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Eins-zwei-gsuffa

aus DER SPIEGEL 29/1949

Meine Herren, leuchten Sie hinein in die Angelegenheit. Unser Volk hat ein Recht darauf, alles zu erfahren!« Beschwörend rief es der bayerische Finanzminister Dr. Hans Kraus vor dem Haushaltsausschuß des Landtags. Die »Angelegenheit« ist die Münchner Affäre Blum - Ministerialrat Blum, der verantwortlich zeichnet für die Gewährung von Darlehen aus Mitteln des staatlichen Hofbräuhauses an das Stuttgarter Hotel »Royal«.

Das Stuttgarter Hotel »Royal«-Banzhaf war seit über 50 Jahren einer der besten Bierkunden des Hofbräuhauses. 1943 wurde das Hotel, gleichzeitig Hauptniederlage des Hofbräuhauses für Südwestdeutschland, zu Boden gebombt. Vier Jahre später schachteten Arbeiter dort wieder aus. Der Direktor des Hofbräuhauses, Karl Lense, hatte »ja« gesagt, als Stuttgart mit Kreditbitten anklopfte, und Ministerialrat Blum hatte das heimliche »ja« des Finanzministeriums gegeben. So rollten zwei Jahre lang unbeobachtet 790000 Mark und etliche Lastzüge mit Baumaterial über die Landesgrenze nach Stuttgart, bis Heribert Kraus als zweiter Braumeister ins Hofbräuhaus kam und alles aufdeckte.

»Wie kommt der Sohn des Herrn Ministers auf diesen Posten?« fragte die Blumfreundliche Presse. Finanzminister Hans Kraus hatte oft gesagt: »Bilde Dir gar nicht ein, daß Du zum Hofbräuhaus kannst, solange ich Minister bin.« Er wußte, daß man Skandale wittert, wenn Söhne von Ministern etwas werden.

Aber Heribert Kraus hat vor zwanzig Jahren im Hofbräu beim alten glatzköpfigen Braumeister Georg Schindlbeck gelernt. Nach Lehr- und Wanderjahren in Naumburg und Rosenheim zog es ihn nun zum heimatlichen Münchner Bier. Als der Vater einmal auf Urlaub war, machte der zuständige Staatssekretär Dr. Hans Müller den Vertrag ohne den Minister.

Was aus dem stillgelegten Rohbau in der Stuttgarter Bolz-Straße wird, ist ungewiß. Vorerst hat der weiß-blaue Finanzsäckel natürlich einmal jeden Kapitalexport unterbunden. Aber gebrauchen könnte das Hofbräuhaus die eigene Ausschankstätte schon. Darüber ist man sich in München einig, denn die wirtschaftliche Lage des Hofbräus ist trist.

Früher, in normalen Jahren, hatte das Bräuhaus 120000 Hektoliter Ausstoß im Jahr. Heute braut es gerade noch ein Drittel davon - das Schicksal aller deutschen Großbrauereien. Früher war der Name »Königliches Hofbräuhaus« ein Begriff in der Welt. Aber der Konkurrenzkampf war fürchterlich. Doch der Name Hofbräu und das Zeichen »HB« mit der Krone darüber waren einmalig.

Zwar versuchten Brauereien in den USA mit großem »Hofbräu«, klein darüber »Millers« oder »Andersons«, irrezuführen. Zwar machte es Japan ebenso und goß sein »Hofbräu« billiger als das deutsche Original auf den Weltmarkt. Aber Kenner schmeckten den geringen Unterschied.

Heute ist der Export »zeitgemäß«. Die Konkurrenz hat viele neue Kehlen erobert. Der deutsche Bierpreis liegt über dem Weltmarktpreis, und Indien, einst Hauptabnehmer, dürstet in der Prohibition.

»Maibock«, nur für Export, ist heute 18Sprozentig. Das ist ein für Deutschland fast unbekannter »Stammwürzgehalt«, wie es amtlich heißt. Nur achtprozentiges Bier gestattet eine gültige bizonale Verordnung aus der darbenden Reichsmarkzeit, vom Amtsschimmel bärtig herübergerettet. Die Brauereien auf dem Lande kümmern sich schon lange nicht darum und brauen, was sie wollen. Das Hofbräuhaus ist staatlich und konservativ.

Konservativ sind auch die Anlagen. Im Lagerkeller gibt es nur gepichte Holzfässer, keine Aluminiumfässer wie bei den modernen Brauereien.

Aber die Flaschenfüllerei muß Heribert Kraus doch vergrößern lassen. Der deutsche Bierfreund ist mit den Jahren dazu übergegangen, die sogenannte Gemütlichkeit von der Schenke in die eigenen vier Wände zu verlagern. Ein Drittel allen Biers wandert heute in Flaschen aus der Brauerei.

Die Tendenz »Trinke zu Hause« merkt man auch im Münchner Hofbräuhaus am Platzl, einst ein besonders knalliger Stern am internationalen Bädeker-Himmel: Heute sind Schwemme und Trinkstuben selbst in besten Zeiten nur mäßig besetzt.

Der Bierkonsum ist gering. 15 bis 18 Hektoliter pro Tag. Wenn es Münchener Kellerwetter ist und Samstag dazu, vielleicht auch 22 Hektoliter. Aber früher lag der Durchschnitt bei 35 Hektoliter pro Tag. Damals kostete der Liter auch nur 42 Pfennig, heute dagegen 80 Pfennig. Damals war das Hofbräuhaus die größte Bierausschankstelle der Welt.

Die vollbusige alte Hofbräuhauskellnerin ist ausgestorben. Die Bräuhaus-Kellnerin von 1949 ist mager. Nur die Seniorin der Schwarzgekleideten, Anna Kainz, macht eine Ausnahme.

So ein paar Jahre über 25 bedient die Anny am Platzl. Aber jetzt macht es keine rechte Freude mehr. Denn auch ihre Stadelheim-Ecke, so genannt, weil die vergitterten Fenster an das Münchner Gefängnis erinnern, steht meistens leer. Die Stammkunden in dieser Honoratioren-Ecke, sonst um zwei bis drei Zentner schwer, sind weggestorben. Damals hatte jeder seinen eigenen Maßkrug. Heute besitzt Anna gerade noch sechs dieser historischen Gefäße.

Für die heutige Situation hat Anna nur die härtesten Vokabeln; die mit »bescheiden« nicht viel gemeinsam haben. Es fing schon an, als unter Hitler die KdF-Schwärme Münchner Gemütlichkeit kollektiv genießen wollten. Das vertrieb so manchen Duz-Stammgast von seinem Holztisch. Andere wanderten aus »Stadelheim« aus, als auf NS-Weisung hin Gardinen vor die vergitterten Fenster kamen.

Diese Gardinen zeigten Hoheitsadler, es war sozusagen eine Wendemarke in der langen Geschichte des Bräuhauses, die mit Herzog Wilhelm Dem Frommen begann, mit Herzog Wilhelm, der, um sich aus Geldnot zu sanieren, 1589 ein eigenes Hofbräuhaus gründete. Eintausendvierhundertsiebenundsiebzig und einen halben Gulden kostete das neue Hofbräuhaus, und in den ersten Jahren schenkte es schon 422 Eimer Winterbier und 2343 Eimer Sommerbier aus.

Mit dem alten Bräuhaus-Betrieb sind auch fast sämtliche Originale verschwunden. Nur ein einziger »Noargel-Schlecker«, ein verkrachter Theologe, geht noch von Tisch zu Tisch und schleckt Bier- und Speisereste. Einzig die Souvenir-Jäger sind immer noch tätig. 90 Gläser mit dem blauen »HB« und 25 Maßkrüge werden durchschnittlich pro Monat mitgenommen. Das Hofbräuhaus wird von den Zugereisten immer noch gefunden, wenn auch auf der Fassade nur noch das »äu« stehengeblieben ist.

Zum Fasching 1950 soll trotz allem der große Festsaal wieder biertanz-bereit sein. Daran ändert auch das in Stuttgart verbaute Kapital nichts.

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