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KROATIEN Ende der Schonzeit

Die von Den Haag geforderte Auslieferung zweier Generäle ans Kriegsverbrecher-Tribunal gefährdet die Reformer in Zagreb: Entweder sie riskieren die mühsam erkämpfte Wertschätzung des Westens oder verraten einen Mythos - den vom gerechten Verteidigungskrieg gegen die Serben.
aus DER SPIEGEL 29/2001

Der Mann, der die Ehre der Republik Kroatien retten will, ist ein Kriegskrüppel. Er wohnt in Svib, einem gottverlassenen Dorf im Hinterland der Adriaküste, und empfängt Besucher im Rollstuhl. Auf dem Foto in seinem Rücken beugt Papst Johannes Paul II. sich beinahe segnend über ihn. Von der gegenüberliegenden Wand starrt aus einem Bilderrahmen, finster wie der junge Rocky, ein kroatischer Elitesoldat in Olivgrün.

»Vierte Brigade, das war meine Brigade«, erklärt Mirko Condic. Seit beim Kampf um Dubrovnik am 12. Juli 1992 eine serbische Panzergranate unweit seiner Position einschlug, ist er gelähmt. Aber er bereut nichts. Wäre er gesund, würde er wieder in den Krieg ziehen für Kroatien, sein Land. Was ihn betrübt, ist dieser aufkommende Undank, neuerdings: »Sie wollen unsere Generation als Faschisten und Völkermörder denunzieren.« »Sie«, das sind die anderen, die Nichtkämpfer, Handlanger des Auslands allesamt: die kroatische Regierung unter Ivica Racan, der Präsident Stipe Mesic, Journalisten, böswillige Hetzer. Er, das ist Mirko Condic, hundertprozentiger Kriegsinvalide von 32 Jahren, Chef des mächtigen Veteranenzirkels »Hauptquartier des Verbands zur Verteidigung der Würde des Vaterländischen Kriegs«.

Von 1991 bis 1995 haben sich Kroaten und vorwiegend Serben auf kroatischem Territorium bekämpft. Ein Viertel der aus dem jugoslawischen Staatsverband ausgescherten Republik Kroatien ist 1991 von Truppen Rest-Jugoslawiens besetzt und

erst später befreit worden. Von der Würde des Kriegs war damals wenig die Rede. Condic aber sagt, es habe sie gegeben. Und jetzt werde sie bedroht.

Jetzt, wo zwei kroatische Generäle ausgeliefert werden sollen - ans Kriegsverbrecher-Tribunal. Wo die Regierung erst Ja sagt und dann Jein zur Zusammenarbeit mit Den Haag; wo vier Minister der Mitte-links-Koalition ihren Rücktritt erklärt haben und dazu ein Parteivorsitzender; wo der Premier im Parlament die Vertrauensfrage und der Präsident die Schlüsselfrage für die Nation gestellt hat: Könnte es sein, dass auch hochrangige Kroaten für Kriegsverbrechen belangt werden müssen, nicht nur Slobodan Milosevic und Genossen?

Ja, sagt Carla Del Ponte, die Chefanklägerin in Den Haag. Das Ende der Schonzeit für Kroatien ist da. Sie hat dem Regierungschef Racan schon Anfang Juni die versiegelten Anklagen zukommen lassen und vor zehn Tagen bei einem Besuch in Zagreb freundlich nachgefragt, wie er vorzugehen gedenke. Die Schriftsätze, so ist zu vermuten, lassen ihm wenig Wahl.

»Weit verbreitet und systematisch haben die kroatischen Truppen gemordet und andere Akte der Unmenschlichkeit begangen an den kroatischen Serben«, heißt es in einem Bericht des Tribunals aus dem Jahr 1999 über den Verlauf der kroatischen Gegenoffensiven unter den Codenamen

»Blitz« und »Sturm«. Hunderte toter Zivilisten soll es damals, 1995, auf Seiten der serbischen Kroaten gegeben haben, darunter viele Greise. Die Anklagen richten sich nach Lage der Dinge gegen die Generäle Rahim Ademi und Ante Gotovina.

Seinem Biografen Nenad Ivankovic, der die zum Buch gebundene Huldigung »Ratnik« (Krieger) am Samstag in Zagreb vorgestellt hat, verriet der nun pensionierte Gotovina, wie es wirklich war, als er auf dem Gipfel des Dinara-Bergs über der ehemaligen Serben-Hochburg Knin stand, um dem Vormarsch seiner Truppen zuzusehen: Amerikanische Offiziere, die der US-Militärattaché in Zagreb im Hubschrauber herbeigebracht habe, hätten sich vor Begeisterung kaum mehr beruhigen können.

Die Geschichte passt zwar zu den alten Berichten, die Operation »Sturm« sei mit Billigung des Pentagon und mit Unterstützung pensionierter US-Generäle über die Bühne gegangen. Doch den US-Botschafter in Zagreb, Lawrence Rossin, hindert das nicht daran, jetzt dem kroatischen Premier auf seinem Weg hin zur Auslieferung der Angeklagten den Rücken zu stärken: »Meine Regierung ist extrem erfreut über die Entscheidung Ihrer Regierung.«

Der ehemalige Fremdenlegionär Gotovina, gestählt in Kämpfen an der eritreischen Grenze, im Tschad und in Guatemala, ist deshalb vorübergehend abgetaucht im kroatischen Untergrund. Er werde, so hat er bereits verlauten lassen, sich keinesfalls ohne Gegenwehr festnehmen lassen. Noch am Freitag wurde gegen ihn Haftbefehl erlassen.

Rahim Ademi hingegen, unverändert aktiver General des kroatischen Heeres, hat nach einem Treffen mit Staatspräsident Stipe Mesic signalisiert, er wolle sich, falls nötig, stellen und in Den Haag verteidigen. Ademi ist derzeit urlaubend in seiner Wohnung in Split zu besichtigen - ein massiger Mann im gestreiften Poloshirt, mit Miezekatze in der Linken und Unschuldsmiene als Biedermann posierend.

Er sorge sich, lässt er verlauten, vor allem um das Wohl seiner Töchter, sollte er für längere Zeit in Den Haag Quartier nehmen müssen. Die Höchststrafe für Völkermord lautet »lebenslänglich«.

Das kroatische Volk ringt derweil um Erklärungen - kann es sein, dass zwei hochdekorierte Offiziere, in der Heimat bisher als Helden gehandelt, mit fremden Augen besehen Kriegsverbrecher sind? Das Auslieferungsansinnen aus Den Haag halten nicht wenige Kroaten für genauso absurd, wie es der Gedanke gewesen wäre, den Partisanenführer Tito zu den Nürnberger Prozessen zu zitieren.

Viele werfen den internationalen Strafverfolgern die Vertauschung von Ursache und Wirkung vor. Dass die für die Bombardierung von Zadar, Dubrovnik und Vukovar zuständigen serbischen Generäle größtenteils noch frei sind, ihre kroatischen Widerparts aber, die vier Jahre später die »Befreiung« organisiert haben, nun vor Gericht sollen, wird beklagt.

Der Mythos vom gerechten Krieg gegen den serbischen Aggressor ist konstitutiver Bestandteil des jungen kroatischen Staats, seit den Tagen des operettenhaft und im Geschmack lateinamerikanischer Diktatoren aufgeputzten ersten Präsidenten Franjo Tudjman. Der hatte ab 1991 das ideelle Vakuum im postsozialistischen Kroatien mit patriotischer Pressluft gefüllt. Seine hochtönende Vaterlandsprosa fiel auf fruchtbaren Boden bei einem Volk, das sich von jeher als Außenposten des christlichkatholischen Abendlandes und also seinen Nachbarn überlegen fühlt, allen voran den weit länger türkisch beherrschten Serben.

Die Ernüchterung ist nun umso größer. Kroatien hat sich seit Tudjmans Tod unter behutsamer Führung der Ex-Kommunisten Stipe Mesic und Ivica Racan wieder dem Westen geöffnet. Viele Bürger erleben das als schmerzliches Ende einer nationalen Selbstfindungsphase und als Anfang einer Zwangsverwaltung durch übernationale Instanzen.

Vertreten zum Beispiel durch die gestrenge Carla Del Ponte. Premier Ivica Racan habe an ihrer Seite stehend den Eindruck erweckt, »als sei ganz Kroatien ein Protektorat«, schreibt der Ex-Chefredakteur der »Slobodna Dalmacija«, Josip Jovic. Und schickt hinterher: »Was ist das für ein Land, das seine Befreier ausweist und unter die Guillotine schickt?«

Derzeit erklären noch knapp über 50 Prozent der befragten Kroaten, sie befürworteten eine Auslieferung. Doch Mirko Condic und seine Verbündeten organisieren fleißig die Gegenöffentlichkeit. Hinter ihnen steht die Ex-Tudjman-Partei HDZ. Die Veteranen haben 400 000 Unterschriften für eine Volksbefragung gesammelt. Und sie haben schon einmal, im Februar, bewiesen, dass sie Zufahrtsstraßen nach Dalmatien sperren und 100 000 Menschen auf die Straßen von Split bringen können.

Der Anlass war eine Solidaritätskundgebung für den verhafteten General Mirko Norac. Zu Kriegsbeginn ruhmreicher Verteidiger der Stadt Gospic, wurde Norac in der Folge zum mutmaßlich Verantwortlichen für die Massaker an Dutzenden serbischer Zivilisten in der Umgebung.

Bei den Massenprotesten nach seiner Verhaftung werden auf Transparenten die Staatsführer Mesic und Racan als »rote Ratten« geschmäht, und auf der Bühne fordert Mirko Condic aus seinem Rollstuhl heraus den Rücktritt der Regierung: »Wer Norac den Prozess macht, prozessiert ge-

gen die ganze kroatische Armee und die ganze Nation.«

Die Nerven liegen blank in Kroatien, und Condic tut alles, damit das so bleibt. Den Staatspräsidenten Mesic hat er im Mai als »Zigeuner«, »Bastard« und »Verräter« beschimpft, und die Menge auf dem Uferboulevard von Split hat ihm mit Liedern aus der Faschistenzeit und mit Sprechchören »Mesic, du Zigeuner« geantwortet.

Der Präsident, vor 30 Jahren bei Tito in Ungnade gefallener Reformkommunist und letzter Staatspräsident des alten Jugoslawien, hat mutige Töne gewagt am Beginn seiner Amtszeit. Und auch der Alt-KP-Kader Racan, langjähriges Mitglied und am Ende sogar Vorsitzender des jugoslawischen ZK, hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass mit seiner Regierung ein neuer Stil einzieht.

Es gibt jetzt kaum mehr Geld für radikale Kroaten in der Herzegowina; keine Beschönigung mehr der Verbrechen bei den Operationen »Sturm« und »Blitz«, als 200 000 Serben in die Flucht geschlagen wurden; und wenig Zweifel daran, dass das Tribunal in Den Haag eine Instanz ist, deren Legitimität nicht in Frage steht.

Racan sagt, ihm gehe es nicht um das Schicksal der kroatischen Regierung, sondern um jenes Kroatiens. Wer sich der Kooperation mit Den Haag verweigere, kehre zurück in jenen »Abgrund an balkanischer Finsternis, aus dem inzwischen sogar die Mäuse fliehen«.

Nicht alle Kroaten teilen die Meinung ihres Regierungschefs. Der neue Nationalheld Goran Ivanisevic etwa, der mit dem Siegerpokal aus Wimbledon in seiner Heimatstadt Split eintraf, hat schon Anfang der Neunziger mit der »sahovnica« als Stirnband gespielt, mit einem schachbrettartig gemusterten Tuch in den Nationalfarben Rot und Weiß. Nun hat Ivanisevic einen offenen Brief unterzeichnet: »Kroatien war ein Opfer, und seine Generäle waren Helden«, urteilt er pauschal und setzt damit ein politisches Zeichen für viele.

18 Monate diplomatischen Honeymoons gingen für Kroatien zu Ende, gewänne jetzt das stramm nationalistische Lager die Oberhand. Denn während noch zu Tudjmans Begräbnis im Dezember 1999 als einziges Staatsoberhaupt der Türke Süleyman Demirel erschien, gaben sich schon wenig später in Zagreb wieder Regenten aller Couleur die Ehre. Und nun das? Zwei Anklagen und dazu Gerüchte, dass weitere 20 Kroaten auf den Haager Fahndungslisten stünden?

Premier Racan ist ernüchtert und spielt vorerst auf Zeit. Knapp zwei Monate muss er mindestens noch gewinnen, aus handfesten Gründen - dann erst ist die Tourismussaison an der Adria vorbei. Kroatien kann in der sengenden Julihitze alles gebrauchen, nur keine protestierenden Kriegskrüppel, die Straßensperren bauen entlang der beiden einzigen Durchgangsstraßen nach Süden, nach Dalmatien.

Bei mehr als 22 Prozent liegt die Arbeitslosigkeit im Land. Und doch geht es zaghaft aufwärts. In den Gassen der Meeresorte zwischen Zadar und Dubrovnik leuchtet schon wieder taschenkrebsfarben Touristenhaut. Plus 14 Prozent Übernachtungen an der dalmatinischen Küste melden die Behörden. Doch die Saison dauert nur 105 Tage.

Mirko Condic, der Mann im Rollstuhl, weiß das. Will er etwas bewirken, dann wäre jetzt, unter den Augen der Touristen, die richtige Zeit. Und wenn es nur um das Gefühl ginge, damals, im Krieg, auf der einzig richtigen Seite gestanden zu haben. Condic macht sich selbst Mut, wenn er sagt: »Noch nie in der Geschichte ist eine siegreiche Armee verurteilt worden.« WALTER MAYR

* Am 6. Juli in Zagreb.* Am 8. Juli beim Verlassen des Zagreber Präsidentenpalasts.* Vorigen Dienstag in Split.

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