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DDR-KÜNSTLER Einzig mögliche Lösung

Die Theaterregisseurin Freya Klier, Anfang des Jahres aus dem SED-Staat ausgebürgert, hat ihre Erlebnisse mit der alltäglichen Repression der DDR-Behörden in einem Tagebuch verarbeitet. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Wozu ein Tagebuch? Der Übertritt ist erfolgt (freiwillig oder nicht, in den Westen fällt man weich), das Thema längst aus den Schlagzeilen. Wozu also ein Tagebuch?«

Die selbstkritische Frage steht gleich am Anfang eines Buches _(Freya Klier: »Abreiß-Kalender. Versuch ) _(eines Tagebuchs«. Kindler Verlag, ) _(München; 300 Seiten; 29,80 Mark. ) , das seit dieser Woche auf dem westdeutschen Markt ist, und sie scheint berechtigt.

Die Ausbürgerung der Autorin Freya Klier, bis zum 2. Februar 1988 Einwohnerin der DDR und an diesem Tag zusammen mit ihrem Mann, dem Liedermacher Stephan Krawczyk, von den Behörden ihres Landes über die Westgrenze gewippt, war ein medienträchtiges Spektakulum. Acht Monate später fragt nach den beiden Symbolfiguren ostdeutschen Aufbegehrens gegen die Diktatur der SED kein westdeutscher Reporter mehr.

Krawczyk und Klier? Waren das nicht die, die nach der Privatdemo von Bürgerrechtlern und Ausreisern beim offiziellen Rosa-Luxemburg-Gedächtnismarsch der SED am 17. Januar verhaftet worden waren und dann nach kurzer Haft rüberkamen?

Das Ehepaar Klier/Krawczyk lebt inzwischen in West-Berlin, in einem Neubaugeviert an der Oranienstraße, mit Blick auf Springer-Haus und Mauer.

Der 32jähringe Stephan Krawczyk hat im Westen bittere Erfahrungen fürs neue Leben gesammelt. Seine Tournee durch die Bundesrepublik im Sog der plötzlichen Berühmtheit wurde ein Flop. Die Protestsongs des Ex-Dissidenten kamen zwar an, vor allem bei jungen Leuten, aber die Konzertsäle, ausgelegt auf jeweils 1000 bis 1500 Zuhörer, füllten sich höchstens mal zu einem Drittel.

Umgeworfen, beteuert Krawczyk, habe ihn die böse Erfahrung nicht: »Es war eher wie eine Schule. Ich habe viel gelernt, auch über die Medienstruktur im Westen.« Ab Oktober zieht er erneut für zwei Monate durch die westdeutschen Lande.

»Wir sind eben«, bekennt Freya Klier freimütig, »mit unserer Situation noch nicht fertig.«

Vor allem ein Stachel sitzt tief: Im Osten, unter den Gesinnungsgenossen in den Gruppen der Bürgerrechtler, Friedensaktivisten und Umweltschützer, hält sich die Enttäuschung über Klier und Krawczyk. Dort zirkuliert weiter der Vorwurf, die beiden hätten allzu flink dem Druck der Stasi im Knast nachgegeben und sich willfährig nach Westen transferieren lassen.

Klier: »Was mich immer noch trifft, daß wir der Unehrenhaftigkeit und Raffinesse bezichtigt werden.« Dagegen wollte sie anschreiben, deshalb das Tagebuch. Schreiben ist die Waffe der 38jährigen, die nicht nur Theaterregie gelernt, sondern auch bereits ein Stück verfaßt hat - »Die Austreibung des

Juan«, eine Version des Don-Juan-Themas.

Auf 300 Seiten variiert die Autorin in knappen, nach Daten gegliederten Kapiteln dieses eine Thema: die alltägliche Repression der DDR-Behörden gegen die Regisseurin und den Liedermacher, die sich von Jahr zu Jahr, zwischen 1981 und Anfang 1988, verstärkt und mit dem Rausschmiß des Paares Klier/Krawczyk aus dem SED-Staat endet.

»Ich halte«, schreibt die Autorin in ihrer letzten Eintragung unter dem Datum des 2. Februar 1988, dem Tag der Grenzüberquerung, »unsere Ausreise für die einzig mögliche Lösung.«

Ob die Rechtfertigung bei denen, für die sie eigentlich geschrieben ist, ankommt, ist zweifelhaft. Denn je näher die Abschiebung rückte, desto mehr verengt sich die Perspektive des Tagebuches auf das Schicksal des Ehepaares Klier/Krawczyk, tritt der Bezug zur gesamten Bürgerrechtsszene in der DDR zurück.

Doch unabhängig von diesem, vor allem West-Leser nur mäßig interessierenden Problem gelingen Freya Klier dichte Schilderungen nicht nur des alltäglichen Psychoterrors der Aufpasser und Menschenfänger des Staatssicherheitsministers Erich Mielke (siehe Auszug unten) gegen die Bürger des eigenen Landes; die Theatermacherin Freya Klier erzählt auch aus eigenem Erleben enthüllende Beispiele über den ganz normalen Druck, mit dem die Staatspartei SED versucht, die heimischen Kulturschaffenden zu korrumpieren.

Die eigentliche Abrechnung der DDR-Künstlerin Freya Klier mit ihrem Regime ist das Tagebuch indes nicht. Die soll erst im kommenden Jahr fertig sein: eine Analyse über den Verfall von Kultur und Bildung in der SED-Republik, über die Erziehung zum absolut angepaßten ostdeutschen Untertanen. Jahrelang hat Freya Klier drüben nebenher empirisches Material gesammelt, mehr als 1000 Jugendliche befragt, darunter auch 200 Abiturienten. Die Stasi hat bei ihrer Verhaftung nur einen Teil gefunden, die meisten Unterlagen gelangten aus dem Land.

Freya Klier: »Abreiß-Kalender. Versuch eines Tagebuchs«. KindlerVerlag, München; 300 Seiten; 29,80 Mark.

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