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»Einspruch - Mr. President!«

Alexander Haig über seine Amtszeit als Reagans Außenminister (l) _(1984 by Alexander M. Haig, Jr. Deutsche ) _(Rechte Linder AG Zürich/William Morris ) _(Agency New York. ) *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Reagan und ich trafen im Herbst 1978 in seinem Haus in Kalifornien zusammen. Bei dieser Gelegenheit sprachen wir hauptsächlich über Edgar Bergen. Der berühmte Bauchredner war gestorben und Reagan gerade eben von der Beerdigung zurückgekehrt. Reagans heiter gastliche Stimmung war durch die Trauer, die er empfand, gedämpft. Er und Bergen waren langjährige Freunde gewesen. Der Abschied am Grab war ihm offensichtlich nicht leichtgefallen.

Reagan war müde. Er sah abgespannt aus. Mit seinen Gedanken war er bei dem Freund. Auf der Manschette seines Hemdes war ein kleiner trauriger Fleck von Bühnen-Schminke - Stigma des Politikers in unserem Fernseh-Zeitalter.

Reagan begrüßte mich höflich, erzählte eine oder zwei liebevolle Anekdoten über Bergen und führte mich nach dem Cocktail ins Eßzimmer. Den Abend hatte einer der anderen Gäste arrangiert: Richard V. Allen, den ich schon aus Kissingers Nationalem Sicherheitsrat kannte.

Damals war ich noch Alliierter Oberbefehlshaber in Europa, obwohl ich bereits die Absicht erklärt hatte, von diesem Posten zurückzutreten und in wenigen Wochen aus der Armee auszuscheiden.

In Europa hatte ich einige Erklärungen über die amerikanische Politik gegenüber der Sowjet-Union abgegeben, die von der Presse als Kritik an der Politik meines Obersten Befehlshabers, Präsident Jimmy Carter, gewertet worden waren. Daraufhin hatte Allen mich angerufen, um mir mitzuteilen, daß Reagan bei meinem nächsten Heimaturlaub gern meine Einschätzung der Lage in Europa erfahren würde.

An diesem Abend war ich mit einem Verkehrsflugzeug von St. Louis, wo ich für die Nato zu tun hatte, nach Kalifornien geflogen, um mit den Reagans in ihrem schlichten Haus auf den Hügeln oberhalb von Los Angeles zu Abend zu essen.

Nancy Reagan ist eine der charmantesten Gastgeberinnen Amerikas. Bei der ersten Begegnung, zuweilen auch noch danach, macht sie den Eindruck vorsichtiger Schüchternheit. Sie besitzt aber eine lebhafte, spritzige Intelligenz, eine ungezwungene Gabe, Konversation zu machen, und ein untrügliches Gespür für die Stimmung ihres Mannes.

Es war eine kleine Dinnerparty. Unter den Gästen befanden sich außer Allen mein Adjutant, Major Seth Hudgins, und Peter Hannaford, Geschäftspartner Michael K. Deavers in einer Washingtoner PR-Agentur und führender Taiwan-Lobbyist.

Ronald Reagan war erschöpft. Nancy Reagan war aufmerksam, sogar besorgt um ihn bemüht und versuchte, es ihrem Mann leichter zu machen, indem sie ihm die Last des Abends weitestmöglich abnahm. Hannaford unterstützte sie dabei zurückhaltend, aber wirksam.

Unter Assistenten ist es üblich, die großen Männer, für die sie arbeiten, gegen die Zudringlichkeiten Fremder abzuschirmen. An diesem Abend aber gingen die Bemühungen, Reagan zu schützen, ja, selbst Fragen zu beantworten, die an ihn gerichtet waren, über das übliche Maß hinaus. So war Reagan ein ziemlich stiller Dinner-Partner.

Obwohl ich die Gründe verstand, muß ich doch zugeben, daß ich enttäuscht war, ihn nicht besser in Form zu sehen. Reagan begann gerade erst, als ernsthafter Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner hervorzutreten. Persönlich glaubte ich, daß jeder Kandidat der Republikaner zum Präsidenten gewählt werden würde, wenn er nicht gerade ein Extremer vom rechten Flügel war.

Ich war mit der Absicht gekommen, Reagan Fragen zur Innen- und Außenpolitik zu stellen. Statt dessen beantwortete ich sie selbst. Nancy Reagan führte geschickt die Unterhaltung. Ich stellte fest, daß sie klare und vernünftige Ansichten über die tagespolitischen Ereignisse hatte. Wir sprachen über die Nato, über die interne Lage unserer Verbündeten und über die sowjetische Hochrüstung. _(In Beverly Hills, Oktober 1978; links ) _(hinter Reagan: Talkmaster Johnny Carson. )

Reagan war freundlich präsent. Er lächelte über Witze, steuerte gelegentlich eine Bemerkung bei und blickte mit tiefer Zuneigung und Bewunderung auf seine Frau.

Der Abend verlief so angenehm, und Nancy Reagan war eine so bezaubernde Gesprächspartnerin, daß ich auf der Rückfahrt zum Flughafen mit einiger Überraschung feststellte, daß ich kaum ein Wort mit dem Mann gewechselt hatte, der - wie ich annahm - der 40. Präsident der Vereinigten Staaten sein würde.

Fast zwei Jahre später, im Juli 1980, rief mich Mike Curb an, damals Stellvertreter des Gouverneurs in Kalifornien und Mitglied von Reagans Wahlkampf-Team. Er würde sich freuen, so Curb, wenn ich zum Wahlparteitag der Republikaner in Detroit kommen könnte, um dort über Außenpolitik zu sprechen.

Ich hatte Bedenken, sagte aber zu. Die Delegierten schienen meine Rede mit Interesse aufzunehmen. Ich befürwortete eine Politik, die weitgehend der entsprach, für die ich später während meiner Tätigkeit unter Reagan eintrat. Hinterher schüttelte mir mein alter Freund Justin Dart, Mitglied des Schattenkabinetts, die Hand und sagte: »Du bist unser nächster Außenminister.«

Nach Reagans Wahlsieg rief mich Richard Allen, künftiger Sicherheitsberater des Präsidenten, an, um mir mitzuteilen, ich sei als Kandidat für einen Kabinettsposten vorgesehen. Er lud mich zu einem Essen zu Ehren von Premierminister Seaga von Jamaika in das Washingtoner Madison-Hotel ein.

Vor dem Essen wurde ich von Reagans Beratern Edwin Meese III, James Baker III und Paul Laxalt, Senator von Nevada und Freund des Präsidenten, zu einem kurzen Gespräch gebeten.

Zuerst fragten sie mich, ob ich im Zusammenhang mit Watergate etwas zu verbergen hätte. Ich hatte nichts zu verbergen. Dann fragte mich Meese, ob ich

Präsident werden wolle. Ich wollte nicht. Eine seltsame Frage.

Gerade eben hatte Meeses eigener Mann, der Republikaner Ronald Reagan, einen überwältigenden Wahlsieg errungen. Er hatte keinerlei Konkurrenz von einem anderen Republikaner zu befürchten.

Beim Essen wandte sich Meese zu meiner Frau und sagte: »Keine Sorge, er wird es schaffen.« Pat gab diesen geheimnisvollen Leckerbissen auf ihre Weise zurück: »Meine Sorge ist, daß Sie es schaffen werden.«

Später sagte mir William Simon, der selbst als Anwärter auf einen Kabinettsposten galt, ich sei als Außenminister vorgesehen. Ich begann die Geschichte jedoch erst ernst zu nehmen, als mir Nixon in seinem vertrauten Bariton eines Tages am Telephon sagte, Reagan habe beschlossen, mich zu fragen, ob ich sein Außenminister werden wolle. Und wenn es um Belange der Partei geht, weiß Nixon gewöhnlich, wovon er spricht.

So saß ich am 11. Dezember 1980 mit einer beginnenden Grippe in meinem Büro, als das Telephon klingelte. »Ron Reagan«, sagte eine freundliche Stimme. »Al, ich rufe Sie an, um Ihnen zu sagen, daß ich mich freuen würde, wenn Sie zu meiner Mannschaft stießen und mein Außenminister werden würden.«

Reagan fuhr fort, daß Richard Allen als Sicherheitsberater sich darauf beschränken würde zu koordinieren. »Sie kennen meine Vorstellung von der Rolle des Außenministers«, sagte Reagan. »Er wäre der Sprecher. Eine Wiederholung der Kissinger-Rogers-Situation werde ich nicht zulassen. Ich rechne mit Ihnen, Al!«

Ich erbat einen Tag Bedenkzeit. Der Rat meiner Frau war mir wichtig. Es fiel mir nicht leicht, Pat zu fragen, ob sie ihr bisheriges Leben, das sie liebte, aufgeben wolle. In den langen Jahren, in denen ich Uniform trug, hatte ich gelernt: Wenn der Oberste Befehlshaber einen Amerikaner um Mitarbeit bittet, darf der sich nicht verweigern. Und ich wollte den Job. Ich nahm an. Nach der Wahl hielt sich Reagan zunächst in Kalifornien auf. Wenn seine Mitarbeiter von ihm sprachen, nannten sie ihn immer noch den Gouverneur, als fiele es ihnen ebenso schwer, von den goldenen Zeiten seiner Rolle als Star und Gouverneur Abschied zu nehmen, wie ihm selbst, die Pazifik-Küste zu verlassen.

Anfang Januar 1981 kam Reagan dann aber doch wieder nach Washington. Am 6. Januar vormittags suchte ich ihn auf, um die aktuellen weltpolitischen Ereignisse, vor allem aber die Struktur seiner zukünftigen Außenpolitik mit ihm zu besprechen.

Für die Besprechung waren dreißig Minuten vorgesehen, und es gab viel zu erledigen. Wenn man es mit einem Präsidenten zu tun hat, muß man (1) die reine Wahrheit sagen, egal wie unerfreulich sie ist, und (2) sparsam mit dessen Zeit umgehen.

Später hörte ich, ich hätte auf den Präsidenten kurz angebunden gewirkt. Vielleicht war ich zu schnell zum Kern der Sache vorgestoßen, weil ich seine Art, mit den Dingen umzugehen, nicht kannte; vielleicht war auch einfach meine Sprache zu schmucklos.

Wenn sich Reagan an diesem Tag unbehaglich fühlte, ließ er sich nichts davon anmerken. Er ist von einer freundlichen Höflichkeit, die es einem gelegentlich schwermacht herauszufinden, ob er die Meinung teilt, die man gerade geäußert hat. In diesem Falle allerdings hatte ich keine Zweifel, wo es um wichtige Fragen ging.

Der erste Punkt auf der Tagesordnung war die Struktur und Organisation der außenpolitischen Entscheidungsträger. Der Präsident mußte bestimmen, wer was tun sollte, und er mußte das schriftlich niederlegen.

Seit Eisenhower hat jeder Präsident zu Beginn seiner Amtszeit ein derartiges Dokument unterzeichnet. Ohne einen vom Präsidenten bestätigten Organisationsplan kann der Mechanismus der auswärtigen Politik nicht in geordneten Bahnen ablaufen. Es kommt sonst zum Streit über Zuständigkeiten, zur Rivalität über Vorrangfragen, zu einem Verlust an Würde und zu einer Politik, die weder beständig noch klar und verständlich ist.

Ich sagte zu Reagan: »Sie brauchen einen Manager, der die Ansichten all ihrer Kabinettsmitglieder zusammenfassen und Ihnen eine Auswahl politischer Strategien vorlegen kann. Meiner Meinung nach heißt das, daß der Außenminister der Vikar der Gemeinschaft von Ministerien sein muß, die an den unterschiedlichen Bereichen der Außenpolitik interessiert sind.« Der Präsident nickte nach jedem Punkt zustimmend mit dem Kopf.

Wir sprachen ausführlich über die Notwendigkeit, der Öffentlichkeit ein geschlossenes Bild der Außenpolitik zu präsentieren, und waren uns darüber einig, daß Allen und seine Kollegen vom Nationalen Sicherheitsrat keine unabhängigen Kontakte zur Presse haben sollten und daß Kontaktaufnahmen mit ausländischen Staatsgästen in den alleinigen Zuständigkeitsbereich des State Department fallen sollten.

Wieder nickte Reagan und wies mit einem Seitenblick zu Dick Allen erneut darauf hin, daß sein Berater für Nationale Sicherheit ein Teamarbeiter, nicht aber ein politischer Entscheidungsträger sein sollte.

Das Problem der Koordination von Regierungspolitik hat eine 35jährige Geschichte. Präsident Johnson hatte 1966 bei General Maxwell D. Taylor eine Untersuchung in Auftrag gegeben, aus der sich auch die Schaffung interministerieller Arbeitsgruppen, sogenannter Senior Interagency Groups (SIGs) und Interagency Groups (IGs), für Studium und Formulierung politischer Richtlinien ergab.

Nach dem Plan Taylors war der Außenminister der erste Stellvertreter des Präsidenten, wenn es um die Außenpolitik geht. Das war zum Teil darauf zurückzuführen, daß Präsident Johnson sich gut mit dem damaligen Außenminister Dean Rusk verstand: ein Beispiel mehr, wie wichtig eine persönliche Beziehung zwischen Präsident und Außenminister ist.

Nixon hatte seinem Sicherheitsberater Henry Kissinger Zuständigkeiten verliehen, die wenigstens formell seit je dem Außenminister zugestanden hatten. In einem Memorandum über den Nationalen Sicherheitsrat hatte Nixon 1969 dem State Department nur den Vorsitz in einem Ausschuß und Kissinger den Rest zugeteilt. Letzten Endes war das der organisatorische Grund, warum unter Nixon und unter Ford nicht Bill Rogers, sondern Kissinger zur beherrschenden Figur in der Außenpolitik wurde.

Organisatorisch gesehen liegt der Schlüssel zum System in der Infrastruktur der SIGs und IGs, der Gruppen, in denen die Richtlinien der Innen- wie der Außenpolitik festgelegt werden.

Auf Anordnung des Präsidenten können sich die IGs (wie ich sie aus Bequemlichkeitsgründen alle zusammen nennen will) das gesamte Potential und alle Informationsquellen der Bundesregierung zunutze machen, spezifische Fragestellungen untersuchen und politische Alternativen und Empfehlungen formulieren. Bezogen auf die Außenpolitik, kann sich dieser Prozeß auf die Entwicklung einer Politik einem ganzen Land gegenüber oder auf die Überprüfung einer einzelnen Frage beziehen: etwa Verhandlungen über Waffenlieferungen oder Ernährungspolitik.

Wenn die Untersuchung abgeschlossen ist, werden die Alternativstrategien dem Präsidenten vorgelegt, und er entscheidet, welche Strategie die richtige ist. Zumindest in der Theorie ist diese Strategie dann voll durch die Regierung der Vereinigten Staaten abgesichert und wird so zur offiziellen Politik.

Wie Kissinger, der gewitzte Veteran unzähliger Demonstrationen und Gegendemonstrationen in Harvard, genau wußte, hat derjenige, der die wichtigsten IGs kontrolliert, die Kontrolle über die Alternativen, die dem Präsidenten vorgelegt werden, und kontrolliert damit bis zu einem gewissen Grad die Politik.

Wir hatten an diesem Morgen keinen Grund, uns über Palastrevolutionen zu unterhalten. Alle Beteiligten - Reagan

selbst, Richard Allen und ich - hatten sich über die Person des »Vikars« geeinigt. Es ging nur noch darum, ein geeignetes Schriftstück aufzusetzen. Reagan ließ mir freie Hand, den Text des Dokuments, National Security Decision Document 1 (NSDD1), auszuhandeln und zu entwerfen.

Durch die Unterstützung und das Verständnis des Präsidenten gestärkt, verließ ich ihn, um seine Anordnungen auszuführen. Nach dieser Besprechung zweifelte ich nicht daran, daß sich Reagans und meine Auffassung von der Organisation und Verwaltung der außenpolitischen Entscheidungsgremien vollkommen deckten.

Das State Department allein hat ungefähr 24 000 Angestellte, von denen 8000 in der Hauptverwaltung arbeiten - einem eher unansehnlichen Zweckbau in der Nähe des Potomac. Die übrigen sind in 280 Botschaften, Gesandtschaften, Konsulaten und anderen diplomatischen Institutionen im Ausland stationiert.

Der Auswärtige Dienst, das Korps der Berufsdiplomaten der Vereinigten Staaten, zählt 3800 Mitglieder. In jüngerer Zeit war der Auswärtige Dienst erheblichen Anfechtungen ausgesetzt. Die Angriffe der McCarthy-Zeit untergruben seine Moral und trugen zur Verbreitung einer intellektuellen Mutlosigkeit und professionellen Verzagtheit bei, von denen die Atmosphäre bis heute bestimmt wird.

Die Arbeitsmoral war dadurch beeinträchtigt worden, daß lange Zeit das Weiße Haus das Gesetz des außenpolitischen Handelns an sich gerissen hatte. Alle Außenminister seit dem gefürchteten Dulles, mit der Ausnahme von Kissinger, waren bis zu einem gewissen Grad Randfiguren gewesen. Darüber hinaus hatte der schnelle Amtswechsel die Außenminister, in den Worten von Bill Rogers, zu einer »gefährdeten Spezies« gemacht.

Unter Reagan, so glaubte ich, würde sich das alles ändern. Die Frage war nur, wie man diesen Glauben auch an den Auswärtigen Dienst und den Rest der Mitarbeiter weitergeben konnte. Der erste Schritt bestand darin, sie davon zu überzeugen, daß das State Department dem Herzen des Präsidenten am nächsten stand.

Im State Department fand ich keine große Begeisterung für die Reagan-Regierung vor. Die Furcht ging um, eine Horde von rechten Aktivisten würde aufmarschieren und anfangen, amerikanische Diplomatie nach dem Muster einer Wahlversammlung zu betreiben.

Einige frühe Ernennungen, die ausgesprochen wurden, bevor ich selbst zum Minister ernannt worden war - etwa die Ernennung der neokonservativen Jeane Kirkpatrick zur Botschafterin bei den Vereinten Nationen -, waren als Vorboten einer derartigen Entwicklung verstanden worden. Das war nicht gerechtfertigt, aber der Eindruck bestand.

Es stimmt, daß man Leute ernennen wollte, die Reagan gegenüber loyal und für seine Vorstellungen aufgeschlossen waren. Das war nicht ungewöhnlich. Auch ich war ganz dafür, daß der Präsident seine eigenen Leute im State Department haben sollte. Es waren ungefähr 80 wichtige Posten zu besetzen. Das höchste Gehalt lag bei 60 000 Dollar im Jahr.

Da es praktisch unmöglich ist, in der Welt außerhalb der Politik 80 entschiedene Anhänger einer bestimmten Überzeugung zu finden, die gleichzeitig über das für den Posten notwendige Expertenwissen verfügen und bereit sind, ihren Beruf aufzugeben, um unter Einkommenseinbußen in den Staatsdienst zu treten, war es unvermeidlich, daß einige - wenn nicht sogar die meisten - Ernennungen an Berufspolitiker gingen.

Der wichtigste zu besetzende Posten ist derjenige des Stellvertretenden Außenministers. Der ist im wahrsten Sinn des Wortes die Nummer zwei. Der Posten umfaßt keinen festen Aufgabenkreis, der Minister und sein Stellvertreter können daraus machen, was sie wollen. In diesem Zusammenhang fiel bei Vertrauten Reagans häufig der Name William P. Clark, Richter am Obersten Gerichtshof von Kalifornien. In einer der wichtigsten Entscheidungen meines Lebens griff ich ihn auf.

Clark verfügte über eine einzige überragende Qualifikation für das Amt: Er war ein alter und vertrauter Freund des Präsidenten. Ich war das nicht; und in einer Regierung von altgedienten Kameraden, die durch die Bande des Glaubens und der Hoffnung und harter Wahlkampfarbeit zusammengeschweißt waren, kann das von Nachteil sein.

Ich ging davon aus, daß sich zwischen Reagan und mir im Lauf der Zeit eine engere Beziehung entwickeln würde, oder hoffte es wenigstens. Für die Übergangszeit konnte ein Dolmetscher für uns beide von Nutzen sein. Ich stellte mir vor, daß Clark mir den Präsidenten und seine Arbeitsweise erklären würde. Ich war ohnehin durch die Methoden einiger Helfer des Präsidenten etwas verwirrt; vielleicht konnte mir Clark, der diese Männer seit Jahren kannte, auch sie erklären. Und, was ebenso wichtig war: Er konnte mich ihnen näherbringen.

Bei unserer Besprechung am 6. Januar fragte ich Reagan, ob er jemand Bestimmten vorzöge. Mit dem Ausdruck leichten Erstaunens sagte er, es sei an mir, den Posten zu besetzen.

Als ich Reagan am nächsten Tag bei einem Mittagessen mit seinen zukünftigen Kabinettsmitgliedern traf, ergab sich die Gelegenheit, ihn zu fragen, was er von der Ernennung Bill Clarks zu meinem Stellvertreter halte. Er schien erfreut darüber zu sein, daß ich daran gedacht hatte, aber er kam mir nicht wirklich begeistert vor, und ich hatte nicht den Eindruck, daß er voll und ganz hinter meinem Vorschlag stand.

Clark kam nach Washington und schlich sich durch einen Seiteneingang ins State Department. Er ist sehr hochgewachsen, hat ein jungenhaftes Gesicht und die einfachen Umgangsformen eines Viehzüchters, der er ja auch ist; er trägt Cowboyhut und Stiefel.

Als Clark von sich erzählte, wurde er mir sympathisch. Er ist ein männlicher und offener, unkomplizierter Typ. »Ich verstehe überhaupt nichts von Außenpolitik«, vertraute er mir mit liebenswürdiger Offenheit an. Das wußte ich bereits. Es machte aber nichts aus; das State Department wimmelt nur so von außenpolitischen Experten. Ich brauchte

einen Mann, der etwas davon verstand, wie der Präsident die Dinge anpackte. Clark verstand etwas davon. Er war Reagans Personalchef in Sacramento gewesen. »Ich kenne mich mit dem Gouverneur aus«, sagte er.

Unsere Nachforschungen über Clark in Kalifornien hatten keine völlig positiven Ergebnisse gebracht. Seine Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu begreifen, war bezweifelt worden, und es war die Rede von einem unfreundlichen Buch, das demnächst erscheinen sollte. Außerdem hatte er sein Jurastudium nicht abgeschlossen. Ich nahm das nicht ernst und bot ihm die Stelle an.

Im State Department war man etwas beunruhigt, ob der Auswärtige Ausschuß des Senats Clarks Ernennung bestätigen würde, da Clark nicht einmal über Grundkenntnisse der Außenpolitik verfügte. Ich bat zwei der fähigsten außenpolitischen Experten in Washington, David M. Abshire und Amos A. Jordan, ihm Nachhilfeunterricht zu erteilen. Sie machten sich zwar sofort an die Arbeit, aber die Zeit reichte nicht, um das leere Gefäß zu füllen.

Clark fiel bei der Anhörung im Senat durch (wurde aber dennoch bald darauf ernannt). Ihn selbst schien die öffentliche Zurschaustellung seiner Unwissenheit nicht sonderlich zu berühren. In seiner entwaffnenden Art ersparte er sich ernstere Schwierigkeiten, indem er offen zugab, daß er die Antworten nicht wußte.

Inzwischen begann ich, mich im State Department einzurichten. Viele alte Freunde, unter ihnen auch Billy Graham, besuchten mich, um mir Glück zu wünschen. Richard Nixon rief an und riet mir, auf ständigem persönlichen Kontakt mit dem Präsidenten zu bestehen.

Mrs. Kirkpatrick beschwerte sich über die Mängel ihres Büros, ihres Dienstwagens, ihrer persönlichen Mitarbeiter und der Sicherheitsvorkehrungen. Ihre Entschlossenheit, ihre offensichtliche Intelligenz und ihre dynamische Persönlichkeit und Sprechweise beeindruckten mich auf den ersten Blick. Ich ordnete an, sie im State Department bevorzugt zu behandeln. So erhielt sie einen Wagen und Amtsräume, die ihren Bedürfnissen eher angemessen waren.

Ich frühstückte mit Henry Kissinger. Ich bat Philip C. Habib, einen Mann, von dem ich glaubte, er werde dem Präsidenten noch einmal im Nahen Osten nützlich sein, zu einem Gespräch vorbeizukommen.

Die Sachthemen der ersten Tage der Regierung Reagan wurden erkennbar. In Polen schienen die Sowjets den überschwenglichen Nationalismus von Solidarnosc noch stärker knebeln zu wollen. In El Salvador verstärkte sich der Aufruhr, und ich hegte Zweifel an der Eignung unseres Botschafters. Innerhalb der Regierung wuchs der Druck, das Getreide-Embargo gegen die Sowjet-Union aufzuheben. Die Waffenlieferungen an Taiwan belasteten unsere Beziehungen zu China. Die Wahrscheinlichkeit wuchs, daß Pakistan, von den Vereinigten Staaten isoliert und durch die sowjetische Besetzung des benachbarten Afghanistan bedroht, sich daranmachen würde, eine eigene Kernwaffenproduktion aufzubauen.

Ich sprach vor den versammelten Mitgliedern des State Department und berichtete über die Absichten, die der Präsident mit dem Ministerium hatte. Die Botschaft, daß das State Department wieder im Mittelpunkt der Ereignisse stehen würde, schien die Mitarbeiter zu beflügeln. Die ersten Anzeichen von Enthusiasmus wurden spürbar.

Das State Department, so sagte ich ihnen, sei das beste Potential des Präsidenten. Der Präsident, berichtete ich, wolle das State Department im Mittelpunkt seiner Außenpolitik sehen. Dieser Wille und diese Absicht würden so lange Bestand haben, wie wir die erwarteten Leistungen erbrachten.

Als ich diese Rede hielt, glaubte ich an das, was ich sagte. Aber ich sah auch die ersten Anzeichen dafür, daß es Widerstand gegen die Absichten des Präsidenten geben würde.

In Ronald Reagans Antrittsrede gab es nicht einen einzigen bemerkenswerten Satz, und das war ihre Stärke. Die amerikanische Politik hatte genug von der Ambrosia hochtrabender Rhetorik. Die Zeit war reif für eine klare, verständliche Sprache.

Seit meiner Besprechung mit dem Präsidenten am 6. Januar 1981 waren wir im State Department gemeinsam mit dem Verteidigungsministerium, dem Nationalen Sicherheitsrat und gegen Ende auch der CIA damit beschäftigt gewesen, eine für alle Beteiligten akzeptable Fassung des präsidentiellen Memorandums über Entscheidungsstrukturen in der Außenpolitik, NSDD1, auszuarbeiten.

Ein zwischen den Parteien ausgehandelter Kompromißentwurf wurde Caspar Weinberger, Dick Allen und mir überreicht. William J. Casey, der Direktor _(Oben: Am 22. Januar 1981 mit ) _(Angestellten des State Department in der ) _(Lobby des Ministeriums; ) _(rechts: Im Februar 1981 während der ) _(Befragung vor dem Senats-Ausschuß. )

der CIA, schaltete sich ein, um einen Abschnitt über die Hürden zu bringen, in dem die Rolle der CIA festgelegt wurde. In anderen Abschnitten wurden die Rollen des Außenministers und des Verteidigungsministers definiert.

Dem State Department wurde der Vorsitz in allen interministeriellen Arbeitsgruppen zugesprochen, die mit außenpolitischen Fragen zu tun hatten; und das Verteidigungsministerium erhielt den stellvertretenden Vorsitz. Natürlich hatte das Verteidigungsministerium das Recht, den Vorsitzenden in allen verteidigungsorientierten Ausschüssen zu stellen.

Diesem Arrangement stimmten Weinberger und Casey ohne Vorbehalt zu, besonders aber Allen, der sich in meiner Gegenwart nicht nur kooperativ, sondern geradezu begeistert gab, wo es um diese Rollenverteilung ging.

Als wir vier uns nach der Amtseinführung des Präsidenten im Weißen Haus trafen, um ihm den Entwurf des NSDD1 zu übergeben, herrschte eine Stimmung der Zuversicht, ja sogar der Kameradschaft.

Es war klar, daß es zu den ersten Dokumenten gehörte, die der Präsident in Kraft setzen mußte, es sei denn, er wollte es in irgendeiner Form modifizieren. Andernfalls hätte es keine formell legitimierte Autorität für die Durchführung der auswärtigen, der Verteidigungs- und der Geheimdienstpolitik während der ersten Tage der Präsidentschaft Reagans im Rampenlicht der Öffentlichkeit gegeben.

Wir versuchten nicht, zum Präsidenten vorzudringen, der mit seiner Freude an dem öffentlichen Zeremoniell der Amtseinführung voll beschäftigt war. Statt dessen übergaben wir das Dokument seinem Chefberater Edwin Meese. Aber Meese begnügte sich nicht damit, das Schriftstück zur Weiterleitung in Empfang zu nehmen. Statt dessen bat er uns in sein Büro.

Anfangs dachte ich, er wolle nur unser erstes offizielles Treffen als Mitglieder der Reagan-Regierung etwas persönlicher gestalten. James Baker, der Stabschef des Weißen Hauses, und sein Stellvertreter, Michael Deaver, waren bereits anwesend.

Wir benahmen uns etwas steif. Wir kannten einander kaum, und während ich ein Neuling in einem Kreis alter Bekannter war, waren Meese, Baker und Deaver Fremde im Weißen Haus, in dem ich mich gut auskannte.

Ich kannte diese Korridore, diese Räume, und ich hatte oft aus diesen Fenstern geblickt. Das Innere des Weißen Hauses strahlt eine Art republikanischer Bescheidenheit aus mit seinen niedrigen Decken und eher kleinen Räumen, seinen einfachen Möbeln und den freundlich dreinblickenden Porträts ehemaliger Präsidenten.

Gegen Ende einer Amtszeit wirkt es schäbig und bedrückend auf die, die sich an den Anstrich erinnern, als er neu war, und an die Möbel, bevor sie zerkratzt waren. Der erste Tag eines neuen Präsidenten in diesem Haus weckt Erinnerungen an die Männer, die vor ihm hier waren, an den Optimismus ihres Einzugs und den Stoizismus ihres Abschieds. Ich glaube, niemand hat den Ort kahler hinterlassen als Jimmy Carter.

Meese schien sehr gelöst, seiner Autorität sehr sicher. Baker und Deaver, beide Favoriten von Mrs. Reagan, hielten sich etwas im Hintergrund und schienen eher Nebenrollen zu spielen. Baker war vorsichtig und schweigsam. Er hatte Gründe, nichts zu überstürzen, denn er war ebenfalls ein Außenseiter.

Er hatte für Reagans Gegner bei der Kandidatennominierung, George Bush, gearbeitet, und in den Augen der leichter erregbaren rechten Anhänger Reagans war jeder, der etwas mit Bush zu tun gehabt hatte, ein Liberaler und hatte es verdient, wie ein geschlagener Feind behandelt zu werden. Bakers Berufung auf einen so hohen Posten im Weißen Haus hatte den rechten Flügel schockiert.

Meese lud uns ein, am Konferenztisch Platz zu nehmen. Wir befanden uns in Henry Kissingers ehemaligem Büro, und es war derselbe Tisch, an dem ich vor einem Jahrzehnt oft bis tief in die Nacht gearbeitet hatte. Der Schreibtisch von Meese quoll bereits von Akten und Schriftstücken über. Wir setzten uns und begannen, das Papier Punkt für Punkt zu diskutieren. Meese hatte den Vorsitz übernommen.

Er schien zu glauben, der Außen- und der Verteidigungsminister, der Direktor der CIA und der Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrates hätten seine Zustimmung zu dem Entwurf einzuholen. Das überraschte mich sehr. Der Chefberater des Präsidenten besitzt weder verfassungsmäßige _(Am 2. Februar 1981 im Oval Office des ) _(Weißen Hauses. )

Vollmachten noch irgendwelche Verantwortung für die Außenpolitik. Diese Tatsachen schienen Meese nicht bewußt zu sein. Mit der Pedanterie eines Anwalts ließ er sich auf eine verbissene Kritik des Entwurfs ein.

Mein Einvernehmen mit dem Präsidenten - das auch dasjenige Weinbergers war - verschwanden hinter einem Nebel kleinlicher Mäkelei: Es sah so aus, als ob meine und Reagans Vereinbarung über Zuständigkeiten verwässert würde. Schlimmer noch, es zeichnete sich die Gefahr ab, daß die Übereinkunft ins Gegenteil verkehrt wurde. Gewiß wußte der Präsident nichts davon; es konnte nicht seine Absicht sein, daß sein Berater Mitteilungen aus dem Kabinett redigierte oder die Anordnungen des Präsidenten vernebelte.

Schon einmal, als die zukünftigen Kabinettsmitglieder sich am 7. Januar in Washington trafen, hatte ich bei Meese eine Neigung wahrgenommen, sich ungebührlich viel Autorität anzumaßen. Meese erklärte die Vorstellungen des Präsidenten, die Arbeitsweise des Präsidenten, die Prioritäten, die der Präsident gesetzt hatte.

Reagan selbst sprach sehr wenig und war anscheinend damit zufrieden, seine Mitarbeiter die Punkte definieren zu lassen. Wenn Reagan sich überhaupt einmischte, dann meist um eine Anekdote aus seiner Zeit als Gouverneur von Kalifornien zu erzählen, die irgend etwas mit dem Thema zu tun hatte.

Schließlich beendete Meese seine Überprüfung von NSDD1 und steckte das Papier in seine Aktentasche. Nachträglich wünsche ich mir, irgend etwas hätte mich gewarnt, mich darauf hingewiesen, daß das Papier mehr als ein Jahr ununterschrieben in dieser Aktentasche bleiben würde. Aber die Wahrheit ist, daß ich nie auf die Idee gekommen bin, Meese könne es dem Präsidenten nicht am nächsten Morgen vorlegen.

Dennoch blieb ich nicht von allen Vorahnungen verschont: Ich verließ das Weiße Haus an diesem Tag mit dem deutlichen Gefühl, daß Ed Meese und seine Kollegen sich selbst und ihren Rang in der Regierung deutlich über dem eines jeden Kabinettsmitglieds einstuften.

Am 21. Januar, dem Tag nach der Amtseinführung, berief Reagan eine Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats ein. Neben anderen dringenden Fragen wurde auch über den Iran, El Salvador und Libyen gesprochen. Im Gegensatz zu einigen seiner Amtsvorgänger traf Reagan keine sofortigen Entscheidungen und nahm zu den angesprochenen Sachverhalten selten eindeutig Stellung.

Anschließend wurden Weinberger, Allen, Casey und ich zum Präsidenten und dem Justizminister William French Smith in das Oval Office gebeten, um die Geiselfrage weiter zu diskutieren.

Im Verlauf dieses Gesprächs wurde plötzlich vorgeschlagen, man solle die Abmachungen über die Freilassung der Geiseln, die unter Carter mit den Iranern ausgehandelt worden waren, kündigen. Dieser erstaunliche Vorschlag fand bei mehreren Anwesenden Zustimmung.

Baker schien dafür zu sein. Das gleiche galt für Deaver. Den Präsidenten in seinem bemerkenswerten Gleichmut schien der Vorschlag nicht zu überraschen; anscheinend war er bereit, sich die tollkühnsten Ideen anzuhören.

Als es an mir war zu sprechen, fühlte ich mich verpflichtet, mein Entsetzen darüber zu äußern, daß man an ein derart zynisches Vorgehen überhaupt nur denken könnte.

Die Abmachung, wie bitter sie uns auch ankam, was für schwere Fehler sie auch enthalten mochte, war ein bindender Vertrag. Mit ihrer Unterzeichnung hatte die Regierung Carter nicht nur ihr eigenes Wort, sondern auch die Ehre der Vereinigten Staaten verpfändet. Ein halbes Dutzend befreundeter Nationen hatten auf der Grundlage ihrer Sympathie und ihres Vertrauens in die Zusagen der Vereinigten Staaten ihre eigene Ehre dreingegeben.

Die Regierung hatte gewechselt, aber die Regierungsgeschäfte der Vereinigten Staaten mußten kontinuierlich weitergeführt werden. Keine neue Regierung hatte das Recht, ein bindendes internationales Abkommen zu brechen, das ihre Vorgängerin getroffen hatte. So etwas konnten wir einfach nicht tun.

Wieder nickte der Präsident schweigend. Er schien mir zuzustimmen. Die Vertreter der Gegenmeinung stimmten offensichtlich nicht zu. Reagan hatte sich ihre Ansichten mit unparteiischer Aufmerksamkeit angehört. Wieder traf er keine Entscheidung. Im Endeffekt aber wurden die Abmachungen mit dem Iran eingehalten.

Derartige Resultate betrachtet man nicht als persönliche Siege oder Niederlagen. Es ist die Pflicht der Berater des Präsidenten, ihm ihre Ratschläge vorbehaltlos vorzulegen, so daß er die Wahl zwischen verschiedenen Alternativen hat.

Die Sitzung im Oval Office war aus ganz anderen Gründen beunruhigend. Die schlimmste unter den vielen zerstörerischen Nachwirkungen von Vietnam und Watergate ist die Neigung einer neuen Regierung, zu glauben, daß die _(Nach dem Überfall auf die amerikanische ) _(Botschaft in Teheran am 4. November ) _(1979. )

Geschichte mit der Amtseinführung des neuen Präsidenten beginnt, daß ihre Amtsvorgänger in allem völlig unrecht hatten und daß deshalb alles, was sie getan haben, rückgängig zu machen sei.

Es schien mir wichtig, gleich zu Beginn der Präsidentschaft Reagans klarzumachen, daß diese Art von Kleinlichkeit nicht sein Stil sein dürfe.

Präsident Mohammad Sia ul-Hak von Pakistan hat einmal gesagt, ein Freund der Vereinigten Staaten zu sein, sei so, als wohne man am Ufer eines großen Flusses: Der Boden ist herrlich fruchtbar, und man genießt viele andere Vorteile, aber alle vier oder acht Jahre lassen ferne Stürme, die man nicht sehen kann, den Fluß über die Ufer treten, er wechselt seinen Lauf, und man steht plötzlich ganz allein in der Wüste.

Diese irrationalen Kurswechsel sind das Ergebnis einer politischen Rachsucht, die dem amerikanischen Leben fremd ist; sie stellen eine große Gefahr dar. Sie verwirren unsere Freunde, führen unsere Gegner in die Irre und ruinieren unsere eigenen Pläne für eine besser organisierte Welt.

Vielleicht hatte ich den Mitarbeitern des Weißen Hauses die Frage der Abmachungen mit dem Iran ein bißchen unvermittelt aus der Hand gerissen. Aber ihr Arbeitsstil war neu für mich; so etwas hatte ich nie erlebt. Möglicherweise bemühte sich mein Unterbewußtsein, das Ganze zu verstehen, während mein bewußtes Ich mit den Dingen des Tages beschäftigt war.

Davor hatte die erste Kabinettssitzung stattgefunden. Als ich in den Besprechungsraum kam, sah ich, daß Meese und Baker am Konferenztisch saßen. Auch das war ein überraschender Bruch mit der Tradition. Nixons Mitarbeiter Robert Haldeman und John Ehrlichman hätten selbst auf dem Gipfel ihres Stolzes eine derartige Majestätsbeleidigung nicht gewagt. Sie waren Berater, nicht Kabinettsmitglieder, und sie saßen auf den Stühlen an der Wand, wo die Berater des Präsidenten schon immer saßen.

Mike Deaver saß auch jetzt dort - aber auch das sollte sich ändern. Ein, zwei Sitzungen später hatte er sich mit den anderen am Konferenztisch niedergelassen.

Während der Kabinettssitzung selbst übernahm Meese die Rolle, die üblicherweise dem Präsidenten vorbehalten ist. Er legte Fragen vor, leitete die Diskussion, faßte Beiträge zusammen. Baker gab sich auch diesmal ruhig und zurückhaltend. Die beiden schoben einander Notizen zu; von Zeit zu Zeit verließ Deaver seinen Platz an der Wand und legte Meese oder Baker ein Blatt Papier vor.

Mit Sicherheit spielten Ed Meese und in geringerem Maße, als dies später galt, Jim Baker und Mike Deaver eine bedeutende Rolle zu Beginn der Reagan-Ära. Während der ersten Kabinettssitzung schrieb ich auf meinen Notizblock: »Kabinettsregierung oder Troika?«

Der Präsident hatte großen Wert auf die Idee einer Kabinettsregierung gelegt, und am 13. Februar kündigte Meese die Bildung von fünf interministeriellen Arbeitsgruppen an: Wirtschaftsfragen, Außenhandel, Gesundheit und Soziales, Rohstoffe und Umweltfragen, Ernährung und Landwirtschaft.

Der Außenminister sollte nur in den ersten beiden mitwirken. Die Berater des Präsidenten setzten sich energisch für das System der Kabinettsausschüsse _(Erste Reihe: Alexander Haig, ) _(Außenminister; Ronald Reagan, Präsident; ) _(George Bush, Vizepräsident; Caspar ) _(Weinberger, Verteidigungsminister; ) _(dahinter: Raymond Donovan, ) _(Arbeitsminister; Donald Regan, ) _(Finanzminister; Terrel Bell, ) _(Erziehungsminister; David Stockman, ) _(Budget-Direktor; Andrew Lewis, ) _(Verkehrsminister; Samuel Pierce, ) _(Wohnungsbauminister; William French ) _(Smith, Justizminister; James Watt, ) _(Innenminister; Jeane Kirkpatrick, ) _(UN-Botschafterin; Edwin Meese III, ) _(Reagan-Chefberater; James Edwards, ) _(Energieminister; Malcolm Baldrige, ) _(Handelsminister; William Brock, ) _(Handelsbevollmächtigter; Richard ) _(Schweiker, Gesundheitsminister; John ) _(Block, Landwirtschaftsminister; William ) _(Casey, CIA-Direktor. )

ein, und Meese war derjenige, der es kontrollierte.

Das bedeutete, daß aus diesem und aus anderen Gründen nicht das Kabinett regierte, sondern die Mitarbeiter des Weißen Hauses. Die Anlaufstelle war nicht Ronald Reagan, sondern jemand aus seinem Mitarbeiterstab.

Kam die Aufforderung an die Kabinettsausschüsse, aktiv zu werden, vom Präsidenten selbst? Wurden die Ergebnisse der Beratungen dem Präsidenten selbst vorgelegt? Es war unmöglich, das festzustellen. Üblicherweise war es nicht der Präsident, sondern einer seiner Mitarbeiter, der die Aufträge verteilte und die erledigten Schulaufgaben einsammelte.

Allein schon diese Tatsache dämpfte die Begeisterung des Kabinetts. Es ist eine Sache (und zwar eine höchst befriedigende), dem Präsidenten zu geben, was er braucht; es ist eine ganz andere Sache, die Aktenmappe eines Assistenten mit Papieren zu füllen, die vielleicht nie gelesen werden.

Im Weißen Haus gibt es drei entscheidende Machthebel: den Fluß der Akten, den Terminkalender des Präsidenten und die Presse. Meese konnte keinen davon richtig in den Griff bekommen.

Anfangs nahm er an jeder nur denkbaren Besprechung teil, auf der möglicherweise politische Leitlinien diskutiert wurden, selbst an den vertraulichsten Besprechungen ausgewählter Vertreter innerhalb des Nationalen Sicherheitsrats.

Diese fanden normalerweise im Lageraum des Weißen Hauses statt, was Geheimbesprechungen einen gewissen zusätzlichen Reiz verleiht. Die Angewohnheit des Triumvirats, wie Schuljungen Zettelchen zu schreiben und sie einander zuzuschieben, die mir in der ersten Kabinettssitzung aufgefallen war, ließ auch später nicht nach. Baker und Deaver waren ständig damit beschäftigt, Dinge zu notieren und die Notizen weiterzugeben.

Inzwischen versuchten wir, den politischen Apparat in Gang zu bringen. NSDD1 war immer noch nicht unterzeichnet. Wo war es?

Ich fragte Dick Allen. Seine Antwort: »Meese hat es.« Hatte der Präsident es gesehen? Allen wußte es nicht, und als ich ihm am 23. Januar telephonisch mitteilte, ich würde Reagan direkt anrufen, wenn das Memorandum nicht noch am gleichen Tag unterzeichnet würde, schien er nicht zu verstehen, warum ich es so dringend fand.

Ich erklärte, daß wir ohne das unterzeichnete Dokument weder eine Organisationsstruktur noch verbindliche Arbeitsabläufe hatten. »Das kann zur Katastrophe führen«, sagte ich.

Allen wies das nicht zurück und versuchte es nicht zu widerlegen, aber er war einfach nicht imstande, dafür zu sorgen, daß das Memorandum unterschrieben wurde, oder auch nur herauszufinden, was aus ihm geworden war.

Das war ein erstes Anzeichen für die Wirkung des Faktors, der Allens Untergang einleitete und schließlich auch zu meinem Untergang führte: Weder Allen noch ich hatten regelmäßigen direkten Zugang zum Präsidenten.

Allen mußte sich an Meese wenden. Mir war überhaupt kein Weg gezeigt worden; es gab keine Vorkehrungen für einen geregelten Kontakt. Die Erinnerung an meine zahlreichen Versuche, durch Allen dem Präsidenten Nachrichten zu übermitteln, ruft eine traurige Erfahrung wach. Ich bat einen Mann um Zugang zum Oval Office, der selbst keinen Zugang hatte.

Allen wollte dem Präsidenten die Informationen über außenpolitische Ereignisse in Form fortlaufender Tagesberichte übermitteln. Ich hatte nichts dagegen. Ich ging von der Annahme aus, daß ich auch so genügend Gelegenheit haben würde, meine Ansichten zu entscheidenden Fragen darzulegen.

Institutionell gesehen war Allens Lage von Anfang an unmöglich, weil er dem Präsidenten durch Meese Bericht erstattete. Wenn Allen etwas für dringlich hielt, mußte er erst Meese, Baker und Deaver von der Dringlichkeit überzeugen, bevor er es Reagan vorlegen konnte. So arbeiten zu müssen, verhindert jede Effizienz.

Allen war definitionsgemäß kein Mitglied des engeren Kreises. Aufgrund der erbarmungslosen Kriterien, die in solchen Fällen angewandt werden, galt Allen deshalb bei seinen Kollegen als unwichtig. Mit der Zeit gewann ich, so leid es mir tut, das zu sagen, den gleichen Eindruck.

Nach mehreren Tagen fruchtlosen Suchens war klar, daß das NSDD1-Exemplar, das wir Meese gegeben hatten, endgültig verloren war. Deshalb legten Weinberger und ich es dem Präsidenten am 4. Februar noch einmal mit der Empfehlung vor, es zu unterzeichnen. Auch dieses Exemplar verschwand.

Daraufhin beschlossen wir, weiterzumachen, als ob das Dokument unterzeichnet wäre, und begannen die interministeriellen Arbeitsgruppen zu organisieren.

In diesen ersten Tagen traten all die außenpolitischen Fragen ans Licht, mit denen sich die Regierung seither herumschlagen muß; Programme wurden entwickelt, Handlungsrichtlinien entworfen und eingeschlagen. Der Kurs der Nation auf ihrer Reise durch die Reagan-Jahre wurde festgelegt.

Doch mir erschien das Weiße Haus so geheimnisvoll wie ein Geisterschiff; man hörte das Knarren der Takelage und das Ächzen der Planken, manchmal konnte man sogar die Mannschaft an Deck erspähen. Aber wer stand am Ruder? War es Meese, war es Baker, war es jemand anders? Es war unmöglich zu beantworten.

Ich gebe zu, ich habe mich darüber beschwert. Dick Allen sagte eines Tages vorwurfsvoll: »Al, warum kümmern Sie sich nicht einfach um das State Department?« Aber genau darum kümmerte ich mich ja, und nichts anderes machte mir Sorgen.

Die Dinge waren einfach nicht in Ordnung. Es war nicht nur das Statut, das

uns als wichtigstes außenpolitisches Instrument des Präsidenten definierte, nicht unterzeichnet, auch die Regierung war nicht mehr imstande, sich einstimmig und eindeutig zur Außenpolitik zu äußern. Es herrschte babylonische Sprachverwirrung.

Bei ihren häufigen Fernsehauftritten wurden Meese und Baker immer wieder Fragen vorgelegt, die außenpolitische Bereiche berührten, und im Bestreben, sich die Presse zu verpflichten, gaben sie Antworten. Im allgemeinen waren ihre Aussagen exakt und verantwortungsbewußt. Aber manchmal widersprachen die Dinge, die sie sagten, der gerade verfolgten Politik oder erschwerten es, neue politische Programme durchzusetzen. Da bekannt war, wie nahe sie dem Präsidenten standen, wurde im Ausland alles, was sie sagten, auf seine politische Bedeutung hin untersucht.

Niemand wußte, ob das, was sie sagten, die Politik des Präsidenten wiedergab; auch ich war mir da nie ganz sicher. Man kann das diplomatische Korps der Welt mit einem gigantischen Kloster vergleichen, in dem ungezählte Mönche sich der Arbeit geweiht haben, Dokumenten wie den Aufzeichnungen von Fernsehinterviews die letzte verborgene Bedeutungsnuance abzuringen.

Häufig fehlte es den Aussagen von Meese und Baker an Präzision; oft kamen sie zum falschen Zeitpunkt. Politik ist eine zarte Pflanze, die eine ruhige Umgebung braucht, um zu wachsen; wenn man sie zu früh dem Licht der Öffentlichkeit aussetzt, verdorrt sie leicht.

Es war schwierig, Meese und Baker das klarzumachen. Manchmal hatte ich nach unseren Telephongesprächen das Gefühl, sie hielten mich für eine Art Naivling, der nicht verstand, daß Öffentlichkeitsarbeit der Motor der Politik ist.

Am 3. Februar, dem fünfzehnten Tag der neuen Regierung, teilte der Verteidigungsminister der Presse mit, daß die Vereinigten Staaten mit der Installierung von Neutronensprengköpfen beginnen würden. Das war eine äußerst törichte Mitteilung. Es war nicht töricht, darauf hinzuweisen, daß die Installierung dieser Waffen im Sicherheitsinteresse des Westens lag, denn das traf eindeutig zu.

Dem Geist der Entspannung folgend hatte Präsident Carter auf die Produktion der Neutronenwaffe verzichtet, weil er annahm, die Sowjets würden entsprechende Zurückhaltung üben. Das hatten sie nicht getan. Aber unsere europäischen Verbündeten waren ohnehin schon nervös, wo es um Atomwaffen ging, und wußten nicht, was die neue Regierung in Washington in dieser Frage vorhatte.

Weinbergers Ankündigung übermittelte ihnen die schlechtestmögliche Nachricht unmittelbar zu Beginn der Amtszeit des Präsidenten. Sie lief auf folgendes hinaus: Die Vereinigten Staaten glaubten Entscheidungen von Bedeutung für die Sicherheit des ganzen westlichen Bündnisses treffen zu können, ohne sich mit ihren Verbündeten auch nur zu beraten.

Ich besprach die Angelegenheit mit Weinberger und sagte ihm, ich hielte es für besser, den Eindruck zu korrigieren und unsere Verbündeten zu beruhigen. Großzügig stimmte er zu, daß das getan werden solle. Sofort schickte ich beruhigende Telegramme an unsere Verbündeten und gab eine öffentliche Erklärung ab, die die Sache so vorsichtig wie möglich bereinigen sollte.

Es ist nicht einfach, fremden Regierungen oder der Öffentlichkeit klarzumachen, daß der Verteidigungsminister einer Supermacht eine unbedachte Äußerung über Krieg und Frieden getan hatte, die er besser unterlassen hätte.

Ich konnte nur zu Gott beten, daß Caspar Weinberger seine Neigung überwinden würde, Stammtischmeinungen als politische Programme vorzutragen. Wenn Gott mich gehört hat, so hat er mich zumindest nicht erhört. Die mühsame Aufgabe, die öffentlichen Ankündigungen Caspar Weinbergers zu interpretieren, erforderte viel Zeit und Geduld.

Mein Arbeitstag begann kurz nach Tagesanbruch und endete gegen Mitternacht. Jeden Tag ging ein Bericht über meine Tätigkeit an den Präsidenten. Ich konnte aber nicht herausfinden, ob er ihn erreichte und ob er gelesen wurde.

Auch als Weinberger und ich NSDD1 zum zweiten Mal vorlegten, hatten wir keinen Erfolg. Das Dokument wurde weiterhin nicht unterzeichnet. Ich erkundigte mich immer wieder nach seinem Schicksal und bestärkte dadurch vielleicht den Verdacht der Mitarbeiter des Präsidenten, dieses sei ein Versuch der Machtübernahme. In Wirklichkeit war es ein Versuch, Macht innerhalb einer vom Präsidenten vorgegebenen Struktur einzugrenzen.

Dieser und andere Hinweise machten keinen Eindruck auf das Triumvirat. Rückblickend wird mir klar, daß die grundlegende Schwierigkeit in einem Konflikt der Verhaltensweisen lag. Hartnäckigkeit gehörte einfach nicht zum kalifornischen Stil. Dennoch blieb ich hartnäckig.

Am 6. Februar schickte ich eine Aktennotiz an den Präsidenten und schlug vor, er möge sich eine Stunde in der Woche freihalten, um außenpolitische Probleme mit mir zu besprechen.

»Mein täglicher Bericht an Sie ist ein nützliches Instrument, um Sie über die Richtung zu informieren, die ich verfolge«, schrieb ich, »aber schon aus Gründen des Umfangs ist auf diesem Weg eine tiefergehende Diskussion wichtiger politischer Fragen nicht möglich. Und natürlich erlaubt es nicht den Gedankenaustausch zwischen uns, der mir ein klareres Bild von dem politischen Gesamtrahmen vermitteln könnte, innerhalb dessen ich Ihrer Meinung nach arbeiten sollte.«

Ich erhielt keine Antwort. Was ich auf direktem Weg nicht herausfinden konnte, erfuhr ich aus der Zeitung. So las ich im Magazin »Time«, daß Meese sich »darangemacht hatte, eine verbesserte Fassung (von NSDD1) zu erarbeiten, die den anderen beteiligten Dienststellen mehr Schutz gewährt«.

Wenn das stimmte (und es war so, was mich dazu brachte, an Rücktritt zu denken), warf es ein bezeichnendes Licht auf die Arbeitsmethoden und Absichten, die ich durch direkte Fragen nicht aus Meese hatte herausbringen können.

Offenbar versuchte irgend jemand im Weißen Haus, auf dem Umweg über die Presse mit mir zu kommunizieren. Das erschien mir seltsam. Ich rief Meese an und fragte ihn, was diese Geschichten bedeuten sollten. »Al, das ist nur Zeitungsgeschwätz«, sagte er, »kümmern Sie sich nicht drum.« Baker gab mir denselben Rat.

Schon zu diesem frühen Zeitpunkt wurde deutlich, daß die Presse über außergewöhnliche Quellen in der neuen Regierungsmannschaft verfügte.

Wörtliche Zitate aus meinem Bericht an den Präsidenten über eine Unterredung mit dem sowjetischen Botschafter erreichten einen Fernsehkommentator noch an dem Tag, an dem der Bericht ans Weiße Haus abgegangen war, rechtzeitig für die Abendnachrichten.

»Newsweek« konnte in einem Bericht wörtlich aus den Beratungen im Nationalen Sicherheitsrat zitieren. Eine Entschließung des Nationalen Sicherheitsrats über Libyen erreichte die Zeitungen an dem Tag, an dem sie formuliert wurde. Pläne für geheime Aktionen in Mittelamerika wurden der »Washington Post« zugespielt und gelangten von dort an andere Medien.

Was das alles zu bedeuten hatte, wozu es gut war, wer im Hintergrund die Fäden zog, das waren Fragen, auf die es keine eindeutige Antwort gab. Ich wandte mich an Meese und Baker und Allen, an Vizepräsident Bush und schließlich an den Präsidenten selbst; ich protestierte und wies darauf hin, daß dieser Umgang mit der Presse dem Präsidenten schadete und seine Politik untergrub; aber es änderte sich nichts.

In ihren verzweifelten Bemühungen, die Motive der Leute im Weißen Haus zu verstehen und vorherzusagen, wie das Ganze weiterlaufen würde, glichen die Mitarbeiter des State Department allmählich Kreml-Astrologen: So wurden Texte interpretiert, Photos analysiert und Spekulationen über Verbindungen zwischen bestimmten Reportern und bestimmten Beamten angestellt, alles in der Hoffnung, aus diesem dampfenden Haufen verblüffender Indiskretion, schlauer Andeutungen und Halbwahrheiten Vorzeichen für die Zukunft ablesen zu können.

Wenn das schon die Wirkung bei Leuten war, die zwischen dem Verrat eines Staatsgeheimnisses und schierem Humbug nicht unterscheiden konnten, was sollte der Rest der Welt denken, der gar nicht imstande war, diesen Unterschied überhaupt zu erkennen?

Im nächsten Heft

Das Attentat auf Präsident Reagan - Haig: »Ab sofort übernehme ich hier im Weißen Haus die Kontrolle.«

In Beverly Hills, Oktober 1978; links hinter Reagan: TalkmasterJohnny Carson.Oben: Am 22. Januar 1981 mit Angestellten des State Department inder Lobby des Ministeriums;rechts: Im Februar 1981 während der Befragung vor demSenats-Ausschuß.Am 2. Februar 1981 im Oval Office des Weißen Hauses.Nach dem Überfall auf die amerikanische Botschaft in Teheran am 4.November 1979.Erste Reihe: Alexander Haig, Außenminister; Ronald Reagan,Präsident; George Bush, Vizepräsident; Caspar Weinberger,Verteidigungsminister; dahinter: Raymond Donovan, Arbeitsminister;Donald Regan, Finanzminister; Terrel Bell, Erziehungsminister; DavidStockman, Budget-Direktor; Andrew Lewis, Verkehrsminister; SamuelPierce, Wohnungsbauminister; William French Smith, Justizminister;James Watt, Innenminister; Jeane Kirkpatrick, UN-Botschafterin;Edwin Meese III, Reagan-Chefberater; James Edwards, Energieminister;Malcolm Baldrige, Handelsminister; William Brock,Handelsbevollmächtigter; Richard Schweiker, Gesundheitsminister;John Block, Landwirtschaftsminister; William Casey, CIA-Direktor.

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