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EUROPA Ende der Wende

aus DER SPIEGEL 30/2005

Unverkäufliche Agrarprodukte türmen sich wieder in europäischen Lagerhäusern. Seit Jahren propagiert die EU-Bürokratie zwar »Klasse statt Masse« und verkündet die »Agrarwende«. Aber nun muss die mit Steuermitteln aufgepäppelte Klasse massenhaft aufgekauft und gehortet werden, weil die Märkte derartige Mengen nicht mehr aufnehmen. So liegen mehr als neun Millionen Tonnen Weizen auf Halde, 8-mal so viel wie im Herbst 2003, mehr als 20-mal so viel wie 2002;

inklusive Roggen, Mais und Gerste hockt die EU nun auf einem unverkäuflichen Getreidevorrat von über 16 Millionen Tonnen, geschätzter Wert rund eine Milliarde Euro.

Auch die Weinproduktion übersteigt die Nachfrage, trotz des Umstiegs auf weniger ertragreiche Qualitätssorten und einer mit Hunderten Millionen Euro geförderten Vernichtung von Rebflächen. Etwa 36 Millionen Hektoliter Wein, umgebrannt zu Rohalkohol, lagern in EU-Kellern. Weitere 28 Millionen Hektoliter wurden in diesem Jahr zu Bio-Kraftstoff verdieselt. Vor allem Spanien, Frankreich und Italien drängen auf zusätzliche »Krisenmaßnahmen«.

»Neben Weinseen und Getreidebergen«, warnt Alexander Müller, Staatssekretär im deutschen Landwirtschaftsministerium, wächst in rasantem Tempo eine weitere Halde: Zucker. Knapp 600 000 Tonnen des in Europa zum mehrfachen Weltmarktpreis produzierten, unverkäuflichen Süßstoffs gibt es heute. Binnen weniger Jahre wird sich das auf rund vier Millionen Tonnen summieren. Deshalb will die EU-Kommission die Preise für den amtlichen Zuckeraufkauf jetzt kräftig senken. Dagegen aber laufen, ebenso wie bei Wein und Weizen, Agrarlobby und etliche EU-Staaten Sturm, vor allem Spanien, Griechenland, Irland und Finnland.

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