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ÖSTERREICH / HABSBURG Einmarsch verschoben

aus DER SPIEGEL 29/1966

Siebenundvierzig Jahre lang hatte Österreichs - prominentester Heimatvertriebener auf die Erlaubnis gewartet, das Land zu betreten, über das seine Vorfahren 700 Jahre lang geherrscht hatten und in dem er selbst 1600facher Ehrenbürger ist. Als er das Permit erhielt, machte er zunächst keinen Gebrauch davon.

Erst Mitte September wird Otto von Habsburg, 53, Sohn des letzten österreichischen Kaisers, Karls I., wieder Heimatboden betreten und - nach einem bisher streng geheimgehaltenen Plan - auch dann nur für wenige Stunden. Von seiner derzeitigen Residenz, der »Villa Austria« in Pöcking am Starnberger See, wird Otto ins nahe Innsbruck hinüberwechseln, um das Grab seines Onkels dritten Grades, Erzherzog Eugen, zu besuchen. Der Onkel, einst Kaiserjäger-Kommandeur, Chef des Hoch- und Deutschmeisterregiments und Feldmarschall, war als Senior des Hauses Habsburg 1954 gestorben.

Nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreichs im Jahre 1918 war die Kaiserfamilie durch Verfassungsgesetz aus Wien vertrieben worden. Nur einmal setzte Otto seither seinen Fuß auf österreichischen Boden: 1945 fuhr der Amerika-Emigrant in einem Jeep nach Innsbruck. Dort erließ er einen Aufruf an sein Volk. Die alliierten Besatzer setzten den Kaisersohn wieder vor die Tür.

Österreichs Sozialisten blockierten die Heimkehr des Habsburgers auch nach dem Abzug der Besatzungsmächte. Eine Verzichterklärung auf alle Herrschaftsansprüche, die Otto 1961 abgab, verwarfen sie als »heuchlerisch«. Der fürstliche Emigrant blieb der einzige Österreicher, in dessen österreichischen Paß der Vermerk »Ungültig für die Einreise nach Österreich« gestempelt war.

Der Heimweg für den Habsburger wurde erst frei, als nach den Wahlen im März dieses Jahres Österreichs schwarz-rote Koalition platzte. Die nunmehr allein regierende konservative Österreichische Volkspartei (ÖVP) verfügte sechs Wochen nach der Machtübernahme, worum Otto jahrelang vergebens prozessiert hatte: Der Kaisersohn erhielt einen neuen, auch für Österreich gültigen Paß und darf nun heim in die Republik.

Um roten Aufruhr zu vermeiden, nahm ÖVP-Kanzler Klaus dem Habsburger aber das Versprechen ab, das neue Heimatgefühl behutsam auszukosten: Durch flüchtige Stippvisiten im schlichten Lodenmantel soll Otto das Republikvolk von seiner Harmlosigkeit überzeugen und langsam an seinen Anblick gewöhnen. Wohnsitz der Habsburg-Familie - neben Otto Ehefrau Regina von Sachsen-Meiningen und sieben Kinder - soll vorerst weiterhin Pöcking in Bayern bleiben.

Der Plan für den Einmarsch in Österreich sieht ein stufenweises Vortasten vom habsburgfreundlichen Innsbruck über das schwarz-rot regierte Salzburg ins rote Wien vor.

Emigrant Otto, Ehefrau Regina: Heimwarts, aber behutsam

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