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Einsatz für Tahir All Salim

aus DER SPIEGEL 43/1977

Während dreier Jahre schrieben Mitglieder der Amnesty-Gruppe 028 in Hamburg in ihrer Freizeit gegen hundert Briefe und Postkarten an sowjetische Behörden und fragten nach dem Verbleib des ukrainischen Genossen Karawanski. Dann, im Juli dieses Jahres, kam zum ersten Mal eine Antwort:

»Die Person, über die Sie mich befragen, ist weder mir noch meinen zahlreichen Freunden und Genossen bekannt«, schrieb ihnen Valerij Rebinin vom sowjetischen Juristenverband. Und: »Bitte, entschuldigen Sie meinen Rat, aber ich denke, daß es in Ihrem Land genügend eigene Probleme gibt, um die sich zu kümmern wichtig wäre.«

Die Abfuhr aus Moskau wirkte auf die Amnesty-Leute dennoch stimulierend: Für sie ist eine schlechte Antwort besser als gar keine, denn sie beweist, daß ihre Briefe wenigstens gelesen werden.

Im Verlauf der jahrelangen Retreuung politischer Gefangener haben die Mitglieder der Gruppe die Tugend der Bescheidenheit erworben. Sie sehen in ihrem Tun eine Sisyphusarbeit, getragen von einer Trotzdem-Haltung, deren moralischer Wert wenigstens außer Zwei-fel steht. Beharrlichkeit und Resignation halten sich die Waage.

Die Hamburger Gruppe 028 hat es da besonders schwer, im Gleichgewicht zu bleiben. Denn ihre Fälle sind fast hoffnungslos.

Swjatoslaw Iossipowitsch Karawanski etwa wird in der Sowjet-Union seit 1944 mit einer kurzen Unterbrechung hinter Gittern gehalten -- angeblich weil er antisowjetische Schriften verfaßt habe. Tatsächlich hat er sich in Petitionen und Artikeln gegen die Unterdrückung der ukrainischen Kultur gewandt.

Die Betreuer kennen inzwischen die Haftbedingungen in sowjetischen Anstalten und haben Leute aufgetrieben, die kyrillisch Schreibmaschine schreiben können. Trotzdem weiß niemand in der Gruppe, ob sich wenigstens Karawanskis Haftbedingungen gebessert haben.

Noch schlimmer steht es mit den beiden anderen Fällen, dem Bibliothekar Ban Sen-hok, der seit 1969 in irgendeinem Gefängnis Indonesiens sitzt, der nie einen Prozeß bekam und bis heute kein Lebenszeichen gab -- und dem Brasilianer Bento Ventura de Moura, der 1972 hinter Gitter kam, angeblich weil er eine sozialistische Partei aufzubauen versuchte. Niemand weiß, ob der Mann noch lebt.

Im Vergleich dazu scheint die vierte und jüngste »Gefangenen-Adoption« (Amnesty-Bezeichnung) der Gruppe 028 ungleich erfolgreicher: Seit Beginn des Jahres kümmern sich drei Gruppenmitglieder um Tahir Ah Salim, der 1972 von der Insel Sansibar nach Tansania fliehen mußte, aber dort ohne Anklage in Haft gesetzt wurde.

Mit Akribie recherchierten die AI-Amateure die Genesis der Inhaftierung von Salim, ermittelten seine Familienangehörigen, schickten Geld. schrieben an Anwälte, Behörden und Entwicklungshelfer und informierten Politiker. Auch wurden Tansania-Reisende angesprochen, Konsulate und Botschafter der afrikanischen Republik angegangen -- ein breites Instrumentarium, dessen Handhabung ein spezielles »AI-Handbuch für die Gruppenarbeit« erläutert.

Vier Adoptionen wie 028 haben nur wenige AI-Gruppen. Früher wurden nach eiserner Amnesty-Regel drei Gefangene pro Gruppe betreut, heute sind es oft nur mehr zwei, und zwar »aus zwei verschiedenen politischen Systemen«, wie die Londoner Zentrale sagt.

028 ist denn auch mit rund 20 Mitgliedern größer als andere Gruppen; der Durchschnitt liegt derzeit bei 15. Doch jeden Monat melden sich allein im Raum Hamburg gegen 30 Bewerber. Dort gibt es 36 verschiedene, als AI-Bezirk geführte AI-Gruppen.

Die Gruppe 028 wurde schon vor zehn Jahren gegründet. Trotzdem sind die meisten Mitglieder kaum 30, von den damaligen Gründern ist schon lange niemand mehr dabei. Vor einigen Wochen kamen wieder neue dazu, zwei Altgediente wollen sich zurückziehen. Sie zeigen Verschleiß, wirken resigniert. »Irgendwann«, sagt ein älteres Mitglied, »kriegt man die Nase voll.«

Wer richtig einsteigen will, muß viel Zeit geben können. Bei 028 opfern etwa zehn Mitglieder einen Nachmittag pro Woche für die Gefangenenarbeit und zwei Abende pro Monat für Gruppensitzungen, die meist im Hamburger Bezirks-Sekretariat, Zimmerstraße 45, abgehalten werden, Zudem machen sie bei gezielten Kampagnen (etwa zur Abschaffung der Folter) oder bei Aktionen auf der Straße mit.

Viele der Rechercheure haben sich im Verlauf der Betreuung zu Länder-Spezialisten fortgebildet, die ihr Wissen in gesonderten Koordinations-Gruppen auch anderen AI-Leuten zur Verfügung stellen. Dieser Trend zur Spezialisierung und Arbeitsteilung wird in vielen Gruppen bereits bitter beklagt, weil er den Zusammenhalt gefährde.

»Unser Herz, das für Amnesty schlägt«, nennt AI-Generalsekretär Martin Ennals in London die Gruppen. Sie stehen per Satzung jedem offen, sollen frei sein von Vereinsmeierei und funktionieren direktdemokratisch wie der Prototyp der Bürgerinitiative: Man diskutiert lieber, bis Übereinstimmung herrscht, als Mehrheitsbeschlüsse durchzupauken.

Mit dem Konsens entfaltet sich das Gefühl für Zusammengehörigkeit -- oft ist nicht auszumachen, ob Engagement für die Menschenrechte oder der Wunsch nach Geborgenheit stärkeres Motiv ist.

Gerade die Amnesty-Veteranen mit viel Gruppenerfahrung wissen, daß oft »nur die Nestwärme der Gruppe für die Frustrationen bei der eigentlichen Betreuungsarbeit entschädigt«, wie ein Anwalt nach zehn Jahren Mitarbeit sagt: Ängste vor einer Gefahr für die Gemeinschaft kommen meist vor der Einsicht in die Logik der Arbeitsteilung.

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