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JAPAN Eins, zwei, in Ordnung

Drill, Schikane, grausame Strafen: Amnesty International beklagt die brutale Gefangenenhaltung in japanischen Anstalten, die einer reichen Industrienation unwürdig ist. Ein deutscher Häftling erzählt dem SPIEGEL seine Leidensgeschichte.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Den Blick verängstigt nach unten gerichtet, hocken die Häftlinge an den Tischen. Keiner wagt es, den Kopf zu heben, keiner rührt sich. Nur als die Eisentür aufgeht, schaut ein schmächtiger Mann unwillkürlich auf.

Das ist ein Fehler. Brüllend springt ein hellblau uniformierter Aufsichtsbeamter auf den Regelverletzer zu und schlägt ihm mit der flachen Hand so fest ins Gesicht, daß Blut aus der Nase spritzt. Dann kehrt unheimliche Stille ein. Die Gefangenen arbeiten weiter.

Einwöchiger Gewöhnungskurs in der Trainingsfabrik des Gefängnisses Fuchu in Tokio: Hier sollen Neuankömmlinge den militärischen Drill verinnerlichen, dem sie sich in den kommenden Jahren reflexhaft fügen müssen. Einer von ihnen ist der Deutsche Jürgen Knobel. Vom ersten Tag an kapiert er, »daß ich in Fuchu für alle Dummheiten meines Lebens würde büßen müssen«.

Knobel, bei Haftantritt 44 Jahre alt, war früher Polizeimeister beim Bundesgrenzschutz. Daß er als Häftling Nummer 4164 in Japans größtem und berüchtigstem Knast landete, verdankt er krimineller Leichtfertigkeit. Der Ex-Beamte, der im Verlauf einer verschlungenen Aussteiger-Karriere Wirt der Rotlicht-Bar »Jürgens Knobelbecher« im thailändischen Ferienort Pattaya geworden war, ließ sich im Mai 1995 mit 4263 Gramm Haschisch im Koffer auf dem Tokioter Flughafen Narita erwischen.

Es war Knobels erste Japan-Reise. Dealer hatten ihn gedrängt, das in Südostasien billige Rauschgift ins reiche Industrieland Japan zu schmuggeln. Dort wollten die Auftraggeber es zu Höchstpreisen verkaufen. Doch wie viele Drogenkuriere kam Knobel dafür nach Fuchu.

Schon in der U-Haft hörte Knobel Schauderhaftes über diesen Ort. Immer wieder, zuletzt noch im Oktober dieses Jahres, haben Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International die brutalen Methoden japanischer Haftanstalten angeprangert. Fuchu gilt als Knast, in dem Gefangene »wie Tiere« (Amnesty) gehalten werden.

Fast 2300 Häftlinge, darunter 450 Ausländer, leben derzeit in Fuchu. Nur wenige sind bereit, unter vollem Namen über ihre Erlebnisse zu berichten. Knobel, den die Japaner Ende September nach dreieinhalb Jahren wegen guter Führung vorzeitig entließen, möchte mit seiner Geschichte potentielle Nachahmungstäter abschrecken: »Die ahnen ja nicht, was für eine Tortur sie im japanischen Knast erwartet.«

Schon nach dem Wecken um 6.45 Uhr müssen die Insassen höllisch aufpassen. Wer sich etwa beim Waschen mit nassen Fingern durch das Haar fährt, riskiert »Chobatsu« (Bestrafung). Denn inklusive Haarwäsche dürfen sich die Gefangenen nur zweimal pro Woche (im Sommer dreimal) von Kopf bis Fuß im gemeinsamen Bad reinigen.

Wenn sie aus ihren Zellen auf den Gang treten, haben sich alle auf einen weißen Strich neben der Tür zu stellen, Nasenspitze zur Wand. Dann marschieren sie im Gänsemarsch zackig in die Fabriken, immer der Linie entlang. In der Fabrik müssen sie sich vor Arbeitsbeginn nackt ausziehen, sich breitbeinig an die Wand stellen und gründlich untersuchen lassen.

Die ersten 20 Monate in Fuchu arbeitet Knobel in »Fabrik 16«, einem von 28 Zwangsarbeitsbetrieben mit rund hundert japanischen und ausländischen Häftlingen. Von 8 bis 17 Uhr verschrauben sie Möbelscharniere. Die Insassen leiden weniger unter der stupiden Arbeit als unter dem undurchschaubaren Dickicht rigoroser Verhaltensregeln, die die Wärter zur Willkür einladen. Häftlinge dürfen nicht aufblicken und sich nicht unterhalten. Stets müssen sie in vorgeschriebener Haltung sitzen und sich wie Roboter auf Kommando bewegen.

Der Oberaufseher von Fabrik 16 ist ein Mann, der seine Macht sadistisch ausschöpft. Einen Anlaß findet er immer, so bei einem Engländer, der an Durchfall erkrankt ist. Laut Haftregeln sollen sich die Gefangenen angewöhnen, ihre Notdurft nur »vor Beginn der Arbeit oder während der Pausen« zu verrichten. Erst dann dürfen sie den Glaskasten am Ende des Werkraums betreten: In Zehner-Reihen stellen sie sich vor den Toiletten auf, über ihnen droht das zweisprachige Schild »zatsudan kinshi - don't talk«. Die Hände an der Hosennaht, brüllen sie »yoshi« (in Ordnung). Danach dürfen sie eintreten und sich erleichtern.

So lange kann der Engländer aber nicht warten, er macht in die Hose. Zur Strafe läßt der Aufseher ihn exerzieren und dazu brüllen: »ichi-ni, ichi-ni« (eins-zwei, einszwei). Am Ende muß er vor allen die Hose herunterlassen, keiner hebt den Kopf, denn jeder könnte der nächste sein.

Ex-Polizist Knobel beobachtet, wie selbst hartgesottene japanische Gangster - die gefürchteten Yakuza - den Aufseher um Gnade anflehen. Tagelang muß ein Yakuza im Winter zur Strafe vor dem offenen Fenster strammstehen. Nicht einmal während der Essenspause darf er sich bewegen, Beamte füttern ihn.

Knobel und seine Leidensgenossen nennen ihren Arbeitsplatz die »Horrorfabrik«. Mal lassen Wärter sie bis zum Umfallen auf der Stelle marschieren, mal schlagen sie gleich drauflos. Einen Malaysier richten sie im März 1997 besonders übel zu. Der Mann leidet unter »Mizumushi« - das japanische Wort für Fußpilz, das Ausländer in Fuchu mit als erstes lernen. Seine Füße sind so stark geschwollen, daß sie kaum noch in die Plastik-Puschen mit der Häftlingsnummer passen. Als der Asiate trotz Verbots mit verbundenen Füßen zur Arbeit erscheint, stoßen zwei Beamte ihn so lange hin und her, bis er in Abwehr die Hände hebt.

Darauf haben sie offenbar nur gewartet. Auf ein Alarmsignal hin fliegen an beiden Enden des Werkraums die Stahltüren auf, Wachmänner stürzen herein. In den Händen schwingen sie Stahlruten mit Kugeln an der Spitze. Zwei Beamte stoßen den Malaysier zu Boden, ein dritter tritt ihn derart heftig, daß Knobel die Knochen knacken hört.

Wie ein Stück Schlachtvieh ziehen die Beamten den Blutenden hinaus. Für Wochen verschwindet er im »Chobatsu«-Haus. Was ihm dort widerfährt, können die anderen nur ahnen. Schlimmstenfalls landet er in der »Schutzzelle« (Hogobo), die bei den Gefangenen »Holzfaß« heißt.

Mit den mittelalterlichen Vollzugspraktiken in diesen knapp sechs Quadratmeter großen, fensterlosen Zellen befassen sich derzeit japanische Gerichte. Ermutigt durch Juristen, die 1994 ein Zentrum für Gefangenenrechte in Tokio gründeten, haben ehemalige Häftlinge die Anstaltsleitung wegen Mißhandlungen verklagt.

Einer von ihnen ist der Japaner Takashi Akemitsu, der wie Knobel in Fabrik 16 schuftete. Weil er im Februar 1994 einen Zellennachbarn im Streit mit einem Kugelschreiber stach, mußte der damals 68jährige zwei Tage lang ins Holzfaß. Mit einem Spezialledergurt schnürten die Wärter ihm eine Hand vor den Bauch, die andere auf den Rücken. Der sowohl mit Leder- als auch mit Metallhandschellen versehene Riemen drückte ihm die Gelenke »wie glühende Zangen« ein. Verschnürt wie eine Fleischroulade lag Akemitsu auf dem Zellenboden. Das Essen stopften ihm die Aufpasser mit einem Löffel in den Mund. Anschließend zogen sie den Gürtel noch fester zu und traten ihn, bis er sich übergab.

Welche Todesangst der frühere Bergmann ausstand, hielt er später in einer Bleistiftzeichnung fest: Bäuchlings, das Gesicht im Erbrochenen, lassen ihn die Wärter allein in der Zelle liegen. »Ich bekam keine Luft mehr. Um zu atmen, robbte ich zur Toilette und hielt das Gesicht darüber.«

Die Kloschüssel ist in den Fußboden eingelassen. Ihre Notdurft müssen die Bewohner des Holzfasses durch einen breiten offenen Schlitz ihrer Spezialhose ("mataware") verrichten, denn die Hände können sie nicht benutzen. Dabei überwacht sie ein Kameraauge in der Zellendecke. Die stinkenden Exkremente bleiben in der Schüssel liegen, bis die Bewacher sich erbarmen und von außen die Spülung betätigen.

Die im Winter ungeheizte und im Sommer oft schwülheiße Zelle wird durch einen winzigen Ventilator in der Holzwand nur schwach belüftet. Am dritten Tag kommt Akemitsu in eine andere Einzelzelle: Dort muß er anderthalb Monate lang tagsüber im Schneidersitz wie eine Buddha-Statue ausharren und auf einen Punkt an der Wand starren. Verdreht er die Augen, droht ihm erneut die Rückkehr ins Holzfaß.

Immer wieder erlebt Knobel, wie Mithäftlinge »geistig belämmert« vom »Chobatsu« zurückkommen. Doch auch der alltägliche Knastdrill läßt viele innerlich zerbrechen, vor allem Ausländer. Ohne Dolmetscher verstehen sie oft nicht einmal den Sinn der auf japanisch gebrüllten Befehle, was den Zorn der Wärter auslöst.

Japanische Gefangene tun sich da leichter: Von Kindheit an sind sie dazu erzogen, sich der Gruppe unterzuordnen. Auch Erwachsene sind es gewohnt, daß ihnen in Zügen oder an Badestränden per Lautsprecher Verhaltensregeln eingeschärft werden. Konformismus und konfuzianischer Gehorsam bescheren dem Inselvolk eine Kriminalitätsrate, die um ein Mehrfaches niedriger als die amerikanische oder die deutsche ist.

Fuchu nimmt sich fast wie eine bösartige Karikatur der japanischen Gesellschaft aus. Erzieherisches Leitmotiv: »Ein Nagel, der herausragt, muß eingeschlagen werden.« Und die Instrumente, den Gestrauchelten Gruppengeist einzutrimmen, sind Knüppel und Megaphon.

Nein, Schikane sei das alles nicht, sagt Atsushi Kasuga von der Gefängnisverwaltung, als er Fuchu ausnahmsweise für eine Besichtigung öffnet. Man wolle die Häftlinge nur vor Arbeitsunfällen schützen. Im übrigen: Mißhandlungen kämen nicht vor, und in die »Schutzzelle« würden Insassen nur gesteckt, um sie zu beruhigen, und das auch nur für kurze Zeit. Als zitiere er aus einem Lehrbuch des klassischen Konfuzianismus, preist er die »väterliche Fürsorge«, mit der die Fabrik-Oberaufseher ihre »geliebten Kinder betreuen«.

Sicher gibt es in Fuchu auch humane Wächter. So bricht der Chef von Fabrik 13, wo Knobel zum Schluß über 2000 Heizplatten pro Tag montiert, in Tränen aus, als einer seiner Häftlinge im Gefängnis-Krankenhaus stirbt. Doch in Fuchu wie in den meisten anderen japanischen Anstalten wache das Personal »geradezu besessen« über die Einhaltung der Regeln, kritisiert der Rechtsprofessor Toshikuni Murai. Japans Gefängnisgesetz stammt noch von 1908, erst 54 Jahre zuvor hatte sich das Land nach Jahrhunderten der Isolation geöffnet. Bis dahin saßen in Nippons Zellen vor allem Todgeweihte: Selbst kleine Vergehen wurden üblicherweise mit dem Leben bezahlt.

Mit den Verliesen der Shogune hat Fuchu gewiß wenig gemein. Doch über dem 23 Hektar großen Areal mit den beige getünchten Fabrikgebäuden liegt eine drückende Stille. In der Schuhfabrik blicken die Insassen nicht einmal auf, wenn Besucher durch die Halle geführt werden. Ein älterer Japaner, der offenbar pausieren darf, sitzt mit geschlossenen Augen vor der Nähmaschine, die Arme vorschriftsmäßig abgewinkelt - als sei er selbst eine mitten in der Bewegung gestoppte Maschine.

Selbst wenn sie abends in ihren Zellen saßen und schliefen, war Knobel und seinen Mitgefangenen die Körperhaltung genau vorgeschrieben. Auf keinen Fall durfte ein Bein unter der Bettdecke hervorragen. Im Winter froren dem Deutschen in der ungeheizten Zelle vor Bewegungsmangel die Zehen ein, ständig schmerzte sein Rücken.

Am meisten aber leiden die Ausländer unter der Einsamkeit. Anders als Japaner, die zu viert in einer Zelle untergebracht sind, bleiben sie grundsätzlich in Einzelhaft. Nur Besuche von Verwandten sind erlaubt, und die dürfen nur wenige Minuten verweilen. Auch Post ist nicht uneingeschränkt zugelassen. Nur auf Umwegen gelang es Knobel, seinem deutschen Anwalt Hans Grünbauer aus Frankfurt, der in Japan keine Zulassung besitzt, zu schreiben: Er gab ihn als seinen Cousin aus.

An einem Brief, auf den Knobels thailändische Frau mit Lippenstift einen Kuß gedrückt hatte, nahmen die Zensoren in Fuchu Anstoß. Ein freundlicher Beamter zerriß den Liebesgruß aber erst, nachdem er ihn Knobel kurz vor die Augen gehalten hatte.

Erleichterung brachten Knobel die Schlaftabletten, die ihm der Gefängnisarzt in hohen Dosen verschrieb. Zurück in Deutschland versucht er, ohne die Pillen auszukommen. Aber fast jede Nacht schrecken ihn Alpträume auf.

Dann dröhnt in seinem Kopf wie aus einem Megaphon der japanische Marschbefehl, den er sein Leben lang nicht vergessen wird: »Ichi-ni, ichi-ni.«

WIELAND WAGNER

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