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KARRIEREN Endstation Superstar

Eine Fünf-Jahres-Prognose für den neuesten TV-Casting-Sieger
aus DER SPIEGEL 22/2008

Beim ersten Auftritt von Thomas Godoj in »Deutschland sucht den Superstar« ("DSDS") hatte Dieter Bohlen noch gewitzelt, er sehe aus, als sei ihm »der Sargdeckel schon dreimal auf'n Kopf gefallen«. Am Samstag vorvergangener Woche wurde der 30-jährige Ex-Arbeitslose zum neuen »Superstar« gekürt. Bis zu sechseinhalb Millionen schauten zu.

Am Dienstag titelte »Bild«, Godoj wolle sich nun seine tränensackartigen Augenringe wegoperieren lassen. Am Mittwoch sagte der »Superstar« bei Günther Jauch in »Stern TV«, das sei Quatsch. Am Freitag erschien seine erste Single ("Love Is You"), die erwartungsgemäß an die Chartspitze schießen wird. Genauso erwartungsgemäß wird es in den nächsten Jahren weitergehen, wenn man die bisherigen Castingshow-Karrieren zugrunde legt.

Dann nämlich startet »Bild« schon bald eine Serie: »Ahoi Godoj - von Hartz IV auf Wolke sieben«. Im Juni bringt der tonangebende Musikkonzern Sony BMG das Album »Barfuß« auf den Markt, rechtzeitig zur Deutschland-Tournee, bei der die Rolling Stones als Vorgruppe fungieren sollen. Kurz danach gibt der 30-Jährige der »Frankfurter Allgemeinen« ein Interview, in dem er die »Talent-Wurstmaschine« von Juror Bohlen kritisiert. Der kontert bei Kerner, »das einzig Interessante an dem verpeilten Typen sind seine Tränensäcke gewesen, echt jetzt«.

Bei Stefan Raab darf der »Superstar« daraufhin die Jury des neuen Gesangwettbewerbs »SSDSDEEAOBS« ("Stefan sucht den Superstar, der es endlich auch ohne Bohlen schafft") führen, bevor »Bild« meldet, Godoj wolle »eine kreative Pause einlegen und wieder authentischer werden irgendwie ... mit eigenen, rockigeren Songs«.

Nach dem mauen Verkauf der zweiten Single ("Love Was You") und dem Flop der dritten ("You Are Love") teilt Sony BMG im Januar mit, vorerst auf ein zweites Album mit Godoj verzichten zu wollen, der zu diesem Zeitpunkt aber einen Karriereschub als Kandidat im RTL-»Dschungelcamp« erlebt:

Am Lagerfeuer belästigt er Mitinsassen mit Selbstkomponiertem und fängt eine Liaison mit der Fünftplazierten aus der zweiten Staffel von »Germany's Next Topmodel« an, die sich für ihn vom Ex-Achten aus der dritten »Popstars«-Staffel trennt.

Beide werden vorm Finale rausgewählt, eröffnen in Godojs Heimatstadt Recklinghausen einen Online-Versand für Lederschmuckanhänger sowie eine Castingagentur, die nach einem halben Jahr Insolvenz anmelden müssen. Das Paar trennt sich kinderlos.

Werner Böhm alias Gottlieb Wendehals bietet Godoj via »Bild« an, bei seiner eigenen großen Comeback-Deutschland-Tournee durch drei nordschleswigsche Kleinstädte die Vorgruppe zu bilden. Der Veranstalter geht kurz vorm Start pleite.

Godoj schafft es noch zu einem Auftritt beim »Perfekten Promi Dinner«. Mutter Danuta hilft mit polnischen Rezepten. Er lebt wieder bei seinen Eltern. Vorübergehend.

NeunLive gewinnt ihn danach als Einpeitscher einer Show namens »Thommy's Hütchenspiele«, trennt sich aber von ihm, als nach den Firmenpleiten Vorwürfe der Insolvenzverschleppung laut werden. Sein Da-schon-Ex-Manager wird mehreren Boulevardblättern anbieten »auszupacken«. Die letzten Google-Einträge 2010: »Ex-Superstar eröffnet Bowlingbahn-Imbiss in Gladbeck« und ein »Neon«-Porträt namens »Endstation Ex«. Dann wird es sehr still.

Im Frühjahr 2013 gewinnt ein 23-jähriger Halb-Kenianer aus Berlin-Marzahn die zehnte, die Jubiläums-»DSDS«-Staffel. Godoj sitzt mit den anderen längst vergessenen »Superstars« im Publikum. Es war für die Redaktion nicht leicht, ihn in seiner Schrebergartensiedlung ausfindig zu machen, wo er mit drei Schäferhundrüden lebt.

Natürlich könnte auch alles ganz anders kommen. Viel besser. Oder schlimmer - wie für den Gewinner der siebten Staffel, der im Spätherbst 2011 volltrunken beim Diebstahl eines Zweierpacks geblümter Damenslips in einer Chemnitzer KiK-Filiale erwischt worden sein wird. THOMAS TUMA

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