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AFGHANISTAN Enttäuschter König

aus DER SPIEGEL 41/2003

In wenigen Tagen soll die neue afghanische Charta, das verfassungspolitische Fundament der Gesellschaft nach der Taliban-Ära, der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Eine 35-köpfige Kommission hat, nach langwierigem Ringen und unter dem Druck unterschiedlicher Interessengruppen, 182 Artikel ausgearbeitet. Die wichtigsten betreffen die künftige Regierungsform des Staates sowie sein Verhältnis zum islamischen Recht, zu Frauen und zu Minderheiten. Eckpfeiler sind Meinungsfreiheit, das aktive und passive Wahlrecht für Frauen und das Recht auf kostenlose Erziehung. Offenbar befürwortet das Gremium eine parlamentarische, islamische Republik mit einem starken Präsidenten und einem Premierminister als Doppelspitze. Voraussichtlich am 10. Dezember debattieren die 500 Mitglieder der Großen Ratsversammlung »Loya Jirga« die Vorlage, um sie dann als Grundgesetz zu verabschieden. Es würde die alte Verfassung aus dem Jahr 1964 ablösen.

Sofern keine wesentlichen Änderungen am Entwurf erfolgen, wird dem früheren König Zahir Schah, 88, keine offizielle Rolle mehr zufallen. Das ist womöglich der Hauptgrund, weshalb der kregle Monarch seine Rückkehr ins römische Exil vorbereitet, aus dem er erst im April 2002 nach 29 Jahren Auslandsaufenthalt zurückgekehrt war. Einer seiner Söhne treffe in Italien bereits entsprechende Vorkehrungen, berichtet der Kommandeur des deutschen Isaf-Einsatzkontingents in Kabul, Oberst Rudolf Retzer. Zahir Schah sei »enttäuscht über die afghanische Übergangsregierung und über Präsident Hamid Karzai«, weil der sich »in den Provinzen nicht gegen die Warlords durchsetzen« könne. Während die Amerikaner sich bemühen, Zahir Schah, der vor allem bei der paschtunischen Bevölkerung als Symbol für Frieden und Einheit gilt, im Land zu halten, werden bei Hofe jedwede Reisepläne heftig dementiert: »Der König will in Afghanistan begraben werden.«

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