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FLUGZEUGABSTURZ Englisch mangelhaft

Weil der russische Pilot offenbar den DDR-Lotsen nicht verstand, stürzte bei Ost-Berlin eine Aeroflot-Maschine ab. *
aus DER SPIEGEL 17/1987

Als der Pilot der TU 134 A der Aeroflot seinen Irrtum erkannte, war es bereits zu spät. Er versuchte zwar noch die Maschine nach links zu ziehen, auf die ihm vom Tower zweimal zugewiesene Landebahn 25 L. Aber das Manöver mißlang.

Die sowjetische Passagiermaschine flog zu tief. Sie streifte in der Linkskurve die Baumwipfel im Wald bei dem Ost-Berliner Ortsteil Bohnsdorf und schlug kurz vor der Autobahn nach Süden, etwa drei Kilometer vor dem Flughafen Schönefeld, auf dem Boden auf. Das Flugzeug fing sogleich Feuer.

70 der 82 Insassen waren sofort tot darunter 19 Schüler einer Oberschulklasse aus Schwerin und die neun russischen Besatzungsmitglieder. Zwei DDR-Bürger erlagen in Ost-Berliner Krankenhäusern ihren Verletzungen.

Der Absturz am 12. Dezember letzten Jahres nachmittags kurz nach fünf war der dritte in der Geschichte der DDR. Die Linienmaschine der Aeroflot kam aus Minsk und sollte laut Plan bereits um 14.20 Uhr landen. Weil über Mittag Schönefeld schlechte Sicht hatte (Nebel und eine tiefhängende Wolkendecke), war sie zunächst nach Prag ausgewichen. Vor ihrem Absturz in der DDR drehte _(DDR-Bergungstrupp am 12. Dezember 1986 ) _(bei der Suche nach den Opfern. )

die TU 134 A dann einige Warteschleifen, da zu diesem Zeitpunkt über dem Flughafen Gedränge herrschte.

Die DDR-Medien berichteten ungewohnt rasch und ausführlich über die Katastrophe. Die Regierung setzte sofort eine Kommission ein. Ihr Chef: der Generaldirektor der DDR-Fluggesellschaft Interflug, Generalleutnant Klaus Henkes. An den Untersuchungen beteiligten sich auch sowjetische Experten. Sie werteten unter anderem den Flugdatenschreiber und das Kabinentonbandgerät aus, die Suchtrupps an der Absturzstelle geborgen hatten.

Bereits vier Tage später veröffentlichte die DDR-Nachrichtenagentur ADN das Ergebnis der amtlichen Recherchen: _____« Die Untersuchung ergab, daß die TU 134 in technisch » _____« einwandfreiem Zustand war und die Besatzung über die » _____« erforderliche Qualifikation verfügte. Der Flughafen » _____« Berlin-Schönefeld war zur Zeit des Unglücks sowohl von » _____« der technischen als auch von der meteorologischen Seite » _____« her voll einsatzfähig. Die Flugleitung in » _____« Berlin-Schönefeld handelte exakt nach den internationalen » _____« Regeln für die Durchführung von Landungen. Die Ursache » _____« des Flugzeugabsturzes ist auf die Verletzung der Regeln » _____« des Landeanflugs durch den Flugzeugführer zurückzuführen. »

Näheres freilich über das Versagen des Piloten wie über den genauen Ablauf des Unglücks erfuhren die DDR-Bürger bis heute nicht - aus Rücksicht auf den großen Bruder in Moskau.

Daß es überhaupt zu der Katastrophe kommen konnte, ist vor allem auf eine Sturheit der Sowjets zurückzuführen, gegen die andere Ostblockländer seit langem anrennen: Die Russen bestehen darauf, daß beim Flugverkehr der Ostblock-Linien innerhalb der sozialistischen Länder zwischen Cockpit-Besatzung und Tower russisch gesprochen wird. Das ist zwar erlaubt, widerspricht aber internationalen Gepflogenheiten.

Nach den Regeln der internationalen Luftfahrtorganisation International Civil Aviation Organization (ICAO) wird im Flugverkehrskontrolldienst weltweit grundsätzlich Englisch zur Verständigung benutzt. Zugelassen sind daneben aber auch Französisch, Spanisch und Russisch. Die nationalbewußten Franzosen etwa betreiben ihren Funkverkehr zweisprachig: Die Fluglotsen plauschen englisch mit den Nichtfranzosen in den Cockpits, mit ihren Landsleuten aber in der Landessprache.

Das Kauderwelsch im Luftraum ist nach Ansicht des westdeutschen Luftfahrt-Bundesamtes in Braunschweig höchst gefährlich: Die Piloten einer ausländischen Maschine bekommen in dem Wirrwarr häufig nicht genau mit, was sich vor und hinter ihnen tut.

Die DDR sieht das genauso. Interflug sperrt sich, ebenso wie etwa die Tschechen, seit Jahren gegen den Anspruch der Sowjets, beim Funkverkehr der Ostblockmaschinen untereinander russisch zu palavern - mit mäßigem Erfolg. Interflug-Maschinen, die in Moskau landen, müssen beim Anflug in jedem Fall auf Russisch umschalten. Sowjetische Piloten sprechen und verstehen zudem, so die Erfahrung der Ostdeutschen, häufig Englisch nur mangelhaft.

In ihrem eigenen Beritt indes wickeln die Ost- wie die Westdeutschen den Funkverkehr zwischen Tower und Flugbesatzung grundsätzlich in Englisch ab - auch mit den Piloten von Aeroflot.

Der Kapitän der TU 134 A des Linienfluges Minsk-Berlin erhielt am 12. Dezember gegen 17.10 Uhr in Englisch die Anweisung, auf der Piste »two five left« (25 L) zu landen. Schönefeld verfügt über zwei parallel verlaufende, aber in der Länge etwas versetzte Landebahnen, die, wenn der Pilot von Osten anfliegt, als 25 L und »two five right« (25 R) bezeichnet werden. Kommt die Maschine von Westen, lautet die Bezeichnung 07 L und 07 R. Da die Pisten versetzt sind, haben beide einen anderen Landepunkt.

Offenbar hat der TU-Pilot die englische Anweisung bestätigt, ohne sie richtig verstanden zu haben - aus welchen Gründen auch immer: Er flog, wie aus einem vertraulichen Bericht hervorgeht, die rechte Landebahn an. Die war zwar hell erleuchtet, aber gesperrt. Arbeiter führten einen sogenannten Intensivbefeuerungstest durch. Sie fuhren mit einem Auto die gesamte Bahn ab und überprüften die einzelnen Lampen.

Die Wolkendecke hing zu diesem Zeitpunkt niedrig, unterhalb jedoch herrschte klare Sicht. Als die Fluglotsen im Schönefelder Tower auf dem Radar merkten, daß der Pilot auf der falschen Bahn herunterkam, machten sie ihn auf seinen Fehler aufmerksam.

In diesem Moment stieß die Maschine durch die Wolken, der Pilot bekam Sichtkontakt, aber es war zu spät: Sein Versuch, das Flugzeug noch nach links zu ziehen, mißlang, weil er die Maschine auf den Landepunkt von 25 R ausgerichtet hatte. Der aber lag sehr viel näher als der auf der weiter westlich beginnenden Piste 25 L. Die TU 134 A war mithin bereits zu tief für einen Schwenk, geriet in die Baumwipfel und stürzte ab.

Möglicherweise war der Pilot in der entscheidenden Landephase noch durch einen anderen Umstand abgelenkt: Der Linienflug Minsk-Berlin war an diesem Tag zugleich ein Übungsflug.

In den ersten DDR-Meldungen über den Absturz hieß es, die TU 134 A habe acht Besatzungsmitglieder gehabt. Acht sind die normale Zahl: der Pilot, sein Kopilot, der Navigator, drei Stewardessen und zwei Sicherheitsbeamte. In Wahrheit hatte die Maschine, wie ADN später ohne Kommentar korrigierte, neun Aeroflot-Leute an Bord.

Der neunte Mann, ein Flugkapitän, gehörte mit 17000 Flugstunden zu den erfahrensten Piloten der Aeroflot. Seine Aufgabe: Er sollte überprüfen, ob der Pilot der Maschine ein besseres »Minimum« erhalten könne.

Das Minimum sagt aus, bei welchen Wetterverhältnissen der Pilot noch landen darf. Die besten Piloten der Interflug haben ein Minimum von 500 Metern Fernsicht und einer Wolkendecke bis zu 50 Meter über dem Boden.

Entscheidend für den Absturz kann die Tatsache, daß der Pilot auf diesem Flug sein Minimum verbessern wollte, nach Ansicht von DDR-Experten auf keinen Fall gewesen sein. Jeder Pilot versucht, in regelmäßigen Abständen seine Qualifikation zu erhöhen.

Die Gründe für das Unglück sehen ostdeutsche Fachleute vielmehr in den Sprachschwierigkeiten, aber auch im allgemeinen Schlendrian bei Aeroflot. In Interflug-Kreisen kursieren böse Geschichten über die sowjetische Fluggesellschaft. »Wenn man sieht«, so ein DDR-Experte, »daß manche Aeroflot-Mitarbeiter beim Betanken von Maschinen unter der Tragfläche rauchen, bekommt man eine Gänsehaut.«

[Grafiktext]

WEST-BERLIN OST-BERLIN Flughafen Berlin-Schönefeld irrtümlicher Anflug der sowjetischen Passagiermaschine TU 134 auf die gesperrte Landebahn 25 R

[GrafiktextEnde]

DDR-Bergungstrupp am 12. Dezember 1986 bei der Suche nach denOpfern.

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