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SOWJET-UNION Eis gebrochen

In Sibirien traten Tausende Bergarbeiter in den Streik. Das Sowjet- Fernsehen machte den Arbeitskampf landesweit bekannt.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Als die Zwangsarbeiter unter Chruschtschow freigelassen wurden und Lohnarbeiter ihre Fron übernahmen, entstand 1955 anstelle der umzäunten Barackenlager von Olscheras in Westsibirien die Stadt Meschduretschensk ("Zwischen den Flüssen") mit heute 107 000 Einwohnern. Nur etwa 1000 Häftlinge sind noch am Ort.

Aber auch die freien Bergleute, die in den fünf Gruben jährlich 30 Millionen Tonnen Kohle kratzen, leben erbärmlich. Zu Jahresanfang schickten sie einen Protestbrief an das Organ der Berufsorganisationen, die Moskauer Massenzeitung »Trud":

Die Lebensmittelläden seien leer, 10 000 Familien in der Stadt, mithin ein Drittel ihrer Bewohner, hätten keine eigene Wohnung, Krankenhäuser seien überfüllt »wie Ameisenhaufen«, so daß Patienten mindestens eine Woche auf einen Arzt warten müßten. In die Schulen würden zwei- bis dreimal mehr Kinder gepfercht, als die Klassenzimmer fassen könnten.

Für die Bergarbeiter wurden zwei Wohnblocks errichtet - und dann anderen Bewerbern zugeteilt. Als auch noch das Kantinenessen nicht mehr hinreichte für die Maloche unter Tage, rief Werkmeister Kokorin, Mitglied der KPdSU, zum Streik (was auch im Zeitalter der Perestroika bisher noch illegal ist). Der Parteisekretär der Zeche, der Sowjetdeutsche Becker, pflichtete ihm bei. 77 Kollegen traten vorigen Montag in den Sitzstreik, am nächsten Tag waren es 12 000.

Sie wählten ein Streikkomitee und schickten eine Delegation zum Stadtparteikomitee mit 42 Forderungen, darunter: mehr Fleisch und Wurst, 800 Gramm Seife und ein Handtuch im Monat, im Winter eine Steppjacke, Öffnung der Kantine auch für die Nachtschicht, mehr Sicherheit im Bergwerk, eine funktionierende Kanalisation in der Stadt - und eine neue Verfassung für die UdSSR sowie Streichung aller Funktionärs-Privilegien.

Der zuständige Gebietsparteichef Alexander Melnikow, ein halbes Jahr im Amt und bei der Volksdeputiertenwahl im März durchgefallen, hatte den Konflikt kommen sehen. Im April meldete er dem ZK in Moskau erste Arbeitsniederlegungen in seinem Amtsbezirk; für 30 Millionen Sowjetbürger jenseits des Ural gebe es keine Massenbedarfsgüter und keine warme Kleidung. Die Probleme näherten sich einem »kritischen Niveau«.

Zusammen mit dem Kohle-Minister Michail Schtschadow eilte er jetzt nach Meschduretschensk und bot einige Konzessionen an, als sich in der Nacht 20 000 Demonstranten vor dem Parteigebäude der Stadt versammelten. Das Streikkomitee gab sich nicht zufrieden; die Demonstranten pfiffen den örtlichen Parteisekretär Schtscherbakow aus und verlangten seinen Rücktritt. Auch in der Nachbarstadt Ossinniki (65 000 Einwohner, etwa 1000 Häftlinge) legten die Bergleute die Arbeit nieder.

Obwohl die Sowjet-Werktätigen nicht über eine selbstgewählte, streikbereite Gewerkschaft verfügen, war der Ausstand hervorragend organisiert. Keine antisowjetischen Losungen wurden laut, eigene Ordner-Trupps verhinderten Ausschreitungen und sorgten für ein Alkoholverbot in der Stadt.

Damit war die Meinung Moskauer Intellektueller widerlegt, das sowjetische Proletariat, laut Verfassung »führende Kraft« im Lande, sei zu entmutigt, aufgesplittert und passiv, um der Perestroika-Revolution den richtigen Schwung zu geben. Ungewohntes Selbstbewußtsein junger Arbeiter hatte Generalsekretär Michail Gorbatschow schon erlebt, zum Beispiel als er voriges Jahr auf der Parteidelegiertenkonferenz einen Redner, den Erdgas-Arbeiter Wadim Nischelski aus dem sibirischen Nowotroizk, unterbrechen wollte. Nischelski: »Genosse Gorbatschow sagte in seiner Rede vor dem Mittagessen, daß wir . . .« Gorbatschow: »Habe ich Ihnen das Mittagessen verdorben?« Nischelski: »Bringen Sie mich nicht aus dem Konzept. Das ist meine erste Rede auf einem solchen Forum.« Wie Rußlands arbeitender Klasse wirklich zumute ist, war bis dahin von den Sowjetmedien fast als Tabu behandelt worden. Dennoch sind seit den großen Streiks der Zwangsarbeiter in Workuta 1953 jedes Jahr Nachrichten von Arbeitsniederlegungen in den Westen gedrungen.

Bekannt war der dramatische Ausstand in Nowotscherkassk 1962, den jüngst die Parteijugendzeitung »Komsomolskaja prawda« bestätigte: Die Arbeiter wollten eine Aufbesserung ihrer Hungerlöhne, die Armee griff ein, es gab 31 Tote (auf dem Volkskongreß im Juni plädierte ein Deputierter für ihre Rehabilitierung).

Sonst erschien meist ein hochgestellter Mann aus Moskau vor Ort, erfüllte Forderungen der Streikenden und ließ später die Anführer verhaften. So geschah es auch noch 1988 bei den Streiks im Kaukasus, in Stepanakert, Eriwan und Baku.

Im März dieses Jahres wurde wieder in Workuta gestreikt, von freien Arbeitern. Als der Generaldirektor auf Forderungen nach mehr Lohn - der in der UdSSR von oben festgesetzt wird - nicht reagierte, verweigerten in vier Schächten 165 Kumpel die Arbeit und schließlich auch die Nahrungsaufnahme.

Minister Schtschadow und der Gebietsparteichef Wladimir Melnikow (Namensvetter seines Kollegen, der jetzt in Meschduretschensk erschien) fuhren in die Grube ein, boten Zugeständnisse an, doch die Bergleute ließen sich nicht umstimmen. Danach wurden ihre Forderungen ausnahmslos erfüllt, niemand kam in Haft.

Auch dieser Melnikow warnte darauf im April das ZK: »Massenhafte Arbeitsverweigerung, Hungerstreiks, ungenehmigte Kundgebungen, sogar Streiks sind die Realität unseres Lebens geworden.« Im selben Monat streikten Bergleute unter Tage in Alexandrija (Ukraine). Auch in Norilsk, dem früheren Zwangsarbeiterzentrum Sibiriens, legten die Kumpel die Arbeit nieder und verlangten 30 Prozent mehr Lohn.

Den Arbeitskampf von Meschduretschensk machten jetzt Fernsehen und »Prawda« landesweit bekannt, noch dazu mit verständnisvollen Kommentaren - eine Anleitung zur Nachahmung. Bis Freitag erfaßte die Streikbewegung das ganze westsibirische Industrierevier.

Jeder Sowjetbürger kennt die Vorgeschichte der Revolution von 1917: Fünf Jahre zuvor waren in Sibirien, am Fluß Lena, Bergarbeiter in den Streik getreten. Truppen erschossen 270 Demonstranten, in ganz Rußland streikten bald darauf über 800 000 Arbeiter, für bis heute nicht verwirklichte Ziele: Achtstundentag, Auflösung der großen Güter und eine demokratische Republik.

»Die Schüsse an der Lena«, schrieb damals Lenin, »haben das Eis des Schweigens gebrochen, und der Strom der Volksbewegung ist in Gang.«

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