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KRANKENKASSEN Eins übergebrummt

Der steile Kostenanstieg in der Krankenversicherung hat sich in diesem Jahr erstmals stark abgeflacht. Gleichwohl werden viele Kassen ihre Beitragssatze bald erhöhen.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Vierzehn Tage vor Weihnachten vernahmen Ärzte die unfrohe Botschaft. Hans Wolf Muschallik, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, verkündete ihnen, »daß -- biblisch gesprochen -- die sieben fetten Jahre vorüber sind und so schnell nicht wiederkehren

Nunmehr gelte es, so Muschallik zu den in Köln versammelten Ärztefunktionären, »auf die Wahrung des ökonomischen Besitzstandes« zu achten.

Auf kräftige Einkommensverbesserungen wie in den vergangenen Jahren können die Mediziner in der Tat kaum noch hoffen, und auch Apotheker und Pharma-Industrie müssen kürzertreten. Auf der »Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen«, am Montag vergangener Woche in Bonn, stellte Arbeits- und Sozialminister Herbert Ehrenberg zufrieden fest: »Es wird gespart.«

Der unmäßige Kostenanstieg -- die Ausgaben der Krankenkassen waren von 24 Milliarden Mark im Jahr 1970 auf 64 Milliarden im vergangenen Jahr hochgeschnellt -- ist inzwischen gebremst. Die Ortskrankenkassen beispielsweise, bei denen fast die Hälfte der Deutschen versichert ist, brauchen in diesem Jahr nur etwa vier Prozent mehr auszugeben als 1976.

Dabei war bereits im vergangenen Jahr die Zuwachsrate mit rund acht Prozent drastisch zurückgegangen. Denn nach Ausgabe-Steigerungen bis zu zwanzig Prozent im Jahr ließ sich »schon 1975 beobachten, daß die Entwicklung so nicht weitergeht«, erinnert sich Hans Töns, Direktor des Bundesverbandes der Ortskrankenkassen.

Als dem System der finanzielle Kollaps drohte, setzte im Frühjahr 1976 eine Sparwelle ein: Die Pharma-Hersteller versprachen stabile Preise, und die Ärzte nahmen Rücksicht auf die wirtschaftliche Lage.

Und kostenbewußt wie nie zuvor geben sich Mediziner wie Patienten, Krankenhäuser wie Zahntechniker in diesem Jahr. »Ein Psychologicum«, staunte Ärztefunktionär Muschallik; Kassenfunktionär Töns: »Krisenbewußtsein fördert Kostenbewußtsein.« Fritz Tervooren schließlich, Geschäftsführer des Bundesverbands der Innungskrankenkassen' beobachtete, »daß Ärzte und Patienten außerordentlich sensibilisiert sind«.

Die ungewohnte Zurückhaltung brachte den Krankenkassen im vergangenen Jahr einen Überschuß von 3,5 Milliarden Mark und 2,5 Milliarden in der ersten Hälfte dieses Jahres. Mit diesem Finanzpolster hoffen die Kassen, die Beitragssätze im nächsten Jahr einigermaßen stabil halten zu können, obwohl ihnen Ehrenbergs Krankenversicherungs -- Kostendämpfungsgesetz eine Mehrbelastung von rund sechs Milliarden Mark jährlich aufbürdet.

Um die desolate Rentenversicherung zu entlasten, hat Bonn seit Juli die pauschalen Überweisungen der Rentenkassen an die Krankenkassen von 17 auf elf Prozent ihrer Rentenausgaben gekürzt. Die gesetzliche Krankenversicherung, die bis dahin schon mit fünf Milliarden Mark jährlich für die medizinische Versorgung der beitragsfreien Rentner aufgekommen ist, muß nun elf Milliarden Mark für die Alten zahlen.

Vor allem wegen dieser Kostenverlagerung von der Renten- auf die Krankenversicherung hatten sich die Kassen heftig gegen »dieses komische Gesetz«, so Walter Riedinger von der Barmer Ersatzkasse, gewehrt. Mittlerweile sehen sie auch einige Vorteile.

Sie vermuten nämlich, daß die seit 1976 angehäuften Überschüsse auch ohne die Mehr-Ausgaben für die Rentner schnell aufgezehrt würden. Fritz Tervooren vom Innungskassenverband: »Wenn wir bei dieser Finanzlage das Gesetz nicht hätten, dann würden uns die Ärzte das Fell über die Ohren ziehen.«

Und Horst Ruegenberg, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Ortskrankenkassen, glaubt gar, daß die Ausgaben bereits angestiegen wären, »wenn es keine gesetzliche Fundierung der Kostendämpfung gegeben hätte«.

Erste Teilergebnisse über die Auswirkungen des Gesetzes verblüfften sogar Experten: In einzelnen Bereichen sackten die Ausgaben drastischer ab als vermutet, etwa bei Arzneimitteln. Vor allem die Rentner hielten sich zurück, seit die Kassen keine Medikamente mehr bezahlen, die »bei geringfügigen Gesundheitsstörungen verordnet werden«, und zudem für jede Arznei eine Mark Selbstbeteiligung fällig ist.

Noch im zweiten Quartal 1977 hatten die Alten sieben Prozent mehr Pillen als im entsprechenden Vorjahres-Zeitraum geschluckt; im dritten Quartal aber, als Mittel gegen Schädelbrummen und Darmträgheit nicht mehr von ihrer AOK bezahlt wurden und für andere Medikamente die Eigenbeteiligung verlangt wurde, verbrauchten die Rentner fast elf Prozent weniger als im Vorjahr -- von einem Quartal zum anderen sparten die Ortskrankenkassen 120 Millionen Mark ein.

Ob das Kostendämpfungsgesetz mit seiner Vielzahl derartiger Positionen aber jene sechs Milliarden Mark einsparen hilft, die von der Renten- auf die Krankenversicherung abgeschoben werden, ist fraglich. Albert Holler, Leiter der Abteilung Gesundheitswesen im Bonner Arbeitsministerium, ist zuversichtlich, daß »dieser Betrag weitgehend durch die erhoffte Wirkung auf alle Beteiligten gedeckt« werden kann. Ärztevertreter Muschallik fürchtet eher, daß »Ärzte und Patienten eins übergebrummt kriegen«.

Denn Ehrenberg hat nicht nur den Kassenpatienten soziale Leistungen gestrichen; er will auch, wie er vergangene Woche auf der Konzertierten Aktion klarmachte, den Medizinern »das kleine Einmaleins der Ökonomie« beibringen.

Künftig soll, so &n Kernpunkt des Gesetzes, die Lohnentwicklung wichtigster Maßstab für die Entwicklung der Arzt-, Zahnarzt- und Arzneikosten sein. Dabei werden die Gesamtaufwendungen, das heißt Menge und Preis der ärztlichen Leistungen, sich ungefähr nach den Lohnerhöhungen richten: Erbringen die Mediziner mehr Leistungen -etwa indem sie mehr Labordiagnostik betreiben oder indem die Zahl der Kassenärzte ansteigt -, dann geht dies zu Lasten der Honorar-Anhebung.

Herbert Ehrenberg ließ sich durch Einreden der Ärztefunktionäre nicht beeindrucken: »Wenn die Anzahl der Dachdecker steigt, muß deshalb nicht auch die Nachfrage nach Dachziegeln steigen.« Will heißen: Der Umstand, daß es mehr Ärzte gibt, darf nicht dazu führen, daß ärztliche Leistungen stärker beansprucht werden »Ein Überangebot an Medizinern«, erläutert Ehrenbergs Gesundheitsexperte Hoher, »ist jetzt das Problem der Ärzte selbst.«

Doch wie den Kassenarzt (Durchschnittseinkommen 1975: knapp 13 000 Mark monatlich) trifft die Entwicklung auch manchen Durchschnittsverdiener: Ein halbes Jahr nach dem Leistungs-Abbau schrauben Kassen bereits ihre Beitragssätze herauf.

Im Januar erhöht -- trotz oder wegen Ehrenbergs Kostendämpfungsgesetz -- beispielsweise die AOK Kiel von 1 1.2 auf 13 Prozent. die AOK Flensburg von 12,7 auf 13,9 Prozent. Die Ersatzkassen folgen etwas später.

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