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Englisch lernen leicht gemacht

aus DER SPIEGEL 13/1949

Auf der englischen Insel wird das Wort Tradition seit jeher ganz groß geschrieben. Um so erstaunlicher ist, wieviel Zuspruch dieser Tage in der Arena des Unterhauses ein tapferer Kreuzritter gegen eine der geheiligten Traditionen Altenglands aus allen Parteilagern erhielt.

Labour-Abgeordneter Dr. Mont Follick unternahm einen neuen Vorstoß gegen die Art, wie Shakespeare und nach ihm alle großen und die meisten kleinen Geister Britanniens ihre Muttersprache zu schreiben pflegen. Es ging um die englische Rechtschreibung*).

Sie ist der Alpdruck aller Schüler, die irgendwo in der weiten Welt Englisch lernen. Selbst die kleinen Briten, die schon in jungen Jahren ein ausgezeichnetes Englisch sprechen, haben in der Schule enorme Schwierigkeiten, das Gesprochene so niederzuschreiben, wie es im Oxford-Wörterbuch allgemein verbindlich zu lesen ist.

»Laut- und Schriftbild passen nicht zueinander«, erklärte der Möchtegern-Reformer seinen neuerungsfeindlichen Unterhaus-Kollegen. Er will erreichen, daß sich die Bilder gleichen. »Mein neues Rechtschreibe-System erspart unseren Kindern drei Schuljahre. Und außerdem: Englisch würde wirklich die universale Weltsprache werden.«

Englisch-Schüler in aller Welt werden den revolutionären Engländer als ihren größten Wohltäter preisen, wenn sein Gesetzesvorschlag Erfolg haben sollte. Dr. Follick selbst spricht zwanzig europäische Sprachen. Aus dem Vergleich der verschiedenen Rechtschreibungs-Systeme baute er seine Reform des Englischen auf.

Wenn es nach ihm ginge, würde ab sofort das englische Wort »nice« phonetisch »nais« geschrieben werden, das englische Wort »face« ebenso folgerichtig »feis«. Ausländer und britische Schulkinder bekämen mit festen Ausspracheregeln Boden unter die Füße. Sie brauchten sich nicht die Aussprache etlicher tausend Wörter von Fall zu Fall einzuprägen. Beispielsweise, daß der Buchstabe »u« mal wie »u« gesprochen wird (etwa in »butcher") und mal wie »a« (etwa in »butler"). Dr. Follick will das Alphabet auf 23 Buchstaben reduzieren. X. Q und C hält er für überflüssig, desgleichen das Ph. Diese lateinischen und griechischen Ueberbleibsel seien nur nutzloser Ballast.

Nicht alle Unterhäusler nahmen Follicks Vorschläge ernst. Als der am Beispiel des Wortes »water« (Wasser) die regional unterschiedliche Aussprache erläuterte, ertönte der Zwischenruf eines Schotten: »Wir sprechen 'water' wie 'whisky' aus!«

Der 62jährige Sprachreformer verfügt - wie es sich gehört - über reiche linguistische Erfahrungen. An der Pariser Sorbonne studierte er Philosophie, in Deutschland Volkswirtschaft und in Italien Finanzwissenschaft. 1910 war er Privatsekretär Aga Khans. Später betätigte er sich als wissenschaftlicher Organisator an der Madrider Universität und als politischer Berater des Sultans von Marokko.

Wenn sein System durchkomme, so meint er, könne man als Ausländer Englisch lernen, ohne sich überhaupt um die Schreibung zu kümmern. Die ergebe sich automatisch und logisch ganz von selbst.

*) Der ironische Ire G. B. Shaw wies schon vor einiger Zeit auf absurde Erscheinungsformen der gegenwärtigen englischen Rechtschreibung hin. Das englische Wort »fisch« (zu deutsch »Fisch") könne nach der jetzigen englischen Schreibweise ebenso gut GHOTI geschrieben werden: GH wie in »enough« (ausgesprochen »inaf"), O wie in »women« (gesprochen »wimin"), TI wie in »nation« (gesprochen »nejschn"). GH-O-TI = fish.

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