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BUTTER Entlastung für die Leber

aus DER SPIEGEL 31/1965

Das Bild zeigt eine Versammlung ernster Forscher, im Text funkelt es wissenschaftlich von Lecithin, Cholesterin, Gallensäuren und Hormonen.

Was wie Heilmittelwerbung dritter Güte anmutet, ist in Wahrheit einer der jüngsten Publicity-Einfälle des Frankfurter Vereins zur Förderung des Milchverbrauchs. Geworben wird für Butter.

Jede Woche gibt es auf Drittelseiten der Tagespresse populärmedizinische Neuigkeiten über Butter:

- »Ohne die 'fettanfällige' Leber zu belasten, gelangt (die Butter) auf schnellstem Wege überall dorthin, wo sie der Organismus braucht«;

- »Hervorragende Ganzheitsleistung«;

- »Lecithin und Cholesterin im Verhältnis 1:1.«

Die Werber nutzten die Gelegenheit, die Absatzförderung mit einem Angriff auf den bösen Feind, die Margarine, zu verbinden. Tatsächlich hatte die Margarine-Industrie schon lange Wissenschaft und Fett werblich gekoppelt. Ein eigens gegründetes »Margarine-Institut für gesunde Ernährung« kultivierte vor allem Westdeutschlands Ärzte. Hauptthema der Margarine-Leute: Das von der Wissenschaft als Förderer des Herzinfarkts verdächtigte Cholesterin sei in den ungesättigten pflanzlichen Fettsäuren der Margarine nicht enthalten.

Butter dagegen strotzt von Cholesterin. Das kann auch der Frankfurter Milchverein nicht leugnen, aber er behauptet in seinen Anzeigen ebenso schlicht wie fragwürdig: »Pflanzenfett oder Butter? Auch diese Frage haben die Wissenschaftler zugunsten der Butter beantwortet ... Die Behauptung, gesättigte Fettsäuren und Cholesterin seien verantwortlich für Arteriosklerose und Herzinfarkt, ist nach den neuesten Forschungsergebnissen unhaltbar.«

Darüber hinaus enthielten die Butter -Anzeigen Gags, die zumindest der westdeutschen Heilmittelwerbung gesetzlich verboten sind. Sie darf

- keine Angstgefühle hervorrufen oder ausnutzen (Schlagzeile einer Butter -Anzeige: »Erschreckende Zunahme der Leber- und Galle-Krankheiten"),

- keine Krankheitsbilder verwenden (in der Butter-Werbung: Bild eines bettlägerigen Kranken).

Der Geschäftsführer des Milchförderungs-Vereins, Elektroingenieur Kurt Täger, bekennt: »Jawohl, wir wissen, das ist nicht ganz erlaubt.« Tägers Rechtfertigung: »Was sollen wir denn tun? Jahrelang gingen die Margarineleute damit hausieren, von allen Seiten hieß es: Die Butter ist schuld am Herzinfarkt. Alle Ärzte haben das doch gesagt. Da mußten wir endlich einmal scharf kontern.«

Die Gegenseite, mit zehnfach größerem Werbe-Etat und wissenschaftlich stärker armiert, blieb bislang gelassen. Kurt Hansen, Informationschef des Margarine-Instituts, äußert zwar »massive Bedenken gegenüber dieser Werbung«, glaubt aber, die Butterbataillone in freundschaftlicher Aussprache zum Rückzug bewegen zu können: »Wir ziehen Gespräche vorläufig juristischen Schritten vor.«

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