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Rudolf Augstein ENDE SCHLECHT, ALLES GUT?

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 17/1963

Das Ende einer Ära vollzieht sich selten ganz ohne Rührung, ganz ohne innere Bewegung, mag auch, der sie verkörperte, nicht der gewesen sein, für den die meisten ihn hielten, und mag auch den letzten Zuckungen etwas Peinliches, ja Groteskes anhaften.

Bundeskanzler Adenauer, dessen Zeit in den letzten Monaten so galoppierend schwindet, hat wenig getan, Rührung und innere Bewegung aufkommen zu lassen: So ohne Stil, so ohne alle Würde, so jeglicher Größe bar läßt er sich von seinem Wagen zerren (den zu lenken er seit Jahren verfehlt), daß Triumph seinen wenigen Feinden so schwerfällt wie seinen ebenso spärlich gewordenen Bewunderern ein entschuldigendes Wort.

Wer sich so unwiderruflich überlebt hat, bei dem zweifelt man mittlerweile, ob er je vorhanden gewesen, ob nicht das Bild, das sich mit seinem Namen verbindet, Ausgeburt der Ängste und Interessen, der Ängste und Interessen der fremden Mächte und einer enggesichtigen Bevölkerung war.

Und doch hält selbst der distanzierte, ja der feindselige Betrachter Ausschau nach einem Zeichen von Größe. Sogar der Widersacher ertappt sich bei dem Wunsch, es möchte sich in diesem grobgerasterten Politiker, der in seinen Handlungen ausschließlich Schläue und Reflexdenken bewiesen hat, ein Stück Erhabenheit zeigen.

Als Adenauer 1959 den Geniestreich seiner eigenen Bundespräsidentschaft zu akzeptieren schien, atmeten alle auf, die ihm ehrlich Freund oder ehrlich Feind waren. Was kam, war das übliche: Tricks, Täuschung, Lüge, Richtungslosigkeit und, am Ende, Kotau der CDU.

Freilich, auch der Enttäuschte mußte einräumen, daß man dem damals schon nicht mehr voll geschäftsfähigen Mann die Zustimmung zum Rücktritt in einigen Schwächemomenten abgelistet hatte. Man hatte ihn übermannt. Der Verzicht auf die Kanzlerschaft war nur bei euphemistischer Betrachtung freiwillig zu nennen, und so hätte denn wirklich innere Souveränität dazu gehört, Wort zu halten.

Anders im November 1962, als sich ihm, zum zweiten Mal nach den Bundestagswahlen, die Gelegenheit bot, mit der SPD zusammenzugehen. Hier soll nicht davon gesprochen werden, ob die SPD den Handel hätte eingehen dürfen (ich meine: nein). Aber unbestreitbar groß war für Adenauer die Chance, angesichts der Bereitschaft Herbert Wehners, selbst das neue Blatt bundesrepublikanischer Geschichte aufzuschlagen, selbst die Seite zu wenden, indem er den früher als regierungsunfähig denunzierten Gegner für koalitionswürdig erklärte und so das demokratische Wechselspiel, wenn nicht das Zweiparteien-System einsegnete.

Staatspolitisch beurteilt, wäre es gewiß nicht wünschenswert gewesen, wenn eine berechnende Opposition und eine ratlose Regierung sich in den Proporz der Zweisamkeit und in die große Koalition gezwängt hätten. Aber aus der Sicht der Staatspartei und ihres Schöpfers mußte das Unternehmen ebenso riskant wie großartig erscheinen: Die CDU verzichtet auf die Trabanten aus dem bürgerlichen Lager, die sie bisher für unerläßlich gehalten hat; sie stellt sich einer SPD, die längst nicht mehr auf der Verliererseite ficht, zu einem offenen, überschaubaren Wettkampf. Keine unechten Hilfstruppen mehr, kein Huckepack-System, die Satelliten in den Bundestag zu schleppen.

Dafür eine gemeinsame Regierungszeit bis zu den Wahlen von 1969, um das neue Zweiparteien-Wahlrecht einzuführen und beiden Partnern gleiche Startchancen zu sichern. Denn das erste Zusammengehen der beiden Großen sollte sie scheiden für immer.

Man versteht den Widerstand, der sich gegen das beängstigend perfekte System bei vielen Hinterbänklern der CDU, bei Wahlkreis-Pächtern und Honoratioren-Abgeordneten formierte. Man versteht noch besser, daß die Mehrheit der SPD-Fraktion die FDP nicht auslöschen wollte, die während der SPIEGEL-Krise noch vor der Opposition ins Feuer gegangen war, daß sie die politischen Tage des Hauptverantwortlichen nicht über das vorbestimmte Herbstdatum hinaus verlängern wollte.

Aber der Mann, der 14 Jahre lang einen modernen Industriestaat von 50 Millionen Menschen regiert hatte, welche Überlegungen bestimmten ihn? Sicher hatte er das riskante und mutige Beginnen, das über die seiner Person gesetzten Grenzen hinausreichte, nach allen Seiten erwogen? Sicher hatte er die gravierende Operation für so notwendig oder nützlich gehalten, daß er sie ohne Rücksicht auf seine Person mit dem Gewicht seiner Person durchzusetzen dachte? Sicher würde er sich den zu erwartenden Widerständen in seiner eigenen Partei und in der SPD stellen?

Nichts davon. Die Ratio, die er dem Staat, dessen Galionsfigur er ist, eingepflanzt hatte, feierte ihren letzten Triumph. Als sich herausstellte, daß die Mehrheit der SPD sich kaum bereit finden würde, die Amtszeit des kompromittierten Kanzlers über das von der FDP zugestandene Datum hinaus zu verlängern, zeigte der Kanzler plötzlich kein Interesse mehr. Wozu sollte die SPD nütze sein, wenn er von ihr keine längere Galgenfrist erlangen könnte als von der FDP?

Der großartige Prospekt entlarvte sich als ein inflationäres Papierchen, einzig dazu bestimmt, ein überfälliges Regime künstlich zu strecken. Die letzte Gelegenheit, der Ära Adenauer fortdauerndes Ansehen dadurch zu sichern, daß ihr Protagonist sie sozusagen selbst der Zukunft zum Opfer brachte, war in einem taktischen Spiel verbraucht worden.

Daß künftige Historiker sich schwer tun werden, der Ära Adenauer Gerechtigkeit zu bezeigen, konnte jeder sehen, der nicht willens war, Stimmengewinne mit Gottesurteilen zu verwechseln. Aber so jämmerlich hätte das Ende nicht sein müssen.

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