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TSCHECHIEN Ende mit Schrecken

Dichterpräsident Václav Havel steht mit Ablauf seiner Amtszeit vor vielen Scherben: Aussichtsreichster Kandidat für seine Nachfolge ist ein Erzfeind.
aus DER SPIEGEL 2/2003

Havel schweigt. Hoch oben über Prag hat er sich hinter die wehrhaften Mauern der alten Königsburg zurückgezogen. Der Dichter und Dramatiker hält sich aus den Niederungen der alltäglichen Politik heraus. Weit unter seiner Würde ist es, sich in das Gezänk um seine Nachfolge einzumischen.

Dabei kann ihm kaum gefallen, was sich dort unten, am Fuße des Hradschin, in den Sümpfen der Prager Politik abspielt: Um das Erbe Havels, um das Amt des Präsidenten der demokratischen Tschechischen Republik, zanken, intrigieren und schachern die Diadochen - und ausgerechnet seine Erzrivalen sind auf dem besten Weg, sich durchzusetzen.

Merkwürdig: Der aussichtsreichste Kandidat für »die Burg«, wie die Prager sagen, nimmt im ersten Wahlgang von Abgeordnetenhaus und Senat am 15. Januar gar nicht teil. Milos Zeman, bis zum vergangenen Sommer noch sozialdemokratischer Ministerpräsident, spielt seit Monaten den Polit-Rentner, lässt sich ablichten im Wollpullover, Füße hoch, Pfeife in der Hand. Doch hinter der gemütlichen Fassade bastelt der Mann zielstrebig an seinem Aufstieg zum Präsidenten.

Der alte Fuchs ist nicht so dumm, schon am 15. Januar anzutreten - denn es ist so gut wie sicher, dass in den drei Runden des ersten Wahlgangs keiner der Kandidaten von Kommunisten, Demokratischer Bürgerpartei (ODS), Christdemokraten und Sozialdemokraten die erforderliche absolute Mehrheit ergattern wird. Erst in einem zweiten Wahlgang, wenn verbrannte Kandidaten nicht mehr antreten, will Zeman sich bewerben. Bis dahin, hofft er, werde er sich eine Koalition aufgebaut haben, die ihn zur dann absoluten Mehrheit trägt. Genau das befürchtet Havel.

Der Schriftsteller mag den wendigen Politiker Zeman schon deswegen nicht, weil der mitunter antideutsche Tiraden von sich gab. Über die Vertreibung der Sudetendeutschen schwurbelte er erst im Mai: »Sie wollten heim ins Reich, und so gingen sie auch.«

Schwerer noch wiegt für Havel, dass mit Zeman wieder Ämterpatronage und Vetternwirtschaft an die Staatsspitze zurückkehren würden. Dafür nämlich steht Zemans Amtszeit als Ministerpräsident: Weil er und seine sozialdemokratische CSSD 1998 keine Mehrheit hinter sich wussten, schloss er mit Václav Klaus und dessen ODS den berüchtigten »Oppositionsvertrag«. Zeman, so die Absprache, durfte mit den Stimmen der Bürgerlichen regieren; dafür wurden Ämter und Posten untereinander aufgeteilt. Die Nutznießer dieses Systems unterstützen ihn jetzt, warnt der Politologe Jiri Pehe. Zeman auf der Burg wäre ein idealer Patron für ihre Machenschaften. Ein Graus für Havel, der sich für seine Überzeugungen einst von den Kommunisten ins Gefängnis werfen ließ.

Um die Präsidentschaftswahl gewinnen zu können, muss sich Zeman zusätzlich auf alte Freunde aus der ODS stützen - und von denen gibt es nichts umsonst. Aber ein tschechischer Präsident hat auch viel zu vergeben, gehört er doch zu den mächtigeren unter seinen europäischen Amtskollegen. Zum Beispiel hat er in der Außenpolitik ein erhebliches Mitspracherecht und kann sein Veto gegen Gesetze des Parlaments einlegen.

Derzeit spekuliert die Prager Presse bereits, womit sich wohl der ODS-Gründer Václav Klaus seine Fürsprache vergüten lässt. Das Amt des Zentralbank-Gouverneurs - den auch der Präsident ernennt - wäre womöglich ideal für den Ökonomen. Die Rückkehr dieses Mannes an die Spitze der Prager Politik wäre für Havel besonders schmerzhaft. Nicht nur, dass Klaus den verhassten Oppositionsvertrag mitzuverantworten hat, sein schwerster Sündenfall - in Havels Augen - liegt weiter zurück: Es war Václav Klaus, der 1993 als Ministerpräsident gemeinsam mit dem slowakischen Despoten Vladimir Meciar die Tschechoslowakei in die Tschechische und die Slowakische Republik spaltete.

Der Dichterpräsident muss womöglich eine weitere Demütigung hinnehmen: Zeman liebäugelt offenbar damit, sich Unterstützung auch bei den kaum gewendeten Kommunisten zu sichern, mit 18,5 Prozent Wählerstimmen die drittstärkste Kraft im Parlament. Die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Soldaten des Warschauer Paktes halten viele von ihnen noch immer für einen Akt der Notwehr gegen die Konterrevolution. In den 13 Jahren seiner Amtszeit tat Havel alles, um diese Truppe zu isolieren. Zeman würde die Kommunisten politisch rehabilitieren, wenn er sie wie eine normale demokratische Partei in Verhandlungen einbindet, nach den Wahlen 2006 womöglich gar ihre Regierungsbeteiligung zuließe.

Allerdings bleibt Havel noch der Funken einer Hoffnung, dass Zeman scheitert und auch kein anderer Kandidat sich durchsetzt. Dann nämlich würde wahrscheinlich die Verfassung geändert, der Präsident künftig vom Volk direkt gewählt werden. Bis dahin wäre die Burg verlassen.

Und damit die Prager den Verlust ihres Präsidenten auch wirklich bemerken, hat Havel - ganz Dramatiker - ein Fanal gesetzt: Seit sechs Wochen leuchtet über dem Hradschin ein rotes Herz. Das Werk des Künstlers Jirí David soll die Werte der »samtenen Revolution« symbolisieren, namentlich »Liebe und Wahrheit«. Wenn Havel am 2. Februar seine Koffer auf der Burg packt, will er das Blinklicht auf dem Dach selbst ausknipsen. JAN PUHL

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