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OST-ZEITUNGEN Ende des Wegduckens

Nach 20 Jahren setzt sich die »Leipziger Volkszeitung« mit ihren Hetzartikeln aus der Wendezeit auseinander. Für den Chefredakteur eine Frage von Transparenz
aus DER SPIEGEL 46/2009

Frau A. K. ist eine Berühmtheit in Leipzig. Eine Art ostdeutsche Katharina Blum. Die Frau, die bis heute nur in Initialen existiert, war am 19. Juni 1989 nach dem Friedensgebet von der DDR-Staatsmacht an der Nikolaikirche verhaftet worden. Fünf Tage später stellte sie das SED-Bezirksblatt »Leipziger Volkszeitung« in einem fulminanten Hetzartikel als unverfrorene Staatsfeindin an den Pranger.

»Was trieb Frau A. K. ins Stadtzentrum?«, fragte der Autor scheinheilig, um selbst die Antwort zu liefern: Statt einzukaufen, sei sie »in provokatorischer Absicht« unterwegs gewesen, um »die Leistungen und Errungenschaften dieser sozialistischen Gesellschaft in den Straßenstaub« zu treten.

Der Text erzeugte erhebliche Unruhe. Die aufkeimende Reformbewegung sah sich diskreditiert, die Kirche intervenierte, 70 empörte Leserbriefe gingen ein, und selbst im SED-Zentralkomitee wurde das Pamphlet als »taktisch unklug« und »ausgesprochene Dummheit« eingestuft.

20 Jahre später ist der Artikel noch einmal zu lesen - in der »Leipziger Volkszeitung«. Das einstige SED-Blatt, heute in der Hand der niedersächsischen Verlagsgesellschaft Madsack, hat sich zu einem offensiven Umgang mit der eigenen Vergangenheit entschlossen. »Diese Artikel gehören zur Geschichte der Zeitung, wir wollen in der Stadt der friedlichen Revolution zur Transparenz beitragen«, sagt Chefredakteur Bernd Hilder.

Hilder, einst für die ARD in Washington und Mexiko und bis 2003 Chef vom »Göttinger Tageblatt«, hat eine Auseinandersetzung mit dem früheren Handeln angestoßen, wie sie kaum ein anderes Ostblatt führen mochte. Wie seit 20 Jahren duckten sich die Zeitungen auch in den vergangenen Wochen weg, wenn es um ihre Rolle in der DDR und um Verstrickungen mit dem System ging. Die Redaktionen, zu Wendezeiten mit SED-Diplom-Journalisten gespickt, die ihr Handwerk meist am »Roten Kloster« der Uni Leipzig lernten, wurden kaum systematisch auf Stasi-Mitarbeit überprüft. Bis heute machen Bürgerrechtler bei den einstigen Genossen Journalisten eine Beißhemmung aus, wenn es um Themen wie Stasi und DDR-Unrecht geht.

Die »LVZ« war da keine Ausnahme. Eine Diplomarbeit, die sich mit den Vorgängen in der Redaktion bis 1989 beschäftigte, wurde jahrelang juristisch bekämpft und mit einer strafbewehrten Unterlassung bedacht. In der neuen Zeit sollten die alten Geschichten nicht stören - bis das örtliche Bürgerkomitee anlässlich des Mauerfall-Jahrestages an einer Ausstellung zu den Sündenfällen arbeitete.

Hilder eröffnete die Katharsis der Zeitung im Sommer mit Frau A. K. und der Überschrift auf Seite 3: »Ausgesprochene Dummheit«. Die Zeitung hatte sich auf die Suche nach ihrem einstigen Opfer gemacht. Die Frau lebt heute in der Nähe von Hannover. Nun stellt sich heraus: Als sie 1989 nach Leipzig fuhr, hatte sie einen Ausreiseantrag gestellt. Sie wollte zu ihrem Mann, der sich als Mitglied der SED-Kreisleitung Wurzen bei einer Auslandsreise in Köln abgesetzt hatte. Wohl deshalb traf gerade sie die geballte Wut des SED-Blattes.

Es war nicht der einzige journalistische Fehltritt der »LVZ«. Legende ist ebenso der Brief eines Kampfgruppenkommandeurs, den selbst gutwillige Leser nur als Aufruf zur Gewalt verstehen konnten. Der Kommandeur beklagte sich am 6. Oktober 1989 über die Demonstrationen in der Stadt. »Wir fühlen uns belästigt, wenn wir nach getaner Arbeit mit diesen Dingen konfrontiert werden.« Das Geschaffene müsse wirksam geschützt werden: »Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand.«

Die Empörung war gewaltig. Ein Namensvetter des Kommandeurs erhielt über 100 Drohanrufe - und eine neue Telefonnummer. Die Redaktion wurde von Protestlern heimgesucht, es gab 30 Morddrohungen. Chefredakteur Hilder wollte rekonstruieren lassen, wie der Brief ins Blatt gelangte. Die alten Journalisten konnten sich jedoch nicht erinnern, der Kommandeur war unauffindbar. »Trotzdem gehört das Thema ins Blatt«, befand Hilder, »es zu verheimlichen wäre schädlich.«

Hilders Rechercheure in eigener Sache hatten noch mehr Überraschungen für ihn parat. So erfuhr er, wie sich die »LVZ« vor der großen Demonstration am 9. Oktober auf ihren journalistischen Konter vorbereitet hatte: mit einem größeren Seitenumfang, um die ursprünglich geplante Niederschlagung der Proteste gebührend zu würdigen. Die Leser, schrieb die Zeitung nun zum Jahrestag der Demo, hätten »eine wechselnde Taktik aus Ignoranz, Kampagne und Dialog« ertragen müssen. Am Ende erschienen zur weltweit beachteten Großdemo 14 Zeilen. Ein Stasi-Offizier schrieb entnervt: »Meint Ihr eventuell mit diesem Journalismus am Fortgang der Ereignisse teilzuhaben?«

Mitunter spült die Spurensuche auch urkomische Zeitdokumente an die Oberfläche. So hatte die Redaktion einem wütenden Leser des A. K.-Artikels mitgeteilt, der Autor befinde sich gegenwärtig leider im Urlaub und werde anschließend einen längeren »Lehrgangsaufenthalt« haben. Zudem habe er wissen lassen, keinerlei Interesse an einem Gespräch zu haben.

Der Autor hieß Rudolf Otto, aber das war ein Pseudonym. Tatsächlich hatte Rudi Röhrer geschrieben, Mitglied der Bezirksleitung der SED - und Chefredakteur der »Leipziger Volkszeitung«. STEFFEN WINTER

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