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GEWERKSCHAFTEN / LOHNKAMPF Ende der Ruhe

Einen Finger kann man brechen, aber fünf Finger sind eine Faust! DGB-Jugendzeitschrift »ran«
aus DER SPIEGEL 45/1970

Auf den 197 021 Stimmzetteln war 186 406 mal »ja«, »si«, »evet«, »nai« und »da« angekreuzt.

Gleich in sechs Sprachen hatte die Industriegewerkschaft (IG) Metall ihre nordbadischen und nordwürttembergischen Mitglieder gefragt: Seid ihr für Streik oder nicht? Einheimische und Gastarbeiter waren mit großer Mehrheit einer Meinung: 92,3 Prozent stimmten dafür, um 15 Prozent mehr Lohn notfalls zu streiken.

Deutschlands Arbeitnehmer, die sich sonst nie gern mit ihren Arbeitgebern um den Lohn zankten, gingen nach den spontanen Streiks im September 1969 zum zweitenmal auf Kollisionskurs. In der achtwöchigen Verhandlungsrunde um die neuen Tarife für rund vier Millionen Metallarbeiter flackerte eine zuvor in Westdeutschland kaum bekannte Kampfstimmung in den Betrieben auf. »Noch nie«, so behauptete der Stuttgarter Metallarbeiter-Führer Willi Bleicher, »war die Situation so explosiv wie in diesen Tagen.«

Mit Warnstreiks sekundierten die Metaller ihren Tarifkommissaren, die in dieser Saison erstmals seit langem nicht mehr zentral, sondern regional mit den Arbeitgebern verhandeln. In Kiel, Hamburg, Bremen, Bochum, Dortmund, Essen, Hagen, Köln und Duisburg legten die Arbeitnehmer für Stunden oder Tage die Betriebe still. Gleiches geschah in Stuttgart, Reutlingen, Mannheim, Heidelberg, Frankfurt und Saarbrücken. Gestreikt wurde auch bei Opel in Rüsselsheim, wo in 18 Jahren zuvor niemals die gesamte Belegschaft die Arbeit niedergelegt hatte.

Bei den spontanen Ausständen im vergangenen September hatten rund 150 000 Metaller 532 000 Arbeitstage verstreikt, in den letzten vier Wochen aber beteiligten sich mehr als eine halbe Million Arbeitnehmer an den spontanen Kurz-Streiks. Gezählt hat die Ausfallzeit noch niemand, denn in den meisten Fällen erfuhren die Funktionäre der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände von den Aktionen erst aus den Zeitungen.

Die Vorstandsmitglieder der Industriegewerkschaft wollen den Arbeitskampf, der ihren sozialdemokratischen Freunden in der Bonner Regierung schaden würde, sowenig wie die Unternehmer. Doch die Unruhe, die seit einem Jahr in den Betrieben grassiert, zwang den Funktionären eine neue kämpferische Taktik auf -- ohne Rücksicht auf Preise und Konjunktur. Im Tarifgebiet Essen riefen Arbeiter ihren Beauftragten zu: »Kommt ja nicht mit einem Ergebnis von zehn Prozent nach Haus!«

Nordwürttembergs Metaller wollen am Donnerstag dieser Woche unbefristet in den Ausstand treten -- falls die Arbeitgeber bis dahin nicht doch noch ein akzeptables Angebot über zehn Prozent unterbreiten. Verhandlungen zwischen Stuttgarts Metallarbeiterführer Willi Bleicher und den Arbeitgebern scheiterten in der letzten Woche erneut. Am Freitag gab der Vorstand der IG Metall bekannt, die Streikkasse stehe bereit. Am kommenden Freitag wollen die 100 000 Metallarbeiter des Bezirkes Südwürttemberg in einer Urabstimmung über mögliche Kampfmaßnahmen entscheiden.

In Nordrhein-Westfalen waren die Arbeiter und Angestellten empört, daß ihre Funktionäre, die ursprünglich 15 Prozent gefordert hatten, das Schlichtungsangebot von elf Prozent akzeptierten. In der Urabstimmung vom vergangenen Freitag lehnte deshalb die absolute Mehrheit aller nordrheinwestfälischen IG-Metall-Mitglieder den Schlichtungsvorschlag rundweg ab.

Diese Mehrheit reichte freilich für den Streik nicht aus, für den nach IG-Metall-Satzung mindestens 75 Prozent der Organisierten hätten stimmen müssen. Dennoch haben die organisierten Arbeitnehmer mit diesem Spruch der IG Metall eine schwere Schlappe zugefügt, denn nur ein Drittel der Metaller erklärte sich für den 11-Prozent-Kompromiß der Tarifkommission. Die Majorität hätte lieber gestreikt.

Das Votum spiegelt die Stimmung unter Westdeutschlands Arbeitern, die in diesem Jahr den größten Lohn- und Gehaltssprung seit Bestehen der Bundesrepublik erwarten dürfen. Bereits im ersten Halbjahr 1970 verdienten die Lohn- und Gehaltsempfänger zwölf Prozent netto mehr als noch vor Jahresfrist.

Schon jetzt rüstet die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr sich für die noch 1970 anstehende Tarifrunde der 1,2 Millionen Beschäftigten bei Bund, Ländern und Gemeinden. Die Gewerkschaft sagte bereits »harte Verhandlungen« voraus. Die Beamten wollen 13 Prozent mehr Gehalt, die Gewerkschaft Holz und Kunststoff sagte 15 Prozent an.

135 000 VW-Werker und 600 000 Metall-Handwerker haben sich in die Reihe derer gestellt, die in den kommenden Wochen um höhere Verdienste einkommen werden.

Die Vorstände der im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zusammengeschlossenen Einzelverbände (siehe Graphik Seite 38) fürchten schon jetzt, daß es ihnen ergehen könnte wie der IG Metall, in deren Tarifbereich Kampfaktionen bereits begannen, als die alten Verträge noch gültig waren und die Gewerkschaft noch an die Friedenspflicht gebunden war.

Schon am 25. September, noch bevor der alle Tarifvertrag ausgelaufen war, traten an einem Tag 100 000 Metaller spontan in den Ausstand. Bei den Opel-Werken in Rüsselsheim und Bochum legten 40 000 Beschäftigte für mehrere Stunden die Fertigungsbänder still. In Essen streikten 6000 Kruppianer, bei der Stuttgarter Daimler-Benz AG machten 25 000 Arbeitnehmer zwei Stunden Pause.

Auf Plakaten protestierten die Streikenden gegen das unzureichende Verhandlungsangebot der Unternehmer, das zunächst bei durchschnittlich sieben Prozent lag, aber ebenso gegen allzu kompromißbereite Gewerkschaftsfunktionäre. So trugen streikende Hoesch-Arbeiter kürzlich in Dortmund ein Schild durch die Straßen mit der Aufschrift: »Gewerkschaftsbonzen, unser Auftrag lautet 15 Prozent mehr Lohn, nicht elf Prozent.«

Als die Tarifkommissare der IG Metall in Hessen, Berlin, Niedersachsen und Osnabrück vor einem Monat für ihre Bezirke sich mit zehn Prozent Lohnerhöhungen -- statt der ursprünglich geforderten 15 beschieden, setzte es Proteste an der Basis. In Hessen beispielsweise hatte sich der Metall-Unterhändler Hans Pleitgen in einer nächtlichen Dauersitzung von den Unternehmern schließlich auf zehn Prozent drücken lassen. Der Betriebsratsvorsitzende der Hanauer Firma Honeywell, Rolf Knecht, polterte daraufhin: »Solche Nacht- und Nebelaktionen darf es in Zukunft nicht mehr geben.« Und weiter: »Wenn wir mit den wenigen spontanen Arbeitsniederlegungen schon von acht auf zehn Prozent gekommen sind, hätten wir mit weiteren Kampfmaßnahmen mehr erreicht.«

Neunzig Vertrauensleute der Daimler-Benz-Filiale in Wörth, deren Arbeitnehmer sich auch mit dem Zehn-Prozent-Abschluß zufriedengeben mußten, schickten im Namen aller 5000 IG-Metall-Mitglieder des Betriebes eine Resolution an ihre Frankfurter Bezirksleitung, in der es heißt: »Wir brauchen mehr, und die Unternehmer können zahlen. Wäre die Gewerkschaft hart geblieben, wäre mehr herauszuholen gewesen.« Und der ebenfalls nachgiebigen West-Berliner IG Metall stellten Unbekannte mehrere Molotow-Cocktails zu. Das Gewerkschaftsbüro brannte, ein Flugblatt, das die Täter hinterlegt hatten, blieb erhalten: »Ihr Arschkriecher -- 15 Prozent waren das mindeste.«

Die Ausbrüche der Arbeitnehmer und der unteren Gewerkschafts-Chargen gegen das etablierte Korps ihrer Interessen-Vertretung haben die Vorstände alarmiert. Ein Jahr nach dem Amtsantritt der ersten sozialdemokratisch geführten Bundesregierung, drei Jahre nach den Studentenunruhen und der ersten Rezession der Nachkriegszeit sehen sich der DGB und seine 16 Einzelgewerkschaften verunsichert.

1962 hatte der DGB aus seinem Grundsatzprogramm gestrichen, was er nach dem Kriege noch als erklärtes Ziel der westdeutschen Gewerkschaften definiert hatte: die Sozialisierung der wichtigsten Industriezweige und damit die weitgehende Aufhebung des kapitalistischen Systems.

Der Kalte Krieg, die geringe Attraktivität des Sozialismus vor der Haustür und die mit dem wachsenden Wohlstand steigende Zufriedenheit der westdeutschen Arbeitnehmer in Erhards Sozialer Marktwirtschaft hatten die Funktionäre damals dazu bewogen, allen Forderungen nach systemverändernden Reformen abzuschwören. Statt dessen ließen sie sich in diese freie Unternehmerwirtschaft integrieren, stellten jahrelang nur maßvolle Lohnforderungen und streikten weniger als fast alle anderen Gewerkschaften Westeuropas.

Während der vergangenen Monate sahen die Funktionäre diese Politik nun immer mehr in Frage gestellt. In den Spitzengremien der Organisationen herrscht heute Unsicherheit über Aufgaben und Ziele von Gewerkschaften In einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft. In den Fabriken und Bürostuben, sogar in den Gewerkschaftshäusern breiten sich Ungeduld und Aufsässigkeit gegenüber der etablierten Routine aus,

In der »Lupe«, einer Veröffentlichung junger Post-Gewerkschaftler von Hamburg, heißt es dazu: »Die Art, wie wir uns in der Öffentlichkeit darstellen, gleicht der eines Versicherungsautomaten. Man wirft oben seinen Beitrag hinein und unten kommt die fertige Leistung heraus, wie Gehaltserhöhung oder Arbeitszeitverkürzung, aber wir fordern viel zuwenig das Engagement heraus. Besonders das kleinkarierte Denken einiger Funktionäre verhindert auf betrieblicher Basis eine Aktivierung des gewerkschaftlichen Lebens.«

Gewerkschaftskritiker Dr. Eberhard Schmidt, Mitglied der IG Metall, nannte in einem noch nicht veröffentlichten Buchmanuskript ("Gewerkschaften -- Ordnungsmacht oder Gegenmacht") die Ursachen: »Ein immer kleinerer Teil von Funktionären trifft die zentralen Entscheidungen -- einschließlich der Kompromisse bei Tarifverhandlungen -, ohne eine breite Schicht von Aktivisten in den Entscheidungsprozeß einzubeziehen.«

Der Vorwurf mangelnder Demokratie in der Wirtschaft, den die Gewerkschaften gegen die Unternehmergesellschaften erheben, schlägt jetzt auf die Organisationen selbst zurück.

So geschah bereits im vergangenen Jahr, was jede Gewerkschaftsführung mehr als alles andere fürchtet. Die Streikenden setzten bei den verschreckten Unternehmern oft im direkten Gang Lohnerhöhungen ohne Beteiligung ihrer Funktionäre durch. Sie nötigten überdies die Verbände mit begrenzten Kampfaktionen, bei anstehenden Lohnverhandlungen hohe Forderungen zu stellen.

Seither müssen die Funktionäre in den Gewerkschaftszentralen, die es seit Jahren gewohnt waren, daß »die große Masse der Arbeitnehmer passiv und mehr oder minder apathisch Gewerkschaftspolitik über sich ergehen ließ« (Otto Brenner), um ihre Autorität bangen.

Die Zahl spontaner Streiks, selbst außerhalb der Tarifrunden, stieg im ersten Quartal 1970 allein im Bereich der IG Metall auf 75.

Vereinzelt wurden dabei Anzeichen eines neuen Bewußtseins deutlich. In einigen Betrieben streikten die Arbeiter und Angestellten nicht mehr allein um ein paar Pfennige mehr Lohn, sondern um bessere Arbeitsbedingungen, gegen ungerechte Behandlung und sogar gegen die Direktionsgewalt der Unternehmer. Freilich, von den bewußten Attacken gegen die Herrschaft der Manager, die etwa bei den französischen und italienischen Ausständen der letzten beiden Jahre erkennbar waren, ist die neue westdeutsche Streikbewegung noch weit entfernt.

Nach einer Erhebung des Berliner Informationsdienstes »Gewerkschafts-Spiegel« legten die Arbeit nieder:

* bei der Maschinenfabrik Gebrüder Claas GmbH in Bielefeld 500 Beschäftigte gegen das Verhalten eines Vorarbeiters;

* bei der Henschel AG in Kassel 500 Arbeiter zwei Stunden lang, weil sie Informationen über Rationalisierungsabsichten der Geschäftsleitung haben wollten

* bei der John Deere Werke AG in Mannheim 1800 Arbeiter und Angestellte gegen die Abwälzung der Folgen schlechter Produktionsplanung auf die Belegschaft;

* bei einer Textilmaschinenfabrik in Ebersbach 90 Arbeiter zwei Tage lang gegen die Einstufung durch analytische Arbeitsplatzbewertung; > bei einem Werk der Sachtleben AG im Kreis Moers 300 Arbeiter und Angestellte gegen die Entlassung kranker Arbeiter.

»Die herkömmliche Disziplin«, so charakterisierte der IG-Metall-Sprecher Werner Thönnessen die Situation, »ist in eine Krise geraten. Wir spüren die Entfremdung zwischen den Mitgliedern und dem Apparat.« Auch sein Chef Otto Brenner mutmaßte, daß sich eine neu »entstehende aktive Kampfbereitschaft breiterer Arbeitnehmerschichten« ankündige, »die bei der Ausarbeitung der Gewerkschaftspolitik berücksichtigt werden« müsse. Brenner: »Bisher mußte die Hauptsorge bei Tarifbewegungen sein« ob man bei Streiks auch mit einer genügend breiten Unterstützung rechnen könne, während jetzt möglicherweise der Gesichtspunkt stärker hervortritt, ob man nicht hinter dem gegebenen Kampfwillen zurückbleibt.«

Der Kampfwille der Arbeitnehmer stellt Westdeutschlands Gewerkschaften vor eine kaum lösbare Alternative. Beharren sie weiterhin auf ihrer Praxis schiedlich-friedlicher Tarifpolitik, verlieren sie die Kontrolle über die Basis ihrer Organisation, ohne die Radikalität selbst verhindern zu können.

Setzen sie sich dagegen an die Spitze der aktiven Bewegung, stärken sie zwar die Vertrauensbasis innerhalb ihrer Organisation, verschlechtern aber zugleich die Position der ohnehin labilen Bundesregierung, an deren Überleben ihnen gelegen sein muß. Denn anhaltende Lohnkämpfe schüren in der Bundesrepublik -- anders als etwa in England und Italien, wo kaum ein Tag ohne Streik vergeht -- die Urangst der Bürger vor inneren Wirren und Inflation, Zudem liefern radikale Töne in den Fabriken und auf den Straßen der Christunion, namentlich Franz Josef Strauß, die begehrten Propaganda-Argumente, dieses sei das beabsichtigte Ergebnis der »zum Sozialismus drängenden SPD«.

Bereits in den letzten Wochen sahen sich die Spitzenfunktionäre veranlaßt, gegen ihren Willen der sozialdemokratisch geführten Regierung in Bonn Schwierigkeiten zu machen. Die Metall-Lohnforderung von 15 Prozent wurde nicht in der obersten Gewerkschafts-Etage beschlossen, sondern der Führung durch »Osmose, Telepathie oder Telephon« (IG-Metall-Sprecher Thönnessen) als Forderung der Mitglieder aufgedrängt. Die Gewerkschaften hielten es für angezeigt, sich dem Druck von unten zu beugen und nicht den politischen Wünschen ihrer bedrängten Freunde in Bonn.

Das Verhältnis zwischen der Organisation der westdeutschen Arbeiter und ihrer regierenden Partei ist wegen der Schwäche der SPD/FDP-Koalition und der Unruhe in den Betrieben verkrampft. Die Funktionäre wollen dem anfälligen Bonner Bündnis möglichst keine Belastungen zumuten, müssen aber auch ihre eigene Gefolgschaft in der Hand behalten. Sie versuchen, die rebellische Mitgliedschaft zu beruhigen, so Eugen Loderer, Vizechef der IG Metall: »Mit der Regierung Brandt haben wir mehr Freunde im Regierungslager als auf den Oppositionsbänken. Die Koalition muß aber Kompromisse schließen und Rücksicht nehmen. Sie wird nicht systemverändernd, aber hoffentlich systemreformierend wirken.«

Weiter unten freilich kommen die Beschwichtigungen oft nicht mehr an. Auf dem Berliner Kongreß »der Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten drohte der Delegierte Werner Keuschen im September den Freunden im Regierungslager mit unerfreulichen Repressalien, weil sie dem Konjunkturzuschlag zur Lohnsteuer zugestimmt hatten: »Man sollte, wenn solche nicht notwendigen Gesetze von unseren Kollegen mitbeschlossen werden, den Mut haben, diese Kollegen in .die Kellerlöcher zu stopfen, damit im Winter die Kartoffeln nicht einfrieren.«

Für die SPD kündigt sich an, was Harold Wilsons Labour-Party widerfuhr: Regierende Sozialdemokraten sind immer in Gefahr, sich über der Wirtschaftspolitik mit den Gewerkschaften zu zerstreiten.

Dabei braucht Willy Brandt jene Gewerkschaftler noch am wenigsten zu fürchten, die in Bonn an der Regierung teilhaben. Die Minister und ehemaligen Gewerkschaftsführer Georg Leber und Walter Arendt stehen nicht im Verdacht der Radikalität, und die 218 Mann starke Truppe von Gewerkschaftlern im Bundestag setzt sich zum erheblichen Teil aus nur nominellen Mitgliedern zusammen -- wie etwa Professor Carlo Schmid.

Weder DGB noch Einzelgewerkschaften haben je versucht -- anders als etwa die Unternehmer -, einen Kader von qualifizierten und aktiven Interessenvertretern im Parlament aufzubauen. Sie können dem 46 Köpfe starken Unternehmerblock der CDU! CSU-Fraktion -- darunter der geschäftsführende Flick-Gesellschafter Wolfgang Pohle sowie je ein Top-Manager von Siemens, Bayer und der Kall-Chemie AG -- nichts Gleichwertiges entgegenstellen.

Nur wenige, wie etwa der Metaller Hans Matthöfer, bemühen sich, im Bundestag etwas ähnliches wie eine Gewerkschaftsfronde zu schaffen. Er war zum Beispiel gemeinsam mit Juso-Abgeordneten im Februar dieses Jahres entscheidend daran beteiligt, daß die SPD-Fraktion den ersten Anlauf des Kabinetts zu Steuererhöhungen zwecks Konjunkturdämpfung stoppte. Diese Taktik hatte freilich nur einen Erfolg: Der Preisauftrieb ging weiter, und die konjunkturellen Dämpfungsmaßnahmen kamen dann doch noch im Juli dieses Jahres. Für die Arbeitnehmer, deren Interessen Matthöfer hatte wahrnehmen wollen, erwies sich das Manöver als fatal. Der durch die konjunkturpolitische Abstinenz beschleunigte Preisauftrieb zehrte an ihren Einkommen und gab überdies bei der Tarifrunde den Unternehmern das Argument in die Hand, hohe Lohnforderungen seien im gegenwärtigen Zeitpunkt stabilitätsgefährdend.

Die Matthöfer-Demarche ist allerdings ein Einzelfall. Denn die General-Linie der Gewerkschaften läuft immer noch darauf hinaus, vorsichtigen Abstand von der direkten Mitbestimmung in Bonn zu halten und sich auf die Aktion im angestammten Bereich, der Tarifpolitik, zu beschränken.

Der Hauptvorstand der IG Metall hätte aus Rücksicht auf die SPD-Genossen und deren Kampf um Preisstabilität in der diesjährigen Lohnrunde zweifellos nicht 15 Prozent Lohnerhöhung gefordert. »Wir wären gerne ein bißchen unter dieser Ziffer geblieben«, gestand etwa ein IG-Metaller aus der Hauptzentrale, »doch wir hatten Mühe, die örtlichen Funktionäre so weit zu beschwichtigen, daß sie wenigstens nicht mehr behaupteten, diese 15 Prozent seien eine Minimalforderung.«

Betriebsräte, gewerkschaftliche Vertrauensleute und örtliche Funktionäre hatten dieses Marschziel bei den Belegschaften ausgemacht, die erbittert darüber waren, daß der Boom nach dem Aufstieg aus der Talsohle ihnen nur relativ geringe Lohnerhöhungen brachte. So zogen etwa 2000 Arbeiter der Batteriefabriken Varta AG in Hagen, in der seit 50 Jahren nicht mehr gestreikt worden war, während eines spontanen Ausstands von drei Stunden mit Transparenten vor die Hauptverwaltung: »Gewinne steigen, wo bleiben wir?«

Tatsächlich sind die durchschnittlichen Netto-Einkommen der Unternehmer von 1965 bis 1969 um 45 Prozent gestiegen, die Verdienste der Arbeiter und Angestellten jedoch nur um 23 Prozent. Verantwortlich für den Lohnverzug sei, so hatten in den vergangenen drei Jahren viele Gewerkschaftler immer wieder behauptet, die Konzertierte Aktion, die 1967 von Karl Schiller eingeführt wurde und an der Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Bankiers, Vertreter von Handwerk, Landwirtschaft und Handel am runden Tisch teilnehmen, um gesamtwirtschaftliche Orientierungsdaten festzulegen. In einer Voraussehätzung werden Investitionen, Preissteigerungsraten und Lohnerhöhungsmargen für die Zukunft festgelegt, und alle Konzertanten sollen sich auf das Rechenexempel einigen.

Das Spiel, das Ernst Schneider, ehemaliger Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages als »Soziodram« bezeichnete, in dem der Wirtschaftsminister »zugleich als Regisseur, Dirigent und Solist auftritt« ist den Gewerkschaften seit langem verdächtig. Der DGB-Wirtschaftsexperte Rudolf Henschel schrieb, die Konzertierte Aktion solle die Arbeitnehmer dazu bewegen, auf höhere Lohnforderungen zu verzichten. Henschel: »Die Unabhängigkeit der Gewerkschaften erfährt seit drei Jahren eine laufende Einschränkung.« Die Konzertierte Aktion berge das Risiko einer »einseitigen Lohnplanung«, biete die »einmalige Möglichkeit«, bei Aufrechterhaltung einer freien Unternehmerwirtschaft den Aktionsspielraum der Gewerkschaften einseitig begrenzen oder aufheben zu können.

Es zählt zu den Grotesken der jüngsten Bonner Geschichte, daß die Sozialdemokraten mit der von ihnen geschaffenen Konzertierten Aktion die Unruhe in den Betrieben mitverursacht haben, die ihnen heute ebenso schadet wie den Gewerkschaften.

Wahr ist freilich, daß die Gewerkschaften den Spielraum, den ihnen die Konzertierte Aktion einräumt, im wichtigsten Jahr dieses Konjunkturzyklus, in der ersten Phase des Aufschwungs 1968, noch nicht einmal nutzten. Damals hatte Schillers Konzert eine Tariflohn-Erhöhung von vier bis fünf Prozent empfohlen. Erreicht hatten »die Arbeitnehmerverbände dann doch nur knapp 2,5 Prozent. Der Grund für die minimale Lohnerhöhung war, daß die Verbände im Jahr davor aus Angst vor einer anhaltenden Rezession zu langfristige Tarifverträge abgeschlossen hatten.

Die Arbeitnehmer präsentierten denn auch bei der diesjährigen Lohnrunde ihren Funktionären ein anderes Rezept als Tarifpolitik im Rahmen konjunkturgerechter Orientierungsdaten. Die Arbeiter eines Thomas-Stahlwerkes in Neunkirchen etwa überbrachten der Tarifkommission der IG Metall eine Entschließung, in der sie erklärten. »Wir sind der Ansicht, Lohnfragen sind Machtfragen, und deshalb müssen sie durchgesetzt werden, wenn notwendig mit Streik.«

Die etablierten Funktionäre versuchten sich an die Spitze des Kampfes zu stellen. Sie interpretierten die spontanen Warnstreiks als neuen Ausdruck gewerkschaftlichen Bewußtseins. So schrieb etwa das Verbandsblatt »Metall« über die Ausstände: »Diesmal zeigen Hunderttausende Arbeiter und Angestellte so deutlich wie noch nie: Das ist unsere Bewegung, wir stehen hinter den Forderungen unserer Organisation.«

So demonstrierten etwa Polizisten, Verwaltungsbeamte und Ingenieure in den vergangenen zwei Wochen für eine bessere Besoldung, obwohl die Verhandlungsrunde für öffentlich Bedienstete erst im November beginnt. In Frankfurt trugen Kriminalbeamte schwarze Särge durch die Straßen und forderten auf Transparenten mehr Geld.

Der DGB verlangte daraufhin für den öffentlichen Dienst zwölf Prozent mehr Gehalt und bessere Aufstiegsmöglichkeiten. Die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) schrieb in einem Brief an die Innenminister der Länder, wenn die Forderungen nicht akzeptiert würden, »dann entscheiden Sie sich für die Radikalisierung der Polizei«.

Aufgescheucht von solchen Maximalforderungen, mochte auch der DGB nicht zurückstehen. In einer Zielprojektion für die nächsten fünf Jahre soll endlich erreicht werden, was der DGB bereits in seinem Grundsatzprogramm gefordert hatte: eine gerechtere Verteilung des Volkseinkommens zugunsten der Arbeitnehmer.

Nach der DGB-Projektion soll das Einkommen der Arbeitnehmer von 1970 bis 1975 um 43 Prozent steigen, und zwar real, das heißt nach Abzug der kaufkraftmindernden Preiserhöhungen. Die Profite dagegen sollen nur um 25 Prozent wachsen. Die mittelfristige Lohn- und Gehaltsplanung Ist jedoch nichts als ein schöner Traum.

Denn schon der Erfolg der diesjährigen Lohnrunde, die der erste Schritt auf diesem Wege sein soll, wird von der Deutschen Bundesbank skeptisch beurteilt. »In den nächsten Monaten, in denen insbesondere die Metallarbeiter-Löhne herauf gesetzt werden«, so schrieben die Frankfurter Währungshüter bereits im September, »wird sich der Preisanstieg beschleunigen.« Zu deutsch: Die Arbeitnehmer müssen am Ende einen Teil ihrer Lohnerhöhung durch höhere Preise selbst finanzieren.

Einige Werkzeugmaschinen-Produzenten kündigten schon vor Beginn der Tarifverhandlungen an, daß sie rund die hälfte der steigenden Lohnkosten auf die Preise abwälzen würden. Otto Brenner hielt den Unternehmern entgegen, sie könnten die höheren Arbeitnehmerverdienste leicht aus ihren Profiten bezahlen, die im vergangenen Jahr nach IG-Metall-Rechnung um 30 Prozent netto gestiegen sind. Doch ebenso sicher ist, daß die Schmälerung der Gewinne nur allzu leicht zum Bumerang für die Arbeitnehmer werden könnte.

»Sollen die vorhandenen Arbeitsplätze sicher bleiben, so muß auch in Zukunft eine angemessene Gewinnquote für Investitionen zur Verfügung stehen«, drohte der Unternehmerfunktionär Dieter Kirchner, Hauptgeschäftsführer von » Gesamtmetall": »Mit der Verketzerung der Gewinne setzt sich die Gewerkschaft in Widerspruch zu ökonomischen Sachzwängen.« Da in einer Marktwirtschaft allein die Unternehmer über die Höhe der Investitionen befinden und auch darüber, wie hoch die Gewinnmarge sein muß, um eine Kapitalanlage noch rentabel erscheinen zu lassen, haben auch nur sie allein es in der Hand, ob Lohnforderungen die Preise treiben oder am Ende gar die Arbeitsplätze gefährden.

Dieser Mechanismus wäre nur in einer zentral gesteuerten Wirtschaft, in der die Höhe der gesamten Investitionen verbindlich festgelegt wird, außer Kraft zu setzen. In einem solchen System aber wäre auch keine Tarifautonomie denkbar, und die Löhne müßten von zentralen Planungsinstanzen festgesetzt werden.

Hinter der akuten Auseinandersetzung in der IG-Metall-Lohnrunde verbirgt »sich das Dilemma der gesamten Lohnpolitik. Denn die Arbeitnehmer-Verbände können mit ihren Forderungen im kapitalistischen System immer nur das erreichen, was die Unternehmer im nachhinein durch ihre Preis- und Investitionspolitik zu sanktionieren bereit sind.

Die Gewerkschaften, die vor mehr als 100 Jahren angetreten waren, um für einen »gerechten Tageslohn« und unter Führung der Sozialdemokratie für eine Aufhebung des kapitalistischen Systems zu kämpfen, sehen sieh immer wieder der Tatsache konfrontiert, daß sie mit Lohnerhöhungen die Verteilung des Volkseinkommens nicht zugunsten der Arbeitnehmer korrigieren können.

Zwar erreichte der Anteil der Arbeitnehmereinkommen am Bruttosozialprodukt im ersten Halbjahr 1970 die Rekordhöhe von 67 Prozent, das ist

* »Nordrhein-Westfalens Tarifpartner beim Vermittlungsgespräch unter Vorsitz des Arbeitsministers Werner Figgen am 22. Oktober.

die höchste Lohnquote seit je. Doch diese Spitzenhöhe signalisiert nur, daß die Westdeutsche Wirtschaft in der Spätphase eines Booms taumelt und die Fahrt in die Talsohle demnächst beginnen könnte. Tatsächlich blieb der Anteil der Arbeitnehmer am Bruttosozialprodukt, von kurzfristigen Schwankungen abgesehen, in den vergangenen 45 Jahren bei etwa 61 Prozent stets relativ konstant (siehe Graphik Seite 49).

Nur im Spätherbst einer Hochkonjunktur und in der darauf folgenden Krise schnellt die Quote um ein paar Punkte nach oben. Aber in den nachfolgenden Aufschwüngen hatten die Unternehmer immer wieder die Nase vorn. So war es in der Weitwirtschaftskrise 1929 bis 1931 und dem sich anschließenden Rüstungsboom. Und so war es auch vor und während der ersten Rezession der Nachkriegszeit 1966/67, als die Lohnquote auf 66 Prozent stieg und im folgenden Jahr um zwei Punkte absackte.

Die Ursache solcher Bewegungen liegt in der Mechanik des marktwirtschaftlichen Systems. Allein gegen Ende des Booms, wenn »die Unternehmer bei nicht weiter wachsendem Auftragseingang nicht mehr alle Kosten auf die Preise abwälzen können, gelingt es den Arbeitnehmern, durch höhere Lohnforderungen die Gewinne zu beschneiden -- freilich nur für eine kurze Frist. Denn »dann greifen die Arbeitgeber zu einem probaten Mittel: Sie kürzen ihre Investitionen, sorgen damit für einen Rückgang der Beschäftigung und »stellen am Ende die alte Verteilung wieder her.

Der Verteilungstheoretiker Elmar Wolfstetter behauptet deshalb, die Lohnpolitik der Gewerkschaften sei im Grunde zu völliger Wirkungslosigkeit verdammt. Denn in der Hochkonjunktur, wenn der Arbeitsmarkt leergefegt ist, werden ihre Forderungen zwar akzeptiert, aber meist sofort auf die Preise abgewälzt.

In der Depression könnten sie zwar ohne Gefahr für die Stabilität der Mark mehr Geld verlangen, aber nur um den Preis höherer Arbeitslosigkeit. Kommentiert Wolfstetter: »Die Tarifpolitik ist nicht geeignet, die immer wieder beschworene Verbesserung der Einkommensverteilung bei Erhaltung der Vollbeschäftigung zu erreichen.«

Dennoch haben die Arbeitnehmer in Westdeutschland wie in allen anderen hoch entwickelten Industriestaaten ihren Lebensstandard stetig gesteigert. In den vergangenen 45 Jahren wuchs das durchschnittliche Bruttoeinkommen »der westdeutschen Arbeiter und Angestellten um 657 Prozent. Obwohl der Kaufkraftschwund der Mark beträchtlich war und die Belastungen durch Steuern und Sozialabgaben erheblich stiegen, ist das durchschnittliche Nettoeinkommen real heute rund dreimal so hoch wie 1925.

Allein von 1950 bis 1969 stiegen die Realeinkommen der Arbeitnehmer um fast 180 Prozent. »Die erfolgreiche Tarifpolitik der Gewerkschaften«, so behauptet der DGB, »hat diese beachtliche Kaufkraftverbesserung ermöglicht.« Die meisten Ökonomen und Gesellschaftskritiker sehen es freilich anders. Denn die Wohlstandssteigerung ist keineswegs so spektakulär. Ohnedies verschaffte dieser Einkommenszuwachs den westdeutschen Arbeitern und Angestellten meist nur die Möglichkeit, sich besser mit Konsumgütern einzurichten, und sicherte ihnen keineswegs das, was die Apologeten dieser marktwirtschaftlichen Wohlstandsgesellschaft immer versprachen: die Einebnung der Gegensätze zwischen Besitzenden und Besitzlosen und die Möglichkeit, »innerhalb dieser Gesellschaft aufzusteigen. Weil die westdeutschen Nachkriegsregierungen es versäumten, die Bildungseinrichtungen zu verbessern und dafür zu sorgen, daß mehr Arbeiterkinder Gymnasien und Universitäten besuchen, bleibt die soziale Mobilität der unteren Einkommensschichten gering.

Vom wachsenden Wohlstand profitierten die Selbständigen erheblich mehr als die Lohn- und Gehaltsempfänger. Die durchschnittlichen Nettoeinkommen der Unternehmer wuchsen in den vergangenen 20 Jahren um 540 Prozent. Die Pro-Kopf-Einkommen der Arbeitnehmer kletterten dagegen nur um rund 270 Prozent.

Der Anteil aller Arbeitnehmer am Volkseinkommen konnte nur deshalb gleich bleiben, weil die Zahl der unselbständig Beschäftigten nach dem Krieg absolut und relativ zunahm, die der Selbständigen aber zurückging.

Ein Verdienst an diesen Lohnsteigerungen dürfen sich die Gewerkschaften zweifellos zuschreiben, wenngleich mit Einschränkungen. Schon Friedrich Engels schrieb über den Erfolg gewerkschaftlicher Aktivitäten: »Es ist natürlich, daß alle diese Anstrengungen das Gesetz der Ökonomie nicht ändern können, daß sich der Lohn durch das Verhältnis der Nachfrage zum Angebot am Arbeitsmarkte richtet.«

Die Verteilungstheoretiker der zwanziger Jahre waren zumindest etwas optimistischer. Organisiert könnten die Arbeitnehmer, so hatten sie formuliert, die Marktgesetze zu ihren Gunsten korrigieren, indem sie das Angebot am Arbeitsmarkt künstlich verknappen.

Dafür, daß Arbeitskräfte knapp sind, sorgt heute freilich in allen westeuropäischen Industrieländern der Staat durch seine Vollbeschäftigungspolitik. Doch den meisten Arbeitnehmern würde selbst ein leergefegter Arbeitsmarkt ohne gewerkschaftliche Vertretung schwerlich zu einer besseren Verhandlungsposition verhelfen. Denn den Großunternehmen der Wirtschaft würde es dank ihrer Marktmacht immer gelingen, die Arbeitnehmer gegeneinander auszuspielen und damit den Preis der Ware Arbeit zu drücken.

Weil immer mehr Branchen von mächtigen Großkonzernen beherrscht werden, spielen die Gewerkschaften auch in den heutigen Wohlfahrtsstaaten noch die Rolle eines wichtigen Helfers der staatlichen Vollbeschäftigungspolitik. In ihren Tarifverträgen setzen sie überdies die Mindestlöhne fest, unter die das Arbeitnehmereinkommen auch in Wirtschaftsflauten nicht absinken kann. Sie garantieren damit dem System, daß aus einer milden Rezession keine Krise mit Massenarbeitslosigkeit werden kann -- und sichern den Unternehmen ihre Absatzmärkte.

»Es gehört zu den Ungereimtheiten des Systems«, spottet die britische Nationalökonomin Joan Robinson, »daß die Gewerkschaften zum Wohlergehen der Kapitalisten beitragen, indem sie die Ausbeutung unter Kontrolle halten.«

Heinz Oskar Vetter, Vorsitzender des DGB, formulierte die Alternative, die sich den Gewerkschaften angesichts dieses Dilemmas der Lohnpolitik stellt, so: »Gewerkschaftliche Aktivitäten auf den Rahmen der herrschenden Kräfte zu beschränken, bedeutet vorbehaltlose Hinnahme der gegebenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und staatlichen Strukturen.«

Die ursprünglichen Ziele der Arbeiterbewegung, Änderung der Einkommens- und Vermögensverteilung zugunsten der Arbeitnehmer und Kontrolle der wirtschaftlichen und politischen Macht, »können nicht über den Lohn erreicht werden, weil es hier um politische Entscheidungen geht« (DGB-Chef Vetter).

Deshalb stehen die Gewerkschaften stets vor der Frage, ob »sie Ordnungsfaktoren des Status quo, des bestehenden Zustandes, oder Kampfverbände sein sollten«.

Vetters Antwort auf die selbstgestellte Frage: »Die westdeutschen Gewerkschaften wollen das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem verändern« -- freilich nicht auf revolutionärem Weg. Wie dieses Ziel jedoch erreicht werden soll, darüber herrscht heute Ratlosigkeit bei den DGB-Gewerkschaften. Hinter der oft proklamierten einheitlichen politischen Marschrichtung verbergen sich zudem schwerwiegende Differenzen.

Im Frühjahr 1969 erhellte der nächtliche Ausflug eines Gewerkschaftsführers in die Oasen der Berliner Geselligkeit am Stuttgarter Platz die politischen Konturen innerhalb des DGB. In der Nacht vom 3. auf den 4. März wurde der zum Nachfolger des DGB-Chefs Ludwig Rosenberg designierte Postgewerkschaftler Kurt Gscheidle, 46, nachdem er einen akuten »Nachdurst« (Gscheidle) behandelt hatte, im Berliner Bar-Viertel am Stuttgarter Platz blutend und besinnungslos aufgefunden.

Gscheidles Kollegen gaben sich prüde. Rosenberg: »Saufen geht man überhaupt nicht, rund ich nehme so viel Rücksicht auf die Organisation, daß ich nicht mal einen Kelle-Film besuche.« IG-Metall-Chef Otto Brenner fand: »DGB-Vorsitzender kann er jetzt nicht mehr werden.«

Er wurde es nicht. Seine Gegner machten sich »den alkoholischen Ausrutscher zunutze -- sie sagten Bier und meinten Politik: Denn Gscheidle vertrat jene Gruppe innerhalb des DGB, die seit je versucht, die von Marx formulierten unvereinbaren Interessen von Arbeit und Kapital durch die Ideologie der »Partnerschaft« zu harmonisieren.

Das Partner-Konzept, von Papst Leo XIII. 1891 in der Enzyklika »Rerum novarum« entworfen, ist seitdem Leitfaden der christlichen und der reformistischen Arbeitnehmer-Bewegung. 1968 formulierte die Mitbestimmungs-Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): »Der Christ versteht ein partnerschaftliches Verhältnis zur sozialen Gruppe als Ausdruck der gegenseitigen Achtung und des gemeinsamen Dienstes.«

Bei schlechter Geschäftslage fällt der gemeinsame Dienst aus. Denn -- so die EKD-Studie -- es »muß sichergestellt werden, daß für durchgreifende Maßnahmen die Unternehmensleitungen ... eine Mehrheit beim Aufsichtsrat finden ... selbst wenn solche Maßnahmen für die davon Betroffenen bitter sind und Nichtfachleuten schwer einsichtig gemacht werden können«.

Hauptvertreter dieses Konzepts war im Nachkrieg-DGB der Chef der IG Bau-Steine-Erden, Georg Leber. Der Genosse, Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, pries 1963 seinen Kollegen die Freiheit des Eigentums als »tragende Säule unserer Lebensart« und verkündete: »Wir halten nichts von einer revolutionären Änderung dieses Zustands, deshalb haben wir in unserer Satzung die Sozialisierungsformel gestrichen. Sie ist aber noch nicht aus allen Köpfen geschwunden.«

Zum Leber-Clan Im DGB gehörte auch der Post-Gewerkschaftler Gscheidle, der die DGB-Forderung nach paritätischer Mitbestimmung mit dem Argument vertrat, die Unternehmer-Interessen würden davon nicht tangiert. Als der designierte Rosenberg-Nachfolger zudem mehr Macht für das von ihm angestrebte Amt forderte, sah die traditionalistische Linke rot, ließ Gscheidle fallen und einigte sich auf den Vize der IG Bergbau und Energie, Heinz Oskar Vetter, 53. Gscheidle wurde zum Staatssekretär bei seinem Mentor Leber bestellt.

Die DGB-Traditionalisten, denen Karl Marx immer noch näher ist als Leo XIII., setzten sich vom Partnerschafts-Denken ab. Otto Brenner formulierte seine Strategie der Gewerkschaften vor zwei Jahren: Diese Gesellschaft erlaube es nicht« »von einer Überwindung der Klassen und von gesellschaftlicher Demokratie zu sprechen«. Jeder Schritt in diese Richtung müsse gegen den Widerstand der Herrschenden erkämpft werden.

In Brenners Richtung marschierten auch so bekannte Gewerkschaftsführer wie Gerhard Vater (Holz und Kunststoff), Wilhelm Gefeller (IG Chemie-Papier-Keramik), Leonhard Mahlein (IG Druck und Papier) und Erich Frister (Erziehung und Wissenschaft).

Doch auf dem Weg vom Wort zur Tat, von der theoretischen Erkenntnis zur Aktion, blieben die alten Linken im Gestrüpp ihrer Apparate hängen. Am Scheideweg der Gewerkschaftsbewegung zwischen dem »bequemen Weg einer quasi öffentlich-rechtlichen Institution« und dem, schweren Weg der autonomen Widerstandsorganisation für den arbeitenden Menschen« (so der rheinland-pfälzische DGB-Landesvorsitzende Julius Lehlbach) entschieden sie sich für ein Drittes: die Entscheidung zu vertagen.

Seit die SPD den Bundeskanzler stellt, sind die Gewerkschaften sogar in ihren gesellschaftspolitischen Forderungen zur reformistischen Änderung des Systems bescheiden geworden. So schrieben sie sich, anders als in den Jahren zuvor, bei der letzten Maifeier nicht mehr die Mitbestimmung in den Katalog der »dringlichsten Forderungen«.

In der Steuerreformkommission verlangten die Gewerkschaftsvertreter lediglich ganz bescheidene Änderungen. So wünschten sie etwa nur, daß Sozialversicherungsbeiträge, die bisher auf Antrag als Sonderausgaben absetzbar sind, künftig von vornherein von der Lohnsteuer befreit bleiben. Und sie verzichteten darauf, in dieser Kommission eine Attacke auf die Einkommen der Millionäre zu starten, und verlangten statt dessen nur, daß den Reichen die Kinderfreibeträge und die Abzugsfähigkeit der Kirchensteuer und Spenden entzogen werden.

»Die Gewerkschaften wissen«, so erklärte IG-Chemie-Vorsitzender Karl Hauenschild diese Zurückhaltung, »daß die Belastbarkeit dieser Regierung begrenzt ist, daß aber auch weder die Rückkehr zur Großen Koalition noch die Bildung einer CDU-und-FDP-Koalition eine Alternative für die Verwirklichung gewerkschaftlicher Forderungen ist.«

Bei den laufenden Tarif-Auseinandersetzungen stellten die Arbeitnehmerverbände dennoch ihr eigenes Interesse über das Ziel, die Koalitions-Existenz von SPD und FDP zu erhalten. Denn sie mußten um den Bestand ihrer Mitglieder und ihre Glaubwürdigkeit als Arbeitnehmer-Vertretung bangen. Seit 1952 ist der Anteil der Organisierten unter Westdeutschlands Arbeitnehmern beträchtlich gesunken. Damals waren noch 38 Prozent aller Arbeiter und Angestellten bei den 16 DGB-Gewerkschaften eingeschrieben; Ende 1969 waren es nur noch 30 Prozent.

Heinz Oskar Vetter klagte kürzlich: »Unsere Mitgliederzahlen stagnieren. Das Bild der Gewerkschaften entspricht nicht ihren tatsächlichen Aufgaben und Leistungen in der Gesellschaft. Der wesentliche Beitrag der Gewerkschaften zum Aufschwung der Wirtschaft und zur Festigung der Demokratie ist nahezu in Vergessenheit geraten.«

Seit den spontanen Streiks im vergangenen Herbst mußten die Gewerkschaften feststellen, daß sich »die Menschen und ihre Einstellung geändert haben« (Otto Brenner). Die Stimmung in den Betrieben sei kämpferischer geworden, recherchierte IG Metall. Und Otto Brenner gab zu, daß »das Verhältnis von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Funktionären merklichen Spannungen unterliegt«.

Weil sie die Lohnverhandlungen meist zentral für eine gesamte Branche führten, orientierten sich die Forderungen häufig nur an der Ertragsfähigkeit »der fußkranken Betriebe« (IG-Chemie-Vorsitzender Karl Hauenschild). Das Resultat: Die Spanne zwischen Tariflöhnen, die bezahlt werden mußten, und den Effektivlöhnen, die von den Unternehmern freiwillig gewährt werden, wurde immer größer. Von 1960 bis 1965 wuchsen die Effektivverdienste in jedem Jahr durchschnittlich um zwei Prozent schneller als die von den Gewerkschaften erstrittenen Tariflöhne.

Seit der Rezession von 1966/67, in der erstmals seit Kriegsende die Effektiv-Verdienste ein wenig langsamer stiegen als die Tariflöhne, wurde diese sogenannte Lohndrift immer größer. Im ersten Halbjahr 1970 erreichte die Differenz zwischen dem Anstieg der Tarif- und Effektivlöhne schließlich die Rekordrate von drei Prozent.

Die Arbeitnehmer gewöhnten sich deshalb immer mehr daran, ihre Löhne als großzügiges Präsent der Unternehmer zu akzeptieren. Und die Gewerkschaften verloren in der Augen der Arbeiter und Angestellten immer mehr die Funktion, die sie früher einmal hatten, Garant für ständig steigende Löhne zu sein.

Um wieder stärkeren Einfluß auf die tatsächliche Lohnhöhe zu gewinnen und wieder als Vertretung beim Lohnstreit von den Arbeitnehmern akzeptiert zu werden, hat die IG Metall in der diesjährigen Lohnrunde durchgesetzt, daß die Spanne zwischen Effektiv- und Tariflöhnen verringert wurde.

Die Funktionäre hoffen, daß sie mit dem höchsten Lohnzuwachs, den sie jemals in der Nachkriegszeit erstritten haben, die aufsässigen Gewerkschaftsmitglieder wieder kalmiert haben. Selbst wenn dieses Kalkül aufgeht, müssen die Spitzen der DGB-Gewerkschaften weitere Unruhen befürchten -- nicht zuletzt in den eigenen Reihen. Denn immer mehr junge Gewerkschaftsmitglieder und Intellektuelle in den Gewerkschaftsapparaten verlangen, daß sich die Arbeitnehmervertretungen wieder auf den Klassenkampf besinnen.

Die Kluft zwischen den alten Funktionären, die den Klassenkampf am Rednerpult und Sozialpartnerschaft am Konferenztisch praktizieren, und dem Nachwuchs mußte aufbrechen als -- so das IG-Metall-Vorstandsmitglied Georg Benz -- die Gewerkschaftsjugend »damit begann, statt nach Karl May nach Karl Marx zu greifen und statt der Klampfe lieber den Klassenfeind schlagen zu wollen«.

Der linke Nachwuchs, dessen Glaube an den Sozialismus nicht durch Resignation oder Skepsis geschwächt ist, will die Klammer zwischen alten Rechten und alten Linken, zwischen Sichabfinden mit dem Status quo und Warten auf den fernen Tag, sprengen. Ihr Sprengsatz: eine Strategie der systemüberwindenden Reformen -- entwickelt vor allem von dem Wahlfranzosen Andre Gorz, dem Belgier Ernest Mandel und dem Italiener Leib Basso.

Die drei Gewerkschafts-Strategen fordern die »Verknüpfung des ökonomischen Tageskampfes mit dem sozialistischen Endziel«, weil die Gewerkschaften sonst einem »subalternen Reformismus« oder einem »abstrakten, maximalistischen Revoluzzertum« verfielen (Basso). Grundlage einer Reform, die das kapitalistische System zwar nicht sprenge, aber langfristig überwinden helfe, sei die Durchsetzung von Arbeiterkontrolle über »Investitionen, Rücklagen, Lohnkosten, Arbeitszeit und soziale Leistungen« (Gorz).

Die neue Linke verwirft die bisherigen Mitbestimmungspläne des DGB. Mandel: »Im Gegensatz zur »Mitbestimmung« geht die Strategie der Arbeiterkontrolle davon aus, daß Tarifautonomie der Gewerkschaften und Mitverantwortung für die Profitmaximierung der Betriebe grundsätzlich unvereinbar sind. Sie fordert deshalb Kontroll- und Veto-Rechte für Lohnabhängige, nicht aber Mitverantwortung in der Verwaltung kapitalistischer Betriebe und kapitalistischer Wirtschaft.«

Durch Erkämpfung solcher Rechte sollen sich die Gewerkschaften autonome Machtpositionen sichern, »Breschen in den Kapitalismus« schlagen und so zum »privilegierten Ort der Bildung des Klassenbewußtseins« (Gorz) werden.

DGB-Chef Vetter lehnt unter Hinweis auf das gewerkschaftliche Grundsatzprogramm »die Verabsolutierung des Klassenkampfs« und die »Vorstellung eines konkreten Endziels« entschieden ab. Aber Vetters Indizierung der Klassenkämpfer hindert die neue Gewerkschaftslinke nicht, auf der »unteren und mittleren Ebene für ihre Strategie zu werben.

»Die Wirtschaft« -- so klagte die »Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände« in einem vertraulichen Schreiben an ihre Mitgliedsverbände im Juli 1970 unter Aktenzeichen V -- Dr. J/Hor RS Nr. 32 -- »steht im Angriffsfeld linksextremistischer Agitation. Ziel Ist, in der Wirtschaft durch Verunsicherung und Politisierung der Mitarbeiter auf künstliche Weise ein revolutionäres Klima zu erzeugen.

Der Weg zu diesem Stadium ist bereits skizziert -- in Richtung auf Aktivierung und Politisierung der Belegschaften durch eine betriebsnahe Tarifpolitik. Nicht nur die Vorstände oder eine auserwählte Gruppe von Tarifkommissaren, sondern auch die Kollegen am Arbeitsplatz sollen über ihren Lohn diskutieren und ihre Forderungen artikulieren.

Damit sie dies können, müssen sie ihren Betrieb, samt Produktionsplänen, Marktchancen und Gewinnmargen, besser kennen als bisher. Dazu soll ihnen eine betriebsnahe Bildungsarbeit verhelfen. IG-Metall-Vorstandsmitglied und SPD-MdB Hans Matthöfer will auf diese Weise »die Vermittlung herstellen zwischen den Auseinandersetzungen und Konflikten im Betrieb um die Verbesserung der Verhältnisse am Arbeitsplatz und der Notwendigkeit des Kampfes um die Zentralen der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Macht«.

Einige Gewerkschaften -- Insbesondere die IG Metall und die IG Chemie -- begrüßen offiziell die dadurch hervorgerufene Aktivierung ihrer Mitglieder. Und dennoch fürchten die Apparate eine ungewollte Nebenwirkung: Teilnehmer von Bildungskursen erwiesen sich bald als die schärfsten Kritiker der Vorstandspolitik und förderten damit die Mitglieder-Mitbestimmung in den Apparaten.

Die neue Kampfbereitschaft der Arbeitnehmer im diesjährigen Lohnstreit, so argwöhnen die Funktionäre, sei bereits ein Indiz für die Aushöhlung der Organisationen. Um die Bewegung der Basis aufzufangen, will der DGB auf einem außerordentlichen Gewerkschaftskongreß im nächsten Jahr durch eine neue Satzung »die demokratische Meinungs- und Willensbildung und die Kommunikation innerhalb der Gewerkschaftsbewegung verbessern« (Heinz Oskar Vetter).

Was die Spitzen der Organisationen abwenden wollen, formuliert die IG Metall in einer Studie so: »In der Diskussion ist viel die Rede von mangelnden Bewegungen der heutigen Gewerkschaften, ihrer Bürokratie und vom Streben, an der Basis Bewegung zu entfachen. Das Streben selbst ist durchaus in Ordnung, aber manche Begeisterungskundgebung sollte kritisch gedämpft werden.«

Solange die Unruhe In den Betrieben anhält und die Richtungskämpfe in den Arbeitnehmer-Organisationen sich verstärken, scheint eines sicher zu sein: Die Gewerkschaften werden auch in den kommenden Jahren versuchen, ihre Mitglieder durch besonders hohe Lohnforderungen zu beruhigen.

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