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ISRAEL Eintopf für das Zentrum

Ex-Militär Mordechai tritt gegen Premier Netanjahu und Oppositionsführer Barak an. Entscheidet der dritte Mann die Wahl?
aus DER SPIEGEL 5/1999

Wenn Jizchak Mordechai, 54, vor schwierigen Entscheidungen steht, setzt er seine Kipa auf den kahler werdenden Schädel und geht zur Klagemauer nahe dem Jerusalemer Tempelberg. Im Zwiegespräch mit seinem Herrn findet der gläubige Jude Trost und Zuversicht.

So auch vorvergangenen Samstag, nachdem Premierminister Benjamin Netanjahu dem Verteidigungsminister öffentlich Opportunismus vorgeworfen und ihn entlassen hatte. Verletzt und wütend begab sich das bisherige Likud-Mitglied Mordechai zum heiligsten Ort der Juden - und kehrte gefestigt in dem Willen zurück, nun selbst Ministerpräsident zu werden.

Mordechais Frontwechsel kommt gerade rechtzeitig, um die schwächelnde neue Zentrumsbewegung wieder auf die Beine zu bringen: Der Ex-Militär spekuliert auf die Stimmen gemäßigter Bürger von rechts und links, wenn am 17. Mai gut drei Millionen Israelis über die Verteilung von 120 Sitzen in der Knesset und ihren direkt gewählten Ministerpräsidenten entscheiden.

Nach den Fehlstarts seiner Vorkämpfer, des ehemaligen Tel Aviver Bürgermeisters Roni Milo, 49, und des pensionierten Armeechefs Amnon Lipkin-Schachak, 54, scheint der populäre Ex-Verteidigungsminister nun der erste wirklich potente Herausforderer Netanjahus zu sein. Neben Oppositionsführer Ehud Barak, 56, allerdings.

Der Sohn irakischer Juden, der sein Leben in Israel als Fünfjähriger in einem Flüchtlingszelt begann und sich später in der Armee hochdiente, gilt als honorig und tüchtig. Mit seiner orientalischen Abstammung und als Mann aus dem Volk könnte er vor allem die Stimmen der kleinen Leute gewinnen, die bisher gegen die als elitär verrufene Arbeitspartei und zugunsten des Populisten Netanjahu stimmten.

Erste Umfragen nach seinem Start als Premier-Anwärter bestätigen die Beliebtheit des früheren Generals. Nach den Ergebnissen, die die israelische Tageszeitung »Maariv« vergangenen Freitag veröffentlichte, könnte Mordechai in der zweiten Runde Netanjahu deutlich mit 53 zu 39 Prozent schlagen.

Die schönen Prognosen haben nur einen Haken: Mordechai dürfte die entscheidende zweite Runde in der Direktwahl des Ministerpräsidenten kaum erreichen - ins Stechen kommen nur die beiden besten Kandidaten. Und da liegen bislang noch immer Netanjahu (36 Prozent) und Barak (35 Prozent) vor Newcomer Mordechai (22 Prozent).

Das ist nicht das einzige Problem der neuen Mitte, die noch nicht einmal als Partei registriert ist. Kaum zum Führer erkoren, demonstrierte Mordechai seinen Anhängern, daß er es mit der Religion auch in der Politik ernst meint: Im Parlament, der Knesset, verhalf er den Orthodoxen zu einem Triumph. Mit seiner Stimme sorgte er für die Billigung eines Gesetzes, das den frommen Ultras in den kommunalen Religionsräten die Macht über die liberaleren Reformjuden sichert.

Bei den Zentrumsanhängern brach ein Sturm der Entrüstung los. »Wie sollen wir mit einem solchen Kurs als Partei der Mitte antreten?« beschwerte sich ein aufgebrachter Aktivist. Immerhin verließ auch Mordechais Mitstreiter Roni Milo unter anderem den Likud, um zu verhindern, »daß die Ultraorthodoxen Israel regieren«.

Mühsam genug einigten sich die Ober-Zentristen auf eine gemeinsame Plattform. Jetzt ist ihr Programm von nationaler Versöhnung über die Einheit Jerusalems bis hin zu Umweltschutz und einer besseren sozialen Absicherung so allgemein und weit gefaßt, daß israelische Zeitungskommentatoren das Gemisch schon mit einer Portion »Tscholent« verglichen - im traditionellen Eintopf zum Sabbat wird so ziemlich alles zusammengekocht, was satt macht.

Schwierig wird es auch, die Balance zwischen den ehrgeizigen Frontmännern zu halten. Sowohl Schachak als auch Dan Meridor, 51, ein ehemaliger Likud-Finanzminister, hatten selbst ihre Kandidatur für den Premier-Posten angemeldet. Nun treten sie hinter Mordechai ins Glied zurück.

Auf ihrer ersten gemeinsamen Pressekonferenz vergangene Woche schüttelten sich die vier ständig die Hände, so als müßten sie sich ihrer Kameradschaft immer wieder versichern.

Mordechai und Schachak trennt obendrein ein tiefes Zerwürfnis aus gemeinsamer Militärzeit. Als der Stabschef Schachak seinen künftigen Nachfolger bestimmte, überging er den eigentlich vorgesehenen Mordechai.

Zu Schachaks Helfern zählt Jossi Ginossar, ein früherer Agent der israelischen Inlandsaufklärung. Um seine eigene Schuld an der Ermordung zweier Terroristen zu vertuschen, die 1984 in der Nähe von Tel Aviv einen Bus der Linie 300 entführt hatten, schob der Geheimdienst zunächst dem damaligen Militär-Befehlshaber Mordechai die Schuld zu - mit verwickelt in die Affäre war Ginossar.

Um Netanjahu zu schlagen, nutzt den neuen Zentrumsführern ihre militärische Erfahrung wenig. Das mußte bereits der hochdekorierte Kriegsheld Lipkin-Schachak erfahren. Bei einem öffentlichen Auftritt auf einem Markt in Tel Aviv wurde er von Netanjahu-Anhängern mit Gemüse beworfen.

Auf dem engen Feld der Mitte tummelt sich zudem schon reichlich Konkurrenz. Auch Oppositionsführer Barak, selbst ein ehemaliger Generalstabschef, will dort die entscheidenden Stimmen für seinen erhofften Sieg fischen. Unterstützt von US-Wahlkampfberatern, die auch für Tony Blair, Bill Clinton und Gerhard Schröder Ideen lieferten, hat er eine »Ein Israel«-Kampagne aufgelegt, die die gemäßigten Kräfte bündeln soll. In Bonn traf Barak kürzlich Kanzleramtschef Bodo Hombach, um sich die Kniffe des Wahlsiegs von Gerhard Schröder verraten zu lassen.

Während Schröder breite bürgerliche Wählerschichten gewinnen konnte, weiß in Israel niemand so genau, wie die neue Mitte eigentlich aussieht.

Die politischen Kräfte Israels sortierten sich bislang stets nach dem traditionellen Links-Rechts-Schema - hier die Arbeitspartei, dort der konservative Likud. Zwar haben sich die Blöcke inzwischen ideologisch einander angenähert. Und Großparteien sind sie längst nicht mehr. Beide fielen unter die 30-Prozent-Marke; die Unzufriedenheit mit den Etablierten trieb die Wähler in die Arme extremer Klein- und Kleinstparteien oder ethnischer Interessengruppen.

Der aussichtsreichste Versuch, in Israel eine politische Mitte zu formen, scheiterte vor rund 20 Jahren. Mit seiner »Demokratischen Bewegung für den Wechsel« ("Dasch") war es dem Ex-General und Archäologen Jigal Jadin 1977 zwar auf Anhieb gelungen, 15 Sitze in der Knesset zu erobern. Doch bereits vier Jahre später war die neue Partei wieder am Ende.

Anders als Jadins Dasch-Partei, die zu zwei Dritteln Stimmen von der Linken abzog und damit den ersten Sieg des Likud über die Arbeitspartei ermöglichte, will der religiöse Ex-Likud-Mann Mordechai vor allem Stimmen aus dem rechten Lager umlenken. Er hofft auf die Bibi-Müden, denen der Schritt zum linken Barak zu weit ist.

»Das ist eine entscheidende Frage dieses Wahlkampfes«, so die Meinungsforscherin Mina Zemach, »ob Mordechai das rituelle Wahlverhalten entlang der politischen Stämme brechen kann.«

Bei der letzten Wahl entschieden knapp 15 000 Stimmen über Netanjahus Sieg - so viele wie zum Fußballspiel auf die Zuschauerränge ins Jerusalemer Teddy-Kollek-Stadion passen. Daß er unter einigen zehntausend Wählern im entscheidenden Moment die richtige Stimmung entfachen kann, darauf vertraut Netanjahu noch immer.

Entsprechend selbstbewußt balgt sich deshalb in der satirischen Polit-Puppenshow »Charzufim« des israelischen Fernsehens auch dessen Spielfigur mit dem neuen Herausforderer Mordechai. »Was ist ein entlassener Minister?« fragt die Bibi-Puppe die Jizchak-Puppe. »Na, der ist arbeitslos«, entgegnet der. »Genau, genau«, höhnt Bibi: »Und die Arbeitslosen wählen alle mich.«

ANNETTE GROßBONGARDT

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