische Offensive »Kerbela 5« den angreifenden iranischen Truppen erheblichen Geländegewinn gebracht. Wenn es Teheran gelingt, die neuen Brückenköpfe zu halten, könnte die nächste Schlacht zu einem Fiasko für die Iraker werden.

Mit der Eroberung von Basra durch die Iraner würde auch der benachbarte Erdölstaat Kuweit in Gefahr geraten - und dann die weiteren Dominos an der Küste des Golfs.

Die Golfstaaten vertrauen bis auf weiteres darauf, daß die Amerikaner einen Vorstoß der Iraner in Richtung auf die Ölfelder am Westufer des Golfs als Angriff auf ihre eigenen Interessen werten würden. Und sie vertrauen darauf, daß die Iraner das auch wissen.

Für die Kuweiter kam die Offensive früher als erwartet. Sie hatten erst für Ende Februar bis Anfang März mit einer neuen heißen Phase des Krieges gerechnet. Doch Chomeini ließ früher losschlagen, offenbar um die Delegierten der für Anfang der Woche nach Kuweit einberufenen islamischen Gipfelkonferenz zu beeindrucken.

Die Lage an der Front war bis zum Wochenende unübersichtlich. Nur soviel scheint sicher: Der Iraker Saddam Hussein ist erst mal wieder davongekommen. Die irakische Presse druckte Mitte der Woche Auszüge aus einem Telegramm, in dem die Generalität ihrem obersten Heerführer, dem »Ritter der arabischen Nation und einmaligen beispiellosen militärischen Genie« Glückwünsche für den abgeschmetterten Angriff übermittelte.

Doch im arabischen Lager mehren sich die Stimmen der Kritiker, die Saddam

Husseins Rücktritt fordern, um endlich »den Fluß arabischen Blutes« (so Saudi-König Fahd) zu stoppen. Denn mit dem Rücktritt seines Todfeindes in Bagdad würde für den Ajatollah Chomeini der wichtigste Kriegsgrund entfallen.

Auch soviel ist sicher: Der nächste iranische Stoß wird für Bagdad noch gefährlicher. Denn die Iraner haben aus den Fehlern und Schwächen der Vergangenheit gelernt. Ausländische Beobachter des Kriegsgeschehens registrierten in der neuen heißen Runde eine ungewöhnlich starke Feuerkraft der iranischen Artillerie, eine bisher unbekannte Flexibilität der einzelnen Truppenteile und eine gut orchestrierte Zusammenarbeit zwischen Pasdaran (Revolutionswächtern) und den Einheiten der regulären Armee.

Überrascht hat die Irakis auch der ungewohnt konzentrierte Einsatz der iranischen Luftwaffe. Offenbar haben die Iraner dank der amerikanischen Ersatzteillieferungen ihre drei Dutzend F-14-Jäger wieder instand setzen und an die Front schicken können. Die Waffenlieferungen aus den USA und Israel für die Luftwaffe halfen auch den Bodentruppen. Boden-Boden-Raketen knackten die irakischen Panzer sowjetischer Bauart diesmal gleich dutzendweise.

Als besonders wirkungsvoll erwiesen sich die iranischen Luftabwehrraketen, die angeblich 48 irakische Jabos vom Himmel geholt haben.

Um das Verteidigungspotential der Iraker aufzuspalten, hatte die iranische Armee gleich am Anfang eine zweite Front im Mittelabschnitt, 450 Kilometer nördlich von Basra, eröffnet. Mit gutem Erfolg: Den numerisch überlegenen Truppen der Mullahs gelang es bereits im ersten Anlauf, die Iraker aus den grenznahen iranischen Gebirgstälern zu vertreiben, die der Irak noch besetzt gehalten hatte.

Die irakische Luftwaffe rächte sich mit Bombenangriffen auf Teheran und auf 24 weitere iranische Städte. Die heilige Stadt Ghom, wo Ajatollah Ruhollah Chomeini zeitweilig residiert, wurde an einem Tag gleich zweimal bombardiert.

Teheran wiederum vergalt den Irakern die Luftangriffe mit Raketenangriffen auf Bagdad. Auf beiden Seiten starben Hunderte von Zivilisten, allein in Sanandadsch, der Verwaltungshauptstadt von Persisch-Kurdistan, über 250 Menschen. »Dies ist der Anfang«, gelobte der iranische Parlamentspräsident Haschemi Rafsandschani, »wir werden Basra einnehmen.«

Doch Basra hielt stand - aber nur weil Saddam Hussein seine eiserne Reserve die Präsidentengarde, in den Kampf warf. Der irakische Raketen- und Granatenbeschuß forderte immense Opfer. Insgesamt starben 40000 Iraner - aber auch 10000 Iraker.

Teheran gelang es nicht, eine Landverbindung zwischen den beiden neuen Brückenköpfen bei Abu el-Chassib und dem im vorigen Jahr eroberten Brückenkopf Fao herzustellen, wie es sich der Generalstab in Teheran vorgenommen hatte. Das iranische Fernsehen stellte die Frontberichterstattung vom umkämpften irakischen Schatt-el-Arab-Ufer Mitte der Woche denn auch wieder ein.

Womit die Mullahs auch nicht gerechnet hatten: Die Gunst der Stunde nutzend, wagten sich kurdische Stammeskrieger aus ihren Winterverstecken hervor und verwickelten die iranische Armee im äußersten Nordwesten bei Kotur und Mahabad in aufreibende Gefechte.

Die Kämpfer, die Teheran zur Abwehr der Kurden im Norden einsetzen mußte, fehlten im Süden. Trotzdem: Wenn die Iraner die neuen Geländegewinne langfristig halten können, ist die nächste Schlacht um Basra nur eine Frage der Zeit.

Der persische Name des Schatt el-Arab

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