Zur Ausgabe
Artikel 39 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»ENTSCHIEDEN SCHEUSSLICH ...«

Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 20/1966

Superintendent Robert Alexander Talbot von der Polizei der Grafschaft Cheshire lieh sich von einem auf der Morgenrunde vorüberkommenden Bäckereiboten den weißen Kittel und den Brötchenkorb. Dann klopfte er verkleidet (soweit das seine kerzengerade Haltung zuließ) am Hintereingang des Hauses Nummer 16 in der Wardle Brook Avenue, das auf seinen Befehl unauffällig umstellt worden war.

Hattersley bei Hyde, am Rand von Manchester, 7. Oktober 1965, 8.20 Uhr: Superintendent Talbot befand sich auf einer Spur, die möglicherweise zu einem Kriminalfall führen konnte. Doch stand er in Wahrheit, ohne es zu ahnen, vor einer Finsternis, die kein irdisches Gericht restlos erhellen kann.

Die Vorhänge des Hauses Nummer 16 waren geschlossen, nichts regte sich. Der Superintendent klopfte ein zweites Mal, dringender. Und jetzt öffnete ihm Myra Hindley.

Talbot: »Ist Ihr Mann zu Hause?«

Hindley: »Ich bin noch nicht verheiratet.«

Talbot: »Ich bin Polizei-Superintendent. Ich habe Grund anzunehmen, daß ein Mann in diesem Hause ist.«

Hindley: »Hier ist kein Mann.«

Talbot: »Das genügt mir nicht. Ich möchte hereinkommen.«

Talbot betrat die Küche. Die Hindley, als hätte sie nicht eben noch die Anwesenheit eines Mannes glatt bestritten: »Er ist im Zimmer vorn.«

Talbot knöpfte den Kittel auf und zeigte seine Uniform. Dann öffnete er die Tür zu dem zur Straße gelegenen Raum. Detektiv-Sergeant Carr, der inzwischen nachgekommen war, folgte ihm. Sie trafen auf einen Mann, der im Bett saß, nur mit einer Weste bekleidet, und auf einem Blatt Papier schrieb.

Talbot: »Wie heißen Sie?«

Der Mann: »Ian Brady.«

Talbot (zu Brady und Hindley): »Uns ist gemeldet worden, daß in diesem Haus vergangene Nacht eine Gewalttat geschehen ist, und wir müssen dem nachgehen.«

Hindley: »Hier ist alles in Ordnung.«

Talbot: »Wer wohnt im Haus?«

Hindley: »Meine Großmutter, sie liegt oben im Bett, ich selbst und Ian.«

Talbot: »Ich werde jetzt das Haus durchsuchen. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden?«

Hindley: »Nein.«

Talbot und Carr stiegen in den ersten Stock hinauf. In einem Zimmer schlief die Großmutter. Das Badezimmer war leer. Die Tür zu einem zur Rückseite gelegenen Zimmer war verschlossen. Die Hindley erklärte, der Schlüssel sei an ihrem Arbeitsplatz. Talbot forderte sie auf, einen Mantel überzuziehen. Er werde sie zu ihrem Arbeitsplatz fahren, damit sie den Schlüssel holen könne. Hindley: »Ich will nicht. Es paßt mir nicht.«

Talbot: »Ich bedaure, aber Sie müssen den Schlüssel holen, denn ich verlasse das Haus nicht, bevor ich dieses Zimmer durchsucht habe.«

Die Hindley schwieg und starrte Brady an. Talbot wiederholte seine Aufforderung. Das Schweigen dehnte sich. Plötzlich die Hindley zu Brady: »Du sagst ihm wohl besser Bescheid!«

Brady stand auf. Dann sagte er: »Es hat hier Streit gegeben letzte Nacht. Es ist im hinteren Schlafzimmer. Gib ihnen die Schlüssel.«

Die Hindley händigte Talbot und Carr ein Schlüsselbund aus. Die Beamten stiegen wieder die Treppe hinauf und öffneten die verschlossene Tür. In dem Raum stand ein Bett, ein Schrank, ein Tisch und ein Stuhl. Unter dem Fenster lag ein großes Bündel. Aus dem Bündel ragte ein Fuß heraus. Detektiv-Sergeant Carr ging nach unten, teilte mit, was

Talbot und er entdeckt hatten, und belehrte Brady gemäß Vorschrift: »Alles, was Sie von nun an sagen ...« Brady nickte: »Ja, ich weiß Bescheid.« Anschließend wurde Brady von Carr zur Polizeistation von Hyde gebracht.

Dort veranlaßte Carr sogleich, daß sich Dr. Ellis auf den Weg zur Wardle Brook Avenue machte, zur ersteh ärztlichen Augenscheinnahme. In dem Bündel fand er die Leiche eines Jugendlichen, dessen Kopf und Schultern durch 14 Axthiebe schrecklich zugerichtet waren. Der Tote wurde als der 17 Jahre alte Lehrling Edward Evans aus Ardwick, Manchester, identifiziert.

Wenig später begann die Polizei, unterstützt von Hunderten von Freiwilligen, in den Hochmooren Yorkshires nach Leichen zu suchen. RAF und Army beteiligten sich. Die Luftwaffe, in der Rolle von »Jet-Age-Detektiven«, machte aus Canberra-Düsenmaschinen Aufnahmen. Am 16. Oktober wurde die Leiche eines kleinen Mädchens gefunden, schließlich auch noch die eines Jungen. Am 20. Oktober fiel in einem Boulevardblatt zum ersten Mal das Wort »Moormörder«.

Die Gerüchte wucherten, angeregt durch die einmalige Aktion in einer gottverlassenen Landschaft. Kein Baum wächst in den Mooren am »Schlangenpaß« und bei Saddlesworth. Während die Aufklärer der RAF im Tiefflug verdächtige Stellen auszumachen suchten, stachen die Polizei und ihre Helfer mit zwei Meter langen Bambusstangen in den Torf, zogen sie heraus und prüften die Enden auf Verwesungsgeruch.

Rasch tauchten auch die ersten Angaben über die Bedeutung gewisser Photos für den Fall auf. Es war zu lesen, daß die Polizei Tonbänder gefunden habe, und ein Detektiv, der sie abgehört hatte, äußerte, die Aufnahmen seien »entschieden scheußlich«.

Im Vergleich zu all dem nimmt sich die kurze Handlung zwischen dem verkleideten Auftritt Superintendent Talbots und der Festnahme Ian Bradys am

7. Oktober harmlos aus. Doch diese

kurze Handlung war, wie sich später herausstellen sollte, das Fundament der Anklage gegen Brady und die Hindley. Was dem Morgen des 7. Oktober voranging und seinem Mittag folgte, war dunkel, so sensationell es auch zunächst illuminiert wurde.

Im Dezember 1965 wurde an elf Tagen in Hyde die Voruntersuchung gegen Brady und die Hindley geführt. Brady und Hindley erklärten sich für »nicht schuldig«, äußerten sich aber sonst nicht. Überwältigend breitete sich aus, was ihnen vorgeworfen wurde.

Der Polizei war der Mord an Evans durch den Schwager der Myra Hindley, den 17jährigen David Smith, bekanntgeworden. Er war anwesend, als Brady in der Nacht zum 7. Oktober den Lehrling tötete. Nach dem Mord hatte er Brady und seiner Schwägerin geholfen, die Leiche nach oben zu schaffen, und sich an der Säuberung des Zimmers beteiligt.

Smith versprach, am nächsten Tag beim Abtransport und Verscharren der Leiche zu helfen. Doch »bleich und erschüttert« kam er nachts um drei Uhr zu seiner schwangeren Frau Maureen, der 19 Jahre alten Schwester Myra Hindleys, nach Hause. Drei Stunden lang sollen die Gewissensqualen gedauert haben. Dann eilte Smith mit seiner

Frau in die nächste Telephonzelle,

ausgerüstet mit einem Messer und einem Schraubenzieher für den Fall, daß Brady ihm auflauern sollte.

Um 6.10 Uhr ging sein Anruf am Morgen des 7. Oktober 1965 bei der Stalybridge-Polizei-Station ein. Polizei -Constabler Antrobus fuhr sofort mit dem Wagen zur Telephonzelle. Er fand David und Maureen Smith in größter Aufregung vor. Er brachte sie zur Station in Hyde. Dort machte Smith die Angaben, die Superintendent Talbots Aktion um 8.20 Uhr auslösten.

In dem von Brady und der Hindley bewohnten Haus fand Talbot Negative, Photoabzüge und Photoalben ungewöhnlichen Inhalts. Und schließlich entdeckte die Polizei auch im Rücken des Gebetbuches von Myra Hindley (mit der Widmung: »Für Myra von Tante Kath und Onkel Berth, 16. November 1958. Zur Erinnerung an deine Einsegnung") einen Gepäckaufbewahrungsschein.

Er führte sie zu einem braunen und einem gelben Koffer, die wiederum Tonbänder und außerdem Aufnahmen eindeutigen Charakters von einem nackten kleinen Mädchen enthielten. Auch befand sich in den Koffern eine Sammlung von Literatur, deren einzelne Titel nicht allzuviel aussagten, die jedoch insgesamt Rückschlüsse zuließ.

Das kleine Mädchen wurde sofort als Lesley Ann Downey erkannt, die am zweiten Weihnachtsfeiertag 1964 im Alter von zehn Jahren spurlos verschwunden und damals wochenlang vergeblich gesucht worden war. Auch fand sich auf den Tonbändern im Koffer eine Aufnahme, auf der man die Stimmen Bradys, der Hindley und des Kindes hören konnte.

Besonderes Interesse der Polizei fanden Photos, die Brady im Moor gemacht hatte. Sie nahm an, daß diese Aufnahmen möglicherweise dicht bei oder sogar an den Plätzen gemacht worden waren, an denen Brady und die Hindley Leichen vergraben hatten. So kam es zur Suche im Moor, die nicht nur zur Leiche Lesley Ann Downeys, sondern auch, in 330 Meter Entfernung, zur Leiche John Kilbrides führte. Er war am 23. November 1963 verschwunden, 12 Jahre alt. In einem Notizbuch Bradys stand der Name John Kilbride.

Die Anklage wurde für ausreichend begründet befunden. Der Abscheu über Brady und Hindley hatte den Höhepunkt erreicht, Unterschriftensammlungen für die Wiedereinführung der Todesstrafe liefen um.

19. April, Chester. Ian Brady, 28, Lagerverwalter, und Myra Hindley, 23, Stenotypistin, erklären sich für »nicht schuldig«. Nur die Ermordung von Edward Evans kann die Anklage datieren. John Kilbride: ermordet zwischen dem 23. November 1963 und dem 7. Oktober 1965. Lesley Ann Downey: ermordet zwischen dem 26. Dezember 1964 und dem 7. Oktober 1965.

Brady, knapp 1,80 groß, aber so nach vorn gebeugt, daß er kleiner wirkt, mager, sorgfältig gekleidet, mit Kavalierstuch. Er kaut Gummi oder Bonbons. Seit 1959 arbeitet er in Gorton, einem Stadtteil von Manchester. Myra Hindley, 1,64 m groß, zuletzt in derselben Firma tätig. Sie hat sich bald mit Brady angefreundet, 1964 zogen sie zusammen in das Haus, in dem Edward Evans umgebracht wurde. Es gehört der Großmutter der Hindley.

Ein rätselhaftes Paar. Ein jeder am eigenen Geschlecht interessiert, haben sie sich Rücken an Rücken gegen die Welt zusammengefunden? Aber das sind Spekulationen, dem englischen Strafprozeß geht es nicht um die Finessen, die Kenntnis aller Details, die Abstufungen und Verschränkungen der Motive. Er fragt nicht mehr, aber auch nicht weniger als: Ist die Schuld der Angeklagten von der Anklage bewiesen?

Was über Brady und die Hindley während des Prozesses zusammenkommt, sind Beobachtungen, Schlüsse, Spekulationen - der Beobachter. Die Verhandlung führt nur in die Nähe der angeklagten Personen, wo der Beweis der Schuld es erfordert.

»Gut sieht sie aus, gut«, wispern die Frauen unter den 60 Zuschauern, die im Castle täglich Platz finden, nach stundenlangem Anstehen mit Thermosflasche, Klappstuhl und Biskuits. Sie pflegt sich, aber ein Stich ist in ihrer Aufmachung, wie in Bradys Erscheinung. Man zögert, ihn zu definieren, ihn zu fixieren. Die Fähigkeit, grün, rosa, eisblau, violett und gelb zu kombinieren, zum Beispiel, wird ja sonst durchaus als ein Beweis jener persönlichen Freiheit anerkannt, die leidenschaftlich kultivierter Besitz der Inselbewohner ist. Was ist hier ordinär?

Außerdem steckt darin, daß der englische Strafprozeß keine ausdrückliche Befragung des Angeklagten zur Person kennt, kein biographisches Interesse hat (soweit es nicht für den Beweis der Schuld erforderlich ist), eine erstaunliche Achtung vor der Person selbst des Verdammtesten (der eben vor dem Schuldspruch um keinen Preis der Welt wie der Verdammteste behandelt werden darf).

Die Jury besteht aus Männern, die Verteidiger haben von ihrem Ablehnungsrecht Gebrauch gemacht und vier Frauen ausgeschlossen. Der Richter, Mr. Justice Fenton Atkinson: Er steht über den Parteien. Nur selten greift er ein, um eine Unklarheit, die möglicherweise die Geschworenen irritieren könnte, auszuräumen. Die Verhandlung führt sich selbst, sie folgt den Regeln.

Der Attorney-General, der Kronanwalt Sir Elwyn Jones persönlich, führt die Anklage an. Er beginnt mit dem Vortrag dessen, was er zu beweisen gedenkt. Vernichtend, wenn das alles sich erweist. Doch es fällt auch auf, wie sorgsam schon jetzt der Auftritt des David Smith vorbereitet wird. Smith ist Kronzeuge, er hat nichts zu befürchten; Straffreiheit ist ihm zugesichert.

Der junge Mann mit der überquellenden Frisur ist nicht unsicher. Das ist es nicht, was erschreckt. Eher stößt die kühle, mitunter boshafte Gelassenheit ab, mit der er den Kronzeugen gibt. Er hat nur von schlichteren Plänen Bradys gewußt, etwa von Bankraub. Andererseits kann er sehr viel über die Gedanken sagen, die sich Brady gemacht hat: über Verbrechen, über Sexualität. Er erinnert sich auch, daß sich Brady mehrerer Morde gerühmt hat. Die Abschlachtung des Edward Evans war ein Schock für ihn. Brady und die Hindley haben ihn raffiniert in die blutige Szene hineingezogen, um ihn zur Komplicenschaft für die Zukunft zu zwingen. Doch er hat sich eben im letzten Augenblick in den Anruf bei der Polizei gerettet.

Anklage und Verteidigung stellen ihre Zeugen vor, müssen sie aber, wenn sie mit ihnen fertig sind, der Befragung durch die Gegenseite überlassen. Mr. Emlyn Hooson, der Verteidiger Bradys, demoliert den Kronzeugen.

Hooson: »Neigen Sie zur Gewalttätigkeit?«

Smith: »Zur Gewalttätigkeit neigen? Ich habe ein Strafregister wegen Gewalttätigkeit!«

War Smith wirklich völlig passiv, vor Entsetzen erstarrt, als Evans ermordet

wurde? Er hatte einen »Hundestock« bei sich. Er räumt ein: Vielleicht habe während des Kampfes zwischen Evans und Brady »der Kopf von Evans den, Stock berührt«.

Der Kronzeuge bestätigt, daß er eine Abmachung mit einer Zeitung hat, die ihm wöchentlich Zahlungen zukommen läßt; die ihm einen großen Betrag für die Zukunft versprochen hat. Für den Fall, daß Brady und die Hindley verurteilt werden? Smith: »Ich möchte das doch annehmen.«

Smith hat also ein dringendes Interesse an der Verurteilung der Angeklagten. Kein Rechtssystem ist ungefährdet. Und dies spätestens ist der Augenblick, in dem sich ein anderer Name aufdrängt, er liegt schon lange in der Luft, da ständig von einem Evans die Rede ist. Am 11. Januar 1950 begann der Prozeß gegen Thimothy John Evans in Old Baily zu London. Kronzeuge der Anklage: jener John Reginald Halliday Christie, der später, zu spät, als der »Frauenmörder von Rillington Place«

entdeckt wurde. Er wurde gehängt, aber Evans war schon gehängt worden. Daß Evans Opfer eines Justizirrtums (des wahren Täters, eines Kronzeugen) wurde, ist nahezu gewiß.

Das Tonband wird im Castle zu Chester vorgeführt, das Brady aufnahm, während Lesley Ann Downey gezwungen wurde, sich für pornographische Aufnahmen darzubieten. Nur eine englische Zeitung druckt den vollen Wortlaut. Er ist unerträglich. Ein Kind schreit, gewürgt und entwürdigt in Todesangst. Doch die Angeklagten behaupten, das Kind habe, verstört, aber körperlich unversehrt, das Haus verlassen - mit David Smith.

Die Angeklagten stellen sich dem Verhör durch ihre Anwälte und liefern sich damit dem Verhör durch den Kronanwalt aus. Sie bezahlen schwer dafür, aber es ist ihre freie Entscheidung, ob sie sprechen oder schweigen wollen. Der Kronanwalt befragt Brady: »Sind Sie der Ansicht, daß die Photos (von Lesley Ann Downey) schrecklich sind?« »Nicht unbedingt.«

Der Richter schaltet sich ein. »Wollen Sie sagen, daß sich das Kind freiwillig ausgezogen hat?«

»Ja, so war es.«

»Das ist es, was Sie der Jury sagen wollen?«

»Ja.«

»Nun gut.«

Brady sagt, der Name John Kilbride stehe rein zufällig in seinem Notizbuch; unter wenigstens 20 anderen, unter den Namen von Filmstars und erfundenen-Namen. Der Kronanwalt, ohne Schärfe im Ton, wie immer:

»Es ist also nichts als ein zufälliges Zusammentreffen, daß es sich um den Namen eines kleinen Jungen handelt, der 400 Yards von dem Platz entfernt verscharrt gefunden wurde, an dem Lesley Ann Downey verscharrt war, die in Ihrem Haus gewesen ist?«

Gelegentlich versucht Brady mitzuhalten. Ein Detektiv soll gesagt haben: »Ich habe den Eindruck, Sie haben für all das überhaupt kein Gefühl. Sie haben Gefühl nur für Ihren Hund. Wir werden Ihren Hund umbringen.« Und eine Woche später, so Brady - war der Hund tot.

Der Kronanwalt: »Es ist eine windige Unterstellung, der Hund sei umgebracht worden, Brady, und Sie wissen das.«

Brady: »Ein zufälliges Zusammentreffen.«

Brady gibt gegenüber seinem Anwalt zu, daß er auf Evans mit der Axt eingeschlagen hat, wenn auch in einem Kampf, in dem er sich seiner Haut wehren mußte. Wenn Evans an den Axtschlägen gestorben sei, dann habe er ihn in der Tat getötet. Er bestätigt das auch dem Kronanwalt. Doch wieder zielt er auf Smith: Auch Smith habe zugeschlagen. Smith habe Lesley Ann Downey zum Photographieren gebracht, er selbst habe zunächst gar nicht gewollt: »Sie ist zu jung.«

Die Hindley, leise, kaum verständlich, muß immer wieder aufgefordert werden, lauter, direkter ins Mikrophon zu sprechen. Während Evans erschlagen wurde, will sie in der Küche gewesen sein und sich die Ohren zugehalten haben. Für ihre Teilnahme an dem Photogreuel schämt sie sich, aber auch sie behauptet, das Kind habe lebend mit Smith das Haus verlassen. Kilbride: ihr unbekannt. Warum hat sie Autos zu den Zeiten gemietet, zu denen, nach Meinung der Anklage, Leichen ins Moor zu schaffen waren?

Der Prozeß, von dem man angenommen hat, er werde wenigstens fünf Wochen dauern, nähert sich ohne Verlust an Distanz zwischen allen Beteiligten plötzlich dem Ende: Die Finsternis vor und hinter dem Fall Edward Evans ist undurchdringlich. Die Hindley und Brady: Wo jeder für sich zu interpretieren wäre, wenn man das nach dieser Rechtsordnung überhaupt wollte (man will nur ihre Schuld bewiesen sehen oder nicht, nichts anderes) - als ein Paar, als, wer weiß es, sadistische Mordgeschwister sind sie nicht zu fassen.

Die Hindley, von ihrem Verteidiger Mr. Godfrey Heilpern nach ihren Gefühlen für Brady gefragt (man muß es auf englisch wiedergeben, anders ist die Pause in der Antwort nicht zu greifen): »I loved him, and still ... I love him.«

Die Fieberhitze um Brady und die Hindley, von der die Öffentlichkeit geplagt war, ist gewichen. Die meisten Zeitungen berichten vom »Bodies-On -The-Moor«-Prozeß. Das Wort »Moormörder« ist tabu. In Chester gar, der Kleinstadt mit ihrem Fachwerk aus der Tudor-Zeit, daß man den Prozeß hierher angesetzt hat, kommt einem Verweis der Justiz für die Öffentlichkeit gleich, war nicht erst etwas zu dämpfen. Die Königin kommt zu den Chester-Races, die Verhandlung beginnt fünfzehn Minuten früher, damit es keine Verkehrsprobleme gibt. Die Queen hat einen 5:1 - Favoriten im Hauptrennen laufen, aber »Zaloba« kommt als Dritter ein und gewinnt nur einen »65 1b. Cheshire cheese«. Das ist schon eher ein Thema.

Acht Marken für die Schuld der Angeklagten setzt der Kronanwalt in seinem Schlußvortrag: Smith - wahrhaftig kein Engel. Aber allenfalls der Teufelsschüler, nicht der Teufel. Bradys Verteidiger erkennt den Mord an Evans an, gegen die beiden anderen Morde setzt er sich zur Wehr.

Er warnt vor Smith, vor Emptionen. Der Verteidiger der Hindley: Die Anklage stützt sich auf Argumente und Annahmen, nicht auf Beweise. Richter Atkinson weist in seiner Zusammenfassung für die Jury auf die Pflicht hin, nur dann schuldig zu sprechen, wenn der geringste Zweifel ausgeräumt ist.

Die Anklage habe erklärt, bei der Ermordung der drei Opfer sei ein perverses sexuelles Element beteiligt gewesen. Träfe dies zu, so habe man es mit zwei Totschlägern von äußerster Verworfenheit zu tun. Unmißverständlich wurde, welche Bedeutung Richter Atkinson dem Tonband beimißt, dem Photo von dem Platz, an dem man Lesley Ann Downey fand.

»Da ist die Ansicht des Grabes desselben kleinen Mädchens, das Sie auf den Bandaufnahmen um Gnade betteln hörten, und Sie finden die gleichen Leute, die das nackte Kind mißbraucht haben, genauer gesagt Brady, im Besitz eines Photos von genau der Stelle im Moor, wo die vergrabene nackte Leiche gefunden wurde ...«

Dreimal lebenslänglich für Brady nach dem »Schuldig« der zwölf Geschworenen, zweimal für die Hindley. Kronzeuge David Smith kann jetzt beginnen, mit »Enthüllungen« über Brady und seine Schwägerin Hindley die Beträge einzusammeln, die ihm für den glücklichen Ausgang des Prozesses zugesagt worden sind. Der Rest ist nicht mehr Schweigen.

Verurteilter Brady

Die Schreie des Opfers ...

Verurteilte Myra Hindley

... auf Tonband aufgenommen

Kronzeuge Smith, Ehefrau Maureen: Anruf noch der Tot

Leichensuche bei Woodhead (Cheshire): Die RAF machte Luftbilder

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 39 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.