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»Eisen kam in meine Seele«

SPIEGEL-Redakteurin Valeska von Roques über Herkunft und Aufstieg Margaret Thatchers *
Von Valeska von Roques
aus DER SPIEGEL 41/1985

Während sie unterwegs war, brach ganz in ihrer Nähe der verzweifelte Aufruhr farbiger Jugendlicher in Birmingham oder Liverpool los. Sie reiste durch industrielle Ruinenlandschaften, an stillgelegten Fabriken vorbei oder an trostlosen Städten, die streckenweise wie ausgebombt wirken, durch die Gegenden mit der höchsten Arbeitslosenrate auf der ganzen Insel.

Doch auf ihrem Trip durch den Norden ihres Landes schien Margaret Thatcher nichts von solchem Elend zu bemerken. Frohgemut und unermüdlich bewegte die Premierministerin sich durch ein für sie wohlsortiertes Schaukästchen mittelständischen Unternehmertums in der Region. Hier plauderte sie mit einem Whisky-Fabrikanten, belobigte da einen Druckereibesitzer für seinen Widerstand gegen die Gewerkschaften und scherzte dort mit einem ausgesuchten Trupp von Arbeitern.

Arbeitslose kamen in ihrem Programm nicht vor.

Als es ein TV-Journalist schließlich wagte, sich nach ihnen zu erkundigen, reagierte die Lady unwirsch. Anklagend fuhr ihr Zeigefinger dem Fragenden entgegen: »Warum erkundigt sich denn niemand nach den achtzig von hundert Menschen, die sogar in dieser Region schließlich einen Job haben?« fragte sie im Ton einer beleidigten Unschuld.

Mit ihrer Frischwärts-Rhetorik und ihrer Fähigkeit, das Elend der Gegenwart durch Ausblick auf bessere Zeiten zu mildern, traf Margaret Thatcher lange genug den richtigen Balsam-Ton für ihre von Niedergang und Stagnation gepeinigten Briten. Ließ die Begeisterung für ihre Führung nach, vermochte es Margaret Thatcher immer, mittels äußerer Ereignisse - Falkland-Krieg, Bombenattentat von Brighton - vaterländische Hochstimmung zu erzeugen und für sich zu nutzen.

Doch jetzt ist, wie es scheint, die Magie der Margaret Thatcher verbraucht. Die konservative Tageszeitung »Daily Mail«, einer der treuesten Bannerträger der Regierungschefin, ermittelte unter ihren Lesern wachsendes Mißfallen an Margaret Thatcher. Eine Umfrage bescheinigte ihr, sie sei »rechthaberisch, unbelehrbar, kaltherzig mit diktatorischen Zügen«. Ihre Regierung habe sich als »unfallträchtig, leistungsschwach und glücklos« erwiesen.

Entsprechend liegt die Konservative Partei in der Gunst der Wähler jetzt sogar an dritter Stelle hinter der liberalsozialdemokratischen Allianz und der Labour-Partei. Auf dem Parteitag der Konservativen in Blackpool in dieser Woche werden die Vertreter der innerparteilichen Opposition zum Angriff auf Margaret Thatcher antreten.

Im siebenten Jahr der Regierung Thatcher sieht die Bilanz ihrer Amtsführung düster aus.

Die Zahl der Arbeitslosen kletterte auf vier Millionen, und sie steigt weiter. Konkurse dezimieren gerade die von Margaret Thatcher so geschätzten mittleren _(Getto-Schlacht im September 1985. )

Unternehmen. Ihre Steuersenkungen begünstigten die Reichen. Im Norden und Nordosten des Landes breiten sich wirtschaftliche Katastrophengebiete aus. Soziale Spannungen wachsen und entladen sich wie unlängst in den Getto-Aufständen der Jugendlichen von Birmingham, Liverpool und Brixton.

Doch Margaret Thatcher bleibt unbeirrt.

Sie beharrt darauf, den einzigen gültigen Weg zur Gesundung Großbritanniens zu verfolgen. Doch angesichts des Elends, das ihre Politik erzeugt, wirkt das inzwischen ein wenig gespenstisch, wie ein bedrohlicher Realitätsverlust.

Doch Margaret Thatcher hat sich immer an ihre Version von der Wirklichkeit gehalten. Entfremdung und Verneinung kennzeichnen auch ihren Umgang mit der eigenen Geschichte, und das fällt bei ihr mehr ins Gewicht als bei den meisten anderen Politikern, weil Margaret Thatcher ihre Biographie zum politischen Programm erhob. Aus den simplizistischen Wahrheiten, mit denen sie aufwuchs, leitet sie das Rezept zur Gesundung der britischen Gesellschaft ab. Das Großbritannien, das sie meint, ist ihr großgeschriebenes Ich.

»Meine Politik gründet nicht auf irgendeiner wirtschaftlichen Theorie«, hat sie einmal gesagt, »sondern auf Grundsätzen, mit denen ich wie Millionen andere großgeworden bin: ehrliche Bezahlung für ehrliche Arbeit, lege was beiseite für schlechte Zeiten, bezahle deine Rechnungen pünktlich, unterstütze die Polizei.«

Wer sich so verhält, behauptet sie, kommt vorwärts. »Der Charme Großbritanniens lag immer in der Leichtigkeit, mit der man in die Mittelklasse aufsteigen kann«, beteuert Margaret Thatcher. Was sie verschweigt, ist der Umstand, daß »Leichtigkeit« ihren eigenen Aufstieg überhaupt nicht kennzeichnet - im Gegenteil: ihr Leben - ein Hindernisrennen von Kindheit an.

Unablässig - erst vom Vater, dann von sich selbst - zum Fortkommen angetrieben, verzichtete sie auf viele der einfachsten Freuden von Kindheit und Jugend. Von der elitären Schicht, die sie anstrebte, wurde sie ausgeschlossen und zurückgewiesen. Und am Ende heiratete sie in die obere Mittelschicht: eigentlich eine Niederlage für eine, die an die Wunderkraft der eigenen Leistung glaubt.

Was eisern an Margaret Thatcher wirkt, hat daher auch mit dem Panzer zu tun, den sie sich irgendwann zulegte auf ihrer langen biographischen Reise aus der Kleinstadt Grantham in das Haus an der Downing Street 10 in Londons City. Der Panzer verbirgt Narben.

Und wenn sie gnadenlos mit der Schicht umgeht, aus der sie kam, regt sich darin vielleicht auch tiefverborgener - und fehlgelenkter - Zorn über Verletzungen, die sie selber erlitt. Die jungen Leute aus den Gettos von Birmingham, die sie kriminell und asozial nennt, dürfen es nicht leichter haben als sie einstmals.

Über ihre Kindheit sagt die Premierministerin - geboren als Margaret Hilda Roberts am 13. Oktober 1925 -, in ihr habe es »wenig Spaß und Glanz« gegeben, aber sie sei »sehr froh, so streng erzogen« worden zu sein. Ihre Eltern, Beatrice und Alfred Roberts, waren strenge Methodisten, Anhänger jener protestantischen Erweckungsbewegung, die im England des 18. Jahrhunderts ursprünglich als Kirche der Entrechteten entstanden war.

John Wesley, einer der Gründer, sammelte die Besitzlosen und Ausgestoßenen der englischen Gesellschaft um sich, für die es in der korrupten und angepaßten Anglikanischen Kirche seiner Zeit keinen Raum gab.

In der englischen Unterschicht wurde der Methodismus sogar zu einer treibenden Kraft der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften. Vorformen der Bergarbeitergewerkschaft, die Margaret Thatcher niederzumachen suchte, gründeten methodistische Laienprediger.

Methodisten der Gegenwart, die das sozialreformerische Engagement ihrer

Kirche bewahrt haben, nennen die Premierministerin daher eine »Verräterin an der historischen Mission der Methodisten in England«.

Was Margarets Elternhaus freilich vor allem vermittelte, war die lustfeindliche Disziplin, die John Wesley über seine Nachfolger verhängte, eine schwere tägliche Kost von Selbstverbesserung, Verzicht und harter Arbeit.

Nach John Wesley sollten fromme Methodisten es »sich zur Regel machen, auf modischen Zeitvertreib zu verzichten, auf das Lesen von Dramen und leichten Romanen, auf das Singen heiterer Lieder oder darauf, in fröhlichem, vergnügtem unterhaltsamen Ton zu reden« - Margarets Eltern, Alfred und Beatrice Roberts, beide nicht mit Humor oder Hang zu Frohsinn begabt, fiel das durchaus nicht schwer.

Viermal nahmen Margaret und ihre um vier Jahre ältere Schwester Muriel am Sonntag in der zehn Minuten zu Fuß entfernten Kirche in der Finkin Street an frommen Verrichtungen teil. Erst an der Sonntagsschule, dann mit ihren Eltern am Vormittagsgottesdienst. Nachmittags war noch einmal Sonntagsschule angesetzt und abends ein weiterer Gottesdienst.

Freizeitvergnügen, selbst das Lesen von Zeitungen, waren sonntags bei den Roberts verboten. Die Kinder durften keine Freunde treffen, nicht spielen, nicht einmal häkeln oder nähen. Die Askese war absolut.

Für vieles, was Nähe schafft in Familien - gemeinsame Mahlzeiten, gemeinsame Unternehmungen in der Freizeit oder in den Ferien -, gab es wenig Raum in den völlig pflichtbestimmten Abläufen.

Was Margaret Roberts statt Intimität erfuhr - und deshalb auch mit intakter Familie verwechselt -, war die Herrschaft moralischer Gebote, denen sich alle beugten.

»Sauberkeit kommt gleich nach Gottgefälligkeit«, hieß einer der frommen Kalendersprüche, mit denen die Roberts den Lebensweg ihrer Kinder umzäunten.

Desgleichen wurde rigide Sparsamkeit geübt, und das hieß bei den Roberts Verzicht selbst auf bescheidene Annehmlichkeiten. Auch nachdem längst Geld genug dafür dagewesen wäre, versagten es sich die Roberts, in ihren bescheidenen Wohnräumen ein Bad einzubauen - nach wie vor wurde zum Baden heißes Wasser in Kübeln in den Schuppen geschleppt.

Ihr Taschengeld hatten die Kinder bis auf den letzten Penny zu sparen oder für wohltätige Zwecke der Kirche zu stiften. Auch Extrageld, das sie zum Geburtstag bekamen, durfte nicht für Kinderwünsche ausgegeben werden, sondern mußte aufs Sparkonto gehen.

Aus solchen Einzelheiten ihrer viktorianisch-frugalen Kindheit haben die zahlreichen Biographen Margaret Thatchers fromme Mythengemälde zusammengesetzt, in denen die Heldin aus widrigen Umständen zu Größe aufsteigt.

Psychologen, aber auch Freunde und Bekannte Margaret Thatchers aus ihrer Jugend, sehen die frühen Einflüsse kritischer.

In der straff strukturierten, von Arbeit und Politik geprägten Umgebung, in die Alfred Roberts seine Tochter sperrte, habe sie Wichtiges nicht lernen können

meint etwa Fay Francella, eine britische Psychologin: das »normale Management von persönlichen Beziehungen zu anderen Menschen oder wie man im Gegenüber zu anderen eine klare Auffassung vom eigenen Selbst entwickelt«.

Kindliche Auflehnung gegen die dröhnenden moralischen Gebote des Vaters wäre nicht nur normal, sie wäre sogar gesund gewesen für die Entwicklung der Margaret Roberts. Aber sie fügte sich.

Aus psychoanalytischer Sicht blieb sie in der Reinlichkeitsphase der kindlichen Entwicklung stecken, in der Schmutzlust, Neigung zum Chaos und Unordnung des Kleinkinds durch elterliche Gebote gebändigt wurden. Dies geschieht, indem sich das Kind mit den Zuchtmeistern identifiziert, so daß die neuen Verhaltensregeln erträglich werden.

Nur - Margaret Roberts verharrte offensichtlich in der bruchlosen Identifizierung mit dem Vater.

Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich, die sich mit der Kindheit Margaret Thatchers befaßt hat, sieht in dieser nicht vollzogenen Ablösung einen wesentlichen Grund für die politische Unbeirrbarkeit, ja Starrheit der britischen Premierministerin: »Wer die menschliche Neigung zu Unordnung und Chaos, kindliche Schmutzlust und Emotionalität total in sich unterdrücken muß, dem wird später die Möglichkeit zur Selbstreflexion fehlen. Weil nur das eine, unter hohem Preis für sich selbst akzeptierte Gesetz, das des Vaters, gilt, kann ein solcher Mensch Dinge nicht mit den Augen anderer sehen, andere Standpunkte gelten lassen, Kompromisse schließen.«

Irgendwann in den ersten Schuljahren, als sie merkte, daß ihre Schulkameraden so viel mehr Freizeit und Spaß hatten, daß sie sich sonntags besuchen durften, auf Picknicks gingen und radfuhren, unternahm Margaret einen zaghaften Ansatz zu Auflehnung und fragte ihren Vater, warum ihr so viel verboten sei.

Vater Roberts antwortete mit einer kleinen Predigt, die keine Antwort war. »Margaret«, soll er gesagt haben, »tue niemals etwas, nur weil andere Leute das tun. Beschließe selbst, was du tun möchtest, und überrede die anderen Leute dann, dir zu folgen.«

Darin liegt sicher eine nützliche Empfehlung zur Eigenständigkeit. Aber die eigenen Überlegungen müßten dann auch zu dem Schluß kommen dürfen, daß in der Tat begehrenswert sei, was die anderen tun. Das schließt Vater Roberts jedoch nachdrücklich aus. Den richtigen Weg erkennt - außer ihrem Vater - immer eine, sie selbst. Die anderen müssen ihr folgen.

In der frostigen Entschiedenheit, mit der Margaret Thatcher heute Menschen zurückweist, die anderer Meinung sind als sie - »You are utterly and totally wrong« ist eine häufig von ihr gebrauchte

Formulierung -, klingt wie ein fernes Echo das Gebot ihres Vaters nach.

Solche Erstarrung, die nicht einmal die Möglichkeit zuläßt, daß andere wenigstens ein bißchen recht haben könnten, verbirgt auch Unsicherheit. Weil sie niemals lernte, andere gelten zu lassen, muß Margaret Thatcher bei einem Abweichen von ihrem Standpunkt immer gleich völlige Auflösung fürchten. Die Aussicht auf einen Kompromiß bedroht sie wie eine schmerzliche Aufgabe des Ich.

In diesem Sinn steckt wohl auch Angst hinter ihrer eisernen Fassade. Sie selber hat das trefflich einmal in einer BBC-Sendung formuliert: »Eisen kam in meine Seele. Man braucht ein bißchen Stahl, sonst wird man zu Gummi.«

Doch indem sie es frühzeitig lernte, Verzicht in eigene Wahl umzudeuten, stärkte sich Margaret Roberts auch dafür, Isolation und jene Abweisung auszuhalten, die ihr in der Schul- und Studienzeit reichlich widerfuhr.

Sie war immer eine Außenseiterin, das Mädchen vom Slum-Ende der Stadt. Immer wieder stieß sie auf die Schranken, die Geburt und Herkunft in der englischen Gesellschaft aufrichten.

In der privaten Mädchenoberschule, die Margaret seit ihrem elften Lebensjahr als Stipendiatin besuchte, waren zum Beispiel die Klassen unterteilt in einen A-Zug für die besonders intelligenten und einen B-Zug für die weniger begabten Mädchen.

Die B-Schülerinnen kamen überwiegend aus gutsituierten Elternhäusern der oberen Mittelschicht und bezahlten Schulgeld. Sie blieben unter sich und sahen herab auf die intelligenteren A-Schülerinnen aus den unteren Klassen. Diese wiederum behandelten »die dummen Reichen« mit intellektueller Geringschätzung.

Margaret Roberts, die von ihren Lehrern als ungemein fleißig, gleichwohl als nicht übermäßig begabt eingeschätzt wurde, landete zunächst im B-Zug. Was das für sie bedeutete, daran erinnert sich heute eine Freundin Margarets aus der Schulzeit, Margaret Wickstead: »Sie war doppelt isoliert.« Unter den Mädchen ihres eigenen Zuges war sie gesellschaftlich nicht akzeptiert, und sie bekam das zu spüren, etwa, indem sie zum jährlichen Weihnachtsessen der B-Mädchen nicht eingeladen wurde. Für die aus dem A-Zug galt sie als eine der Beschränkten aus dem B-Zug.

Margaret Roberts wehrte sich, indem sie paukte und auf hochmütige Distanz zu beiden Gruppen ging. »Snobby Roberts« hieß sie bald unter ihren Mitschülerinnen. Auch nachdem sie in den A-Zug versetzt worden war, blieb sie

allein. Sie galt als Streberin. Ihr matronenhaft überlegenes Gehabe fiel einigen aus ihrer Klasse so auf die Nerven, daß sie auf Umwegen zur Schule gingen, nur um nicht auf die Spaß- und Spielverderberin Margaret Roberts zu treffen.

In den Augen der Mittelklasse war sie zudem ein etwas ungeschliffenes Mädchen geblieben, dem es an Manieren fehlte.

Bevor sie es heute vorführt, schaut sich Margaret Wickstead im Restaurant um und zeigt dann verstohlen, wie ihre Freundin einst das Messer abzulecken pflegte und sich mit den Ellenbogen breit auf den Tisch stützte. Auch die Sprache der Lebensmittelhändlertochter ließ zu wünschen übrig. Oft genug habe ihre Mutter Margaret Roberts diskret ermahnt, diese oder jene Wendung, die Unterschicht verriet, nicht zu gebrauchen.

Bevor sie nach Oxford kam, ließ Alfred Roberts seiner Tochter freilich Sprachunterricht erteilen, der ihren breiten Lincolnshire-Dialekt abschleifen sollte und sie im »King''s English« der Oberschicht unterwies.

Wer in einem Alter überhöhter Empfindlichkeit ständig gezwungen wird, Korrekturen an Lebensformen der Kindheit vorzunehmen, dem muß es später schwerfallen, gelassen mit der eigenen Herkunft umzugehen. Über lange Jahre ihres Lebens hinweg entschied sich Margaret Thatcher, zu verdrängen und zu vergessen. Erst als es opportun für sie wurde, in den siebziger Jahren, erhob sie ihren bescheidenen Ursprung zum politischen Wappen.

In Oxford, wo sie von 1943 bis 1946 studierte, litt sie an ihrer Herkunft.

Gnadenlos wurde sie von ihren Kommilitoninnen wegen ihrer naiven und betonten Anstrengungen gehänselt, sich selbst zu verbessern, schreibt Penny Junor, eine Biographin Margaret Thatchers. Sie wurde ausgelacht, weil ihr angelerntes feines Englisch unbeholfen und gespreizt wirkte.

Die Mitstudentinnen spotteten noch böser, als sich Margaret während ihres zweiten Studienjahres in Oxford zum erstenmal verliebte: in den Sohn eines Grafen.

Sie sprach offen und animiert über ihre Gefühle für ihn, was ihre Kommilitoninnen - ihrerseits erfüllt von Oberschicht-Ablehnung gegenüber dem Eindringling aus der Unterklasse - nun sogar richtig erboste. Sie meinten, erkannt zu haben, daß Margaret ihre Verbindungen schamlos für gesellschaftlichen Aufstieg nutze, und fanden, es wäre nun »wirklich das Letzte, wenn Margaret sich einen Lord finge« (Penny Junor).

Aber der Flirt kam zu einem jähen Ende, nachdem der junge Mann sie seiner Mutter vorgestellt hatte. Hier versagte offensichtlich der von Margaret Thatcher gepriesene »Charme Großbritanniens«, gesellschaftlichen Aufstieg »mit Leichtigkeit« zuzulassen.

In den frühen vierziger Jahren, in denen an Universitäten wie Oxford linke und revolutionäre Ideen immer noch modische Saison hatten, stellte sich Margaret mit ihrem unerschütterlichen und dogmatischen Engagement für die Konservative Partei ins gesellschaftliche Abseits.

Janet Vaughan, die damalige Direktorin des Somerville College, an dem sie studierte, erinnert sich: »Als Konservative war sie wie in Stahl gefaßt. Sie hatte immer nur die gleichen Sprüche drauf. Wir gaben oft Gesellschaften am Wochenende, aber sie wurde nicht eingeladen. Sie hatte nichts beizutragen.«

Schwer vorstellbar, daß einer jungen, ehrgeizigen Person mit Aufstieg im Sinn solche Zurückweisung entging. Aber ihr inneres Abwehrsystem funktionierte inzwischen perfekt.

Wo sie abseits stand, flüchtete Margaret Roberts in gravitätische Ablehnung aller derjenigen, die sich nicht mit gleichem Ernst wie sie um persönliches Fortkommen bemühten.

Sie begann freilich auch, sich von ihrer Familie, der Schicht, aus der sie kam, abzusetzen. Von ihrem Vater sprach sie stets als dem »Bürgermeister von Grantham«. Seinen echten Beruf verschwieg sie. Mitstudentinnen aus Grantham und Umgebung besuchte sie häufig am Wochenende und in den Ferien zu Hause, aber sie lud sie kaum in ihre eigene Familie ein.

Die Spuren ihrer Herkunft verwischte Margaret gänzlich, als sie 1947 ihren ersten Job als Chemikerin in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung einer Kunststoffabrik antrat. So hoheitsvoll _(1945; mit den Insignien des ) _(Bürgermeisters von Grantham. )

und von oben herab ging Margaret mit den Arbeitern in der Produktion um, daß ihr bald der Spitzname »die Herzogin« anhing.

Auch zu ihren Kollegen hielt Margaret derart Distanz, daß diese annahmen, sie komme aus einer furchtbar vornehmen Familie und sei einfach zu fein, mit ihnen zu reden. Grantham und das Kolonialwarengeschäft blendete sie einfach aus.

Das Thema der »Herzogin«, gleichsam als Verdichtung von Aufstiegsphantasien, taucht an einem Wendepunkt im Leben Margarets wieder auf: bei ihrer Heirat mit Denis Thatcher, dem begüterten Mann aus der oberen Mittelklasse. Da ihr der Umstand, daß sie einen geschiedenen Mann heiratete, in der Methodistischen Kirche ein weißes Brautkleid untersagte, ließ sie sich für ihre Hochzeit ein historisches Kostüm schneidern. Es war eine bis in Einzelheiten genaue Kopie einer strahlend blauen Samtrobe, die Georgiana, Herzogin von Devonshire, auf einem Gemälde von Joshua Reynolds trägt - einschließlich der Samtkappe mit wallenden Straußenfedern.

Für die Familie ihres Mannes erhob solch vornehme Kostümierung diese Braut keineswegs zu höherem Stand. Die Thatchers nahmen die Verbindung des Erben Denis mit der Krämerstochter aus Grantham als Mesalliance. Die Kontakte blieben dürftig und kühl.

Das mag sie getroffen haben. Andererseits räumte ihre Heirat mit Denis Thatcher ein Hindernis beiseite, das sich einer begabten, ehrgeizigen, aber mittellosen jungen Frau gerade im Umfeld der Konservativen Partei handfest in den Weg stellte: Das Geld ihres Mannes ermöglichte Margaret Thatcher den politischen Aufstieg.

Sie erkaufte ihn nicht, und es geht nicht darum, die unglaubliche Leistung einer Frau zu schmälern, die im abgeschotteten System der britischen Gesellschaft ihren Weg bis ins höchste Regierungsamt machte. Nur - wenn sie ins Zentrum ihrer politischen Botschaft die neokonservative Auffassung setzt, daß Fleiß und Talent in Großbritannien jedermann alles möglich machen würden, und den Zurückgebliebenen vorhält, sie strengten sich nur nicht genug an, beschreibt das ihre eigene Karriere nur unvollkommen.

Nach ihrer Heirat konnte Margaret Thatcher ihren Job als Chemikerin aufgeben und sich ganz dem für eine Karriere in der Politik sehr wichtigen Studium der Jurisprudenz widmen. Sie konnte ihre anstrengende Karriere mit ihrem Hausfrau- und Muttersein vereinen, indem sie die Betreuung ihrer beiden Kinder, der 1953 geborenen Zwillinge Carol und Mark, konsequent und von Anfang an einem verläßlichen Kindermädchen übergab. Mark kam mit acht, Carol mit zehn Jahren in ein Internat.

Geld besorgte Margaret Thatcher die Bewegungsfreiheit, die männliche Politiker durch die Frau an ihrer Seite erhalten. Es half Margaret Thatcher, sich rigoros von den praktischen Beschränkungen zu befreien, welche die traditionelle Rolle gemeinhin Frauen auferlegt.

Margaret Thatcher ist eine emanzipierte Frau - und will es zugleich nicht sein. Im Verhältnis zu ihrem eigenen Geschlecht lebt Margaret Thatcher ambivalent und widersprüchlich. In ihrer stets perfekten Kostümierung einer Dame aus der Oberschicht, der schier unversehrbaren Frisur und dem unumgänglichen Handtäschchen am angewinkelten Arm trägt sie ihre Weiblichkeit vor sich her wie ein brokatbesticktes Banner, und wehe dem Mitarbeiter, der es im Umgang mit der Premierministerin an chevaleresker Aufmerksamkeit fehlen ließe.

Aber sie sagt auch: »Ich bemerke gar nicht, daß ich eine Frau bin. Ich betrachte mich als Premierminister.« Sie bevorzugt entschieden die Gesellschaft von Männern, und es gibt viele Anzeichen dafür, daß sie Frauen, ihr eigenes Geschlecht, im Grunde verachtet.

Zu ihrer Mutter brach sie im Teenager-Alter die Beziehungen praktisch ab. »Seit ich fünfzehn war, hatten wir einander nichts mehr zu sagen«, erzählte Margaret Thatcher dem »Daily Express«, ihre Mutter sei halt »immer nur zu Hause, niedergedrückt vom Haushalt« gewesen.

Das gleiche unterstellt sie den meisten anderen Frauen. Sie tut sich schwer im Umgang mit ihren Geschlechtsgenossinnen, weil sie davon ausgeht, daß diese, wie sie einmal sagte, »sich nur für

Fleischpreise und Kindererziehung interessieren«.

So wie sie die kleinbürgerliche Schicht, aus der sie kam, geringschätzt, zeigt sie Geringschätzung auch für Frauen, die sich nicht wie sie selber aus der Küche befreit haben.

Daß dies so einfach nicht ist, leugnet Margaret Thatcher: Und auch hier geht sie auf Distanz zur eigenen Geschichte, zu ihrem Geschlecht.

Im Lauf ihrer Karriere ist sie wiederholt und handfest diskriminiert worden.

Sie konnte, wie damals alle Studentinnen Oxfords, dem ehrwürdigen Debattierklub »Oxford Union« nicht beitreten - einem traditionsreichen Nährboden politischer Talente und späterer Kontakte, dem zahlreiche Premierminister von Gladstone, Asquith, Salisbury bis zu Wilson und Heath als Studenten angehört hatten.

Ihr Anfangsgehalt lag 50 Pfund jährlich unter dem der männlichen College-Absolventen, die mit ihr eingestellt wurden. Sie verlor ihren Job in einer Anwaltskanzlei: Sie hatte sich auf Steuerrecht spezialisiert, und das galt als männliche Domäne, in der eine Frau nicht genügend Kundschaft bringen würde. Einer der Partner wetterte zudem, Frau Thatcher solle gehörigst zu Hause bleiben und Windeln waschen.

Ihre politische Laufbahn kam jahrelang nicht recht voran, weil sie eine Frau war. Mehrmals bewarb sie sich um Aufstellung in konservativen Wahlkreisen und wurde mit dem Argument abgeschmettert, es schicke sich nicht für eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern, in die Politik zu gehen.

Gleichwohl hat Margaret Thatcher später Forderungen nach Gleichberechtigung immer abgetan. »Was hat denn Women''s Liberation jemals für mich getan?« schnaubte sie auf eine entsprechende Frage nach ihrer Wahl zur Premierministerin. Darin verhält sich Margaret Thatcher ganz nach dem Muster anderer hocherfolgreicher Frauen: Weil sie auf ihrem mühsamen Marsch nach oben so viel wegstecken mußte an Schmerz und Verletzung, darf es anderen nicht leichter gemacht werden. Diskriminierung gibt es - so Margaret Thatcher - in Großbritannien »seit Jahren nicht mehr«, wohl aber gebe es Frauen, die »Möglichkeiten haben, ohne sie zu nutzen«.

Ausnahmefrauen wie Margaret Thatcher stützen das Klischee von der Schwäche des weiblichen Geschlechts, indem sie sich selber in der Führung ihrer Geschäfte besonders hart geben. Wie vor ihr Golda Meir oder Indira Gandhi erwarb sie sich so den Ruf, der einzige Mann in der Regierung zu sein.

Dabei ist die Amtsführung der Margaret Thatcher, ihr Umgang mit der Macht, ganz entschieden davon geprägt, daß sie eine Frau ist.

In einem politischen System, das in besonderem Maß von männlichen Kommunikationsformen und Ritualen lebt, ist Margaret Thatcher ein Fremdling geblieben.

Lange genug war nämlich gerade die »Konservative Partei männlich ausgerichtet in dem Sinn, daß sich ihre Aktivitäten innerhalb von Strukturen abspielten, aus denen Frauen praktisch verbannt

waren« - so der konservative Schriftsteller und Kolumnist Paul Johnson über die praktischen Schwierigkeiten, die sich aus dem Frausein Margaret Thatchers ableiten. Ihr fehlt »clubability«, und das heißt zunächst: weitgehend Ausschluß von den traditionsreichen Klubs wie Carlton, White''s oder Bucks, »den männlichen Domänen, in denen konservative Politik geformt wurde und Ausdruck fand« (Johnson).

»Clubability« im weiteren Sinn bezeichnet aber auch die Ablagerungen langer, gemeinsamer Lebensgeschichten, beginnend bei den Knabeninternaten und den Universitäten, aus denen die Mächtigen kommen.

Die Ausdrucksformen englischer Politik sind geprägt von schulischen Beiklängen. Wer den tumultuösen Verhandlungen des Unterhauses folgt, mit dem kollektiven Aufröhren seiner ehrenwerten Mitglieder, dem Aufspringen, Füßescharren, dem dröhnenden Gelächter und dem Wirrwarr von Zwischenrufen, fühlt sich an den Aufruhr unter Primanern erinnert.

Ihre in langer Gemeinsamkeit eingeübten informellen Kommunikationsweisen lassen es aber auch zu, in den Rauchsalons des Parlaments oder in den Klubs nach der Schlacht die Wunden mit ein paar Bieren oder Whiskys zu balsamieren - selbst die des Gegners.

Solche Verhaltensweisen fehlen im Repertoire Margaret Thatchers. Politische Umgangsformen, die bei allem donnernden Zusammenprall Respekt für den Gegner bewahren, Widerspruch zulassen und am Ende unterschiedliche Positionen integrieren, liegen ihr nicht. »Unstrukturierte Diskussion«, wie sie es nennt, gibt es nicht in ihrem Kabinett. Gegner müssen vernichtet werden.

Jeder, der ihren Kurs nicht unterstütze, werde als »rückgratlose Kreatur gebrandmarkt, die eine behagliche Lösung für jedes Problem suche«, schrieb der von Margaret Thatcher geschaßte Außenminister des Falklandkriegs, Francis Pym, in seinem Buch »The Politics of Consent«, das den Führungsstil der Premierministerin hart kritisiert.

Dissens - nach Francis Pym ein Lebenselement der britischen Demokratie - ist unter Margaret Thatcher nicht erwünscht. Bei Pym klingt an, was auch in der Öffentlichkeit an Margaret Thatcher kritisiert wird: daß ihr rabiater Umgang mit Gegnern irgendwo unbritisch sei.

Downing Street, das Zentrum der britischen Politik, schrieb unlängst der »Economist«, sei unter Margaret Thatcher ein »merkwürdig leerer Ort« geworden, durch dessen Korridore »die Premierministerin streicht wie ein einsamer Falke auf der Suche nach Beute«.

Von »Bunker-Mentalität« ist die Rede, wenn es um Margaret Thatchers Führungsstil geht, eine Comic-Strip-Serie in der satirischen Zeitschrift »Private Eye« beschreibt die Premierministerin gar als »Herr Thatchler": ein Diktator in der ältesten Demokratie der Gegenwart.

Zugleich lag freilich - wenigstens anfänglich - über ihrem Regiment der Nachglanz jener großen Zeiten, in denen bedeutende Herrschergestalten die Geschicke des Landes lenkten: der Epochen politischer und kultureller Blüte unter Elisabeth I. und des Empire unter Viktoria;

und als Margaret Thatcher die britische Flotte über die Meere gen Falkland schickte, wurde die Vergangenheit dramatische Realität, versank die mißliche Gegenwart in nationaler Euphorie.

Im Inneren gab das Regime vielen Engländern das erlösende Gefühl, daß da endlich eine strenge Gouvernante Zucht und Ordnung schaffen werde. Wenn sie kriminelle Jugendliche in streng geführte Besserungsanstalten steckte, Arbeitslose durch Kürzung ihrer Bezüge zu größerem Bemühen um einen Job anstachelte, vermittelte sie - befreiend für viele - den Eindruck, daß soziale Probleme einer Gesellschaft mit Strafen ausgetrieben werden könnten, so wie durch Mutters Schelte einst die schlechten Tischmanieren: Innenpolitik gestützt auf Kindheitserfahrung mit weiblicher Macht.

Warum beugten sich dem ausgerechnet die verkrusteten Konservativen, hat im »Observer« die Kolumnistin Katharine Whitehorn gefragt.

Natürlich spürten sie Unbehagen: archaische Abwehr gegen eine Frau, die männliches Vorrecht bedroht, unangenehme Erinnerungen an Mummy, die ihnen befehlen konnte, die Schuhe abzutreten, oder an häusliche Eheschlachten, die sie selbst verloren haben.

Führt aber kein Weg an einer Margaret Thatcher vorbei, muß sie glorifiziert werden: »Wenn sie gut genug ist, über mich zu herrschen, muß sie verdammt gut sein, Superfrau, überlebensgroß.«

Solche Unterwerfung labt sich, solange es irgend geht, an spektakulären, wenngleich fadenscheinigen Siegen. Denn der gewonnene Falkland-Krieg konnte die Größe Britanniens nicht wiederherstellen. Der Sieg über den Streikführer Arthur Scargill zeigte nur, daß auch mit gezähmten Gewerkschaften die britische Wirtschaft noch nicht kuriert war.

Immer schärfer fielen - sogar in den Augen von Bewunderern - Anspruch und Wirklichkeit in der Politik Margaret Thatchers auseinander.

Ihre »konservative Revolution«, welche die Energien einzelner freisetzen sollte vom Druck eines übermächtigen Staates, schuf sich einen Regierungsapparat, der drückender und mächtiger ist als jener der vorhergegangenen Labour-Regierungen. Eine Umwälzung, die, nach einem Neujahrs-Toast der Regierungschefin, Großbritannien in einem neuen »Erwachen« einen sollte, hat die Nation polarisiert: zwischen Nord und Süd, zwischen denen, die von Privatisierungsprogrammen oder anderen Förderungen von Eigeninitiative profitieren, und jenen, die ohne Job sind.

Die Enttäuschung über die ausgebliebene Rettung durch Margaret Thatcher drückt sich aus in ihrem jähen Sturz an Popularität und trägt bei ihren Anhängern Züge von Scham über die frühere Begeisterung.

Jetzt, da die Nation »vom Bann« des Thatcherismus erwache, schrieb der Labour-Abgeordnete Peter Shore anläßlich des zehnten Jahrestages der Machtergreifung Margaret Thatchers in der Konservativen Partei, würden die Briten mit »Staunen und Unglauben« auf die Herrschaft der Premierministerin zurückblicken.

Getto-Schlacht im September 1985.1945; mit den Insignien des Bürgermeisters von Grantham.

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