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Briefe

Eisbergspitze
aus DER SPIEGEL 52/1971

Eisbergspitze

(Nr. 49/1971, Fernsehen)

Ein Paragraph 131 StGB soll die bundesrepublikanische Gesellschaft vor einer Brutalisierung bewahren. Grotesk! Kein Film kann so brutal sein wie die Wirklichkeit, die der deutsche Fernsehkonsument in den täglichen Nachrichten zum Abendbrot genießt. Sollen wir »Mannix« verbieten, wenn zehn Minuten vorher Nixon, ein von allen geschätzter Mann, öffentlich den Massenmord von Attica billigt! Warum darf »Trampas« nicht zuschlagen, wenn die deutsche Polizei, angefeuert von denen, die durch Paragraph 131 StGB geschützt werden sollen, ein »Schau-Schießen« in München veranstaltet? Wo liegt der Sinn, TV-Folterungen zu verbieten, wenn jeder von echten Folterungen weiß?

Wedel (Schlesw.-Holst.)

CLAUS-PETER HOLSTE-V. MUTIUS

Niemand macht das Fernsehen allein verantwortlich für Gewalt in der Gesellschaft; doch fraglos ist das Fernsehen ein bewährtes Medium zur ständig fortschreitenden Verbreitung von brutaler Gewalt. Das Fernsehen würde längst nicht zur »Idylle«, verwirklichte man Richters Vorschläge zur sinnvollen Kanalisierung von Aggression. Notwendige Folge wäre unter anderem: Gewalt-Produzenten wie Ungureit (ARD-Filmregisseur) müßten ihr Bewußtsein ändern oder die Stellung wechseln.

Frankfurt KARIN HOTZE

Sosehr ein Gesetzentwurf gegen die völlig unreflektierte Darstellung von Aggressivität zu begrüßen ist, da das Fernsehen als Sozialisationsagentur einen stark prägenden Einfluß sicher nicht nur auf Kinder hat, sowenig darf diese Form menschlicher Auseinandersetzung in der Darstellung völlig fehlen. In Versuchen am psychologischen Institut mit Schulkindern konnten wir zeigen, daß die Kinder -- vor und nach einem Film aus der Serie »Rauchende Colts« -, bezüglich ihrer Einstellung zur Aggressivität untersucht, nach einem Western gängiger Art sehr viel stärker bereit waren, ausgewählte Situationen aus dem Alltag aggressiv zu losen. Doch dies »Lernen am Erfolg« (des Filmhelden) legt den Schluß nahe, daß sich genauso nichtaggressives Handeln lernen lasse, denn das sportlich-imitative Element, auf das sich die meisten Untersuchungen letztlich beziehen, macht nur einen geringen Teil des Problems sichtbar. Es kommt, wie Professor Richter sagt, darauf an; worauf, weiß man eigentlich immer noch nicht.

Hamburg WULF BERTRAM

THOMAS KOCHLER Psychologisches Institut Hamburg

Sicher ist richtig, daß die Brutalität in der Gesellschaft ihre Wurzeln hat. Die Auswirkungen der Brutalität aber auf die Gesellschaft sind weitgehend ein Produkt von Manipulation und Imitation. Das zeigen gerade die von Ihnen geschilderten Untersuchungsergebnisse. Kappt man nun die »Spitze des Eisbergs«, so beschränkt man auch die Manipulation durch Filme, die kriminelle Gewalt als Ausweg aus den Zwängen der Gesellschaft zeigen und »right and order« propagieren helfen. Schuld daran (Ansteigen der Gewalt) ist wohl eher das kapitalistische Gewinnstreben und Eigentumsdenken. Jedem, der sich um ein möglichst differenziertes Bild von gesellschaftlichen Erscheinungen bemüht und der es ablehnt, Glaubensrichtungen jeder Art von »vornherein die richtige Erkenntnis der Dinge zuzusprechen, wird die verheerende Niveaulosigkeit einer solchen Argumentation offensichtlich sein.

Bonn M. ADAMS

Der Gesetzentwurf des Justizministers ist deshalb zu begrüßen. Im übrigen sorgt die Tagesschau schon dafür, daß aus dem Fernsehen keine Idylle wird.

Wiesbaden PHILIPP KLINGER

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