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SCHWEIZ / LANDESVERTEIDIGUNG Eintrittspreis erhöht

aus DER SPIEGEL 29/1966

Mit der TO 61 träumten eidgenössischen Großstrategen von Vergeltungsangriffen mit Hochleistungsflugzeugen bis nach Moskau hinein.«

So sah die Baseler »Abend-Zeitung« jene »Truppenordnung 61«, die sechs Jahre lang strategische Bibel der schweizerischen Miliz-Armee war. Ihr Mitschöpfer und lautester Verkünder: Armeekorps-General Dr. Georg Züblin, der die eidgenössischen Neutralitäts -Schützer in die westliche Gesamt-Strategie einpassen wollte.

Sein Ziel war eine Großmacht -Armee im Taschenformat mit Düsenflugzeugen, Panzerdivisionen, vollmotorisierten Einheiten, die möglichst noch über Atomwaffen verfügen sollten. Aufgrund der TO 61 wurde die Armee durch Herabsetzung des Höchstwehrpflichtalters von 60 auf 50 Jahre verkleinert und mechanisiert, damit sie zu einem »wertvollen Beitrag zur Kampfkraft einer Koalition« (Züblin) werde.

Aus Neutralitäts-Rücksicht bezeichnete Züblin die Koalition nicht näher. Was gemeint war, wurde deutlich, als die vorher üblichen schweizerischen Karten-Signaturen für eigene und feindliche Verbände bei Manövern durch die Nato-Zeichen ersetzt wurden.

Höhepunkt des Traums schweizerischer Vorwärtsverteidiguhg war der größte Rüstungsauftrag, den die Eidgenossen je vergeben haben: die Bestellung von hundert doppelschallschnellen Düsenkampfflugzeugen des Typs Mirage-III S in Frankreich. Laut Beschaffungs-Antrag war die supermoderne Luftstreitmacht auch zur Bekämpfung von Fern-Erdzielen vorgesehen.

Aber der Mirage-Einkauf endete in Spektakel und Skandal: Die Berner Besteller hatten sich um drei Jahre Lieferzeit und 20 Millionen Franken pro Maschine verrechnet. Statt ursprünglich 827,9 Millionen Franken sollte die Mirage-Flotte (Liefertermin: ab 1968) schließlich über zwei Milliarden Franken kosten (SPIEGEL 27/1964).

Solche Summen und die Agonie der Nato ernüchterten die wehreifrigen Eidgenossen. Nach zweijährigem Streit um den »teuersten Schrott der Welt« ("Neue Zürcher Zeitung") wurde der Mirage-Auftrag reduziert, und das Parlament beauftragte die Regierung, »die Gesamtkonzeption der Landesverteidigung einer Überprüfung zu unterziehen«.

Mitte Juni wurde das Ergebnis bekannt: Es ist ein totaler Rückzug von einer Mini-Force-de-frappe auf ein von herkömmlicher Miliz verteidigtes Alpen-Réduit. Generalstabschef Paul Gygli verkündete eine Strategie des »hohen Eintrittspreises in unser Land«.

Die schweizerische Alpenfestung soll mit Hilfe von insgesamt über einer Million Dienstpflichtiger (Gesamtbevölkerung: 5,5 Millionen) auf einen so hohen inneren Verteidigungsstand gebracht werden, daß einem potentiellen Feind ein Angriff nicht lohnend erscheint.

Kommentar der »Abend-Zeitung": »Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück!«

Armeekorps-General Züblin »Vorwärts, wir müssen zurück«

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