Zur Ausgabe
Artikel 12 / 68

SPIONAGE Empfangskopf 37

Gunter und Christel Guillaume, Meisterspione aus der DDR, haben mehr gestanden als bislang bekannt. Zudem belasten sie Indizien: präparierte Filmkassetten und dechiffrierte Funksprüche.
aus DER SPIEGEL 30/1975

Banalitäten in Zahlen verschlüsselt -- kamen durch den Äther: »Glückwünsche zum Geburtstag« ebenso wie »Frohe Weihnachten«. Drei Jahre lang, von 1956 bis 1959, funkte der Staatssicherheitsdienst der DDR rund 90 Botschaften, an bestimmten Tagen und zu bestimmten Zeiten, im Kurzwellen-A-3-Verkehr an den im Westen postierten »Empfangskopf 37«, Deckname »Georg«.

Die Funksprüche konnte das Bundesamt für Verfassungsschutz 1960 entschlüsseln, den Empfänger aber erst 14 Jahre später ausmachen: Die privaten Wellen-Wünsche zu Familienfeiern wie zur Geburt des Sohnes Pierre ("Glückwunsch zum zweiten Mann") waren an Günter Guillaume, 48, und Ehefrau Christel, 47, gerichtet.

Guillaume, jahrelang Ost-Berlins bestplazierter Spion in der Bundesrepublik, hatte eine »natürliche Begabung« als Agent, verfügte über ein »überdurchschnittliches politisches und fachliches Wissen« und genoß eine »außerordentlich qualifizierte nachrichtendienstliche Ausbildung« -- so jedenfalls charakterisierte Zeuge Hans Watschounek vom Bundesamt für Verfassungsschutz letzte Woche den ehemaligen Kanzlerreferenten.

Die ersten zehn Verhandlungstage vor dem 4. Strafsenat des Düsseldorfer Oberlandesgerichtes machten deutlich, daß die Ermittler eine Vielzahl von Indizien zusammengetragen haben, die den Verdacht zu bestätigen scheinen, daß die Guillaumes das aktivste Spionage-Paar waren, das je in der Bundesrepublik auf DDR-Ausguck stand.

In dem abhörsicheren Verhandlungskeller, wo -- entgegen früherer Ankündigung -- bislang jedes Detail öffentlich erörtert wurde, zeigte sich zudem, daß beide Angeklagten in den Verhören mehr geredet und gestanden haben, als bislang bekannt war, und offenbar auch mehr, als ihnen nun genehm ist.

Im Prozeß jedenfalls schweigen die Guillaumes zu allen Einzelheiten. Einmal nur -- als Zeuge Nikolaus Federau von der Sicherungsgruppe Bonn die Atmosphäre der Vernehmungen als »angenehm, freundlich, korrekt, fast wie unter Kollegen« schilderte -- meldete sich der DDR-Offizier zu Wort: »Da«, protestierte er gegen die Federau-Version, »liegen doch Welten zwischen.«

Sonst aber scheint der Mann, der Willy Brandt zu Fall brachte, seine Rolle zu genießen: Den Verlauf der Verhandlung kommentiert er, wie im Stummfilm, mit spöttischem Lächeln, gelangweiltem Gähnen oder anerkennendem Nicken. Doch immer dann, wenn die Vernehmungsbeamten der Sicherungsgruppe Bonn als Zeugen auftreten, gefriert sein Grinsen zur Grimasse.

Denn so schweigsam er im Prozeß ist, so aufschlußreich war für die Fahnder, was Guillaume in den Verhören von sich gab. Von Profi zu Profi hatte er den Männern aus Bonn etwa Nachhilfe im Geheimdienst-Jargon des Ostens erteilt: Nach seinem »Decknamen« gefragt, belehrte er sie, in der DDR heiße das »Kennzeichnung«. Seine Vorgesetzten nannte er »Kameraden in Ost-Berlin«.

Auftrag und Aufstieg des vermeintlichen Biedermanns lesen sich in den Vernehmungsprotokollen so: Eingeschleust worden war Guillaume 1956; er sollte »Integration und Aufklärung der SPD« betreiben und Kurierdienste seiner -- angeblich erst 1957 eingeweihten -- Ehefrau überlassen. Christel Guillaume gestand, von 1958 bis 1969 pro Jahr zu etwa sechs konspirativen Treffen gegangen zu sein. Sie habe nach Weisung ihres Mannes immer »ganz bestimmte Kleidungsstücke« angezogen und die Ost-Kuriere mal an einer mitgeführten »Bild«-Zeitung, mal an einem SPIEGEL-Exemplar erkannt.

Treffpunkte in Frankfurt waren Cafés wie »Kranzler« oder »Am Opernplatz«. Später in Bonn übergab sie geheimes Material am Haupteingang der Universität, vor Kinos in der Innenstadt oder auch in Gaststätten wie »Drei Musketiere« oder »Bärenschänke«. Die Kontaktleute beschrieb sie den Beamten der Sicherungsgruppe als »lustige« oder auch »hausbackene« Typen mit den Namen Fritz, Grete, Heinz, Karl und Kurt.

Der SPD beigetreten war das Paar nach der verlorenen Bundestagswahl 1957 (Guillaume: »geeigneter Zeitpunkt") in Frankfurt. Guillaume besuchte »sofort alle Veranstaltungen« und profilierte sich unter den weitgehend linken Frankfurter Genossen »rechts": »Einen besseren Schutz gab es nicht.«

Derweil avancierte seine Frau als Sekretärin zur rechten Hand des damaligen Wiesbadener Staatskanzlei-Chefs Willi Birkelbach. Während Christel Guillaume im Vorzimmer saß, liefen acht Geheimdokumente über Birkelbachs Schreibtisch -- darunter Nato-Erfahrungsberichte über die Manöver »Fallex 64« und »Fallex 66«.

Mit keiner Regung allerdings gab Christel Guillaume zu erkennen, ob sie diese Geheim-Unterlagen an die DDR verraten hat. Daß Ost-Berlin indes an derlei Material Interesse hatte, lasen die Fahnder aus den entschlüsselten Äther-Anweisungen heraus.

So funkte die DDR Ende 1957: »Alles sofort, was Nato-Tagung betrifft«, oder auch: »Beachte Saar- und Amnestie-Frage«. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verlangte Auskunft über den John-Prozeß, den Ollenhauer-Plan und Reaktionen auf den Ungarn-Aufstand oder fragte, wer »in der ersten Mannschaft« (Klartext: SPD-Präsidium) »gegen Erler gestimmt« habe: »Bitte Namen.«

Zwar konnte die Sicherungsgruppe Bonn bei dem ehemaligen Kanzlervertrauten keinerlei herkömmliche Spionage-Utensilien wie Funkgeräte und Kode-Schlüssel entdecken. Immerhin aber hatten die Abwehrexperten in Guillaumes Brieftasche einen zerrissenen Zettel sichergestellt, auf dem Zahlen festgehalten waren, die auf den ersten Blick als Addition von Rechnungsbeträgen erschienen: 55,90 35,17,23,19,149,00

Die Fahnder entschlüsselten das Zifferwerk. Dahinter verbarg sich, so die Bonner Zeugen vor Gericht, eine Telephon-Anlaufstelle des Staatssicherheitsdienstes in Ost-Berlin: 559 35 17 war ein Direktanschluß des Ministeriums für Staatssicherheit, Hauptverwaltung Aufklärung; die Nebenstelle 23 19 bedeutete Abteilung 11, Referat D, zuständig für die Ausspionierung der SPD. 19 war die Kennziffer des Agenten Guillaume.

Ein weiteres belastendes Indiz für Spionagetätigkeit sehen die Abwehr-Fachleute in Guillaumes kostspieliger Photo- und Film-Ausrüstung sowie in mehreren präparierten Film-Kassetten: Mit ihnen konnte der gelernte Photograph Dokumente gleich serienweise ablichten -- pro Meter Spezialfilm 236 Aufnahmen.

Die Film-Kassetten, die einen in der Bundesrepublik handelsüblichen Farbfilm für Super-8-Kameras zu enthalten schienen, verbargen in Wahrheit, so die Zeugenaussage des BND-Photofachmanns Johannes Russler, »einen für Dokumentenaufnahmen geeigneten empfindlichen Schwarzweißfilm«. Zur Sicherung waren vor die Spionage-Streifen jeweils mehrere Zentimeter des Original-Farbfilms geklebt: Bei normaler Entwicklung wäre das Filmmaterial vernichtet worden.

Was Guillaume allerdings tatsächlich abgelichtet hat oder haben könnte. ist im Prozeß bislang nicht zur Sprache gekommen. Russler jedoch rechnete dem Gericht vor, daß die in zwei Kassetten fehlenden Meter des Spionagematerials hingereicht hätten, um 900 Dokumenten-Bilder aufzunehmen.

Und bei ihren Ermittlungen in der Geheim-Registratur des Bundeskanzleramtes waren die Fahnder immerhin auf eine Reihe vertraulicher Dokumente mit der Paraphe »G« gestoßen. Zudem hatten sie in Guillaumes Arbeitszimmer rund 900 Blätter mit geheimem Material des Bundesamtes für Verfassungsschutz gefunden. die dem Osten. sofern er sie erhalten hat, Aufschluß über die Arbeitsweise des Kölner Nachrichtenamtes geben.

Wie hoch die DDR den Wert ihres Vorpostens selbst einschätzte, umriß der Abteilungsleiter der Spionageabwehr beim Verfassungsschutz, Albert Rausch: Aus Offizierskreisen der DDR-Spionage wisse man, daß die Enttarnung des »Meisterspions« als »empfindlicher Verlust, beklagt worden sei und daß Guillaume von seiner Position aus auch »andere Agenten gut plazieren konnte«.

Als sachverständiger Zeuge sprach Rausch aus, was bislang stets nur vermutet worden war und was womöglich auch die gute Laune des Spionage-Paars erklärt: Die DDR werde, so Rausch, »alles versuchen«, um die Guillaumes auszutauschen, um in Ost-Berlin »noch nachrichtendienstlichen Nutzen« aus ihrem Spitzen-Spitzel zu ziehen.

Zur Ausgabe
Artikel 12 / 68
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.