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DÄNEMARK / FREMDENHASS Engel und Teufel

aus DER SPIEGEL 47/1969

Südländische Affen« ärgern die Dänen. »Ferkel« beschmutzen Kopenhagens Straßen, »Spaghetti-Bengel« entweihen das Tivoli: Gastarbeiter aus den Mittelmeerländern, die im rassetoleranten Dänemark Fremdenhaß wecken.

Heute geht es in Dänemark »ganz wie in den Südstaaten der USA« zu, klagte die Kopenhagener Zeitung »Politiken«, und die jütländische »Jyllands-Posten« stellte fest: »Seit der Judenverfolgung im vorigen Jahrhundert haben sich Dänen nicht derart unwürdig benommen.«

Gastarbeiter aus den übrigen nordischen Ländern (mit denen Dänemark einen freien Arbeitsmarkt bildet) sind den Dänen durchaus willkommen, ebenso 15 000 Arbeitskräfte aus den USA und Westeuropa, darunter rund 6000 Westdeutsche.

Südeuropäer und Araber hingegen, »die eigentlichen Fremdarbeiter«, sehen anders aus und haben andere, undänische Gewohnheiten. Seit Jahresbeginn ist die Zahl der »eigentlichen Fremdarbeiter« auf insgesamt 10 000 -- meist Jugoslawen und Türken -- gestiegen.

Vor allem die Osmanen sind großenteils illegal nach Dänemark gekommen, angelockt durch die für ihre Verhältnisse fürstlich gefüllten Lohntüten. Einzelne Türken versuchten, sich via DDR als blinde Güterwaggon-Passagiere über die Ostsee oder via Bundesrepublik bei Flensburg über die grüne Grenze zu mogeln. Die meisten aber bedienten sich, gegen Zahlung von Honoraren bis zu 350 Mark, der Beihilfe pfiffiger Landsleute.

Deren Kunden reisen als angebliche Touristen nach Dänemark ein. Weil Dänemarks Grenzpolizisten Besucher, die wenig Geld besitzen, zurückweisen, stattet der Einschleuser seine Klienten für die Dauer des Grenzübertritts mit prallen Brieftaschen aus. Zusätzlich läßt er sie noch eine Rückfahrkarte erwerben -- die nachher jeder dänische Bahnhof wieder abkauft.

Andere Einschleuser dirigierten ihre Kunden mit dem Versprechen nach Hamburg, sie würden ihnen dort die Arbeitsplatz-Zusage einer dänischen Firma, etwa der Zementgießerei Ishoj (bei Kopenhagen), überreichen.

Wochenlang haben bis zu 200 Türken auf dieses Papier gewartet, mit dem sie beim Dänischen Generalkonsulat in der Hansestadt sofort ein Visum bekommen. Letzte Woche warteten in Hamburg immer noch 30.

Inzwischen ermittelt die dänische Kriminalpolizei gegen die Zementgießerei. Sie soll -- möglicherweise gegen Gewinnbeteiligung -- zehnmal mehr Arbeitsplatz-Zusagen ausgestellt haben, als sie einlösen konnte.

Derartige Fälle brachten viele Dänen gegen die Südländer auf -- obschon sie an den Gästen gut verdienen: In Kopenhagen und den Vororten müssen Türken für primitive Bettplätze in Kellern, Ställen und Gartenlauben pro Monat 100 Mark zahlen.

Als die dänische Großwerft Burmeister & Wain (Kopenhagen), der mehrere hundert Arbeiter fehlten, Fremdarbeiter ins Land holen und auf ihrem Wohnschiff »Obo« einquartieren wollte, empörten sich die dänischen »Obo«-Bewohner: »Wenn die kommen, verlassen alle Dänen das Schiff. Wir sind zu 99 Prozent dagegen, daß unser Schiff ein Saustall wird.«

Anfang Mai schlug eine Kopenhagener Motorrad-Bande, die sich »Wilde Engel« nennt, nachts eine Wohngemeinschaft von Türken mit Fahrradketten zusammen. »Engel«-Aussagen vor Gericht: »Ich kann diese Ausländer nicht ausstehen«, »Ich hatte gehört, daß sie dänische Mädchen vergewaltigt haben.«

Ein Kopenhagener schrieb in »Politiken": »Achten Sie mal im Tivoli, in

* Auf der Vesterbro-Straße in Kopenhagen.

Restaurants oder in den Verkehrsmitteln darauf, wie viele Südländer sich an Frauen heranwühlen.«

Die auch bei den Fremdarbeitern beliebte Groß-Cafeteria »ABC« im Zentrum Kopenhagens engagierte sich ausgerechnet ein Detachement »Wilder Engel« als Platzordner. Vor dem »ABC« lieferten sich »Engel« und Fremdlinge Mitte Oktober mit Fahrradketten und Knüppeln eine einstündige Straßenschlacht, bis ein 30-Mann-Überfallkommando der Polizei eintraf.

»Engel«-Rufe an die Polizei: »Schickt die schwarzen Teufel doch nach Deutschland, dort stehen die Verbrennungsöfen ja nutzlos herum.«

Am Abend darauf rächten sich die Südländer, durch Israelis und Araber verstärkt. Von ihren Stammkneipen aus zogen sie zur Vorhalle des größten Kopenhagener Kinos, gegenüber dem »ABC«, und mischten sich unter das auf Einlaß wartende Publikum.

Glockenschlag sieben stürmten sie, mit Knüppeln, Eisenrohren und Steinen bewaffnet, über die Vesterbro-Straße und zertrümmerten die Einrichtung des »ABC« einschließlich Schaufenster und Glastüren. Als das Überfallkommando anrückte, waren die Mittelmeer-Anrainer bereits abgerückt.

Am nächsten Tag richtete Süd ein Ultimatum an Nord: Wenn die Überfälle auf Fremdarbeiter nicht aufhörten, werde man mit gefährlicheren Waffen und Molotow-Cocktails antreten. »Binnen 48 Stunden können wir 800 bis 1000 Aktivisten mobilisieren.«

Und falls Fremdarbeiter zur Strafe des Landes verwiesen würden, werde man von Marokko bis Jugoslawien, von Israel bis Spanien zu Vergeltungsaktionen gegen dänische Botschaften und Konsulate aufrufen.

Eine Woche später wurde in Kopenhagen ein in Buchdruck hergestelltes anonymes Flugblatt verteilt. Überschrift: »Dänemark führt wieder Krieg.« Textprobe:

1940 wurde Dänemark von der deutschen Wehrmacht überschwemmt. 1969 wurde Dänemark von Fremdarbeitern Überschwemmt. Dadurch droht unserer Nation eine tausendfach größere Gefahr ... in bester Partisanen-Manier haben die Südländer allmählich einen unverhältnismäßig großen Teil unserer Wohnungen, Verkehrsmittel, Restaurants und der Unterwelt übernommen ... Gewalt- und Vergewaltigungsverbrechen werden jetzt fast ausnahmslos von dunkelhäutigen Männern verübt.

Am Montag vorletzter Woche beschloß eine dänische Regierungskommission, in der Arbeitsministerium und Fremdenpolizei, die Gemeinden Groß-Kopenhagens, Arbeitgeber und Gewerkschaften vertreten sind, unverzüglich verbesserte Richtlinien für Rekrutierung, Unterbringung und Eingewöhnung von Fremdarbeitern zu entwerfen.

Gleichzeitig beschloß Kopenhagens Magistrat, den Südländern ein Klublokal einzurichten -- mit Bibliothek und Heimatzeitungen, Fernsehgerät und Imbißküche.

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