Zur Ausgabe
Artikel 37 / 96

UMFRAGEN / ODER-NEISSE-GRENZE Endlich klar

aus DER SPIEGEL 44/1970

Mit zwei Zahlen -- 50 und 48 -- trug sich die Meinungsforscherin Dr. Gudrun Ketels, Chefin des Wiesbadener Ifak-Instituts, in die Geschichte der Demoskopie ein. Als erste ihrer Branche stellte sie dieser Tage einen Wechsel der Mehrheits-Meinung unter den Vertriebenen fest:

Fast ein Vierteljahrhundert lang hatte es als unabänderlich gegolten, daß die meisten Deutschen aus dem Osten ihre einstige Heimat nicht verlorengeben wollen. Nunmehr sind 50 Prozent der ehemaligen Schlesier, Pommern, Ostpreußen und sonstigen Ost-Deutschen für, und nur noch 48 Prozent sind gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze.

Diese Zahlen ermittelte das Wiesbadener Institut im Auftrag des SPIEGEL. Es ist fast belanglos geworden, ob ein Bundesbürger diesseits oder jenseits der Oder-Neiße-Grenze geboren ist. Die Teil-Zahlen der Vertriebenen weichen kaum von den Zahlen der Gesamtbevölkerung ab (55 Prozent dafür, 40 Prozent dagegen).

Die Ifak-Ergebnisse signalisierten die Zerstörung eines Tabus, das jahrzehntelang von den Demoskopen immer wieder bekräftigt worden war. Im Jahre 1951, so ermittelte damals das Allensbacher Institut für Demoskopie, waren 80 Prozent der Bundesbürger dagegen und nur acht Prozent dafür, sich mit der Oder-Neiße-Grenze abzufinden. Die Mehrheit der Gegner bröckelte ab, über 67 Prozent im Jahre 1959 auf 54 Prozent im Jahre 1966. Damals war (bei einer anderen Umfrage) nur dann eine Mehrheit (51 Prozent) zu einer Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze bereit, »wenn wir dafür die Wiedervereinigung mit der Ostzone erreichen«.

Zu dieser Zeit gab es nicht einmal unter den Studenten eine progressive Mehrheit in dieser Frage (46 Prozent für, 47 Prozent gegen die Anerkennung).

Als damals bei einer anderen Umfrage einem für die Gesamtbevölkerung repräsentativen Querschnitt drei verschiedene Antworten zur Wahl gestellt wurden, entschied sich ein Viertel für die Ansicht, daß der »Anspruch auf die abgetrennten Ostgebiete durchzusetzen« sei. Mehr als ein Drittel meinte, man solle den Polen »endlich klar« ein Angebot machen, auf diese Weise seien die Gebiete »wenigstens zum Teil wieder zurückzubekommen«. Kaum mehr als ein Viertel bekannte sich zu der Ansicht: »Ich glaube, daß die Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie niemals mehr zu Deutschland gehören werden. Es wäre besser, das ganz nüchtern einzusehen, als sich weiterhin falsche Hoffnungen zu machen.«

Daß aus diesem Viertel innerhalb weniger Jahre mehr als die Hälfte der Bundesbürger wurde, ist das Verdienst vor allem Brandts und seiner Partei. Das stellte das Ifak-Institut eindeutig fest, als die Befragten nach der Partei ihrer Wahl aufgeschlüsselt wurden:

72 Prozent der SPD- und 63 Prozent der FDP-Wähler, aber nur 39 Prozent der CDU/CSU-Wähler sind für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Umgekehrt sind 58 Prozent der CDU! CSU-, aber nur 34 Prozent der FDP- und sogar nur 24 Prozent der SPD-Anhänger dagegen.

Erheblich sind auch die Unterschiede je nach Alter. Von den Deutschen unter 30 sind mehr als zwei Drittel, von den Bürgern zwischen 30 und 64 ist immerhin mehr als die Hälfte, von den Deutschen im Rentenalter aber ist nur noch eine Minderheit (44 Prozent) für die Anerkennung der Grenze mit Polen (siehe Graphik).

Vorerst noch eine Minderheit bilden die Bundesbürger, die auch die DDR anerkennen wollen. Lediglich von denen unter 30 ist es schon eine Mehrheit.

Dazu Demoskopin Gudrun Ketels: »Das Näherliegende ist eben hier wie so oft das Fernere.«

Zur Ausgabe
Artikel 37 / 96
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.