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SCHULEN / DEUTSCHAUFSÄTZE Eins gleich sechs

aus DER SPIEGEL 44/1970

Das zarte Grün der jetzt erst ausgeschlagenen Bäume bildet einen wunderbaren Gegensatz zu dem strahlend blauen Himmel«. Mit Sätzen wie diesem beschrieb eine 14jährige Schülerin einen »Sonntagnachmittag im Frühling«.

Der Lenz-Aufsatz (siehe Kasten) wurde zum Testobjekt. 15 Deutschlehrer, die voneinander nichts wußten und das Mädchen nicht kannten, zensierten ihn. Für einen bayrischen Oberschulrat mit 42 Dienstjahren war der Text »der unechte, sentimentale Versuch eines Stimmungsbildes«. Eine hessische Realschullehrerin (35 Dienstjahre) hingegen notierte »Einwandfreier, poetischer Stil, keine Schwächen.«

Je vier der 15 Zensoren fanden den Aufsatz »sehr gut« oder »gut«, einer »befriedigend«, je drei »ausreichend« oder »mangelhaft«.

Getestet wurden die Pädagogen von einem Kollegen, dem Kieler Professor Gottfried Schröter, 44. Er veröffentlicht seine Ergebnisse gegen Ende des Jahres in einem Taschenbuch unter dem Titel »Die ungerechte Aufsatzzensur« (Kamp-Verlag, Bochum).

Insgesamt 11 106 Zensuren sammelte Schröter für 617 verschiedene Aufsätze ein. 1113 Lehrer und Lehrerinnen aus allen Teilen der Bundesrepublik arbeiteten mit. Es ist die größte Untersuchung, die es auf diesem Gebiet in Deutschland bislang gegeben hat.

Kein einziger Aufsatz erhielt von allen -- durchschnittlich jeweils 18 -- Lehrern die gleiche Zensur. Nur 30 der 617 kamen mit zwei Nachbarzensuren, also etwa »gut« und »befriedigend«, versehen nach Kiel zurück. Weitaus die meisten erhielten drei oder vier verschiedene Noten. Bei sechs Aufsätzen gab es sogar alle sechs Zensuren. Schröter: »Es kann also in der Tat heute noch geschehen, daß bei einem Lehrerwechsel der gleiche Schiller von der Zensur Eins auf Sechs kommt, ohne daß er seine eigene Leistung verändert.«

Der Kieler Pädagoge versuchte, auch Professoren, die »Didaktik des Deutschunterrichts« lehren, und Schriftstellerin seine Noten-Probe einzubeziehen. Von den 36 Gelehrten, die er um Mitarbeit gebeten hatte, fanden sich nur zwölf bereit.

Die Erfahrungen des Kieler Professors mit den Zensuren seiner zwölf Kollegen deuten darauf hin, daß unter den Hochschullehrern die Urteile über Aufsätze nicht ganz so weit auseinander gehen wie unter Schullehrern.

Von 30 aufgeforderten Schriftstellern verweigerten 29 die Mitarbeit. Kinderbuchautor Erich Kästner: »Ich habe auf diesem Gebiet überhaupt keine Erfahrung.« DDR-Autor Stefan Heym: »Ich bin Schriftsteller und nicht Deutschlehrer.«

Kommentar des Kieler Aufsatz-Forschers: Schriftsteller vom Range Kästners »fühlen sich überfordert, Aufsätze zu beurteilen. Ein Junglehrer im ersten Dienstmonat ... darf sich nicht überfordert fühlen«.

Daß Aufsatz-Zensuren oft eher subjektiv als objektiv sind, belegt Schröter an vielen Beispielen. Der Stil eines Aufsatzes wurde von dem einen Deutschlehrer gelobt ("urwüchsig, originell"), von einem anderen getadelt ("primitive Gassensprache").

Selbst wenn Pädagogen sich für die gleiche Zensur entschieden, schrieben sie mitunter gegensätzliche Ansichten unter die Test-Texte. So begründete für denselben Aufsatz der eine Lehrer seine Drei damit, die Arbeit sei »anschaulich und sprachlich geschickt formuliert«; ein anderer hielt seine Drei für angemessen, weil es ein »trockener Bericht, wenig lebendig« sei.

Und zuweilen widersprach sogar der Kommentar eines Lehrers der Zensur, die er selber gegeben hatte. Ein Essener Lehrer schrieb zwar: »Der Schüler ist sachlich gut informiert. Die Schilderung ist lebendig, der Ausdruck zufriedenstellend.« Doch statt einer Zwei gab er nur eine Vier.

Sogar über einen einzigen Satz gingen die Ansichten der Deutschlehrer mitunter auseinander. In einem Aufsatz »Fußballspiel im Winter« beispielsweise hatte ein 14jähriges Mädchen geschrieben: »Jedoch konnte man den Ball manchmal nicht sehen, weil er ganz mit Schnee umhangen war.« Für einen Lehrer ist dies ein »geschickter Ausdruck«, für eine Lehrerin eine »unpassende Wortwendung«.

Mitunter wurden auch moralische Urteile gefällt. Daß einige Schüler unter dem Thema »Der Apfeldieb« eigene Erlebnisse auf fremden Bäumen geschildert hatten, war »für einige Lehrer Anlaß, ihre Aufsatz-Zensur erheblich zu senken« (Schröter).

Der Kieler Professor fand nach Lektüre der Zensuren und Kommentare seine Ansicht bestätigt, daß es »verschiedene Beurteilertypen« gibt: Manche neigen zu hohen, andere zu niedrigen Ziffern. Die einen haben eine große, die anderen eine geringe »Zensurbreite«.

Trotz seiner betrüblichen Ergebnisse lehnt Schröter einen Unterricht ohne Zensuren ab, wie er an den Waldorfschulen erteilt wird; dort begründet der Lehrer seine Ansicht in Worten. Mit seinem Test glaubt Schröter aber hinreichend bewiesen zu haben, daß »die Einheitlichkeit der Kommentare nicht größer ist als die der Ziffern-Zensuren«,

Der Kieler Pädagoge will auch nicht ganz auf die Beurteilung verzichten. Nach seiner Ansicht hat »jeder Schüler einen Anspruch darauf zu erfahren, welche Qualität seine Arbeit hatte«.

Gleichwohl sieht Schröter einen Ausweg aus der Zensuren-Misere. Es gebe »geradezu den Typ des Zensors, der Außenseiter-Zensuren erteilt«. Es gelte, diesen Typ frühzeitig -- womöglich schon während des Studiums -- zu entdecken und entweder zu bessern oder aber vom Deutschunterricht fernzuhalten. An den Universitäten sollten deshalb Studenten zusammen mit ihren Professoren Aufsätze durchsehen und beurteilen. Das geschehe »systematisch bisher nur vereinzelt«.

Und an den Schulen sollten Aufsätze, die mit den Zensuren »sehr gut«, »mangelhaft« oder »ungenügend« versehen werden, jeweils von einem zweiten Lehrer oder einem Team von Gutachtern überprüft werden. Zwar würde das für etwa jeden sechsten Aufsatz gelten, aber das müsse trotz Lehrermangel möglich sein.

Den Einwand, Lehrer würden wohl kaum in den Aufsatzheften Ihrer Schüler einen Noten- und Meinungsstreit austragen, hält Schröter nicht für gewichtig: »Ich sehe nicht ein, warum man mit Schülern anders umgehen soll als mit Lehrerstudenten.«

Und Schröter weiß noch ein anderes Mittel, mehr Verständnis für die Noten-Nöte der Schüler zu wecken: »Die Lehrer sollten von Zeit zu Zeit Aufsätze mitschreiben.«

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