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2000: Essay Ende aller Träume

aus DER SPIEGEL 52/1999

Klaus Franke

Wenn der Kanzler vor seinen Wählern zum rhetorischen Aufschwung ansetzt, blickt er gern visionär in die Ferne: »Zukunftsfähig« muss Deutschland werden, »modern«, »innovativ« und »fit fürs nächste Jahrhundert«. Näheres dazu, ruft er in die neue Mitte, sei dem Schröder-Blair-Papier zu entnehmen.

Am Kabinettstisch ist der Regierungschef dann wieder nüchtern: Sparkpaket, Kindergeld, Rente mit 60, lauten hier die Themen. Der Aufbruch ins neue Millennium beginnt mit der zweiten Stufe der Ökosteuer - nicht gerade ein Fanal, das unbändigen Veränderungswillen anzeigt.

Vorbei die Zeiten, als im politischen Diskurs große Räder gedreht wurden. Am Ende des Säkulums, das hinlänglich von Revolutionslärm und ideologischem Kampfgeschrei erfüllt war, sind die Visionen radikaler Weltverbesserer restlos verdunstet. Durchwursteln heißt die Parole zur Jahrtausendwende; wohin die Reise geht, ist ungewisser denn je.

Spätestens seit der Amerikaner Francis Fukuyama das »Ende der Geschichte« ausrief, den totalen Sieg des Kapitalismus und der liberalen Demokratie, drehen sich die westlichen Staatslenker ziemlich ratlos im Kreis. Gehetzt von den Stürmen der Globalisierung stolpern sie der Entwicklung hinterher. Nicht einmal die Linken, bislang unermüdliche Lieferanten politischer Alternativen, bieten Orientierung an. Nach dem Kollaps des realsozialistischen Ostblocks sind sie fürs Erste verstummt.

Nichts ist geblieben vom »Geist der Utopie«, den der Philosoph Ernst Bloch ("Das Prinzip Hoffnung") einst emphatisch als Motor des gesellschaftlichen Fortschritts gepriesen hatte. In den Staatsutopien der Renaissance, der Aufklärer und Frühsozialisten erblickte Bloch »Wachträume« prophetischer Einzelgänger und zugleich erste Wehen einer »Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht«.

Das war einmal, glaubt der Essener Philosoph Norbert Bolz: »Als Kompass auf dem offenen Meer der Zukunft«, schätzt er, habe das utopische Denken ausgedient. Wer sich im gegenwärtig rapiden Weltwandel von sehnsuchtsvollen Wach- und Wunschträumen leiten lasse, werde im nirgendwo landen. »Nie wusste man so wenig von der Zukunft wie heute«, warnt Bolz, sie nach Leitbildern zu planen, sei ebenso sinnlos wie gefährlich.

Dass die Forderung nach Utopieverzicht bei Europas Linken Entzugssymptome auslöst, ist begreiflich. Seit der Antike rumorte der utopische Unruhegeist in den Köpfen abendländischer Denker. Durch die Jahrhunderte haderte die »klagende Klasse« (so der Soziologe Wolf Lepenies) unzufriedener Intellektueller mit den jeweils herrschenden Gesellschaftszuständen; immer wieder entwarfen die frustrierten Wachträumer an ihren Schreibtischen

wohlgeordnete, auf Vernunft gegründete Gegenwelten - Idealstaaten ohne Willkür, Unrecht, Kriege und materielle Not.

Nicht selten war es das eigene triste Schicksal, das die Vordenker inspirierte. Der Grieche Platon (427 bis 347 vor Christus), Verfasser der ersten bedeutenden Staatsutopie, war aus Athen geflohen, nachdem sein zum Tode verurteilter Lehrmeister Sokrates den Giftbecher hatte leeren müssen. Auf Sizilien lieferte der dort herrschende Tyrann Dionysios den Emigranten an die Spartaner aus, die ihn als Sklaven verkauften.

In seiner Schrift »Politeia« ("Der Staat") skizzierte Platon das Modell eines streng gegliederten Ständestaats, der von einem Kollegium weiser und disziplinierter Gesetzgeber regiert wird. Die abgeklärten Herren gleichen, versteht sich, dem Selbstbild des aristokratischen Autors, der, freigekauft und nach Sizilien zurückgekehrt, vergebens versuchte, unter dem Nachfolger des Dionysios seinen Idealstaat zu verwirklichen.

Übel mitgespielt wurde auch den Renaissance-Utopisten Thomas More (1478 bis 1535) und Tommaso Campanella (1568 bis 1639): Der eine, Lordkanzler unter König Heinrich VIII. von England, wurde wegen angeblichen Hochverrats enthauptet; der andere, ein Dominikanermönch aus Kalabrien und zeitlebens ein sozialrevolutionärer Feuerkopf, verbrachte insgesamt 27 Jahre im Kerker, wo er mehrfach schwer gefoltert wurde. More ("Utopia"), Campanella ("Sonnenstaat"), dazu der Brite Francis Bacon ("Nova Atlantis") wurden zu Gründervätern der utopischen Erzähltradition, die bis ins 20. Jahrhundert nie abriss.

Fast alle Nachfolger orientierten sich am literarischen Schema der drei Klassiker: Ein Fremder besucht die Utopier auf ihrem abgelegenen Eiland und berichtet von nachahmenswert vernünftigem Treiben der Eingeborenen. Die leben bescheiden, aber auskömmlich, und dienen freudig dem Gemeinwohl. Die Abschaffung des Privateigentums sorgt für Verteilungsgerechtigkeit und sozialen Frieden. Habgier und Neid sind nirgends zu beobachten, die Verbrechensrate liegt nahe null.

Noch die grüne Utopie des US-Autors Ernest Callenbach, erschienen 1975 unter dem Titel »Ecotopia« und ein Kultbuch der Alternativen, folgt dem traditionellen Muster. Bei Callenbach ist es ein Zeitungsreporter, der - anno 1999 - den bis dahin isolierten Öko-Staat bereist und seine Berichte ins smogumnebelte New York kabelt.

Solange in Europa Verhältnisse herrschten wie in heutigen Entwicklungsländern, mochten die Bilder vom bescheidenen Glück im utopischen Weltwinkel attraktiv erscheinen. Auf individualisierte Wohlstandsbürger wirken die kollektivistischen Visionen eher beängstigend. Es könne kein Zufall sein, haben Kritiker ironisch angemerkt, dass die Utopisten ihre Gesellschaftsexperimente mit Vorliebe auf Inseln stattfinden lassen - womöglich liefen die Teilnehmer sonst in Scharen davon. Ohnedies ist die Vorstellung, es könne gelingen, in stolzer Isolation eine heile Welt zu errichten, für Zeitgenossen reichlich absurd. In der Epoche der Globalisierung, des Massentourismus und des Internet gibt es keine geschützten Nischen mehr. Auch Callenbachs »Ecotopia«, wo Autos und Flugzeuge abgeschafft sind und »nachhaltiges« Wirtschaften Pflicht ist, wird von Wetterkatastrophen überrollt werden, falls das Erdklima kippt.

Am eigensinnigen Rückzug hinter den Eisernen Vorhang scheiterte nicht zuletzt auch die sozialistische Utopie der klassenlosen Gesellschaft. Als er sich schließlich öffnete, zeigte sich dahinter eine sklerotische Gesellschaft, die bis zum Ende ihre Dogmen verteidigte, obwohl sie längst daran erstickt war.

Zwar hatten Karl Marx und Friedrich Engels ihre utopischen Vorgänger als Phantasten abgelehnt, die ihre Idealwelten sorglos ins Blaue konstruierten. Doch für ganz nutzlos hielten sie deren luftige Gebilde nicht; sie sollten nur auf den Boden der gesellschaftlichen Realität geholt werden.

Was bei der Realisierung heraus- kam, war mörderisch - und wurde gleichwohl von Utopiedenkern wie Bloch bis über die Stalin-Ära hinaus gerechtfertigt. Als der Nachtmahr schließlich vorüber war, begann die Abrechnung mit dem vermeintlich wohltätigen Geist der Utopie: Er sei, schrieb etwa der Journalist und Hitler-Biograf Joachim Fest, aufs engste verschwistert mit dem fanatischen Geist der Wiedertäufer und deren Überzeugung, »dass die Welt zu ihrer Umgestaltung erst durch eine Katastrophe hindurchmüsse, durch ein apokalyptisches Fegefeuer, das die Verworfenen austilgen und den Guten die Erlösung bringen werde«.

In der Praxis, meint Fest, sei der Tugendterror der Linken vom Nazi-Terror kaum zu unterscheiden; er sieht im Nationalsozialismus eine rechte »Gegenutopie«. Hitlers »Tausendjähriges Reich« mit seiner verschworenen »Volksgemeinschaft«, die in Blut und Boden wurzelt, weist laut Fest alle jene totalitären Merkmale auf, die in seinen Augen den utopischen Geist seit Platon kennzeichnen.

Gegen Fests Utopiekritik, die Platons Idealstaat und die Nazi-Herrschaft über einen Kamm schert, hat der Frankfurter Politikwissenschaftler Richard Sage scharf protestiert. Gegenutopien erblickt er eher in pessimistischen Zukunftsvisionen, etwa in George Orwells düsterem Roman »1984« oder Aldous Huxleys »Schöne Neue Welt«. Derlei Horrorerzählungen, eine literarische Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, sind keine Wegweiser, sondern Warntafeln - beides allerdings hilft wohl nicht viel auf dem Marsch in die Welt von übermorgen.

Längst hat die Futurologie, noch vor drei Jahrzehnten ein hoffnungsvoller Wissenschaftszweig, vor der Aufgabe kapituliert, auch nur halbwegs zuverlässige Prognosen zu liefern. Weder das Internet noch das Ozonloch, weder die Rinderseuche BSE noch das Handy für jedermann haben die Gelehrten beizeiten angekündigt. Mit Sicherheit wird auch der nächste Börsencrash wieder aus heiterem Himmel kommen.

In den neunziger Jahren, scheint es, ist die Welt vollends unberechenbar geworden. »Der Epochenwechsel, der sich vor unseren Augen vollzieht«, konstatiert der Mannheimer Historiker Rolf Peter Seiferle, »ist so chaotisch, dass sich die Konturen künftiger Wirklichkeit noch kaum erahnen lassen.« Ähnlich sieht es der Berliner Wissenschaftssoziologe Meinolf Dierkes - seine Diagnose: »Ordnung nimmt ab und Chaos zu.« In fast allen Bereichen der Gesellschaft, bemerkt er, schreite die »Erosion fundamentaler und jahrzehntealter Hintergrundgewissheiten, Erfahrungsmuster, Denkfiguren und Entscheidungsraster« immer rascher fort. Der Orientierungsverlust bewirke, »dass die Zukunft zunehmend als ein einziges schwarzes Loch erscheint, das jeden Hoffnungsschimmer auf Gestaltbarkeit aufschluckt«.

In einer Welt, die so komplex geworden ist, dass die Folgen von Entscheidungen kaum mehr abzusehen sind, rät Philosoph Bolz zu gelassener Bescheidenheit. Besser wäre es, meint er, auf hochfahrende Pläne und die Suche nach Perfektion zu verzichten und stattdessen »eine völlig neue Kultur der Fehlerfreundlichkeit« zu entwickeln. Wo Fehler unvermeidlich sind, dürfte es vernünftiger sein, meint Bolz, sie zu akzeptieren und, wenn möglich, auszubügeln; das trainiere die dringend nötige Fähigkeit, sich an Unvorhersehbares anzupassen. »Liebe die Ungewissheit«, predigt Bolz, der in einer »Politik des Sich-Durchwurstelns« die einzig erfolgversprechende Handlungsmaxime sieht.

Kanzler Schröder wird diese Botschaft gern vernehmen, manch anderer Genosse nicht. Auf die Frage »Leben ohne Utopie?« hat der Alt-68er Johano Strasser, Mitglied der SPD-Grundwertekommission, mit einem bewegten Nein geantwortet.

Zwar hat auch Strasser entdeckt, dass die in den überlieferten Staatsutopien porträtierten Durchschnittsmenschen eher sprachlosen Zombies gleichen, die sich mit unbegreiflicher Heiterkeit intellektuellen Besserwissern unterordnen; auch dass die utopischen Traumgestalten stets irgendwie Maos blauen Ameisen oder rastlos ackernden Kolchosbauern ähneln, räumt Strasser ein. Dennoch, beharrt er, »geht es nicht ohne Visionen einer lebenswerten Zukunft«.

Eine Zukunft ohne Visionen von einem besseren Leben kann sich auch Utopieforscher Sage nicht vorstellen, auch wenn er die Idealwelten der utopischen Klassiker für eine Fata Morgana hält. Nach den in diesem Jahrhundert so katastrophal verunglückten Versuchen, den Traum von der vollkommenen Gesellschaft zu verwirklichen, rät Sage den Utopisten, in sich zu gehen und Selbstkritik zu üben. Nicht einmal im Traum sollen sie fortan daran denken, eine perfekte Welt zu entwerfen und sie den Mitmenschen als Leitbild anzupreisen. In der Postmoderne, schätzt Sage, könne es nur »offene« Utopien geben - Wunschbilder, die lediglich eine von vielen möglichen Zukünften ausmalen.

Pluralismus im Reich der Utopien? An ein solches Versprechen mag der französische Philosoph Paul Virilio nicht glauben. Jede Utopie, fürchtet er, tendiere dazu, »Modell und Zwangslehre« zu werden, zum »Traum von der schlagenden Idee, die den Geschichtsverlauf bändigt«. Das aber sei gleichsam widernatürlich und hindere die Menschheit daran, sich fortzuentwickeln: »Die Natur macht Sprünge, der Mensch stolpert; ohne chaotischen Anteil gibt es keine Selbstorganisation unserer Gattung.«

*"Die Freiheit führte das Volk«, Gemälde von Eugene Delacroix(1830).* Oben: Adolf Hitler beim Erntedankfest auf dem Bückeberg beiHameln (1937); unten: Parade zur Oktoberrevolution (1988).

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