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KIRCHE Endloser Schlussstrich

Ganz gegen seinen Willen hat Benedikt XVI. die Kirche verändert - und ihr zu mehr Liberalität verholfen. Denn die von ihm betriebene Öffnung zu den Ultrakonservativen hat das Papstamt geschwächt, den Apparat bloßgestellt und die liberalen Katholiken in Deutschland rebellisch gemacht.
aus DER SPIEGEL 7/2009

Es war spät am Abend, als Bruder Niklaus am vergangenen Mittwoch in Paris mit der Nachtmaschine nach Buenes Aires startete. Vor ihm lag eine Mission, um die ihn niemand auf Schloss Schwandegg beneidete. In dem Schweizer Château residiert die umstrittene Priesterbruderschaft St. Pius X., deren erster Assistent im Generalrat Niklaus Pfluger ist.

Zwölfeinhalb Stunden dauert der Flug in die argentinische Hauptstadt, und so hatte Pfluger genügend Zeit, über das nachzudenken, was ihm der Generalobere Bernard Fellay mit auf den Weg gegeben hatte. Er sollte versuchen, den Holocaust-Leugner Richard Williamson zum Widerruf seiner skandalösen Thesen zu bewegen - oder ihn aller Ämter entheben.

Am Flughafen Pistarini stand schon die Limousine bereit, die Pfluger 50 Kilometer westlich nach La Reja brachte. Dort ist das Seminario Nuestra Señora Corredentora, die Wirkungsstätte des berüchtigten Bischofs. In dem prächtigen Gemäuer im Kolonialstil sollte Williamson abschwören.

Doch der Geistliche, der intern gern als exzentrischer Engländer verharmlost wird, der Beethoven liebe und ausgesprochen kultiviert und gebildet sei, hatte andere Pläne. Wenn man ihn zu sehr unter Druck setze, werde er in einem Brief an Papst Benedikt XVI. seinen Austritt aus der Bruderschaft erklären. Zeitweise glaubte man in der Schweiz, der Brief sei schon abgeschickt. Nervöse Telefonate mitten in der Nacht sollten die Lage klären.

Während man auf Schloss Schwandegg auf den Widerruf wartete, spielte Williamson Tausende Kilometer weiter auf Zeit. Er brauche eine Weile, um sich eine Meinung zum Holocaust zu bilden. Dann ging er, um die Messe zu lesen.

Am Donnerstagabend, 22.30 Uhr Ortszeit, schaltete sich Williamsons Anwalt ein. Er redete am Telefon auf seinen Mandanten ein, doch der blieb stur. Schließlich einigte man sich auf eine Frist. Bis Ende Februar will der Bischof nun ein Buch lesen, das Pfluger ihm empfohlen hat: Jean-Claude Pressacs »Die Krematorien von Auschwitz. Die Technik des Massenmordes«. Der Franzose war einst selbst Geschichtsrevisionist und hat sich durch die Beschäftigung mit den Gaskammern von Auschwitz vom Gegenteil überzeugen lassen.

Doch das Buch ist vergriffen. Williamson hat sich verpflichtet, das Werk zu lesen, aber bis zum vergangenen Freitag war das Buch in Buenos Aires nicht aufzutreiben.

Das Schicksal der katholischen Kirche in den Händen eines Buchhändlers.

Die Pfluger-Mission im fernen Lateinamerika war der fast schon makabre Höhepunkt einer Woche, wie sie der Papst, der Vatikan und die 1,1 Milliarden Katholiken weltweit noch nicht erlebt hatten.

Es war eine Woche der Premieren. Am Dienstag forderte die deutsche Kanzlerin den Papst zu »Klarstellungen« auf (siehe Seite 24). Noch nie ist ein Oberhaupt der katholischen Kirche von einem deutschen Bundeskanzler so direkt kritisiert worden.

Am vergangenen Mittwoch forderte der Vatikan nach Tagen des quälenden Abwartens Bischof Williamson endlich auf, »unmissverständlich und öffentlich« seinen Auschwitz-Lügen abzuschwören. Ansonsten werde er in der katholischen Kirche kein Bischofsamt aufnehmen können.

Und ebenso unerhört war es in der Geschichte der römischen Kirche, dass ein Papst auf der Seite eins des »Osservatore Romano« erklären ließ, wie am Donnerstag voriger Woche, ihm seien die Auffassungen Williamsons »zum Zeitpunkt der Aufhebung der Exkommunizierung nicht bekannt« gewesen.

Einem Ministerialbeamten hätte man das durchgehen lassen können. Aber kaum dem Oberhaupt einer Weltkirche, wenn er nach 20 Jahren Schisma einen Gnadenakt verfügt. Das ist eine elementare Entscheidung, die gewöhnlich nur nach peinlicher Prüfung aller Dokumente erfolgt. Selbst die konservative »Frankfurter Allgemeine« sprach von einem »ungeheuren Vorgang«, sich den notorisch reaktionären Piusbrüdern blind anzubiedern.

Nur Benedikt selbst schien von dem Orkan, den er ausgelöst hatte, gar nichts mitzubekommen. Am Mittwoch, bei der Generalaudienz, zeigte er sich sichtbar gutgelaunt. Schließlich war es der Abschluss seiner 20-teiligen Katechese über den Apostel Paulus. Da war der Pontifex ganz bei sich selbst, lächelte über hermeneutische Feinsinnigkeiten und sprach mit sanfter Stimme über Eusebius von Caesarea und Irenäus von Lyon. Kein einziges Wort über den Kirchensturm jenseits der Alpen, keinerlei noch so zarte Anspielung auf die erboste Kanzlerin.

Es war eine merkwürdige Aura der Entrücktheit, die den Papst bei seinem Auftritt umgab. Dabei steht er im vierten Jahr seines Pontifikats vor den Trümmern seiner bisherigen Mission. Benedikt war angetreten, um seine Kirche, diesen ihm oft »leck« und »verschmutzt« erscheinenden Kahn, zusammenzuhalten. Das tat er auf Theologenart, mit einem klaren dogmatischen Kurs.

Die deutschen Bischöfe und Kardinäle standen hinter ihm, manch einer zähneknirschend. Aber sie folgten, als es um die Schwangeren-Konfliktberatung ging, und sie verkündeten, wenn auch erkennbar lustlos, die Wiederzulassung des alten Ritus. Jetzt muss der Papst erleben, wie gerade in Deutschland die Harmonie endet und sich lange nicht mehr gehörte Vielstimmigkeit verbreitet. In allen deutschen Bistümern gibt es offene Kritik am Heiligen Stuhl, verbunden mit der Forderung, es müsse sich nun wirklich und endlich grundsätzlich etwas ändern.

Der Berliner Erzbischof und Kardinal Georg Sterzinsky forderte den Papst auf, sein Dekret zurückzunehmen: »Das muss in Ordnung gebracht werden.« Sterzinsky widerspricht sogar der Vatikan-These, man habe nichts gewusst: »Von Bischof Williamson war weltweit bekannt, dass er den Holocaust leugnet.«

Der Bischof von Dresden-Meißen, Joachim Reinelt, sprach von einer »gewaltigen Panne«. Auch Kardinal Karl Lehmann ging auf Distanz: »Glücklich war das nicht.« Er ist besonders verstimmt, da er wie sein Kölner Amtsbruder Joachim Meisner der römischen Bischofskongregation angehört. Deren Vorsteher, der italienische Kardinal Giovanni Battista Re, hatte das Aufhebungsdekret unterzeichnet, doch die beiden deutschen Mitglieder waren weder befragt noch informiert worden.

Als wären Mündel endlich von ihrem Vormund befreit, machen deutsche Bischöfe ihrem seit Jahren angestauten Ärger über Rom nun Luft und erobern damit ein gu-tes Stück Freiraum und Unabhängigkeit von ihrer Weltkirchenzentrale. »Nun«, sagt der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, ein Schüler Ratzingers, »ist der Knoten geplatzt.«

Jaschke ist zuständig für Kontakte mit dem Judentum. Seinen ehemaligen Lehrmeister fordert er auf, das Verhältnis der Kirche zur erzkonservativen Piusbruderschaft grundsätzlich zu überdenken: »Man könnte doch den Prozess der Wiedereingliederung erst einmal stoppen.«

Doch ob Williamson, jener (nach dem Papst) derzeit berühmteste Bischof in urbe et in orbe nun Einsicht zeigt oder ob er aus seiner eigenen Bruderschaft ausgeschlossen wird - die Kirche Benedikts ist schon jetzt kaum wiederzuerkennen, zumindest in Deutschland: Sie ist in den Zustand offener Aufmüpfigkeit eingetreten.

Ein hoher katholischer Funktionsträger im Erzbistum Berlin hält die jetzige Krise schon für »ein historisches Ereignis": »Das alte System der Kirche mit dem ungeheuren römischen Zentralismus ist binnen weniger Tage kollabiert.« Ein System, »das nach außen hin hermetisch abgeschirmt ist, dessen Entscheidungen ein Katholik nicht nachvollziehen kann - das geht nicht mehr nach diesen Ereignissen«.

Viele Kirchenfürsten sehen die Krise als Chance, als womöglich bleibende Machtverschiebung weg vom römischen Zentralismus. An der Basis hingegen ist die Stimmung katastrophal. Der Freiburger Dompfarrer Claudius Stoffel berichtet: »Immer mehr Menschen bekunden ihre Absicht, aus der Kirche auszutreten.« Beim Amtsgericht in Krefeld haben in diesem Jahr bereits 72 Katholiken ihren Kirchenaustritt erklärt, viele mit der ausdrücklichen Begründung »wegen Bischof Williamson«.

Währenddessen versuchten im Vatikan die alten Männer der Kurie verzweifelt wieder einzufangen, was nicht mehr einzufangen war. Ein Schlussstrich nach dem anderen wurde gezogen. Am vergangenen Mittwoch sah der Vatikan die Affäre als beendet an; wie auch schon eine Woche zuvor und am folgenden Samstag noch einmal, diesmal durch Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone.

Im Vatikan herrschte in der vergangenen Woche unwirkliche Ruhe.

»Man redet nicht miteinander und hofft, dass es bald vorübergeht. Ist ja alles längst gesagt. Mit den Juden geht's auch wieder besser, nur die Katholiken mit ihren Bischöfen machen Krach«, resü-miert ein Kurialer die Stimmung hinter den Mauern.

Der Vatikan sieht sich als Opfer einer antiklerikalen Verschwörung der Medien. Eine Dokumentation lief um, das »Dossier Richard Williamson«. Es ist eine Art modernes Hexenmärchen. Darin wird nahegelegt, dass zwei lesbische Aktivistinnen aus Frankreich die schwedischen TV-Reporter mit brisantem Material über Williamson versorgt hätten. Der Papst sollte durch die Ausstrahlung des Holocaust-Interviews genau zu dem 21. Januar diskreditiert werden, an dem das Dekret zur Aufhebung der Exkommunikation unterzeichnet wurde. Auch zwielichtige, liberale Kräfte im Vatikan seien an dem Komplott beteiligt gewesen.

Tatsächlich hatte der SPIEGEL bereits am 19. Januar von den Äußerungen Williamsons berichtet. Der Kurie blieben also zwei Tage, das Dekret einzufrieren und zuvor eine Klarstellung der Piusbruderschaft zu verlangen.

Williamson wurde schon, so versichern Insider der Bruderschaft, einen Tag nach der Veröffentlichung des SPIEGEL zum öffentlichen Widerruf aufgefordert - vom Generaloberen Bernard Fellay persönlich: »Er soll nun schnell die Fakten studieren und seine falschen Aussagen korrigieren. Je schneller, desto besser.«

Jene in der Kurie, die keinen Sinn für Verschwörungstheorien haben, wie Kardinal Walter Kasper oder Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen, sehen die Schuld an dem PR-GAU beim Missmanagement und dem offenkundigen Versagen der apostolischen Spitzenleute und Berater.

Tatsächlich ist das aktuelle Tohuwabohu auch eine Folge ängstlicher Personalpolitik unter Papst Benedikt. Was Krisenmanagement angeht, ist die römische Kurie nicht besser aufgestellt als mancher deutscher Konzern.

Selbst Kardinal Meisner soll verzweifelt darüber sein, so berichtet ein Vertrauter aus seinem Umfeld, »dass der Apparat des Vatikans Benedikt nicht vor diesem Schaden bewahren konnte«. Ratzinger habe eben zu viele Jasager installiert, treue, für ihn unproblematische Gefolgsleute. In Köln allerdings hat Meisner diese Politik des Papstes treu kopiert.

Benedikt setzt bei seiner Personalpolitik vor allem auf die Strukturen, auf das im römischen System der katholischen Kirche Bewährte. Er hat kein Gespür für Talente, vertraut eher darauf, dass sich in den Jahrzehnten einer kirchlichen Karriere schon die rechten Fähigkeiten für das anvertraute Amt einstellen werden. So wie bei ihm.

Der Papst aus Marktl am Inn suchte die neuen Mitarbeiter im Führungsstab des Vatikans in seiner Nähe. Zu seinem eigenen Nachfolger in der Glaubensbehörde bestimmte Benedikt den Erzbischof von San Francisco, William Levada. Levada hatte sich in Kalifornien heftig gegen Homo-Ehen und die weltliche »Kultur des Todes« eingesetzt, die Abtreibungsregelungen.

Seit Benedikt XVI. im Amt ist, wurden weltweit etwa 500 neue Bischöfe ernannt, rund ein Zehntel der 5000. Auch hier förderte er, wo es nur ging, vor allem die Karrieren von verdienten, älteren Herren der Kirche. Meist liegt das Alter der in die Leitungsfunktionen der Kirche Beförderten zwischen 50 und 70 Jahren. Jenseits von Leistung und Geschicklichkeit steigt man eher durch Unauffälligkeit, Lautlosigkeit und Romtreue auf der klerikalen Karriereleiter nach oben.

Die nationalen Bischofskonferenzen fühlen sich gegenüber dem Papst weitgehend entmündigt, wenn es um die Besetzungen geht. Wenn der Papst einen Favoriten durchsetzen will, dann kann er das. So ist es auch beim jüngsten Konflikt in Österreich, im Bistum Linz (siehe Seite 22).

Anfang 2006 besetzte er vier Bischofsstühle in Argentinien. Doch die dortige Bischofskonferenz hatte selbst nur einen Kandidaten der vier gewollt. Der Vorsitzende der argentinischen Bischofskonferenz, Kardinal Jorge Bergoglio, reiste extra nach Rom, wartete lange auf eine Audienz und kehrte dann dennoch unverrichteter Dinge wieder zurück. Benedikts konservative Favoriten hatten nicht einmal auf den sogenannten Dreierlisten gestanden, die sein Nuntius nach Rom eingereicht hatte. Üblicherweise werden zu jeder freien Bischofsstelle drei mögliche Kandidatennamen nach Rom gesandt.

In Polen allerdings missglückte im Januar 2007 die Besetzung des Erzbischofsstuhls in Warschau, bevor Benedikts Favorit überhaupt sein Amt richtig antreten konnte. Der Kandidat soll einst ein Spitzel des polnischen Geheimdienstes gewesen sein. Am Tag des feierlichen Einführungsfestaktes musste Stanislaw Wielgus seinen Rücktritt bekunden.

Auch in diesem Fall hatten der päpstliche Mitarbeiterstab und alle in der Vatikan-Hierarchie verantwortlichen Personen schlicht versagt. Auch damals fragte sich der mitzuständige Präfekt der Bischofskongregation Kardinal Re, »wie das überhaupt passieren konnte«. Das kirchliche Headhunting war schiefgelaufen.

Die jüngste Krise hat allen in der Kurie Auftrieb gegeben, die eine Professionalisierung der Arbeit fordern. Der Papst, so regte Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen an, brauchte etwa dringend eine Art Kabinett. Damit könnten allzu einsame Entscheidungen eines latent Unfehlbaren vermieden werden.

Doch Papst Benedikt hat die »veritas« immer über die »libertas« gestellt, die Wahrheit über die Freiheit des Denkens. Die längst nicht abgeschlossene Affäre um die Piusbrüder hat diese Ordnung durcheinandergebracht. Ein sturköpfiger Verein von »wahren Katholiken« hat, nolens volens, einen Prozess in Gang gesetzt, der zu mehr Freiraum in der über 1000-jährigen Struktur der Kirche führen kann.

Nun wartet die katholische Welt also, dass irgendwo in einem Vorort von Buenos Aires ein 68-jähriger Bischof ein Buch über Gaskammern zu Ende gelesen hat. Und wenn er es nicht tut, dann wartet man eben etwas länger, über eine Milliarde Katholiken und ein Papst.

Das Drama um Benedikt hat groteske Züge angenommen. ALEXANDER SMOLCZYK,

PETER WENSIERSKI, STEFFEN WINTER

Alexander Smolczyk
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