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ENGLAND Eiskalt auf Distanz

Ein Streik der Lokführer hat die britischen Gewerkschaften gespalten. Gewinnerin ist trotz des Millionenheers von Arbeitslosen Margaret Thatcher.
aus DER SPIEGEL 30/1982

An Bord des Flugzeugträgers »Hermes«, der am Mittwoch rostzernarbt in seinen Heimathafen Portsmouth einlief, versprühte Margaret Thatcher die gewohnte Siegeslaune. »Hier, nehmt das auf«, herrschte sie die Photographen an, als sie zur »Ruhmeswand« des Task-Force-Flaggschiffs stöckelte, auf der die Silhouetten abgeschossener Jagdbomber des Falkland-Gegners Argentinien prangten, »ist das nicht phantastisch, einfach wunderbar?«

Das fanden, wenn auch aus ganz anderem Grund, die Matrosen von der »Hermes«. Sie konnten, nach 108 Tagen auf hoher See, anders als die früher heimgekehrten Kameraden wieder mit den Fernzügen nach Hause fahren - dank eines »Erfolgs von spektakulären Ausmaßen«, so die »Financial Times«, den die Falkland-Siegerin nun auch an der Heimatfront für sich verbuchen konnte.

Dort kapitulierten nach zweiwöchigem Streik 23 000 Lokführer und Heizer der zwar kleinen, aber kampferprobten Eisenbahngewerkschaft Associated Society of Locomotive Engineers and Firemen (Aslef), nachdem ihr die Verwaltung ein hartes Ultimatum gestellt hatte: Das gesamte S.87 Zugnetz Großbritanniens werde stillgelegt, alle Streikenden würden entlassen, warnte die staatseigene Eisenbahngesellschaft British Rail, falls die Aslef-Mitglieder bis Dienstag letzter Woche nicht wieder zum Dienst auf ihren E- und Dieselloks erschienen.

Zwar hätten die Aslef-Leute, die schon im Januar und Februar den Zugverkehr sporadisch lahmlegten, auch diese Kraftprobe gewagt, um die von British Rail gewünschte Einführung flexibler Arbeitszeiten zu verhindern. Immerhin war der bisherige Acht-Stunden-Tag, den die Eisenbahnverwaltung durch sieben- bis neunstündigen Schichtbetrieb ersetzen wollte, schon von den Großvätern der traditionsbewußten Lokführer erkämpft und 1919 eingerichtet worden.

Die Drohung der staatlich verfügten Einstellung des Zugverkehrs verfing indessen ausgerechnet dort, wo die Streikenden auf Solidarität im Arbeitskampf gesetzt hatten: Der britische Gewerkschaftsdachverband TUC beschloß vorletztes Wochenende, den Aslef-Ausstand nicht zu unterstützen.

Diesmal fürchtete sogar der einst allmächtig scheinende Gewerkschaftsblock die Folgen eines Streiks, der im Mutterland der Eisenbahn womöglich den Knockout des Zugsystems bedeutet hätte. Denn nicht nur auf den Schienen, auch in den Zulieferbetrieben von British Rail hätten Zehntausende von Arbeitsplätzen auf dem Spiel gestanden, rechtfertigte TUC-Boss Len Murray die harte Abfuhr für die Aslef-Streiker, »wir ließen uns nur von diesem Gedanken leiten«.

Ganz ohne Eigennutz handelten die Streikbrecher im TUC-Vorstand indessen nicht. Derzeit sind zwar 3 190 621 Briten ohne Job - ein Negativrekord. Parallel und im Geschwindschritt aber sinken Einfluß und Mitgliederbestand der TUC-Gewerkschaften, wobei allein die Transportarbeitergewerkschaft seit 1979 mehr als 410 000 Mann verlor. Vorige Woche berieten die TUC-Bosse darüber, den Verlust durch eine Verdreifachung der Mitgliedsbeiträge zu korrigieren.

Die Spaltung des TUC in Streikwillige und -unwillige aber markiert den vorläufigen Höhepunkt einer internen Gewerkschaftskrise, die Aslef-Chef Ray Buckton grimmig mit den Sätzen kommentierte: »Dies war eine Schlacht, die wir ohne Unterstützung nicht gewinnen konnten. Die Gewerkschaftsbewegung hat versagt.«

Vor allem aber bedeutet die Niederlage seiner Lokführer einen Triumph für Margaret Thatcher, die den Widerstand gegen die Schichtpläne von British Rail zum Anlaß nahm, Aslef und die anderen Gewerkschaften eiskalt auf Distanz zu halten.

Sie überließ die Verhandlungen dem British-Rail-Chef Sir Peter Parker, der den Lokführern Ende Juni schon ultimativ abfordern mußte, der neuen Gleitzeit »innerhalb von 24 Stunden« zuzustimmen. Parkers Chefin dagegen schwieg fürs erste lieber. Anders als in den 60er und 70er Jahren nämlich, als die Gewerkschaftsführer sowohl bei Labourwie auch bei konservativen Premierministern in Downing Street Nr. 10 bei Bier und belegten Broten konsultiert wurden, bleiben sie unter dem Regime Margaret Thatchers bei Streiks vor der Tür - äußeres Anzeichen dafür, wie sehr sich die Machtbalance im Land zugunsten der Premierministerin verschoben hat.

Diesmal erblickte die Regierungschefin im hartnäckigen Streik der Lokführer den Frontalangriff auf ein von ihr geheiligtes Prinzip des Thatcherismus: Ungeliebte Staatsbetriebe wie die Eisenbahn sollen zu höherer Produktivität gezwungen werden, auch wenn deswegen Zehntausende von Arbeitsplätzen auf der Strecke bleiben.

Zwar haben die Lokführer dabei auf dem Papier noch Glück, da die Einführung der neuen Arbeitszeiten nur 4000 Stellen kosten wird. Die Belegschaft des Stahlgiganten British Steel wurde seit 1980 um etwa 60 000 Mitarbeiter abgebaut, während beim Autounternehmen British Leyland 30 000 bis Ende dieses Jahres von den Fließbändern zur Arbeitslosenschlange wandern müssen.

Dank dieser Kahlschläge indessen stieg, wie von der Premierministerin vorhergesagt, die Produktivität. Mit dem Skalp der Lokführergewerkschaft Aslef aber, die künftig mit weniger als 20 000 Mitgliedern praktisch zur Bedeutungslosigkeit verdammt ist, verschuf sich Margaret Thatcher vorerst nicht nur auf den Schienen Streikruhe.

Auch ein dreitägiger Streik der Krankenschwestern verpuffte letzte Woche beinahe wirkungslos, und das Lokführer-Debakel löste sogar in Großgewerkschaften erste Anzeichen von Resignation aus.

Ein Vorstandsangehöriger des TUC: »Wenn schon ein Eisenbahnerstreik zerschlagen werden kann, nur weil die Regierung erklärt, sie wolle das Spiel nicht mehr mitmachen, ja, wenn sie lieber eine ganze Industrie draufgehen lassen würde - wer kann da noch streiken?«

S.87Mit Kapitän Middleton vor der »Ruhmeswand« auf dem heimgekehrtenFlaggschiff »Hermes«.*

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