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ENTSCHEIDUNG ZWISCHEN HAHN UND ADLER

aus DER SPIEGEL 38/1966

Das Ganze erinnert verblüffend an Fronttheater - an einen Krieg, der mal Pause macht, um ein bißchen Demokratie zu spielen. Südvietnam wählte mitten im Gefecht eine verfassunggebende Versammlung. Der Friede hatte nicht kandidiert.

In Saigon errichtete die Armee pastellfarbene, dem sozialistischen Realismus entlehnte Wahltransparente und verkleidete deren Rückseiten mit Fallschirmseide. Aufrufe an den Bürgersinn erschienen neben Hinweisschildern für den Militärverkehr und entlang den Barrikaden, mit denen die Schutzmacht Amerika sich vor den Beschützten schützen muß.

Die Amerikaner selber waren plötzlich verschwunden. Die Soldaten hatten in der Wahlwoche von zwei Uhr mittags an Ausgangssperre, die Zivilisten während des ganzen Wochenendes. Man wollte nicht als Mentor dieser Wahl in Erscheinung treten und nicht als Vorwand für das Störfeuer der Vietcong.

Saigon war eine Weile wieder beinahe die Stadt, in die Graham Greene sich einst verliebt hat, eine asiatische Variante von La douce France, und nicht ein Schmelztiegel alles dessen, was der Krieg aus Menschen macht, nicht diese kranke Kommune, in der Frankenstein Ehrenbürger sein könnte.

Die Bedienung in den Restaurants wurde besser. Autofahrer boten fremden Zivilisten eine Freifahrt an, und in den zahllosen Tanzbars mit den amerikanischen Namen war eine Woche lang Schwarzer Freitag. Angetan mit ihren hauchdünnen Ao Dais, die alle erotischen Möglichkeiten von Abendkleid, Blue jeans und Negligé optisch verwirklichen, lümmelten die Animiermädchen verlassen auf den Hockern wie Vögelchen, die nichts mehr zu zwitschern haben, und fragten sich verwundert, was dies alles nur zu bedeuten habe.

Nicht nur die Animiermädchen haben sich das gefragt. Die überwiegende Mehrheit der südvietnamesischen Wähler hat offenkundig nicht gewußt, was es denn bedeuten soll, mitten in einem Krieg, den mehr und mehr die Amerikaner führen, und unter einer Militärregierung, die vorerst nicht an Rücktritt denkt, zur Wahl für eine Versammlung zu gehen, deren einzige Aufgabe im Entwurf einer Verfassung besteht.

Den schlitzohrigen Händlern, die in Saigon von den Amerikanern leben, und den abgestumpften Bauern, die auf den Dörfern sowohl den Vietcong als auch der Regierung Steuern zahlen, mag bei den Aufrufen zur Ausübung ihres vornehmsten demokratischen Rechts zumute gewesen sein wie Desdemona auf dem Sterbebett, als der Mohr sie fragte, ob sie zur Nacht gebetet habe.

Tatsächlich entstammen diese Wahlen weit eher der Pression einer innenpolitischen Krise als der höheren Einsicht in die Notwendigkeit demokratischer Legitimität. Luftmarschall Ky, der schicke Chef der regierenden Militärjunta, hat sie im Frühjahr, als die militanten Buddhisten ihm mit Hilfe heftiger Unruhen ans Leder wollten, zugestanden, um seinen verlangten Rücktritt abzuwenden. Und unterdessen haben alle Fronten sich völlig verkehrt.

Die versprengten Anhänger des seit fast drei Monaten fastenden buddhistischen Mönches Tri Quang, die damals geschlossen die Wahlen provozierten, haben sie mit wüsten Worten als betrügerisch denunziert und boykottiert - darin unterstützt von Absplitterungen anderer religiöser Gruppen.

Marschall Ky, damals keineswegs ein Freund der ihm abgerungenen Wahlen, hat sie schließlich organisiert, finanziert und befürwortet - wenn auch In der skeptischen Meinung, daß »nicht viele« Vietnamesen sie verstünden. »Aber man muß es versuchen. Man muß die Leute lehren.«

Die Amerikaner endlich, denen ein entscheidungsfreier Ky natürlich lieber ist als ein durch Wahlen zum Staatsforst erhobener politischer Dschungel und die deshalb anfangs etwas verschreckt reagierten, haben sich schließlich ihr demokratisches Herz gefaßt und wenigstens die Sonne der Re-education über der Veranstaltung aufgehen lassen - zumal Kommunisten oder Neutralisten ohnehin nicht wählbar waren.

Tatsächlich ist der politische Wille des vietnamesischen Volkes - ob es sich mit einer kommunistischen Beherrschung abfinden würde oder im westlichen Sinne frei sein will - aus dem Wahlergebnis nicht abzulesen. Denn der Feind, gegen den Amerikas GIs und die Soldaten des Marschalls Ky hier in ungleicher Waffenbrüderschaft angetreten sind, stand natürlich nicht zur freien Wahl, sowenig wie eine Antwort auf die Frage, ob Vietnam sein Heil in einer neutralen Existenz zwischen Ost und West finden könne. Solange Kugeln darauf eine Antwort suchen, bleibt jeder Stimmzettel ein unbeschriebenes Blatt.

So lassen sich allenfalls aus der Wahlbeteiligung gewisse Schlüsse auf eine wenigstens prinzipielle Unterstützung des herrschenden Systems ziehen, doch auch dies nur mit Einschränkungen

Denn die Prozentzahl der abgegebenen Stimmen bezieht sich nicht auf sämtliche theoretisch Wahlberechtigten des 15-Millionen-Volkes, sondern lediglich auf die 5,2 Millionen, die sich in den nicht von Vietcong beherrschten Gebieten haben registrieren lassen.

Andererseits war es nicht ungefährlich, wählen zu gehen, auch wenn die tatsächlich explodierten Vietcong-Bomben nicht so zahlreich waren, wie die eher psychologisch gemeinten Drohungen der Partisanen hatten vermuten lassen. Aber wer eine Wahlversammlung besuchte, wer Plakate klebte und vor allem, wer ein Wahllokal betrat, riskierte sein Leben.

In jedem Falle aber ist der politische Wille dieses Volkes nach Jahrzehnten schmutziger Kriege gar nicht mehr artikulationsfähig. »Was die Leute wollen, ist eine Schüssel Reis«, sagt selbst Ky. Was die Leute wollen, ist mit anderen Worten endlich Frieden. Politisch halten sie es mit dem Sieger, und den gibt es nicht.

Es gibt auch keine Parteien, nur etwa 30 Gruppen und Religions-Gemeinschaften, die alle - wie die Buddhisten

- wiederum in sich gespalten sind. Es

gibt eine anarchische, politisch ignorante, meist korrupte Oberschicht. Und es gibt Individuen von höchst unterschiedlicher Intelligenz und Ambition.

Entsprechend war die Repräsentanz der Bevölkerung durch die rund 530 Kandidaten, die schließlich übrigblieben, nachdem die offiziellen Kontrollgremien etwa 50 Bewerber wegen kommunistischer Tendenzen, Wehrdienstverweigerung oder krimineller Vergangenheit ausgeschieden hatten und weitere 45 aus »persönlichen Gründen«, nicht zuletzt wohl aus Furcht vor den brieflich ins Haus geschickten Drohungen der Vietcong, verzichtet hatten.

Am besten vertreten waren Lehrer und Beamte, Kaufleute und Kommunalpolitiker. Die Soldaten stellten immerhin zehn Prozent der Kandidaten, die Bauern ohne Grundbesitz keinen.

So war es im Grunde recht angemessen, daß offizielle, von der örtlichen und der zentralen Verwaltung eingesetzte Komitees die Propaganda und den Wahlkampf dieser Kandidaten in die Hand nahmen. Die Komitees setzten gemeinsame Wahlversammlungen an, standardisierten die Plakate, und der Staat bezahlte alles gegen Hinterlegung von 10 000 Piastern (rund 3000 Mark) pro Kandidat.

Unterschiedlich waren am Ende eigentlich nur noch die Symbole, unter denen die Bewerber sich oder ihre Listen, den Analphabeten zuliebe, präsentierten - ein Adler zum Beispiel ("Wir lieben die Freiheit wie dieser edle Vogel"), ein krähender Hahn vor einem Sonnenaufgang ("Wacht schnell auf, um unser Land aufzubauen"), ein Segelschiff ("Der Geist der Demokratie zieht uns voran, wie der Wind diese Fregatte übers Wasser zieht").

Was an gemeinplätzigen Slogans unter diesen Symbolen stand, entbehrte der Bildhaftigkeit. Wer sich bei uns über die Einförmigkeit der Bekenntnisse zu Frieden, Wohlstand und Sicherheit erregen wollte, der hätte hier gern Abbitte getan. »Sicher ist sicher« ist ein Meisterwerk an Differenzierung im Vergleich zu den Parolen des vietnamesischen Wahlkampfs.

Doch Vietnams Wähler blieben ohnehin bedeckt. Sie ließen nicht erkennen, ob sie dies alles überhaupt berühre. Es gab Wahlversammlungen in Saigon mit ein paar hundert Leuten und einem halben Dutzend bestellter Fragen. Es gab aber auch Versammlungen in den Randgebieten, denen außer nackten Kindern und spuckenden Opas nur schußbereite Polizisten beiwohnten.

Die Lebensfragen des Landes standen nicht zur Debatte. Manchmal fragten Wähler nach dem Ende der Preissteigerungen und blieben ohne Antwort. Manchmal fragten sie auch nach dem Sinn einer Verfassung und blieben gleichfalls nicht selten ohne Antwort. Die politische Qualifikation der Mehrheit der Bewerber war überfordert.

Das soll nicht heißen, daß alle diese Verfassungsgeber dumm oder regierungsfromm oder beides wären. Opposition ist in Vietnam vornehmlich regional bedingt, und niemand, nicht einmal die Armee, ist gänzlich auf seiten der Militärregierung. Das soll auch nicht heißen, daß es nicht Volksvertreter gäbe mit politischer Vergangenheit und politischem Verstand - wie etwa den Kinderarzt Dr. Phan Quang Dan aus Gia Dinh, der überzeugt ist, daß die entscheidende Aufgabe nach dieser Wahl erst einmal in der Bildung politischer Parteien besteht.

Aber es gibt noch einen schwerwiegenden Grund für die geringe Entfaltung politischer Potenz bei diesen Wahlen. Er liegt in dem Einfluß, den die Regierung in jedem Fall auf die Verfassung nehmen kann, die hier gesehrieben werden soll. Denn das Direktorium der Generale, vertreten durch den Präsidenten Thieu, ist durch Dekret berechtigt, den Verfassungsentwurf der gewählten Versammlung vermittels eigener Vorschläge zu ändern.

Nicht der Entwurf der Verfassung also ist wirklich das Entscheidende. Die Probe aufs Exempel der demokratischen Wirksamkeit der gewählten Versammlung liegt vielmehr darin, ob sie bereit sein wird, von vornherein ihre Kompetenzen zu überschreiten und sich aus eigener Machtvollkommenheit zur gesetzgebenden Nationalversammlung zu erklären - zu einem Parlament also, dem es zukäme, die Regierung zu kontrollieren, anstatt umgekehrt.

Zur Feier seines 36. Geburtstages, den der Generalpremier Ky am vergangenen Donnerstag bei süßen vietnamesischen »Luftwaffen-Cocktails« und Tanzmusik mit Freunden und Journalisten

beging, gab er denn auch zu erkennen daß er sich durchaus damit abfinden könnte, wenn die Verfassungsgeber sich zu Parlamentariern ernennen würden.

Im Garten seines eher bescheidenen Bungalows auf dem militärischen Teil des Saigoner Flughafens, wo er sich ein paar zahme, vom ewigen Düsenlärm aber neurotisch gewordene Hirsche hält, ließ der jugendliche Jubilar mit der losen Grandezza eines Galland, der wider Willen zum Staatsmann gekürt worden ist, die Reporter wissen, daß er gar nichts gegen einen solchen demokratischen Handstreich der Gewählten einzuwenden habe, »wenn es nur gute Leute sind«.

Aber die Demokratie erficht Ihre Siege nicht im Handstreich. Die Militärs verstehen sich besser darauf. Und sie regieren dieses Land.

Der Krieg regiert es. Er bestimmt das Schicksal seiner Menschen, nicht sie selber bestimmen es. Erst wenn er endlich aufhört, anstatt bloß mal Pause zu machen, kann Demokratie hier mehr sein als Fronttheater.

Vietnam-Premier Ky, Ehefrau: »Wacht schnell auf«

Fastender Buddhistenmönch Tri

Wer wählte, riskierte sein Leben

SPIEGEL-Reporter Hermann Schreiber

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