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Afghanistan Eiserne Faust

Der Vielvölkerstaat zerbricht und bürdet ganz Mittelasien neue territoriale Konflikte auf.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Erneut zittert Kabul vor der »langen Nacht der 30 000 durchschnittenen Kehlen«. Gulbuddin Hekmatjar, 42, fundamentalistischer Gotteskrieger und Kommunistenfresser, wartet nach wie vor hinter den Karst-Bergen der afghanischen Hauptstadt auf den Tag des Einmarsches, auf den Triumph seiner Machtübernahme.

Für das künftige Afghanistan kann sich der radikale Paschtunenführer »kein anderes Gesellschaftsmodell als Koran und Scharia vorstellen«. Damit steht der hochgerüstete Feldherr über eine Elite-Einheit von 25 000 Streitern der Hisb-i-Islami (Islamische Partei) nicht allein. Auch andere Fundis im breiten Spektrum der afghanischen Glaubenskrieger träumen von der Errichtung eines Gottesstaates.

Isoliert aber hat sich der Chef der Hisb-i-Islami durch seinen menschenverachtenden Terror mit Raketen- und Artilleriebeschuß auf Kabul. Mindestens 1800 Tote forderten die von Hekmatjar forcierten Gefechte im August. Ein Drittel der 1,5 Millionen Kabuler, vor allem Anhänger des früheren Revolutionsregimes, ist auf der Flucht. Viele haben sich in die nördliche Grenzstadt Masar-i-Scharif abgesetzt, darunter auch der einstige Sowjet-Vasall Babrak Karmal.

Ultimativ knüpfte Hekmatjar die Einhaltung eines Waffenstillstands mit der Kabuler Übergangsregierung an den Abzug der ehemals kommunistischen Milizen. »Solange die usbekischen Teppichhändler die Stadt nicht verlassen, wird Kabul keinen Frieden finden.« Die Mudschahidin hätten nicht all die Jahre gegen die Sowjets und ihre Statthalter gekämpft, »um der eisernen Faust des kommunistischen Regimes heute die Hände zu reichen«.

Die Faust, das ist der afghanische Königsmacher Raschid Dostam. Dessen usbekische Truppen hatten sich im März auf die Seite des siegreichsten Mudschahid, des heutigen Verteidigungsministers Ahmed Schah Massud, geschlagen und damit den Sturz des letzten Moskauer Satrapen, des Wendekommunisten Nadschibullah, besiegelt.

Der bullige Dostam, 37, im tarnfarbenen Guerilla-Outfit von seinem nordafghanischen Hauptquartier aus wie ein Warlord operierend, denkt allerdings nicht daran, »die Kabuler Zivilbevölkerung den blutigen Übergriffen Hekmatjars preiszugeben«. Die usbekischen Milizen sollen dort vorerst auf Posten bleiben. Entwaffnet aber werden die in Kabul marodierenden Mudschahidin-Banden.

»Wer tötet, plündert, Alkohol trinkt, vergewaltigt oder Haschisch raucht, wird gemäß den islamischen Gesetzen seine gerechte Strafe finden«, versicherte der seit Mai mit islamischer Rechtsprechung beauftragte Richter Abdul Madschid Sultani. Zum Beweis wurden vergangene Woche unter den Augen der - von der Urteilsfindung allerdings ausgeschlossenen - Öffentlichkeit in Kabul drei junge Afghanen gehängt.

Aber selbst wenn Verteidigungsminister Ahmed Schah Massud den Forderungen Hekmatjars heute nachgeben wollte, säße der als »Löwe des Pandschschir-Tals« gerühmte Tadschike in der Klemme. Mit dem unfreiwilligen Rückzug der ehemaligen Kommunisten droht nämlich schon bald wahr zu werden, was bislang noch kein usbekischer Führer auszusprechen wagte: die Schaffung eines unabhängigen Staates Usbekistan im Norden Afghanistans, der sich mit der gleichnamigen früheren Sowjetrepublik zusammenschließen könnte.

Zu viele nationalistische und islamische Strömungen zerren bereits am afghanischen Völkerknäuel. Pantürkische Säkularisten, saudiarabische Wahhabiten, iranische Schiiten buhlen um Machtansprüche, Märkte und Rohstoffvorkommen. Sie finden in den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens Partner der gleichen religiösen und ethnischen Couleur.

So scheidet auch die im Kampf gegen Hekmatjar geeinigten Usbeken und Tadschiken, unter der Führung von Dostam und Massud, mehr als nur die jeweilige Neigung zu Marx oder Mohammed. Während durch die Parteibüros usbekischer Nationalisten eher pantürkisches Gedankengut geistert, besinnen sich die Tadschiken auf persische Poesie, das arabische Alphabet und ihre ostiranischen Wurzeln.

Territoriale Konflikte sind programmiert. Nach wie vor orten tadschikische Nationalisten ihr kulturelles Zentrum in Buchara und Samarkand, wo bis heute persisch gesprochen wird. Diese Metropolen persischer Lebensart und Architektur, so tadschikische Nationalisten, wurden 1924 durch die stalinistische Grenzziehung zu Unrecht Usbekistan zugeschlagen.

Den paniranischen Tendenzen sind im überwiegend sunnitischen Tadschikistan indes Grenzen gesetzt. In Duschanbe verehren junge Gläubige eher den afghanischen Super-Mudschahid Ahmed Schah Massud als die iranischen Ajatollahs.

Unter Fundamentalisten kursieren gar die Schriften Hekmatjars. Gedruckt wurden sie von seiner pakistanischen Mutterpartei, der Dschamaati-Islami, die einen sunnitischen Staatsislam wahhabitischer Prägung vertritt und deshalb auf saudiarabischen Geldsegen vertrauen darf.

Einige Gruppen der tadschikischen Oppositionsbewegung, die vergangene Woche den altkommunistischen Präsidenten Nabijew zu Fall brachte, darunter radikale Parteigänger der islamischen »Wiedergeburt«, waren von Hekmatjar zudem mit Waffen ausgerüstet worden.

Der ebenfalls von eifernden Mullahs bedrängte usbekische Präsident Karimow rief eilends die Vereinten Nationen auf, eine Beobachterkommission nach Tadschikistan zu entsenden. Zentralasien dürfe nicht zu einem »Objekt geopolitischer Spiele« werden. »Die Gefahr von Anarchie und Chaos liegt über der ganzen Region.«

Seit in der Kabuler Übergangskoalition des strenggläubigen Islamprofessors Burhanuddin Rabbani Tadschiken, Usbeken und schiitische Hasara dominieren, setzt auch Hekmatjar auf die Loyalität seiner Stammesbrüder. Mit dem Verlust ihrer Hegemonie finden sich die Paschtunen, seit 250 Jahren Afghanistans Staatsvolk, nicht ab. Bisher haben sie es noch immer verstanden, die Vision eines grenzübergreifenden unabhängigen Paschtunistans erfolgreich zwischen Islamabad und Kabul auszuspielen.

Doch auch unter den 13 Millionen Paschtunen, von denen etwa gleichviel auf afghanischem und auf pakistanischem Territorium in der Nordwest-Grenzprovinz und Belutschistan leben, ist der radikale Hekmatjar nicht unumstritten. Denn mit zu vielen Mächten hat er bereits gekungelt und paktiert.

Seit der schmale Asket mit der Miene eines demutsvollen Gottesdieners 1975 vor der Verfolgung durch das sozialistische Daud-Regime aus Kabul floh, war er Pakistans Hätschelkind. Unter dem gläubigen General Zia ul-Haq schanzte der pakistanische Geheimdienst Hekmatjars Truppe bis Dezember 1991 über 60 Prozent der jährlich bis zu 700 Millionen Dollar US-Hilfe für den afghanischen Widerstand im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer zu.

Mit dem Abzug der Rotarmisten vom Hindukusch aber fielen die Aktien des fanatischen Gottesstreiters. Und als seine anti-westlichen, anti-schiitischen und anti-israelischen Ressentiments Hekmatjar im Golfkrieg an die Seite des Irakers Saddam Hussein trieben, versiegte auch seine bis dahin verläßlichste Geldquelle Saudi-Arabien.

Gleichwohl verfügt Hekmatjar über einen erheblichen Vorrat hochwertiger Waffen. Die hortete er bereits für den Bürgerkrieg, während andere Gruppen der Mudschahidin noch gegen die Sowjets kämpften.

Übergangspräsident Rabbani und Radio Teheran beschuldigen Pakistan, entgegen allen Beteuerungen und trotz Schließung der Grenzübergänge, Hekmatjar weiterhin zu munitionieren. Rabbani über die Zukunft des Vielvölkerstaats im Herzen Asiens: »Eine Handvoll krimineller Elemente setzt das Schicksal Afghanistans aufs Spiel.«

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_201_ Afghanistan: Volksgruppen in Afghanistan

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