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2000: Wirtschaft Ende des Proletariers

In der Arbeitswelt kündigt sich eine Revolution an. Das Zeitalter des Arbeitnehmers ist vorbei, die Zukunft gehört den neuen Selbständigen.
aus DER SPIEGEL 52/1999

Sein ganzes Leben hat Walter Riester dem Wohl der Arbeitnehmer gewidmet. In den siebziger Jahren kümmerte er sich als DGB-Sekretär in Stuttgart um Auszubildende und Jugendvertreter. In den achtziger Jahren verhandelte er als Tarifexperte der IG Metall wichtige Lohnabschlüsse, Abkommen zu Arbeitszeitverkürzung und Weiterbildung.

Doch seit sich der gelernte Fliesenleger in seinem neuen Amt als Arbeitsminister um seine langjährige Klientel müht, kann er seine Zielgruppe in der Realität oft kaum noch wiederfinden. »In einer wachsenden Grauzone entstehen immer neue Formen der Beschäftigung«, hat Riester erkannt. Viele neue Berufe würden »nicht mehr erfasst«, das Arbeits- und Sozialrecht passe nicht mehr »auf die moderne Entwicklung«.

Für den Minister höchste Zeit zu handeln. »Wenn wir das laufen lassen«, sagt der frühere IG-Metall-Vize, »zahlt am Ende die Allgemeinheit.«

Riester stemmt sich einem Prozess entgegen, der die entwickelten Gesellschaften ähnlich tiefgreifend verändern wird wie die industrielle Revolution vor 200 Jahren. Unangefochten prägte das Bild des Standardarbeitnehmers, mit Facharbeiterbrief und Achtstundentag, Lohnfortzahlung und Gewerkschaftsausweis, die Massen- und Sozialkultur der vergangenen Jahrzehnte. Doch nun, an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend, wird der über Generationen vorherrschende Typus des vollzeiterwerbstätigen Familienernährers abgelöst durch eine Vielzahl neuer Beschäftigungsformen: Minijobber und Franchise-Unternehmer, selbständige Software-Entwickler und Online-Designer, Halbtagskräfte und Leiharbeiter.

»Normalarbeit als Regelfall, soziale Identität und Sicherheit qua Job - das ist Geschichte«, sagt der Münchner Soziologe Ulrich Beck. Das neue Motto lautet, so das Stuttgarter Fraunhofer-Institut: »Arbeite mit wem, wo und wann du willst«.

Zugleich ersetzen die neuen Informations- und Kommunikationstechniken die

quasimilitärischen Hierarchien des Fabrikzeitalters. Der Vollzeitangestellte stirbt aus, es lebe der selbständige Arbeitnehmer-Unternehmer.

Eine Entwicklung geht zu Ende, die Europas Wirtschaftsgeschichte während des vergangenen Jahrtausends geprägt hat. Die allmähliche Umwandlung der agrarischen Feudal- in kapitalistische Marktgesellschaften brachte zugleich eine neue Klasse hervor: den Lohnarbeiter, der anfangs wenig mehr besaß als seine Arbeitskraft, formal frei, aber wirtschaftlich abhängig von den Stahlbaronen, Textilunternehmern und Eisenbahnmagnaten der frühen Industrialisierung.

Noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein hatten die Menschen ihren Lebensunterhalt fast ausschließlich in der Landwirtschaft verdient, persönlich gebunden an ihre Lehnsherren, ohne Chance auf sozialen Aufstieg oder materiellen Fortschritt. Auch die wenigen Arbeiter, die im Schiffbau, bei der Herstellung von Glas, Papier oder Seife und in Bergwerken Beschäftigung fanden, waren einbezogen in die traditionellen Regeln der mittelalterlichen Feudal- und Zunftordnungen.

Das änderte sich erst, als in England Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Schicht von Händlern und Unternehmern Erfindungen wie die Dampfmaschine oder den mechanischen Webstuhl systematisch zur Steigerung der Produktion einsetzte. Die neuen Werkstätten und Fabrikhallen, die nicht selten aus ehemaligen Zuchthäusern hervorgegangen waren, boten kärglichen Unterhalt für eine rasch wachsende Bevölkerung: für landlose Bauern und Beschäftigung suchende Gesellen, ehemalige Handwerker und Kleingewerbetreibende. Die neue Klasse, prophezeite Karl Marx im »Kommunistischen Manifest«, werde »in immer größere Massen zusammengedrängt«, ihr Lohn »fast überall auf ein gleich niedriges Niveau herabgedrückt«.

Tatsächlich machte die industrielle Revolution immer größere Teile der Bevölkerung zu Lohnabhängigen, als Angestellte im Büro oder als Arbeiter in der Werkhalle. Doch die vorausgesagte Verelendung blieb ein vorübergehendes Phänomen der ersten Industrialisierungsjahrzehnte. Im ständigen Kampf um Marktanteile und Gewinn steigerten die Unternehmer unablässig die Effizienz der Herstellungsverfahren und entwickelten schließlich jene Form der Massenproduktion, die den Arbeitnehmer nicht nur als Produzenten von Fahrzeugen, Waschmaschinen oder Fernsehgeräten benötigte, sondern auch als Käufer. In den vergangenen 120 Jahren erhöhte sich das Durchschnittseinkommen in Deutschland real um das 10fache, die Arbeitsproduktivität um das 16fache.

Der Wohlstand brachte dem wachsenden Arbeitnehmerheer ein neues Selbstbewusstsein. Die Gewerkschaften, die während des industriellen Aufstiegs zu machtvollen Interessengruppen heranwuchsen, erkämpften den Achtstundentag und die Lohnfortzahlung, Mindestlöhne und das Weihnachtsgeld. Zugleich schuf der Staat ein sich ausdehnendes System von Sozialkassen und Verteilungsbürokratien, die den abhängig Beschäftigten bald vor nahezu allen Wechselfällen des Lebens abschirmten. Der Aufstieg des Wohlfahrtsstaats nach dem Zweiten Weltkrieg ersparte den Gesellschaften des Westens zwar die Diktatur des Proletariats, nicht aber die Gängelung durch neue Beglückungsbürokratien.

Jetzt aber, wo die Deutschen mehr als ein Drittel ihres Bruttoinlandsprodukts für Soziales ausgeben, bricht der Arbeitnehmergesellschaft die Basis weg. Und wieder sind es technologische Entwicklungen, die den Wandel vorantreiben. Waren es in den vergangenen zwei Jahrhunderten der Eisenbahnbau, die Elektrizitätserzeugung oder die Chemie, die die jahrhundertealte Vorherrschaft der Landwirtschaft beendeten, machen heute die Fortschritte in der Computer- und Informationstechnik der traditionellen Fabrik- und Bürobeschäftigung den Garaus.

In den Werkhallen lässt die Elektronisierung immer mehr Hilfs- und Handlangertätigkeiten überflüssig werden, Kollege Roboter erledigt den Rest. Viele Einfacharbeitsplätze rechnen sich für die Unternehmen nur noch, wenn die Entlohnung unter den heutigen Tarif- und Sozialbedingungen liegt.

Zugleich schaffen Computertechnik und

weltweite Vernetzung eine völlig neue

Form der Wissensökonomie, deren Jobs weniger von der Ansammlung großer Kapitalmengen als vom gezielten Einsatz von Informationen abhängen. In den neuen Berufsfeldern des Internet, bei Software-Ingenieuren, Web-Designern oder Browser-Entwicklern nehmen die Bindungen an den Betrieb im selben Maße ab, wie die Verdienstchancen steigen.

Schon entwerfen Zukunftsforscher das Bild einer virtuellen Wirtschaftswelt, in der es keine festen Unternehmen mehr gibt, sondern nur noch die lockere Zusammenarbeit freier Cyber-Produzenten, die sich zeitlich befristet zu Projekten und Netzwerken zusammenschließen. Die kleinste Einheit dieser Zukunftsökonomie, sagen Forscher des Massachusetts Institute of Technology voraus, werde »nicht die Kapitalgesellschaft sein, sondern das Individuum«. Sei der Arbeitsauftrag erledigt, löse sich das Netz wieder auf und die Mitglieder »werden wieder unabhängige Akteure, die durch die Wirtschaft zirkulieren auf der Suche nach der nächsten Aufgabe«.

Der Abschied vom traditionellen Vollzeitbeschäftigten ist längst eingeläutet. Noch in den sechziger Jahren zählte erst ein Zehntel der Arbeitnehmer zu den so genannten »dauerhaft vorübergehend Beschäftigten«. Heute ist es bereits ein Drittel. Im nächsten Jahrzehnt, prognostiziert die sächsisch-bayerische Zukunftskommission, wird bereits jeder Zweite in einem Nichtnormarbeitsverhältnis sein Geld verdienen. Zugleich arbeiten immer mehr Versicherungsvertreter, Makler oder Lehrer als Einpersonenunternehmen. Seit 1991 wuchs die Zahl der Selbständigen um gut 550 000, die der (Lohn zahlenden) Arbeitgeber nahm dagegen um über 23 000 ab.

Die Entwicklung setzt die traditionelle Beschäftigung gleich von zwei Seiten unter Druck. Am unteren Ende der Lohnskala verschwinden die wenig qualifizierten Billigjobber. Am oberen Ende flüchten die Gutausgebildeten in die Selbständigkeit, weil sie sich die Abgabenlast nicht mehr leisten wollen.

Die Folgen sind dramatisch, vor allem für die Sozialkassen. Sinkt der Anteil der Normbeschäftigten, muss eine schrumpfende Basis von Versicherten für die Leistung aufkommen.

Auch die Arbeitnehmerorganisationen spüren die neue Wirklichkeit. Als der DGB im Oktober sein 50-jähriges Bestehen feierte, konnten die Festgäste nachlesen, wie sehr die traditionsreiche Großorganisation vom Wandel der Arbeitswelt gebeutelt wird. Seit 1991 schrumpfte die Zahl der Mitglieder um 3,5 Millionen. Der typische DGB-Beitragszahler von heute ist männlich, Facharbeiter und älter als 40. Jeder Fünfte ist Rentner. Wenn sich nichts ändere, warnte der Soziologe Wolfgang Streeck, werde der DGB »zum Bauernverband des nächsten Jahrhunderts«.

Kein Wunder, dass die Funktionäre die neue Arbeitswelt noch immer vorrangig als Bedrohung sehen. In den neuen Selbständigen wittern sie unlautere Konkurrenten für ihre Traditionsklientel, in den Minijobbern sehen sie eine Gefahr für mühsam erkämpfte Tarifstandards.

Verwundert mussten die Funktionäre mit ansehen, wie im vergangenen Jahr die von ihnen initiierten Reformen bei Scheinselbständigkeit und 630-Mark-Jobs zum Streitfall gerieten. Statt sich für die gesetzlich verordnete Rückkehr in die heile Welt der Sozialversicherung zu bedanken, entfachten die Betroffenen einen regelrechten Aufstand gegen die vermeintlichen Wohltaten. Entnervt ließ Bundeskanzler Gerhard Schröder die umstrittenen Gesetzentwürfe mehrfach wieder ändern.

Sogar Arbeitsminister Riester denkt langsam um. An weitere Versuche, Selbständige unter das Dach der Sozialversicherung zu zwingen, sei »nicht gedacht«, ließ er schon vor Monaten wissen. Die Entwicklung, zeigt sich Riester einsichtig, »lässt sich nicht zurückdrehen«. MICHAEL SAUGA

[Grafiktext]

UMFRAGE »Sehen Sie im weltweiten Kapitalis- mus eine Bedrohung?« Ja 39 Nein 58 »Wird die Wirtschaft in Zukunft von wenigen transnationalen Großkonzernen beherrscht?« Ja 80 Nein 16 »Wie viel Einfluss haben die Aktio- näre auf die Unternehmen?« zu viel 26 angemessen 33 zu wenig 23 keinen 8 Emnid-Umfrage für den SPIEGEL vom 10. und 11. Dezember; rund 1000 Befragte; Angaben in Prozent; an 100 fehlende Prozent: keine Angabe

[GrafiktextEnde]

* Bei Siemens in Bocholt (1973).* Im South Park von San Francisco.

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