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Ende der Schonzeit

Die Sehnsucht der Deutschen nach »Normalität« Von Henryk M. Broder
Von Henryk M. Broder
aus DER SPIEGEL 23/2002

Was für ein Glück, dass Joseph Blatter kein Jude ist. Der Mann steht unter Korruptionsverdacht, er soll Feinde gekauft und Freunde geschmiert haben; seine Wiederwahl zum Präsidenten der Fifa hat er mit unfeinen Tricks herbeigeführt. In der Kasse seiner Organisation geht es drunter und drüber, er führt sich auf wie ein totalitärer Potentat, der keinem Rechenschaft schuldet. Dennoch: Kein Mensch macht sich Sorgen, sein Gehabe wäre dazu angetan, »antischweizerische Ressentiments« zu wecken.

Würde der »Machiavelli des Fußballs« freilich nicht Blatter, sondern Kohn, Levy oder Oppenheimer heißen, sähe die Lage anders aus. Sofort würde aus der historischen Kulisse ein Klischee auftauchen, das Bild des intriganten Juden, der rücksichtslos alle Strippen zieht, Menschen in seine Abhängigkeit bringt, mit Geld Macht erkauft und mit Macht zu Geld kommt. Ein Raunen würde einsetzen, ob so ein Verhalten nicht »typisch jüdisch« wäre, man würde fragen, wie weit ein machtgeiler, unsympathischer jüdischer Funktionär für das Erstarken des Antisemitismus mitverantwortlich wäre.

Und schon hätten wir wieder eine Antisemitismus-Debatte, wie wir sie derzeit an zwei Fronten führen. Im Abschnitt Möllemann/Friedman auf der Polit-Strecke und im Abschnitt Walser/Reich-Ranicki in der Kultur. Als ob das Land zurzeit keine wirklichen Sorgen hätte, ist sowohl die politische Klasse wie die kulturelle Elite damit beschäftigt, vor dem Antisemitismus zu warnen, sich gegenseitig des leichtfertigen Umgangs mit dem Antisemitismus zu beschuldigen und vor den Folgen einer solchen Auseinandersetzung für das deutsche Ansehen im Ausland zu warnen. Willkommen in der deutschen Gegenwart!

Bis in die achtziger Jahre lebten die Juden in der alten Bundesrepublik wie in einer beschützten Anstalt. Es gab Antisemitismus, aber er war auf das rechtsextreme Milieu begrenzt, wo man sich über die grundlosen deutschen Wiedergutmachungszahlungen an Israel und die Juden aufregte. Ansonsten wurde an jedem 9. November an die »Schrecken der Kristallnacht« erinnert und »Wehret den Anfängen!« gerufen.

Die deutsch-jüdische Idylle bekam einen Riss, als 1985 in Frankfurt das Fassbinder-Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« aufgeführt werden sollte. Da war auf einmal von einem »Ende der Schonzeit« für die Juden die Rede, denn die Hauptfigur des Dramas war ein reicher jüdischer Spekulant, der alte Häuser aufkaufte, um sie abzureißen und seelenlose Wolkenkratzer zu bauen. Es gab damals in Frankfurt deutsche, persische und jüdische Immobilienhändler, die alle das Gleiche machten, aber nur der Jude war es wert, als Symbolfigur des Kapitalismus vorgeführt zu werden. Wobei Fassbinders Stück auch Einblicke in die Seele eines Antisemiten bot. »Und Schuld hat der Jud, weil er uns schuldig macht, denn er ist da. Wär er geblieben, wo er herkam, oder hätten sie ihn vergast, ich könnte heute besser schlafen. Sie haben vergessen, ihn zu vergasen. Das ist kein Witz, so denkt es in mir.«

Von so viel Ehrlichkeit unbeeindruckt, besetzten Angehörige der Frankfurter Jüdischen Gemeinde die Bühne des Kammerspiels, verhinderten die Aufführung und erzwangen so eine Diskussion über den Antisemitismus in der Kultur. Für die Juden war es aber auch ein Pyrrhussieg, denn sie hatten nicht nur ihre »Macht« demonstriert, sondern auch »Zensur« ausgeübt - so sahen es zumindest die engagierten Theaterfreunde, die alles über einen jüdischen Spekulanten erfahren wollten, wofür sie sich bei einem arischen nicht interessierten.

Dann war eine Weile Ruhe in der deutsch-jüdischen Etappe, bis Martin Walser 1998 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde und in der Paulskirche jene inzwischen berühmt-berüchtigte Rede hielt, in der er vom Recht auf »Wegschauen« sprach und Auschwitz eine »Moralkeule« nannte, mit der Freigeister wie er immerzu bedroht würden.

Ignatz Bubis, inzwischen vom »reichen Juden« in Fassbinders Stück zum Präsidenten des Zentralrats der Juden avanciert, warf Walser »geistige Brandstiftung« vor, worauf Klaus von Dohnanyi, Sozi aus gutem Haus, Bubis aufforderte, »mit Ihren nicht-jüdischen Landsleuten etwas behutsamer umzugehen«.

Was er meinte, war etwas anderes, etwas, das inzwischen immer mehr Deutsche, ganz unabhängig von Dohnanyi, Möllemann und Walser, fordern: Die Juden sollen endlich ihren historischen Vorteil aufgeben und aufhören, sich als moralische Oberinstanz aufzuführen. »Die junge Generation möchte ohne Moralkeule frei diskutieren können«, sagte vorige Woche dem SFB-Magazin »Kontraste« der FDP-Vorsitzende in Möllemanns Wahlkreis in Westfalen. »Wir wollen die Juden kritisieren können«, wünschte sich ein junger FDP-Mann aus Brandenburg grimmig in derselben Sendung.

Die deutsche Identitätsfindung geschieht vorzugsweise auf dem Rücken der Juden. Im Kaiserreich und in der Weimarer Republik war es ganz normal, dass sich Politiker gegenseitig als »Judengünstlinge« beschimpften und um den Nachweis des Gegenteils bemühten. Heute regen sich die Grünen über die FDP auf, aber erst nachdem Jamal Karsli die Fraktion gewechselt hat, vorher will keiner was gemerkt haben. Niemand will ein Antisemit sein, auch wenn er, wie Möllemann und Walser, keinen Beleg schuldig bleibt. Die Frage »Wie hältst du es mit den Juden?« ist die deutsche Schicksalsfrage. Mal müssen ein paar Millionen der »Unter-Menschen« ausgemerzt werden, dann werden Milliarden ausgegeben, um den Massenmord wieder gutzumachen, und Millionen, um ihn zu dokumentieren, damit die Deutschen Orte bekommen, an denen sie kollektiv trauern und aus der Geschichte lernen können.

Aber irgendwie scheint das mit der »Trauer- und Lernarbeit« nicht zu klappen. Trotz »Schindlers Liste« und des Besuchersturms auf das Jüdische Museum, obwohl überall im Lande Klezmer-Musik gespielt wird und Iris Berben aus den Tagebüchern von Anne Frank und Joseph Goebbels liest.

Doch während die einen es schicker finden, sich zum Holocaust zu bekennen, statt ihn zu leugnen, sehnen sich die anderen nach einer »Normalität«, von der sie nur eines wissen: dass es die Juden sind, die sie verhindern.

Deswegen sagt ein junger Mann in Brandenburg: »Wir wollen die Juden kritisieren können.« Alle Probleme, die er haben könnte, sind gelöst. Er hat einen sicheren Arbeitsplatz und eine liebe Freundin, es gibt keine »nationalbefreiten Zonen«, und das Bio-Brot kann wieder gefahrlos gegessen werden. Zum vollkommenen Glück fehlt ihm nur das Recht, die Juden kritisieren zu können.

Zvi Rex, ein israelischer Psychoanalytiker, hat das Problem auf den Punkt gebracht: »Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.«

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