Zur Ausgabe
Artikel 23 / 61
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Eintags-König-Tragikomödie

aus DER SPIEGEL 6/1948

Aimone von Savoyen-Aosta, Ex-Herzog von Spoleto und Ex-Herzog von Aosta, trat in die Fußtapfen seines Onkels Viktor Emanuel. Er legte sich ins Krankenbett und starb. Aus dem Personenstands-Register von Buenos Aires, seiner Exilheimat seit dem Exodus der italienischen Königsfamilie, wurde Aimone schlicht und bescheiden als »Roberto della Cisterna« gestrichen. Im Kuriositäten-Kabinett der Weltgeschichte lebt er ebenso schlicht und bescheiden als Ex- und Eintags-König von Kroatien.

Es hatte Aimone gedrängt, noch vor seinem Tode die bisher recht dunkle Geschichte dieses Königtums von Mussolinis Gnaden etwas aufzuhellen. Auf dem Krankenbett schrieb er sich seine königlichen Kurz-Memorien von der Seele. Die Mailänder Zeitung »Jl Tempo« offerierte sie jetzt ihren Lesern als die resigniertgefühlvollen Erinnerungen eines »Träumers und überzeugten Romantikers«, der das Pech hatte, unversehens und ungewollt zwischen die Mühlsteine der großen Politik zu geraten.

Die nach Aimones Geständnis »sehr schmerzliche Tragödie« begann, als Hitler und Mussolini nach der Niederwerfung Jugoslawiens beschlossen, den neugeschaffenen Marionetten-Staat Kroatien zu einem Königreich zu machen. Am 5. Mai 1941 bat König Viktor Emanuel III. von Italien seinen Neffen Aimone, damals Herzog von Spoleto, zu sich. Der Herzog war völlig verdattert, als ihm Viktor Emanuel die kroatische Königskrone antrug. Er wollte nicht.

Da umarmte der königliche Onkel seinen herzoglichen Neffen und versicherte ihm mit tränenfeuchten Augen theatralisch, daß es keine verfügbaren Zweige des alten savoyischen Stammes mehr gebe und daß Aimone noch der einzige glückliche und freie Sprößling sei. »In Wirklichkeit verlangte er von mir ein Opfer, um den gegen ihn gerichteten Druck der Deutschen und der faschistischen Partei abzuwehren. Ich begriff, daß der König ein Gefangener war.«

Am 18. Mai wurde der Herzog von Spoleto zum König von Kroatien proklamiert. Seine offiziellen Titel: Zwonimir Tomislav II., König von Kroatien, Fürst von Bosnien und der Herzegowina, Woiwod von Dalmatien, Tuzla und Zemun. Ebenso offiziell blieb Tomislav II. zunächst noch in Italien. Er wollte erst etwas tiefer in die verwickelten Balkanprobleme einsteigen, bevor er sein königliches Leben antrat.

Aimone war gerade mit dem Diktat seiner ersten Regierungsakte beschäftigt, als ihm durch einen persönlichen Brief Mussolinis mitgeteilt wurde, daß Verhandlungen zum formellen Anschluß des neuen Königreichs an die Achse im Gange seien. Mehr erfuhr Aimone nicht. Es handle sich um eine reine Formalität, kanzelte Mussolini die schüchternen Fragen des frischgebackenen Königs ab. Von dem am 15. Juni erfolgten Beitritt seines Königreichs zum Dreimächtepakt wurde Aimone erst durch die Zeitungen informiert.

Aber der Kroatenkönig fühlte sich nicht stark genug, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Im Einvernehmen mit Viktor Emanuel beschloß er lediglich, aus Protest den offiziellen Einzug in sein Königreich noch etwas auf die lange Bank zu schieben Inoffiziell aber verzehrte ihn die Sehnsucht nach seinem Land so heftig, daß er sich vorher rasch zu einem Inkognito-Besuch entschloß.

Es wurde sein erster und letzter Auftritt in Kroatien. Mit einem italienischen U-Boot landeten Aimone und sein Diener Tortorici in Zara. Der unerkannte König konnte sich mit seinen Untertanen in spe mühelos verständigen. Er sprach fließend kroatisch, slowenisch und serbisch.

Auf dem Marktplatz von Kroatiens Hauptstadt Agram passierte das Unglück. Der Inkognito-König und sein Diener waren zufällig dabei, als zwei Polizisten der faschistischen Ustascha-Garde einen Deserteur verhaften wollten. Eine empörte Menge befreite den jungen Mann. Die Ustaschi schossen blindwütig in die Menge. Ergebnis: vier Schwerverwundete.

Aimone zögerte nicht, den Blutüberströmten zu Hilfe zu eilen. Als ihn die Ustaschi daran hindern wollten, präsentierte er seine Papiere und rief: »Ich bin Euer König!« Die Polizisten waren so perplex, daß sie wie geschlagene Hunde von dannen zogen. »In dieser tragischen Atmosphäre tauchte ich meine Hand in das vergossene Blut und bekreuzigte mich«.

Im italienischen Armee-Hauptquartier in Agram bekreuzigte man sich auch. Die antifaschistische königliche Geste wurde übel vermerkt und von Viktor Emanuel der sofortige Befehl zur Rückreise des könglichen Extra-Touristen erwirkt. »Addio, Croazia«, flüsterte Aimone verträumt, als er die Grenze seines Königreichs überschritt. Er wußte, daß es sich endgültig angekönigt hatte.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 23 / 61
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.