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Briefe

Eisenfresser
aus DER SPIEGEL 21/1950

Eisenfresser

Der Bismarck-Artikel des SPIEGEL (Nr. 15/50) hat es offenbar den Schwertgläubigen aller Spielarten angetan. Wenn dabei von einem »scheußlichen Machwerk« geschrieben wird, so beweist das nur, daß die Machtpolitiker von gestern und morgen selbst nach den erschütternden Ergebnissen ihrer Katastrophenpolitik sich nicht scheuen, die Exponenten dieser Blut- und Eisenära dem deutschen Volk erneut anzupreisen. Ohne die Gewaltpolitik eines Bismarck wäre dem deutschen Volk die Schande der Hitlerbarbarei erspart geblieben. Und hätten wir den nach den verwerflichen Grundsätzen Bismarcks 1939 planmäßig angezettelten Hitlerkrieg gewonnen, so hätten diese ehrenwerten Zeitgenossen Hitler heute ebenso zugejubelt, wie sie den Mann verehren, der dem Minister von Bodelschwingh gegenüber erklärte: »Wenn ich nicht lügen soll, kann ich nicht fertig werden«. Und der am 2. Juni 1866 dem italienischen Unterhändler erklärte: »Ich bin viel weniger Deutscher als Preuße und würde keine Bedenken tragen, die Abtretung des ganzen Landes zwischen dem Rhein und der Mosel an Frankreich zu unterschreiben ...«. Aber diese stumpfsinnigen Eisenfresser, die den Heldentod in allen Variationen besingen und dabei gut verstehen, stets übrigzubleiben, sind auch durch Bomben und Ruinen nicht zu überzeugen. Man muß sie aussterben lassen.

Hannover

FRITZ KÜSTER

Was ich Dir nicht verzeihen kann, ist Dein Artikel über Bismarck (Nr. 15/50). Schämst Du Dich nicht, unter Berufung auf Deine drei »Gewährsmänner« so einen Artikel in die Welt zu setzen? Willst auch Du unter Beweis stellen, daß es den Deutschen vorbehalten ist, ihre großen Männer zu verunglimpfen und ihnen Eselstritte zu versetzen?

Döhle üb. Winsen

H. PÜLSCHER

Der Bismarck-Artikel in Nr. 15/1950 hat zweifellos großes Interesse erweckt, ob aber allgemeine Zustimmung? M. E. zuviel zerfasernde Kritik. Deshalb mein Urteil dazu: So mancher minder große Geist an Großem neidvoll sich verbeißt! - Doch das nur nebenbei. - Bismarck hatte öfter Gelegenheit, gallig zu werden im Verkehr mit »seinem jungen Herrn«. Nachstehend eine Tatsache, die sicherlich unbekannt geblieben ist.

Ich war vor fast 50 Jahren längere Zeit in Schönhausen a. d. Elbe. Dort lernte ich den (inzwischen verstorbenen) Leibjäger Lorenz des Fürsten Bismarck kennen, mit dem ich so manches Mal mit der Büchse und meiner Juno das Bismarcksche Revier durchstreifte. Lorenz hatte auch die Führung im Schönhauser Bismarck-Museum. Als ich ihn eines Nachmittags zum abendlichen Ansitz abholen wollte, sagte er zu mir: »Wenn Sie nicht darüber sprechen wollen, so will ich Ihnen etwas zeigen, was auf Befehl des Fürsten in die Dachkammer verbannt wurde.« Hinter dem letzten Museumsraum öffnete Lorenz die Tür zu einem Verschlag und holte ein großes, verstaubtes Bild hervor. Er wendete es um. Es war ein Bild von Kaiser Wilhelm II. »Dieses Bild«, sagte Lorenz, »hat der Kaiser bald nach seinem Regierungsantritt Bismarck geschenkt, lesen Sie die Unterschrift!« Und da las ich in steilen Buchstaben die »Widmung": Cave adsum! Wilhelm I. R. (Hüte Dich, Ich bin da).

Braunlage

RUDOLF HOFFMEISTER

Vor einem Jahr war ich in Wiltonpark in England. Dort hielt u. a auch Herr Eyck einen Vortrag vor uns über seine Bismarckauffassung. Bismarck kam dabei nicht gut weg. In der anschließenden Diskussion wurde von uns teilweise lebhaft widersprochen. Ein oder zwei Wochen später sprach ein Herr Dr. Demut über »Wilhelm II. und seine Zeit« Bei ihm bekam Bismarck wieder eine erheblich bessere Note. (Was übrigens für die erfreuliche Objektivität spricht mit der in Wiltonpark gearbeitet wurde). Ihren Niederschlag fand die ganze Affäre in einem vielbelachten Verschen, das am Abschiedsabend im Rahmen einer Moritat zur »Aufführung« gelangte:

Herr Eyck trifft Bismarck bis ins Mark. Durch Demut wird er wieder stark. Einmal runter einmal rauf, Das ist der Geschichte Lauf

Stuttgart-S

EBERHARD KRAUSS

Nach Ihren Ausführungen in Ihrem Bismarck-Artikel erhob der Historiker Gerhard Ritter auf der Münchner Historikertagung lebhafte Klage darüber, daß »von 1898 bis 1948 keine einzige wirklich befriedigende Bismarck-Biographie zustande gekommen sei«. Gewiß ein Ziel, aufs innigste zu wünschen - aber wird es jemals erreichbar sein? Trotz aller deutschen Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit wird diese Aufgabe m. E. wohl niemals lösbar sein, eben weil »sich an dieser mächtigen Gestalt die Geister scheiden« und allzeit scheiden müssen.

Nun berührt es im Zusammenhange des erwähnten Artikels doch recht eigenartig, daß nicht mit einer Zeile eines Forschers Erwähnung geschieht, der sich doch wohl auf diesem Gebiete einige Verdienste erworben hat. Ich meine Erich Marcks. Dank der ihm eigenen Gabe des Einfühlungsvermögens in das Wesen und Wirken dieses Staatsmannes ist er vielleicht doch wohl derjenige, der dem von dem Freiburger Ordinarius ersehnten Ideal näher gekommen ist, freilich auch, ohne es ganz erreichen zu können. Im ganzen gesehen. ist es doch wohl so, daß auch der gewissenhafteste Biograph nicht aus seiner Haut heraus kann und von seiner Zeit beeinflußt wird.

Hamburg

PROF DR. GERMERSHAUSEN

Die geschichtliche Gestalt und die Persönlichkeit Bismarcks läßt die Ansichten und Meinungen weit auseinandergehen. Die eine Seite sieht in ihm den größten Deutschen, die andere verurteilt ihn und glaubt in seinem Lebenswerk die Wurzeln unseres Unglücks von 1945 zu finden. Schwer ist es heute, da eine Brücke zu schlagen; die kommende Zeit wird über die geschichtliche Wahrheit entscheiden. Zur Klärung des Urteils ist meiner Meinung nach Nr. 15/1950 des SPIEGEL, welcher Auszüge aus den Biographien von Erik Eyck und Arnold Oskar Meyer bringt, sehr zu begrüßen.

Hastenbeck b. Hameln

VON REDEN

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